Widerspruch Mensch

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  1. ζωή
  2. Kulturwesen Mensch


ζωή

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Die Annahme einer Sonderstellung des Menschen innerhalb alles Lebendigen, vor allem aber innerhalb des Tierreiches, so sehr sie sowohl unserer Intuition entspricht, als auch in der philosophischen Tradition verankert ist, scheint heute mehr denn je fragwürdig geworden zu sein. Den naturwissenschaftlichen Disziplinen der Evolutionsbiologie und der Verhaltensforschung kam hierbei in der jüngeren Vergangenheit die Rolle einer Avantgarde zu, deren Ergebnisse auch seitens der Philosophie aufgegriffen wurden.
Einer der bekannteren Vertreter der neuen, revisionistischen Sicht auf die wesentlichen Unterschiede zwischen Mensch und höheren Tieren ist der australische Philosoph Peter Singer, der hinsichtlich oben erwähnter Intuition und philosophischen Tradition von „Speziesismus“, also von einer ideologiebehafteten, vernunftwidrigen und egoistischen Bevorzugung der Spezies Mensch spricht. Ausgehend hiervon forderte er nicht nur eine Kodifizierung von Tierrechten (die der australische Staat vor einigen Jahren auch tatsächlich teilweise leistete), sondern kritisierte auch das Konzept von unveräußerlichen und absoluten Menschenrechten, die den Menschen eben auf Grund ihres Mensch-Seins zukommen würden und daher Ausfluss des von ihm angeprangerten Speziesismus wären.

Abseits solcher extremer Positionen verweist jedoch schon die von praktisch allen philosophischen Systemen als notwendig erachtete Denkarbeit rund um das Wesen des Menschen, die nichts anderes als die Begründung seiner Sonderstellung darstellt, auf die grundsätzliche Fragwürdigkeit des Konzeptes eben dieser Sonderstellung. Es verhält sich hier ganz wie bei den empathischen Formulierungen von Präambeln zu Friedensverträgen, deren Zweck eben nicht die Befestigung der beschriebenen virtuellen paradiesischen, sondern die Beseitigung der nicht erwünschten, jedoch empirischen Zustände ist.

Um Vorschläge zum Wesen einer wie auch immer gearteten Sonderstellung des Menschen innerhalb alles Lebendigen begründen zu können, soll zunächst an dieser Stelle eine kurze Übersicht der Gemeinsamkeiten zwischen der menschlichen Gattung und entweder allen Gattungen, oder einer Klasse von Gattungen gegeben werden. Eigenschaften der menschlichen Gattung, die auf eine dieser Gemeinsamkeiten zurückzuführen sind, können in Folge bei unseren Vorschlägen vernachlässigt werden.

Die augenfälligste Äußerung der Zugehörigkeit des Menschen zur Gesamtheit alles Lebendigen ist der Zwang zur Reproduktion in all ihren Erscheinungsformen, dem er unterworfen ist.

Dies beinhaltet zunächst die Notwendigkeit in regelmäßigen Abständen zu essen, zu trinken und zu schlafen, um sich selbst als Individuum, d.h. als zufällige Emanation der menschlichen Gattung, die wiederum nur eine zufällige Emanation des Lebens ist, für einen längeren Zeitraum des individuellen Sterbens zu enthalten.
Hierbei ist die Aneignung von außerhalb des tätigen Individuums existierender Materie im Allgemeinen, im Besonderen aber die Vernichtung fremder konkreter Emanationen des Lebens und die Auflösung ihrer Form zum Zwecke des Einbaus ihrer Bestandteile in das System des tätigen Individuums das Charakteristikum des Essens und Trinkens. Es handelt sich bei diesen in der Regel mit Lust verbundenen Tätigkeiten um die spezifisch menschliche (und sprachlich einseitig auf den Menschen als Konsumenten reduzierte) Spielart des Lebensprinzips des „Fressen-und-Gefressen-werdens“, das allem Lebendigen in seinen beiden Gestalten als Zwang auferlegt ist. Lust ist einer der bevorzugten Hebel des Lebens, das ihm Zugehörige zu zwingen. Die sprachliche Einseitigkeit der Begriffe „Essen“ und „Trinken“ (die – so viel sei vorab verraten – in der Sphäre des Mensch-Seins ihren Ursprung hat, die nicht durch die Verbundenheit mit allem Lebendigen charakterisiert ist) maskiert hinsichtlich jenes Lebensprinzips das Ausgeliefertsein des Menschen auch an seine passive, an seine erleidende und leidvolle Seite: auch die Vernichtung der menschlichen Einzelemanation des Lebens ist gekoppelt an die lustvolle Auflösung ihrer Form zum Zwecke der Einverleibung ihrer Bestandteile in eine andere konkrete Emanation des Lebens. Elementarer noch maskiert die Lust selbst das Wesen der soeben besprochenen speziellen Form der Reproduktion: Es scheint dem Essenden die in der Tätigkeit des Essens sich äußernde Reproduktion eine Reproduktion nur des Essenden, also eine besondere, individuelle zu sein. Essen scheint der Stabilisierung und Perpetuierung des einzelnen „Lebens“ des Essenden zu dienen; nicht zuletzt besteht hierin sein Lustmoment. Doch das ist Täuschung: die vermeintliche Sicherung des einzelnen „Lebens“ befeuert vielmehr den ständigen Kreislauf der Vernichtung der einzelnen Individuen. Das Leben selbst, das in eben diesem Kreislauf wesentlich besteht, reproduziert sich in der Tätigkeit des Essens auf Kosten der konkreten Individuen.

Zum Zwecke der Reproduktion ist es ebenso unerlässlich regelmäßig zu schlafen wie zu essen und zu trinken. Die konkrete Emanation der Gattung Mensch tritt im Schlaf aus ihrer prekären, ihrer fragwürdigen, nur durch ihr Selbst-Bewusstsein und der Annahme anderer, dem eigenen Selbst gleichartigen Selbste in den anderen Einzelindividuen bedingten Wachheit zurück in das bewusstlose und blinde Wollen des Lebens. Im Schlafenden träumt das Leben, nicht das Selbst-Bewusstsein des Einzelnen. Der Traum folgt nicht den Regeln, die sich der Einzelne unter Voraussetzung seiner Wachheit zurechtlegt, um das chaotische Wirken des Lebens zu bannen. Nicht die Wachheit, sondern der Schlaf ist die Voraussetzung für das kurz- und mittelfristige Überleben der konkreten Emanation des Lebens; denn: wer zwar isst, doch niemals schläft, stirbt, wer aber schläft und dabei mit Nahrung versorgt wird, stirbt nicht unmittelbar. Setzt man – wie es soeben geschah – die Wachheit des Selbst-Bewusstseins des konkreten Individuums – die in dieser Form nur dem Menschen eignet – als nicht durch das Leben erzwungen und nur dem Individuum zugehörig und damit nicht als wesentlich, die Bewusstlosigkeit des Schlafes aber als wesentlich für das Leben und für den Zwang, dem seine Emanationen unterworfen sind, so folgt daraus, dass im Schlaf nicht wesentlich das konkrete Individuum, sondern das Leben selbst reproduziert wird. Das Leben zwingt die konkrete Emanation der Menschengattung aus der Wachheit des Selbst-Bewusstseins hinab zu tauchen in die Bewusstlosigkeit des Schlafes. Wiederum ist es in den allermeisten Fällen lustvoll, diesem Zwang unterworfen zu sein: muss man schlafen, will man schlafen. Ganz in Analogie zum „Fressen-und-Gefressen-werden“ liegt das Wesen der Reproduktion des Lebens durch Schlaf in der Auflösung des wachen Selbst-Bewusstseins des konkreten Individuums, damit aber in seiner Vernichtung. Denn: Im wachen Selbst-Bewusstsein „formt sich“ das Individuum in ähnlicher Weise als etwas Besonderes, Vereinzeltes aus, wie es dies durch seine materielle Gestalt in jenem Zusammenhang tut.

Fällt das Schlagwort von der „Reproduktion“, so kommen uns zuerst nicht etwa die oben besprochenen Tätigkeiten des Essens und Schlafens in den Sinn, die scheinbar der Sicherung der Existenz des konkreten Individuums dienen. Der Begriff „Reproduktion des Lebens“ ist für uns intuitiv mit dem Bereich der Geschlechtlichkeit verbunden, deren Bedingung ganz offensichtlich außerhalb der Existenz des einzelnen Individuums liegt. Damit aber wird mit Blick auf den Bereich der Geschlechtlichkeit das Primat der Gattung vor ihrer konkreten Emanation in der Sphäre des Mensch-Seins, in der der Mensch mit allem anderen Lebendigen verbunden und gleichrangig ist, im Vergleich zu den Tätigkeiten des Essens und Trinkens und des Schlafens für uns klarer ersichtlich. Die Auslöschung der konkreten Emanation des Lebens zu Gunsten des Lebens selbst kommt innerhalb des Bereiches der Geschlechtlichkeit auf zweierlei Weisen zum Ausdruck:
Erstens reproduziert der Geschlechtsakt (insofern er seinen gattungsmäßigen Zweck verwirklicht, der in der Befruchtung der Eizelle liegt) niemals die konkrete Form, die das Leben in den beiden tätigen Individuen angenommen hat, sondern löscht im Gegenteil die beiden jeweiligen konkreten Formen durch die Vermischung der Erbeigenschaften in der Konkretisierung des durch den Geschlechtsakt neu entstehenden Individuums aus. Ausgehend von der Auflösung der zufälligen Formen der beiden Elternteile in ihre Einzelbestandteile etabliert das Leben aus diesen Einzelbestandteilen eine neue zufällige Form, ein neues konkretes Individuum. In diesem Sinne bedient sich die Reproduktion der Gattung qua Geschlechtlichkeit ähnlichen Mitteln zur Vernichtung der konkreten Emanation des Lebens wie die oben besprochene Reproduktion durch „Fressen-und-Gefressen-werden“.
Zweitens erscheint uns intuitiv die Partnerwahl aus opportunistischen, d.h. auf den jeweiligen konkreten, berechenbaren, qua wachem Selbst-Bewusstsein erkennbaren Vorteil des einzelnen Individuums ausgerichteten Gründen, als dem eigentlichen Kern der sexuellen Anziehung entgegengesetzt und diesen überlagernd und verfälschend. In der sexuellen Anziehung, die innerhalb der Geschlechtlichkeit das für alle Ausformungen der Reproduktion charakteristische Lust- und Zwangsmoment wesentlich mitkonstituiert, tritt das Selbst-Bewusstsein des konkreten Individuums zu Gunsten der Bewusstlosigkeit der nur schwer in Begriffe zu fassenden Selektionsmechanismen der Gattung zurück. Nur über die Bewusstlosigkeit der sexuellen Anziehung reproduziert sich die Gattung hinsichtlich der Geschlechtlichkeit wesentlich. Insofern das wache Selbst-Bewusstsein nur dem konkreten Individuum eignet, stellt die gattungsmäßige Überwindung des wachen Selbst-Bewusstseins durch die sexuelle Anziehung eine weitere Spielart der Vernichtung des konkreten Individuums durch die Gattung dar, die sich hinsichtlich ihres Charakters mit der oben für den Schlaf postulierten überschneidet.

Abseits des Zwanges zur Reproduktion, dem die konkrete Emanation der Gattung Mensch ebenso unterworfen ist wie überhaupt alles Lebendige in der Welt, gibt es einen zweiten großen Bereich des Zwingens der konkreten Individuen durch die Gattung, der sich nicht auf alles Lebendige erstreckt, jedoch auch keineswegs exklusiv auf die Emanationen der menschlichen Gattung beschränkt ist: Es handelt sich um die gattungsmäßige Festlegung des konkreten Individuums auf eine Gruppe von Artgenossen. Diesem Zwang sind alle sozialen Arten unterworfen. Um den nicht exklusiv menschlichen Charakter der besagten Gruppe zu betonen, möchte ich sie als „Hive“ bezeichnen.
Soziale Lebensweise ist nach gängiger Auffassung eine „Strategie“ einer spezifischen Gattung zur Steigerung ihrer Überlebenschancen innerhalb des steten Werden und Vergehens des Lebens. Hive-bildende Arten verwirklichen Beziehungen zwischen ihren jeweiligen konkreten Individuen zum Zwecke der Effizienzsteigerung der oben behandelten Formen der Reproduktion einer spezifischen Gattung. Anders ausgedrückt dient der Hive der Optimierung der Vernichtung der einzelnen Emanation des Lebens und ihrer konkreten und zufälligen Form. Der Hive ist also nur eine Funktion der spezifischen Gattung, die wiederum nur eine Funktion und zufällige Ausformung der Gattung schlechthin und damit des Lebens ist. Daraus wird ersichtlich, dass das Verhältnis des konkreten Individuums zum Hive sich nicht wesentlich vom seinem Verhältnis zum Leben selbst unterscheidet. Vielmehr ist der Hive als Statthalter des Lebens im Umfeld des konkreten Individuums aufzufassen.

Der Hive entfaltet hauptsächlich zwei ineinander verwobene Wirkungsweisen denen die jeweiligen konkreten Individuen die in ihm leben ausgesetzt sind:
Die erste, die oben beschriebene Funktion des Hive direkt widerspiegelnde Wirkungsweise ist die der Ausschaltung der konkreten Individuen innerhalb der Gruppe, die der Reproduktion der spezifischen Gattung, damit aber der Reproduktion der Gattung schlechthin abträglich sind. Diese Ausschaltung nimmt ganz unterschiedliche konkrete Formen an, die vom Ausschluss von der Fortpflanzung über die Verdrängung von den Nahrungsquellen bis zur unmittelbaren Tötung reichen. (Mechanismen, die innerhalb des Zusammenlebens von Individuen der spezifischen Gattung Mensch die soeben beschriebenen Härten des Lebens in der Gruppe für den Einzelnen zu entschärfen suchen, fußen auf der Vorstellung eines metaphysisch-axiomatischen Wertes des konkreten Individuums an sich und sind daher der in diesem Kapitel thematisierten gattungsmäßigen Sphäre des Mensch-Seins, das durch die Vernichtung der zufälligen konkreten Form des Lebens in Gestalt des einzelnen Individuums zu Gunsten der ständigen Reproduktion eben dieses Lebens in seiner Totalität charakterisiert ist, diametral entgegengesetzt; sie verweisen bereits auf die Sphäre des Mensch-Seins, die ihn von allem anderen Lebendigen absetzt.) Gesetzt den Fall, dass das konkrete Individuum an dieser ersten Wirkungsweise nicht als Erleidender, sondern als Tätiger beteiligt ist, erscheint ihm die Beseitigung des Erleidenden als eine Erleichterung der Sicherung des eigenen, ständig in Frage gestellten Überlebens. Doch durch die Ausschaltung des erleidenden konkreten Individuums reproduziert sich wesentlich und langfristig ausschließlich die Gattung und nur scheinbar das tätige Individuum: der Grad der Nützlichkeit des Einzelnen für die Gattung ändert sich beständig und die Täter von heute sind, sei es durch Krankheit, sei es durch Alter, die Erleidenden von morgen. Durch seine Wechselseitigkeit und seine Permanenz bedingt kann dieser Teilaspekt der spezifisch sozialen Vernichtung der zufälligen Form der konkreten Emanation des Lebens damit in Analogie zur weiter oben beschriebenen Lebensäußerung des „Fressen-und-Gefressen-werdens“ gesetzt werden. Aus diesem Grund, wie auch auf Grund der Einprägsamkeit des sprachlichen Bildes möchte ich die soeben beschriebene erste Wirkungsweise des Hive als „Totbeißen“ bezeichnen.

Steht das Totbeißen dem „Fressen-und-Gefressen-werden“ nahe, kann die zweite Wirkungsweise des Hive, die auch den üblichen Hebel des gattungsmäßigen Zwanges, nämlich die Lust, beinhaltet, in Analogie zum Schlaf gesetzt werden: Vor und im Tätigwerden im Sinne des Totbeißens vermittelt sich ein Gefühl der Empörung bzw. höherer und absoluter – im Falle des Menschen potenziell quasi „göttlicher“ – Rechtfertigung über die Dynamik des Hive an die Täter. Das tätige konkrete Individuum zieht aus der Vernichtung des Erleidenden qua seiner dabei empfundenen höheren Rechtfertigung Lust und es löscht, sofern es der menschlichen Gattung angehört, sein Selbst-Bewusstsein, seine geistige zufällige „Form“ im Hive auf und sinkt in die Bewusstlosigkeit der Gattung – wie dies auch in ähnlicher Weise im Schlaf geschieht. Das Totbeißen, das Zerreißen des Erleidenden ist dem sinnlos-blinden Wollen des Lebens, ist der Erde geweiht und wird durch sie gerechtfertigt. Eingängig versinnbildlicht wird diese höhere Weihe des Totbeißens durch die antike Überlieferung des Dionysoskultes der Mänaden. Die Repräsentativität dieses Kultes und der mit ihm verbundenen Vorstellungen für die soeben beschriebene zweite Wirkungsweise des Hive aufgreifend, möchte ich sie als „Rausch“ bezeichnen.
Das Phänomen des Zusammenwirkens von Lust und absoluter – im Falle des Menschen moralischer – Rechtfertigung in der kollektiven Vernichtung des Erleidenden ist der Schlüssel zum Verständnis des Kerns eines Großteils der sozialen Interaktionen zwischen Individuen der menschlichen Gattung, auch wenn diese Interaktionen in unterschiedlichem Ausmaß von der weiter oben erwähnten Vorstellung eines metaphysisch-axiomatischen Wertes des einzelnen Individuums an sich verwässert erscheinen.

Nach dieser kurzen Auflistung von Gemeinsamkeiten der menschlichen Gattung mit entweder allen anderen Gattungen oder einer Klasse von Gattungen, gilt es nun, gewisse gattungsmäßige Eigenschaften aufzulisten, die dem Menschen zwar zum Teil möglicherweise nicht ausschließlich, jedoch unserer Intuition nach zumindest graduell im höheren Maße eignen als anderen Gattungen. Es handelt sich hierbei um Eigenschaften, die wesentlich dem einzelnen Individuum angehören. Sie alle setzen in unterschiedlichen Graden ein Bewusstsein der eigenen, nicht mit dem Leben schlechthin identen Sonderexistenz voraus. Nochmals: Sie eignen dem konkreten Individuum, seiner zufälligen materiellen Form und seiner zufälligen geistigen „Form“, also seinem Bewusstsein; d.h. sie stehen in einem gewissen, später näher zu bezeichnenden Gegensatz zu den oben erwähnten Spielarten der direkten und indirekten Reproduktion des Lebens qua Vernichtung seiner konkreten Emanationen. Wenn sich Vorschläge zur Sonderstellung des Menschen auf der Basis dieser Eigenschaften auf Grund ihres mutmaßlich nicht exklusiv menschlichen Charakters auch nicht als brauchbar erweisen, so ergibt sich dennoch aus der Verbindung dieser Eigenschaften und jener, eben besprochener gattungsmäßigen Gemeinsamkeiten und ihrer beider Wirkungsweise auf das einzelne Individuum der menschlichen Gattung, sowie aus der Reaktion dieses Individuums auf eben jene Wirkungsweisen eine tragfähige Basis für die angestrebte Festlegung eines das Mensch-Sein exklusiv konstituierenden Elements.

Die fraglichen, wesentlich am Individuum klebenden gattungsmäßigen Elemente nehmen, es wurde bereits gesagt, allesamt ihren Ausgang vom Bewusstsein des einzelnen Individuums. Sie stellen unterschiedliche Erscheinungsformen der Bezugnahme des Bewusstseins auf je unterschiedliche gattungsmäßige Zwänge dar, denen die konkrete Emanation des Lebens ausgeliefert ist. Alle diese Erscheinungsformen nehmen also ihren Ausgang vom Bewusstsein, das heißt vom konkreten Individuum. Obwohl sie der Gattung zugehörig sind, stehen sie durch ihre Bedingtheit durch das konkrete Individuum dem primären Wesen der Gattung, das als in der Vernichtung der Einzelexistenzen zu Gunsten des Lebens selbst liegend beschrieben wurde, entgegen: Das den Wirkungsweisen des Fressen-und-Gefressen-werdens oder des Totbeißens als Erleidender ausgesetzte konkrete Individuum fürchtet sich und wird sich (im höchst unterschiedlichen Ausmaß) seiner individuellen Unzulänglichkeiten bewusst. Schließlich sucht es seine individuelle Integrität in ihren verschiedensten Ausprägungen zu erhalten. Gelingt ihm dies ganz oder teilweise, so wird sein zukünftiges Handeln im unterschiedlichen Ausmaß durch seine Erinnerung an die eigene Unzulänglichkeit und Furcht und durch einen Bruch im Vertrauen auf die Gattung mitgeprägt. Es sieht sich einem übermächtigen, unbezwingbaren Feind gegenüber; es entwickelt ein Ressentiment gegen das Leben. Sein Ziel wird es, Sand in das Getriebe der Reproduktion zu streuen. Im Sinne der Gattung handelt es sich bei den dem konkreten Individuum und seinem Bewusstsein zugehörigen Erscheinungen also nicht nur um eine Abweichung vom Prinzip der Gattung und des Lebens, d.h. um Entartungen, um Phänomene der Dekadenz, sondern um den Versuch einer regelrechten Umkehrung dieses Prinzips: die Reproduktion soll zu Gunsten der Integrität des konkreten Individuums in den Hintergrund treten.

Insofern das einzelne Individuum als Erleidender der Wirkungsweise des Fressens-und-Gefressen-werdens als direktester und allgemeinster Ausprägung des gattungsmäßigen Zwanges zur Reproduktion ausgesetzt ist, reagiert es auf diese Infragestellung seiner Integrität mit der Form der individuellen Bezugnahme auf den Zwang zur Reproduktion, die man als „Selbsterhaltungstrieb“ bezeichnet. Dem allgemeinen und allumfassenden Charakter des Fressens-und-Gefressen-werdens, das an den primitivsten, wie auch an den komplexesten Lebensformen seine volle Wirkung entfaltet, entspricht der ebenfalls allgemeine Charakter des Selbsterhaltungstriebs. Aus eben dieser Allgemeinheit leitet sich die gängige Auffassung her, die in ihm ein grundlegendes, primäres Charakteristikum alles Lebendigen erblickt. Innerhalb unserer Überlegungen ist er hingegen eine sekundäre, den primären Lebensäußerungen entgegengesetzte Reaktion des einzelnen Individuums auf seine Infragestellung durch das Leben. Bei aller Allgemeinheit des Selbsterhaltungstriebes ist sein Verhältnis zu den grundlegenden Zwängen, denen alles Lebendige unterworfen ist nur ein indirektes, er ist den Zwängen der Reproduktion sozusagen nur ex negativo verbunden: Neben unserer Setzung der verschiedenen Formen der Reproduktion und damit der Vernichtung des konkreten Individuums als primäres Charakteristikum des Lebens, dem der Selbsterhaltungstrieb natürlich essentiell entgegensteht, liegt ein weiterer Grund für seine Einordnung durch uns in seiner wesentlichsten Voraussetzung: Der Selbsterhaltungstrieb setzt eine vom Leben schlechthin gesonderte Emanation des Lebendigen, ein konkretes Individuum voraus; er setzt des Weiteren voraus, dass dieses Individuum seiner Sonderung gewahr ist. Anders gesagt: der Selbsterhaltungstrieb kann sich nur bei konkreten Individuen finden, die sich im primitivsten und zugleich grundlegendsten Sinne ihrer Nicht-Identität mit dem Leben schlechthin, d.h. ihrer Sonderexistenz „bewusst“ sind. „Bewusstsein“ auf all seinen Stufen ist Gewahr-Sein der eigenen Nicht-Identität mit dem Leben schlechthin, ist Bewusstsein der Sonderung – oder es ist nicht. Das bedeutet zugleich auch, dass die Allgemeinheit des Selbsterhaltungstriebes eine Allgemeinheit zumindest einer rudimentärsten Form des von uns soeben beschriebenen Phänomens des „Bewusstseins“ voraussetzt. Ist der Inhalt des Begriffes des „Bewusstseins“ in diesem grundlegend-primitiven Sinne durch uns gesetzt, so ergibt sich daraus, dass, auch wenn sich das „Bewusstsein“ als Voraussetzung für den Selbsterhaltungstrieb vom menschlichen Bewusstsein graduell im höchsten Maße unterscheidet, es doch nicht wesentlich von ihm unterschieden ist. Daraus wiederum ergibt sich die Unzulänglichkeit der Auffassung des Bewusstseins als grundlegendes Merkmal der Unterscheidung zwischen dem Menschen und allem anderen Lebendigen.

Hinsichtlich der Reproduktion durch Schlaf ist das „Bewusstsein“ des konkreten Individuums selbst mit der „Wachheit“ als der Abwesenheit von Schlaf ident. Das Gewahr-Werden der eigenen Sonderexistenz ist durch die Abwesenheit von Schlaf bedingt. Die Gegnerschaft von Reproduktion der Gattung und Integrität des konkreten Individuums erscheint hier also direkt, wobei sich die Integrität des konkreten Individuums in der Wachheit, also im „Bewusstsein“ selbst verwirklicht.

Für alle anderen Formen des gattungsmäßigen Zwanges zu Reproduktion gilt: Aus der allgemeinsten Reaktion des konkreten Individuums auf der Grundlage seines „Bewusstseins“ auf seine Hinterfragung durch das Fressen-und-Gefressen-werden als des grundlegendsten gattungsmäßigen Zwanges zur Reproduktion – aus dem Selbsterhaltungstrieb im engeren Sinne also – kann der Charakter der unterschiedlichen Reaktionsformen des Bewusstseins auf je unterschiedliche Zwänge der Gattung analog abgeleitet werden. Ist das konkrete Individuum ohne die Möglichkeit einer Unterwerfung unter und damit einer Versöhnung mit dem Hive dem Phänomen des Totbeißens als Erleidender ausgesetzt, so sucht es sich durch Flucht seinem Schicksal zu entziehen. Das hat zwangsläufig das Gewahr-Werden der Nicht-Identität von konkretem Individuum und dem Hive als Statthalter der Gattung zur Voraussetzung. Des Weiteren setzt die Flucht des konkreten Individuums vor dem Hive ein mehr oder weniger ausgeprägtes Verständnis eben dieses Individuums für den Widerspruch von Gattung und Integrität der Einzelexistenz voraus.
Das Phänomen der freiwilligen Absonderung vom Hive seitens der von der Fortpflanzung ausgeschlossenen Individuen bei gewissen sozialen Arten kann als eine dem Fluchtverhalten der vom Totbeißen bedrohten Individuen analoge Reaktion gedeutet werden, das wie dieses ebenfalls das „Bewusstsein“ der eigenen Sonderexistenz und des Widerspruchs von Sonderexistenz und Gattung zur Voraussetzung hat. Dabei kann der Komplex der Geschlechtlichkeit nur dann diese Folgen auf das konkrete Individuum zeitigen, wenn er mit der Wirkmächtigkeit des Hive verbunden ist: Nur wenn aktive Position im Hive und erfolgreiche Fortpflanzung wechselseitig verbunden sind, kann die Reaktion des konkreten Individuums auf den Ausschluss von der Fortpflanzung in Analogie mit dem Fluchtverhalten gesetzt werden. Die innige Verbindung der Rolle im Totbeißen als Wirkung des Hive auf das konkrete Individuum (sei es nun Täter oder Erleider) und dem individuellen Erfolg in der Fortpflanzung als Zweck der Geschlechtlichkeit lässt darauf schließen, dass Position im Hive und Erfolg bei der Fortpflanzung zwei Erscheinungsformen derselben spezifisch sozialen Form der Reproduktion der Gattung sind. Nur bei den sozialen Arten spiegelt sich also die unmittelbare individuelle Vernichtung im Komplex der Geschlechtlichkeit. Nur bei ihnen aktiviert der Ausschluss von der Fortpflanzung den Selbsterhaltungstrieb. Ist die Reaktion des Individuums auf den Ausschluss von der Geschlechtlichkeit nicht auf die eben geschilderte Weise mit der Bedrohung der individuellen Integrität verbunden, so sind die individuellen Reaktionen auf sie nicht Widerspruch gegen die Reproduktion der Gattung, und möglicherweise, so sie die Chancen zur Fortpflanzung steigern wollen, im Gegenteil sogar eine Funktion der geschlechtlichen Spielart der Reproduktion der Gattung.

Alle diese Reaktionen des individuellen „Bewusstseins“ auf die verschiedenen Formen der Reproduktion der Gattung, so habe ich geschrieben, finden sich entweder bei allen Lebewesen oder nicht nur beim Menschen und konstituieren den Menschen damit nicht exklusiv. Was nun ist mein Vorschlag für die Begründung der Sonderstellung des Menschen unter allem Lebendigen?
All die eben beschriebenen Reaktionen der konkreten Individuen auf ihre Bedrohung durch die Gattung stellen im Leben der konkreten Individuen der meisten Arten Ausnahmesituationen dar, die sehr schnell entweder mit dem Verschwinden der Bedrohungslage, sehr viel öfter jedoch mit dem Untergang des jeweiligen Individuums enden. Die Spielarten des Selbsterhaltungstriebes sind allesamt Formen des Aufstandes des sich selbst und seiner Nicht-Identität mit dem Leben schlechthin „bewussten“ Individuums gegen eben dieses Leben, dessen Wesen es ist, es in seiner Existenz zu bedrohen und zu vernichten. Doch dem Aufstand der Vertreter der meisten Arten fehlt nicht nur die Permanenz, sondern schon die Potenz zur Permanenz des Aufstandes: Zu kämpfen ist für Unterlegene gefährlich und das einsame Leben nach erfolgreicher Flucht vor den Artgenossen bringt Individuen sozialer Arten meist nur langsamer um als das Totgebissenwerden durch den Hive.
Viel wurde schon über die grundlegenden biologischen Voraussetzungen der Sonderstellung des Menschen zu Papier gebracht. Ob sie nun in seiner Intelligenz, seiner Vielseitigkeit, seiner Instinktreduktion, die beide vorgenannten Eigenschaften begünstigt, oder seiner speziellen Form der Kommunikation begründet liegt, ist für unseren Vorschlag ganz irrelevant. Die Zeugnisse der Sonderstellung des Menschen, auf die oben zum Teil schon einige Schlaglichter gefallen sind – die metaphysisch-axiomatischen Vorstellung vom Wert des Individuums an sich, vom Wert der Integrität der zufälligen individuellen materiellen Ausformung der Gattung (also der Unversehrtheit des Körpers jedes einzelnen Menschen), die Vorstellung der permanenten Festlegung der „geistigen“ Ausformung des Individuums (des Selbstes oder des Ichs), die Gebäude, die die Menschen errichten, um sich vor den Unbillen der Welt zu schützen, seien sie nun materiell oder geistig, wie das Recht, der Staat usw., der Versuch, der gattungsmäßigen Reproduktion offensiv etwas entgegenzusetzen, wie er sich beispielsweise in der Medizin verwirklicht, kurz also die verschiedensten Techniken des konkreten Individuums oder eines Vereins von Individuen zur Abwehr der Dynamik der Reproduktion, und noch kürzer: die Kultur – sie stehen uns alle täglich vor Augen. Bei allen Unterschieden in ihrer Gewichtung und Ausformung durch die Jahrtzehntausende der Menschheitsgeschichte erweist sich an ihrer Kontinuität und Allgemeinheit das den Menschen von allem lebendigen unterscheidende und das Mensch-Sein somit exklusiv konstituierende Element: der permanente Aufstand.

Kulturwesen Mensch

Wir haben im letzten Kapitel gesehen, dass es selbst bei Vernachlässigung der biologischen Besonderheiten der Gattung Mensch (Intelligenz, Vielseitigkeit und Kommunikationsfähigkeit) und unter der Bedingung von so extremen Annahmen wie der Allgemeinheit eines rudimentären „Bewusstseins“ in allen konkreten Emanationen des Lebens möglich ist, ein das Mensch-Sein exklusiv konstituierendes Element auszumachen, das im permanenten Aufstand des einzelnen Menschen oder eines Vereins von einzelnen Menschen gegen die Zwänge der Gattung besteht.

Die Frage nach der Existenz eines wesentlichen Unterschiedes zwischen der Spezies Mensch und allen anderen Gattungen, die Frage nach der Sonderstellung des Menschen innerhalb alles Lebendigen, kann also, folgt man unseren Überlegungen, bejaht werden. Zugleich kann sie nicht, oder sozusagen nur ex negativo aus der menschlichen Gattung begründet werden: Insofern der Mensch eine Emanation des Lebens ist, unterscheidet er sich nicht wesentlich von allen anderen Emanationen des Lebens. Er ist wie Adler und Schlange, wie Löwe und Maus dem ständigen Zwang zur Reproduktion in allen geschilderten Facetten ausgeliefert, die allesamt auf die Vernichtung des konkreten Individuums zu Gunsten der Gattung abzielen.

Ex negativo kann die Sonderstellung des Menschen aus seiner für die Anforderungen des Lebens ungenügenden Ausstattung mit Krallen, Zähnen, einem dicken Fell etc., die ihn zu einem „Mängelwesen“ macht, begründet werden. Einer der prominentesten Vertreter dieser Begründung war der deutsche Philosoph Arnold Gehlen. Die spezifisch menschliche Lebensuntüchtigkeit, von der die gerade erwähnten Mängel ein Aspekt sind, wird im Folgenden kurz beleuchtet werden. Doch sind solche Rückgriffe auf die zoologischen „Besonderheiten“ des Menschen für unsere Überlegungen nicht zwingend notwendig – denn es zeigt sich in ihnen für uns nur die graduell umfangreichere Hilflosigkeit des einzelnen Menschen gegenüber den Zwängen der Reproduktion, die sich nicht wesentlich vom Ausgeliefert-Sein jeder konkreten Emanation des Lebens (Adler, Schlange, Löwe, Maus etc.) an das Leben schlechthin unterscheidet. Wir setzten im letzten Kapitel die Zeugnisse des permanenten Aufstandes des Menschen, die Produkte der Kultur also, als gegeben. Den Aufstand selbst, der, temporär und rudimentär bei allen konkreten Individuen vorkommend, eben nur bei denen der Gattung Menschen ein permanenter wird, leiteten wir aus dem Selbsterhaltungstrieb ab. Diesen wiederum verstanden wir als verneinende Reaktion des konkreten Individuums auf den Zwang zur Reproduktion und damit als der Gattung nur mittelbar zugehörig. Die besonderen Mängel des Menschen sind jedoch, da sie ein Charakteristikum der menschlichen Gattung sind, mit dieser eine Emanation der Gattung schlechthin; sie selbst können damit den Aufstand nicht exklusiv bedingen, sondern ihn nur begünstigen. Das Verhältnis der Gattung Mensch, die nur eine zufällige Form der Gattung schlechthin, des Lebens ist, zum das Mensch-Sein eigentlich konstituierenden Elements des permanenten Aufstandes ist also das des Antagonismus. Der Mensch, der sowohl Gattungswesen, als auch Mensch im engeren Sinne ist, trägt damit einen Widerspruch in sich. Doch stehen sich hierbei die beiden Gegenpole nicht gleichwertig gegenüber: der auf dem Selbsterhaltungstrieb fußende Aufstand ist Reaktion, ist sekundär, ist schwächer als die Macht der Gattung und bleibt auf diese angewiesen. Die Auflösung des eben erwähnten Widerspruchs ist damit an die Beendigung des das Mensch-Sein exklusiv konstituierenden Aufstandes gegen die Gattung gekoppelt. Das heißt: Die Auflösung des inneren Widerspruchs des Mensch-Seins ist nur möglich zum Preis der Entmenschlichung des Menschen und seiner Beschränkung auf das bloß Vegetative. Doch betrachten wir die Bedingungen und Ausformungen des spezifisch menschlichen Aufstandes nun etwas genauer:
Die oben erwähnte spezifisch menschliche Lebensuntüchtigkeit, die ein Charakteristikum der menschlichen Gattung ist und die unter den Bedingungen des Zwanges zur Reproduktion den permanenten Aufstand des Menschen gegen die Gattung durch vermehrte Aktivierung des Selbsterhaltungstriebes begünstigt, tritt auf zweierlei Weise in Erscheinung:
Zunächst ist die konkrete Emanation der Gattung Mensch in körperlicher Hinsicht nur unzureichend an den permanenten Zwang zur Reproduktion angepasst. Der Mensch ist nicht mit Klauen oder starken Reißzähnen bewehrt, was schlechte Voraussetzungen für die Jagd sind, auch kann er viele pflanzliche Nährstoffe nur unzureichend verwerten; ihn schützt kein dickes Fell vor der Kälte und keine Panzerung vor Fressfeinden; er kann nicht fliegen, nur verhältnismäßig langsam laufen, sehr unzureichend und eigentlich nur zur Not klettern oder schwimmen, nicht zuletzt sind seine Nachkommen (die er ohnehin in nur geringer Zahl produziert) noch lange Zeit nach ihrer Geburt unselbstständig und verwundbar – beides prädestiniert ihn zum Beutetier. Zieht mal also ausschließlich seine körperlichen Merkmale heran, so ist der Mensch wirklich das vollendete „Mängelwesen“ und es ist völlig unbegreiflich, wie diese Spezies, die doch eigentlich den Tendenzen der Evolution nach, die ja bekanntlich die verschiedenen Formen der gelungenen Anpassung an die Zwänge der Reproduktion – damit aber all die Merkmale, die der menschlichen Gattung fehlen – belohnt, sich gar nicht hätte entwickeln dürfen oder zumindest schon längst aussterben hätte sollen, im Gegenteil heute den gesamten Planeten dominiert.

Bei dieser ausschließlichen Betrachtung der körperlichen Merkmale mussten wir allerdings zwangsläufig von der Eigenschaft absehen, die der menschlichen Gattung im außergewöhnlich hohen Maße eignet, nämlich der Intelligenz. Was ist nun Intelligenz? Wir würden wohl beispielsweise die Zuhilfenahme eines Werkzeugs bei Verrichtungen wie des Knackens einer Nuss durch ein Individuum, das morphologisch über keinen auf das Knacken von Nüssen ausgelegten Apparat (Nagezähne, starke Schnäbel etc.) verfügt, intuitiv als intelligentes Verhalten bezeichnen. Dabei ist es für die Charakterisierung eines Dinges als Werkzeug unerheblich, ob es sich bei ihm um einen Knüppel, einen Hammer oder um die eigene Faust handelt. Entscheidend ist die Kompensation eines körperlichen Nachteils bei der gattungsmäßigen Reproduktion durch Abstraktion von dieser, die zwangsläufig mit einer Objektivierung der das intelligente Individuum umgebenden Welt einhergeht. Setzen wir also, wie wir es gerade getan haben, den Inhalt des Begriffes „Intelligenz“ dahingehend fest, dass ihr Charakter darin besteht, dem konkreten Individuum Lösungen zu Problemen der Reproduktion qua Abstraktion von dieser bereitzustellen, so wird der doppelte Charakter der Intelligenz hinsichtlich der menschlichen Lebensuntüchtigkeit sichtbar:
Einerseits liegt in ihr der Schlüssel zur Entkräftung der weiter oben formulierten Behauptung, der Mensch hätte, bedingt durch seine mangelnde körperliche Anpassung an den Zwang zur Reproduktion, zumindest schon vor langer Zeit aussterben, sich aber im Grunde nicht einmal entwickeln dürfen: Die Abstraktion von der Gattung bei der Bewältigung der durch ihren Zwang zur Reproduktion entstandenen Anfechtungen wiegt die mangelnde körperliche Angepasstheit des Menschen, die aus ihm ein „Mängelwesen“ macht, zumindest hinsichtlich der Überlebensfähigkeit der menschlichen Gattung, mehr als auf.

Andererseits aber liegt in der Abstraktion von der Gattung und in der Objektivierung der Welt schlechterdings ein den Menschen vom Leben trennendes Element. Seine Intelligenz reduziert die Instinkte des Menschen, macht ihn ihnen gegenüber unsicher und verstärkt so die Anfechtungen der Gattung gegen ihn – insbesondere jene, die sich aus den spezifisch sozialen Reproduktionsfunktionen der Geschlechtlichkeit und des Hive ergeben. Unabhängig von den körperlichen Unangepasstheiten erwächst dem Menschen also auf Grund seiner Intelligenz eine weitere Form der Lebensuntüchtigkeit, die ihren Ursprung nicht in der mangelnden physischen, sondern in der zurückgesetzten geistig-psychischen Anpassungsfähigkeit an die Zwänge der Reproduktion hat. Zugleich richtet sich die Tendenz zur Objektivierung der Welt nicht nur nach außen, sondern auch auf das einzelne Individuum selbst, sozusagen also „nach innen“, und bedingt, dass der Mensch das Bewusstsein seiner Sonderexistenz in unvergleichlich gesteigerter Form entwickeln kann und im hohen Ausmaß über sich selbst reflektiert, dadurch aber seiner Lebensuntüchtigkeit in einzigartig intensiver Weise gewahr wird, was wiederum den Selbsterhaltungstrieb und mit ihm den Aufstand gegen die Gattung verstärkt aktiviert.

Denn die sich aus der größeren Distanz zum Leben qua Intelligenz ergebende Reflexionsfähigkeit des Menschen verhindert nicht sein Ausgeliefertsein an den Zwang zur Reproduktion, den er mit allem Lebendigen teilt, sondern macht ihn nur verstärkt sichtbar. Zugleich sichert die Intelligenz jedoch im hohen Ausmaß die Wahrung der persönlichen Integrität des konkreten Individuums der Gattung Mensch gegen die unterschiedlichen Wirkungsweisen der Reproduktion, oder anders gesagt: sie steigert seine unmittelbaren Überlebenschancen. Sie wird durch diese zwei Einflüsse auf das menschliche Individuum zum Katalysator des im ersten Kapitel beschriebenen Ressentiments des konkreten Individuums gegen die Gattung, das eben einerseits auf das Vorhandensein einer Bedrohung zumindest in der Vergangenheit und andererseits natürlich auf das Überleben dieser vergangenen Bedrohung beruht. Furcht und Abneigung gegen die Gattung treten so im Vergleich zu anderen Spezies stärker zu Tage und sind für das menschliche Individuum jederzeit abrufbar. Dies verstärkt die Tendenz zum Selbsterhaltungstrieb. Insofern die Intelligenz die Überlebensfähigkeit des konkreten menschlichen Individuums steigert, perpetuiert sie die körperlichen Lebensuntüchtigkeiten der menschlichen Gattung, die nicht qua Reproduktion (nämlich durch den vorzeitigen Tod des konkreten Individuums) beseitigt werden können. Ist die Lebensuntüchtigkeit der menschlichen Gattung einmal perpetuiert und gleichzeitig sichergestellt, dass sie qua Intelligenz dem konkreten Individuum permanent gewahr ist, so wird auch der Selbsterhaltungstrieb permanent aktiviert. Permanente Präsenz des Selbsterhaltungstriebes ist, von einem Zustand des Individuums in eine Tätigkeit übersetzt, nichts anderes als der permanente Aufstand, den wir als das exklusiv konstituierende Element des Mensch-Seins gesetzt haben. Durch eine Reihe von Dispositionen der menschlichen Gattung die direkt (wie seine körperliche Unzulänglichkeiten) oder indirekt (wie seine unvergleichlich hohe Intelligenz) und vor allem in Summe den Menschen zu einem „Mängelwesen“ machen, wird in solcher Weise der Aufstand des einzelnen Individuums gegen die Gattung begünstigt, dass er beim Menschen den Charakter eines exklusiv konstituierenden Elements annimmt.

Alles bisher Gesagte mag abstrakt und erkünstelt klingen – und ist es auch. Denn es erwächst nicht aus der Sphäre der Gattung, die in ihrem ständigen chaotischen und selbstgenügsamen Werden und Vergehen des Versuches einer Fixierung der Wirklichkeit im Modell nicht bedarf. Vielmehr ist es selbst eine Funktion des menschlichen Aufstandes gegen die Gattung und ist damit durch Abstraktion, d.h. dem bloß mittelbaren Bezug zum Leben, Objektivierung, d.h. dem Vorzug einer statischen vor einer dynamischen Sichtweise auf die Welt, und nicht zuletzt durch wirklichkeitsverzerrende Vereinfachung zum Zwecke der Einordnung in das System von Kausalität und Logik, das das Organ des Kulturwesens Mensch zur Orientierung in der Welt darstellt, wesentlich und hinreichend charakterisiert. Es kämpft damit auch mit dem Problem, selbst ein Teil dessen zu sein, das es beschreiben will: des grundlegenden Antagonismus, der das Mensch-Sein ausmacht. Es macht daher Sinn, das bisherige bloß theoretische Gerippe unserer Überlegungen mit Fleisch und Haut zu überziehen und ihm sozusagen Leben einzuhauchen, ohne jedoch seine Herkunft aus dem Aufstand gegen eben dieses Leben zu verleugnen. Der „Wirklichkeitsüberzug“ unserer Theorie soll zur Untermauerung dieser dienen, ihr also untergeordnet und dienstbar sein. Kurz gesagt: wir vertiefen uns nun ein paar Sätze lang in Gleichnissen.

Mein hellbraun getigerter Kater Whiskey ist ein edles Geschöpf. Er streift angenehm um meine Beine, ist schön, klug und doch ein erbarmungsloses Raubtier.
Ich lebe in einem etwas abseitigen Wohngebiet einer mittleren Stadt mit viel Grün und vereinzelten leerstehenden Häusern. Die Stadt sah schon einmal bessere Zeiten, auch der Landstrich, in dem sie liegt. Doch auch wenn ich auf der Straße immer mehr Schläger und Obdachlose sehe, auch wenn in meiner Nachbarschaft fast nur noch Arbeitslose, Drogendealer und alleinerziehende Zwanzigjährige mit zwei Kindern wohnen, auch wenn sich ein paar Häuser weiter jeden Mittwoch und Samstag immer mehr Menschen um Essen anstellen, halte ich in meiner kleinen gemieteten Wohnung auf Ordnung und schließe auch immer zweimal ab, dreimal, wenn ich das Haus verlasse.
Es war zu Anfang ein ganzes Stück Arbeit, meinen Kater Whiskey – er war damals noch ein kleines, süßes, unschuldiges Kätzchen – dazu zu bringen, nicht ständig in meinen gut sortierten Bücherschrank zu pissen. Doch nach einiger Zeit hatte ich Grund zur Annahme, wenigstens in meiner Mietwohnung der Herr zu sein. Meine Erziehungsmittel beschränkten sich nicht nur darauf, Whiskey das Katzenklo zu zeigen. (Das ging, weil er von mir das Futter bekam.) Mein Kater wurde zusehens stubenrein; auch weniger quirlig. Er schläft jetzt oft tagsüber, vor allem dann, wenn ich zu Hause bin. Doch nachts, wenn ich schlafe, wacht mein Kater erst so richtig auf. Kein Schloss an der Tür kann ihn daran hindern, aus meinem kleinen Reich der Ordnung auszubrechen. Ich weiß keineswegs wie, ich weiß nur, dass er jede Nacht entkommt. Liege ich in meinem Bett wach, dann höre ich manchmal plötzlich Geheul aus den Hinterhöfen der verfallenen Häuser; markdurchdringend, schrill, nicht zu überhören – schon gar nicht, wenn man es überhören will. Es ist das Geräusch zweier miteinander kämpfender Kater. Es ist ein Geräusch, nicht zwei Geräusche. Aus beiden Kehlen dringt der selbe Laut des einen Katerwesens, nicht des einzelnen Katers. Ich bin mir niemals sicher, ob es Whiskey ist, der dort draußen mit einem anderen Kater kämpft.
In der Früh, wenn ich außer Haus gehe um Brot beim Bäcker zu kaufen oder selbiges zu verdienen – denn hierfür muss ich meine schöne Wohnung verlassen – sehe ich oft am Wegesrand oder am Parkplatz vor meiner Wohnung einen toten Kater mit durchgebissener Kehle liegen. Manchmal ist der tote Kater hellbraun getigert und ich kann ihn nicht von Whiskey unterscheiden. Ich weiß nur, dass er zuvor mit dem Aufgang der Sonne wieder in meiner Wohnung war, mich umschwänzelte, schrie, zuletzt kratzte, da er Hunger hatte und ich ihn füttern sollte. Würde mich eines Morgens ein schwarzer oder grauer oder weißer Kater auf diese Weise aus meinem Dämmerschlaf reißen, so würde dennoch letztendlich alles beim alten bleiben.

Whiskey ist also ein Kater, der meine Regeln unterläuft, sich nicht einsperren lässt, seinen eigenen Kopf hat und ihn auch durchzusetzen weiß. Für manche würde er daher vielleicht zum Wappentier ihrer Zerworfenheit mit den Schlössern und Riegeln vor engen, kleinen Wohnzellen und mit den Leuten, die in ihnen leben, taugen. (Vielleicht, zwecks Vereinfachung, in schwarz, in der Pose der Empörung: mit Katzenbuckel, aufgestelltem Schwanz und Fell und gebelckten Zähnen.) Es wären zugleich seine harmlosesten und gefährlichsten Freunde, denn sie lieben ihn, weil sie ihn nicht kennen. Mir hingegen kommen immer stärkere Zweifel an meiner weiter oben geäußerten Annahme, ich wäre der Herr in meiner Mietwohnung: Indem ich versuche, Rahmenbedingungen zu setzen, die mich und was mir lieb ist vor der gedankenlosen Selbstherrlichkeit der feindlichen Umwelt und – wie mir immer stärker dämmert – ihrem Botschafter in meinem Reich, nämlich meinem Kater Whiskey, zu schützen, reagiere ich nur, beispielsweise auf seine Eskapaden, noch dazu, so wird mir immer klarer, letztendlich erfolglos. Nicht mein Kater befindet sich im Aufstand gegen meine Regeln, sondern meine willkürliche Ordnung ist ein Aufstand gegen die Wirklichkeit des Chaos, das sich in Whiskey und in seinem Tun verherrlicht hat. Ich sperre die Türe zu, er kommt und geht, wie er will, wie er muss. Ich möchte schlafen, er bringt mich dazu, ihn zu füttern. Er könnte jede Nacht sterben und würde mich morgens doch wieder wachkratzen. Wer von uns beiden sitzt am längeren Ast?

Ich möchte nicht verschweigen, dass es mir noch nicht gelungen ist, ihm die Angewohnheit seiner frühen Tage – ich meine die mit meinem Bücherschrank – vollständig auszutreiben. Einmal, es war nach einer besonders lauten Nacht, bemerkte ich einen stechenden Geruch, den meine Sammlung geschriebenen Wortes plötzlich ausströmte.
Mein Bücherschrank ist geräumig, vor allem außergewöhnlich tief, und ich habe die Gewohnheit, meine Bücher nicht nur doppelt, sondern in bis zu vier Reihen darin aufzustellen. In der Praxis ergibt sich daraus ungewollt eine Ordnung, weniger in thematischer Hinsicht, als hinsichtlich der Häufigkeit, mit der ein Buch gelesen wird. Denn: kramt man ein gutes Buch auch aus der hintersten Reihe des Bücherschrankes hervor, so legt man es danach ganz sicher nicht wieder dort ab, sondern stellt es in die erste Reihe – alles ganz unwillkürlich. Man könnte sagen, dass die am häufigsten gelesenen und damit irgendwie auch besten Bücher in meiner Sammlung in der vordersten Reihe meines Bücherschrankes stehen. Zwischen den verschiedensten Gustostückerln der Weltliteratur, den paar Bänden zeitgenössischer Lyrik, dem empirischen Wissenschaftskram (Schwerpunkt Historie) und dem nicht unerheblichen Anteil an Belletristik unterschiedlichster Qualität findet sich an prominenter Stelle, sozusagen auf dem Ehrenplatz eine Abteilung mit philosophischen und theologischen, z.T. naturwissenschaftlichen Werken. In diese Hierarchie der verschieden erhabenen Wahrheiten des Menschengeschlechtes verrichtete nun Whiskey sein kleines Geschäft.
Ich trat an den Schrank und sah mir die Sache genauer an. Eine Reihe von vier Büchern hatte es ganz besonders übel erwischt. Ganz vorne stand eine Prachtausgabe eines jener hervorragend geschriebenen philosophischen Einführungen angelsächsischer Provinienz, die fachliche Kompetenz und thematische Weitläufigkeit mit einer klaren, verständlichen, im besten Sinne populären Sprache verbinden. Unter verschiedensten Schlagworten werden, den Regeln der soliden Kunst der Didaktik folgend, in Frage-Antwort-Form unterschiedlichste Probleme vorgestellt und behandelt, eine Übersicht der verschiedenen Zugänge gegeben und schlussendlich wird ein Resümee mit Schlagseite in Richtung analytische Philosophie angeboten, das keine Fragen offen lässt – ganz einfach, weil es bestechend sparsam ist und barocke Fragestellungen gar nicht aufkommen lässt. In bester Tradition werden die einzelnen Unterkapitel mit einer Teilüberschrift in fetter Helvetica eingeleitet und die Überlegungen am Ende desselben in eben dieser Schrift zusammengefasst. Man findet schnell und sicher Antworten. Doch unter dem Angriff der ätzenden Stoffwechselprodukte meines Tigers im Kleinformat, der in meinen eigenen vier Wänden lebt, wurden gerade diese Essenzen menschlicher Weisheit im Fettdruck, die Orientierung gaben und die ruhige und sichere Ordnung ausstrahlten, die sie der Welt zu geben wussten, der Grund dafür, dass ich dieses Prachtexemplar eines philosophischen Handbuches in die Tonne treten musste: die Druckerschwärze verrann, verwischte die luzide, nüchterne Weisheit des Textes und dieser selbst war nur noch, obwohl er manchmal durch das Verlaufen sogar noch markanter wirkte und noch stärker ins Auge stach, in Ausnahmefällen verständlich. Auch wenn das Buch, wie gesagt ein Prachtband, von außen noch ganz passabel aussah, war sein Inhalt also inzwischen vernachlässigbar und auch im buchstäblichen Wortsinn anrüchig.
Ich warf dieses Buch also zur Seite und gelangte so zum nächthinteren. Es war eines jener populären Aufgüsse der kantischen Philosophie, der seinen Schwerpunkt auf die Unmöglichkeit der Erfassung des Dinges-an-sich durch den Menschen und die Bedingtheit aller Erkenntnis durch das Subjekt legten. In der normalen Umgebung meiner Mietwohnung – ich meine damit im unangepissten Zustand – reichte es in Sachen Klarheit und intuitiv erfassbarer Eindeutigkeit, sowie in der Verständlichkeit der Sprache bei weitem nicht an das erstgenannte philosophische Handbuch heran, daher wanderte es schon vor geraumer Zeit in die zweite Reihe meines Bücherschranks. Doch zu meinem Erstaunen stellte ich nun fest, dass es den Angriff meines Katerwesens viel besser überstanden hatte, als jenes. Ganze Kapitel waren noch problemlos lesbar; vor allem jene grundsätzlichen, phänomenologischen, die, wie gesagt, das eigentliche Herzstück dieses Buches bildeten. Die ohnehin dürftigen Kapitel betreffend so spezieller Themen wie beispielsweise die kantische Kategorientafel und dergleichen erschienen allerdings in ganz ähnlicher Weise wie die knackigen Zusammenfassungen aus jenem zuerst erwähnten Handbuch vollkommen verschwommen und fließend-formlos und infolgedessen unlesbar. Hierzu ein Detail am Rande: auch wenn beide zuerst – sozusagen im trockenen Zustand – in Form und Stil vollkommen unterschiedlich daherkamen, so sind sie jetzt gar nicht mehr zu unterscheiden. Zusammenfassend kann man betreff des zweiten Buches sagen, dass es keineswegs so vollständig verloren war, wie jenes philosophische Handbuch. Auch wenn man gezwungen ist, ganze Kapitel Seite für Seite herauszureißen oder, wenn man auf das Herausreißen verzichten würde, sie als Denkmal der Sinnlosigkeit ihres Verfassens angesichts des scharfen Ferments der Zersetzung, das aus meinem Katerwesen hervorging, stehenzulassen, so war das Buch doch noch brauchbar; ja, es wurde möglicherweise, nämlich auf Grund seiner Beschränkung auf das Wesentliche, noch brauchbarer. Doch auch wenn es noch immer hilfreich ist, vor allem riecht es jetzt unanständig. Ich muss mir noch überlegen, ob ich es wegwerfe, oder nicht.
Eine Reihe tiefer fand ich ein eigenartiges Buch. Seine Seiten waren imprägniert, wasser- und luftdicht abgeschlossen. Es war eines jener Pamphlete, die sich durch scharfe Polemik gegen alles Bestehende in Verbindung mit einer anrührenden moralisierenden Sprache besonders „volksnah“ geben wollen, ohne jedoch auf komplexe Satzkonstruktionen und artistische Neologismen, sowie den exzessiven Einsatz von Fremdwörtern zu verzichten. Mit dem zweiten Buch teilte es die Skepsis gegenüber der Erkennbarkeit der Realität im buchstäblichsten und direktesten Sinne, der Erkennbarkeit dessen also, was das zweite Buch das Ding-an-sich nannte. Doch im Unterschied zu jenem erklärte es die Vorstellung einer objektiven, vom Subjekt getrennten und nicht durch es beeinflussbaren Wirklichkeit jedoch grundsätzlich zum reinen Wahne und führte die Genese dieses Wahns insbesondere auf die Interessen der jeweils Herrschenden zurück. Man wird wohl nicht ganz verstehen, was ich meine – zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass man auch die Autoren (es sind derer viele und doch klingen ihre Texte alle gleich) des besagten Buches nicht auf Anhieb versteht. Erhellend wirkte hier auf mich eine Stelle, die – warum auch immer – das Konstrukt eines renitenten Katers innerhalb des Konstruktes einer nach Prinzipien der Ordnung organisierten Wohnung behandelt. Sie nimmt inhaltlich von der schwer zu widersprechenden Beobachtung ihren Ausgang, dass die rationale, bequeme, beruhigende und angeblich auch „objektive“ Ordnung in der besagten Wohnung (in Sonderheit übrigens die im Bücherschrank dieser Wohnung) in der Praxis auf den Hauptmieter der Wohnung zugeschnitten ist und keineswegs immer auf den zeitweiligen Untermieter oder die Putzfrau, die doch beide und jeder auf seine Weise einen ebenso wichtigen Beitrag zum Erhalt der Wohnung leisten. (Hinsichtlich des Themenbereiches „Schöner Wohnen“ ist übrigens gegen diesen Befund nichts einzuwenden.) Die Erhaltung dieser einseitigen, schiefen, doch für „objektiv“ erklärten Ordnung sei nun, so die Autoren weiter, nur durch eine weitere, den Interessen des Hauptmieters angepasste Lüge mehr schlecht als recht dem besagten Untermieter und der besagten Putzfrau entgegen ihren eigenen Interessen aufzuzwingen. Man entwickelt beispielsweise das Bild eines anarchischen, gegen die Ordnung revoltierenden Katers, dämonisiert ihn, macht ihn größer, als er eigentlich ist (wenn es ihn gäbe – Widersprüche sind den Autoren nicht peinlich, klingen sie doch so verteufelt tiefsinnig) und behauptet rundweg, dass beispielsweise das Schutzgitter rund um den Bücherschrank, für deren Reinigung die Putzfrau regelmäßig unbezahlte Überstunden einlegen muss und dass für den kleinwüchsigen Untermieter zu hoch ist und ihn daher vom Lesen abhält, nur dazu dient, die Bücher, die Kultur vor der Zerstörung durch den diabolischen Kater zu bewahren. Ich las die betreffende Passage in dem Buch, das, auf Grund der oben erwähnten besonderen für das Buch getroffenen Schutzmaßnahmen trotz aller Angriffe Whiskeys und ganz im Gegensatz zu den benachbarten Büchern keinen ersichtlichen Schaden genommen hatte. Inmitten eines Schlachtfeldes aus aufgeweichter Zellulose, Druckerschwärze und Katzenurin erkläre es auf weißem Papier und in gestochen scharfer Schrift in den Bücherschrank pissende Kater für ein Märchen und jeden, der dieses Märchen erzählt für einen machthungrigen Verbrecher. Dieses Buch, so klar und richtig es manche Dinge benannte – es stank von sich aus. Ich warf es weit, weit weg von mir.
Als nun umständehalber die Sicht auf einen Teil der letzten Reihe des Bücherschrankes frei wurde, entdeckte ich ganz hinten in der letzten Reihe des Bücherschrankes ganz versteckt ein dünnes Heftchen. Ich nahm es in die Hand und blätterte es durch. Es war eine unkommentierte Sammlung von Mythen, Sagen, Märchen und Legenden aus aller Welt. Kein eigentlich wissenschaftliches Werk: Es fehlte ihm nicht nur der wissenschaftliche Apparat, sondern es war auch offensichtlich keineswegs eine Sammlung der Übersetzungen von Originalquellen oder gar ihrer Faksimiles, sondern nur eine Sammlung von einfach geschriebenen Zusammenfassungen eines einschlägig interessierten Dilettanten, vielleicht eines Bummelstudenten an einer Provinzuni. Es war keine hundert Seiten stark. Ich verbog es leicht, trieb den Nagel meines Fingers zwischen zwei zufällige Seiten irgendwo in der Mitte, suchte den Anfang des nächsten Kapitels. Es war überschrieben mit „Die Legende vom ersten Menschen“:

Einmal, als die zeitlos junge Mutter Erde, obzwar trächtig, doch schon sehr alt und jedes ihrer unzählbaren Kinder schon viele Male geworden und vergangen war, stand ihr letztgeborener Sohn, der missratene Eli (so nannte er sich später selbst) gegen sie auf. Und zwar begehrte er zu wissen, wer sein Vater war. Unerhört war dieses Ansinnen und ungehört bisher. Denn namenlos waren alle Väter stets geblieben vom Anbeginn der Welt, denn Namen kannte man noch nicht und wusste nichts vom Ich und Du und kannte nur die eine Mutter. Und diese Mutter schwieg dem Eli; und Eli lief vor ihrem Angesicht davon und läuft bis heute. Und dies erlebte er auf seinem Lauf:
Gelaufen kam er zu dem Löwen. Stolz und frei, ein Mächtiger, ein König wurde dieser gerufen von alters her. Stark und majestätisch, wie der Löwe, so stellte er sich seinen Vater vor. Eli ließ nicht ab, ihn zu fragen, ob er nicht sein Vater sei und lächelte dabei. Und als so Eli Zähne zeigte, zeigte der Löwe ihm die seinen und Eli wusste, dass der Löwe nicht sein Vater war – und wusste, dass er laufen musste. Gut für unseren Läufer, dass der Löwe gerade satt der Elis war. Und Eli nahm dasselbe Laufen wieder auf: Läuft Eli vor dem Maul des Löwen, so läuft er scheinbar nur vor ihm davon. Denn später, Jahre waren schon vergangen, sah er den Löwen wieder. Alt und krank geworden, die Mähne größtenteils verloren (nur noch ein paar helle Fransen hingen links und rechts des Kopfes hinab) streifte er einsam umher. Sein Anhang, zu Diensten ihm, doch niemals treu, floh vor ihm, als ein Glücklicherer ihn schlug im Kampfe. Die Majestät war nicht die seine. Er war nur eine Puppe, die man fallen lässt, findet sich eine bessere. Die Puppenspielerin war, so ahnte Eli es sofort, die große Mutter Erde. Der Name 'Löwe' war dem Löwen nur geborgt; von sich aus war er namenlos in Elend wie in Majestät. Ein Namenloser kann nicht Elis Vater sein, so sagte Eli sich und irgendwann, da sagte er sich weiter: 'Es war eine stolze Tat von mir, mein Laufen damals wieder aufzunehmen'. Doch dazu später. Eli war also, wie schon gesagt, kein Löwe. Um den spitzen Zähnen zu entgehen führte ihn sein Lauf in die luftigen Höhen des Adlers. Das Zerreißen großer Tiere schloss sich bei dem Vogel aus. Eli wusste, der Adler, der schlägt meistens nur die Maus. Edel auch der Adler, gleitend in den Höhen dünner Lüfte, dem Namen eines Vaters wert. Und gerade, als ihn Eli fragen wollte, ob er sein Vater wäre, sah er in dem Horste einen jungen Adler kauern. Und sah er noch eine Spur genauer hin, so lag noch ein junger Adler in dem Nest, eine Spur nur jünger als der erste. Blutverschmiert das zartweiße Gefieder, viele kleine Wunden, leuchtendrot, wie das Leben, waren ihm nach den Regeln seiner Art von seinesgleichen zugefügt. Langsam, langsam nur, geschieden bloß durch den Zufall weniger Minuten, warf sich sein Geschwisterchen zu seinem Henker auf. Halb verfüttert durch die Eltern lag es da und wurde mit jedem nährenden Würgen stärker eins mit seinesgleichen. Eli war in seinem Leben öfters schon nicht der Erste gewesen, wenn auch manchmal nur sehr knapp. Da er an den Sieger niemals sich verfüttern ließe, konnt der Adler nicht sein Vater sein. Höhenluft ist hart erkauft. In dünner Luft zu gleiten, über allen Mäusen und dergleichen, ist dem Adler zwar gegeben, doch er muss der erste sein und der Zweitgeborene hat nur indirekten Anteil an des Adlers Majestät. Ist die große Zeit des Vogels dann am Ende ganz vorbei, fallen ihm zwar weder Mähne noch die Zähne aus und niemand macht ihm seinen Platz im Rudel streitig. Denn niemand sieht ihn, wenn er fällt vom Himmel, dieser Held. Speise-sein ist aller Helden letztes Ziel (wenn auch die Maus statt Adler lieber Nüsse fressen will).
Voll Bitterkeit war Elis Urteil jetzt gefällt: Sein Vater war nicht Löwe oder Adler, war kein Held. Von Mäusen war die Rede schon gewesen. Und in seinem Gram verfiel Eli auf den Gedanken, seinen Vater unter den Kleinen zu suchen, die, obwohl sie so oft den Helden der Lüfte und der Ebene, von der aus man bis in den Dschungel sieht, zur Speise dienen, niemals weniger zu werden scheinen. Gab es ihrer nicht unzählig viele? War es nicht sehr wahrscheinlich, der Sohn eines Mäusevaters zu sein, der, grau und klein, eine ganze Schar von Nachkommen gezeugt hatte? Aus den Höhen des Adlers lief Eli hinab in die Ebene und grub sich, einmal angekommen, ein in die warme Erde, in der kleinen Nager stickig Bau. Doch im Mäusebau herrschte solch ein Betrieb, solch ein ständiges Kommen und Gehen. Denn reihenweise fielen die Mäuse, auch die Mäuseväter, den größeren, edleren Tieren zum Opfer, und ebenso schnell wurden sie von den ungerührten Überlebenden ersetzt. Hier wurde sichtbar, dass nicht nur die Majestät der edlen Tiere (sei es die im Rudel, sei es die in den einsamen Lüften) geborgt – und teuer geborgt – war: Selbst zum nackten Leben ist die Kreatur aus sich heraus nicht berechtigt – und wollte man, dass sie es werde: vor wem dies Recht fordern, einklagen? Die pralle Fruchtbarkeit, die doch eigentlich Elis Suche erleichtern sollte, und ihr Bruder, der Massentod, machten Elis Suche schnell zum Witz: Wäre sein Vater einer von diesen Kleinen, er wäre schon längst nicht mehr. Generationen waren nur Augenblicke hier unten; und die Frage nach dem Vater wurde unterirdisch nie gestellt. Traurig grub sich Eli, unerkannt von den grauen Mäusen, empor aus der warmen Erde und nahm sein Laufen wieder auf.
Und der Tag, er ging zu neige. Klar war der Himmel in dieser Nacht, so klar, wie er nur im Anfang sein konnte. Und Eli, in seinem Lauf, nicht etwa ruhend, blickte an das Sternenzelt und staunte erst, um später Bilder, Ordnung zu erkennen in den Himmeln: einen Löwen, einen Adler sah er da, und es würden sich, nebst andern Tieren, wohl auch Mäuse finden, würd' man besser suchen, so dachte er bei sich. Eli fragte: Wer ist der Löwe, wer der Adler, wer die Mäuseschaft, dass die mich fressen, zu Tode picken, dass sie mich nicht erkennen wollen? Er sah nach oben und sah sie in einer besseren Welt. Den Löwen sah er, aufsteigend, im Sprung nach oben, niemals wurde ihm die Mähne grau. Der Adler flog mit ausgebreiteten Schwingen auf Eli zu und sein Gleiten kannte keinen mordenden Anfang und kein zerschellendes Ende. Eli schrieb sie fest am Firmament; er war ihr Herr geworden. Fragen stellen ist des Sohnes Teil; und eingeschlossen sind sie alle in der einen Frage nach dem Vater. Des Vaters Teil ist es, die Antworten zur Zeit zu geben. Was Eli diese Nacht im Himmel sah, das hatte er in diesen Himmel geschrieben aus Verzweiflung und aus Bitterkeit. Doch war es ihm ein Wink des Vaters. Und hätte man ihn lächelnd gefragt: Warum glaubt Eli, hat gerade er Löwe und Adler gesehen? So hätte er gesagt: Mein Freund, die Sterne vermag ich nicht zu machen. – Nein, mein Eli, die Sterne nicht.
Der Himmel hatte sich dem Eli offenbart und er diente ihm und mit ihm seine Söhne und seiner Söhne Söhne. Und sein Geschlecht, von Eli bis Melchisedek, war ein Geschlecht von Priestern.

Ein kleiner, erläuternder Nachtrag war dem kurzen Text beigefügt, er war wohl auf dem Mist jenes erwähnten Herausgebers gewachsen; und zwar handelte es sich um ein Kommentar zu einer Stelle aus dem Evangelium (der Text verwies auf Joh. 14; 1-12):

Vater!
Mit dem ersten (und natürlich legendären) schwachbrüstigen und schöngeistigen Träumerlein, dass nachts, anstatt zu schlafen oder zu vögeln, also: anstatt sich in der einen oder anderen Form zur höheren Ehre der großen Mutter – der großen Hure – selbst im Ungesonderten zu verlieren, wie es das Leben vom Lebendigen fordert, fragend (und je fragender, desto weniger klein und ehrfurchtsvoll gegen das Leben) in den sternenklaren Himmel, d.h. in das unbegrenzte, das formlose Weltall blickte, um irgendeine Form, eine begrenzende Ordnung zum Zwecke der Sinngebung seiner eigenen kleinen und traurigen Existenz zu erkennen – und sie schließlich auch entdeckte, beginnt der den Menschen erst konstituierende Aufstand des verlorenen Einzelwesens gegen die Gattung.
Seine symbolische Überhöhung findet dieser Aufstand, der die rohe Macht der Gattung in all ihren Ausformungen an die Institution, das ungebändigte Leben, die Natur an die Kausalität zu ketten versuchte und der sich anschickte, aus der gattungsmäßigen Einheit die Dingwelt und das Ich herauszubrechen, in der Gestalt des Vaters.
Ich habe geschrieben, dass JHWH, der Vater, von dem Jesus im heutigen Evangelium spricht, die Vergöttlichung des priesterlichen Ichs ist; also des Ichs, das unser eingangs erwähnter schwachbrüstiger und schöngeistiger Freund mit erschuf, als sich ihm die scheinbare Kausalität in der Welt durch die scheinbaren Ordnung der Sterne scheinbar offenbarte. Das erkennende Ich bleibt sich so gleich, wie die dem Werden entzogenen Dinge gleich bleiben, die es erkennt. Es wird Teil der Dingwelt und es erhält dadurch seine priesterliche Würde.
Das Prinzip des Vaters, des Ichs, das die Dingwelt erkennt und beurteilt und sich selbst gleich bleibt, ist dem Prinzip der Mutter, das keine Dinge, kein Ich, sondern nur das Werden kennt, diametral entgegengesetzt: Hier stehen sich Geist und Instinkt, Freiheit und Glück, Individuum und Kollektiv, Priester und Adel, Spannung und Takt gegenüber.

Über den Umweg dreier erläuternder Gleichnisse haben wir also jetzt unter anderem einen brauchbaren Namen für die zweite, nicht aus der Gattung, sondern aus dem spezifisch menschlichen permanenten Aufstand gegen die Gattung erwachsende Sphäre des Mensch-Seins gefunden: sie wurde die „Priesterlichkeit“ getauft.

Des Weiteren fanden wir angedeutet, dass die oben beschriebene menschliche Fähigkeit zur Abstraktion und Objektivierung der Welt, die durch den vergleichsweise hohen Grad an Intelligenz ermöglicht wird und insofern ambivalent wirkt, als sie sowohl die Resistenzfähigkeit des einzelnen Individuums gegenüber den Zwängen der Reproduktion erhöht, als auch durch die erhöhte Entfremdung jenes Individuums von der Gattung die Lebensuntüchtigkeit der zufälligen Emanation der menschlichen Gattung verstärkt, in der „Bannung der gattungsmäßigen Wirklichkeit“ ihren für die Kultur als das Zeugnis des permanenten Aufstandes grundlegenden Ausdruck findet. Diese Bannung entfaltet ihre Wirkung auf das von ihr Gebannte (also auf die Gattung) auf zweierlei Weise:

Die primäre Form, die die Bannung der Wirklichkeit annimmt, ist die der bloßen Abwehr; ihr Instrument ist die Dämonisierung des Lebens: Die einzelnen, äußerst variantenreichen Spielarten der Reproduktion werden hierbei mit der Zuschreibung des Doppelattributes „böse“ und „verboten“ auf Distanz gehalten und es wird der Versuch unternommen, sie über die Kultur so weit als möglich aus der Lebensrealität des Einzelnen zu verdrängen. Dabei ist die Setzung des eben erwähnten Doppelattributes keineswegs verwandt mit der weiter oben beschriebenen moralischen Empörung, wie sie sich im Rausch über den Hive dem tätigen Totbeißer vermittelt. Das Doppelattribut hat keinen ethisch-moralischen, sondern vielmehr juristischen Charakter. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden ist die verbindliche Formulierung und die situationsunabhängige Beständigkeit, die diesem im Unterschied zu jenem eignen, das unter den Vorzeichen der Unbeständigkeit der wechselseitigen und permanenten Vernichtung der Individuen innerhalb des Hive steht. – Hieraus lässt sich übrigens auch eine Rechtfertigung für die Einführung des Begriffes „Doppelattribut“ destillieren: Die Bannung im Sinne der Dämonisierung setzt eine bestimmte Spielart der gattungsmäßigen Reproduktion als „böse“ und belegt sie mit einem Verbot um sie auf Distanz zu halten; im Unterschied zum gattungsmäßigen Sentiment fußt die Beurteilung des Dämonisierten als „böse“ jedoch nicht auf einer über den Hive vermittelten zufälligen Empfindung, sondern auf dem bestimmten, situationsunabhängigen Verbot. Die beiden Attribute „böse“ und „verboten“ im Sinne der primären Bannung in eine hierarchische Abhängigkeit voneinander bringen zu wollen, würde also zu einem Zirkelschluss führen, der nur vermieden werden kann, wenn man annimmt, dass beide zugleich durch die primäre Bannung in die Welt treten. – Das „Böse“ im Sinne des Doppelattributes ist vom „Bösen“ im Sinne des gattungsmäßigen Sentiments nicht nur verschieden; die beiden gehören jeweils einer der beiden antagonistischen Sphären des Mensch-Seins an und sind dem entsprechend einander entgegengesetzt. Die primäre Form der Bannung verwirklicht sich ebenso sehr in den mannigfaltigen Tabus und den religiösen und rituellen Verboten (und natürlich Geboten, die nur eine negative Formulierung der Verbote darstellen) der Jahrzehntausende der Menschheitsgeschichte, wie sie sich in der „Goldenen Regel“, unserem Strafgesetz oder einem beliebigen Vereinsstatut verwirklicht. Primär ist diese Form nur hinsichtlich ihrer direkten und unmaskierten Frontstellung gegen die Gattung und geht von Anfang an Hand in Hand mit einer zweiten Form der Bannung.

Aus unseren Überlegungen zur gattungsmäßigen Reproduktion auf Kosten der Individuen als der Funktion des Lebens schlechthin ergibt sich, dass eben dieses durch Dynamik charakterisiert ist. Aus dieser Eigenart des Lebens entspringt eine andere Form der Bannung desselben, die ich die „sekundäre Bannung“ nennen möchte. Sie ist sekundär nicht in Hinsicht auf eine zeitliche Folge oder Abhängigkeit von der oben beschriebenen primären Bannung, sondern nur durch die eher indirekte Form ihrer Frontstellung gegen die Gattung: Sie dämonisiert die mannigfaltigen Erscheinungen der Gattung nicht, sondern vergötzt sie im Gegenteil; macht sie damit aber auch beständig und berechenbar, „verdingt“ sie sozusagen und sucht auf diese Weise ihr Vernichtungspotenzial zu neutralisieren. Zu dieser Form der Bannung gehört an prominenter Stelle die Unterstellung eines beständigen Selbstes (eines „Ichs“) jeder einzelnen zufälligen Emanation der menschlichen Gattung, sowie die Idee eines metaphysisch-axiomatischen Wertes des Einzelnen an sich, der in der Vorstellung eines Rechtes des Individuums auf körperliche Unversehrtheit seinen Niederschlag findet. Hierbei wird die zufällige Emanation der Gattung, die ja im Reproduktionsprozess auch und vor allem Funktion des Lebens ist, keineswegs dämonisiert. Doch die jeweilige materielle und geistige Form der zufälligen Emanation der menschlichen Gattung wird vergötzt, damit aber die wesentlich durch die ständige Vernichtung der Individuen charakterisierte Reproduktion der Gattung gebannt, wie auch schon im ersten Kapitel bedeutet wurde. Insofern bei dieser spezifischen Vergötzung der Begriff des Rechtes des Einzelnen (als positive Formulierung des Verbotes der Vernichtung des Einzelnen qua gattungsmäßiger Reproduktion) bemüht wird, kann sie als ein Paradebeispiel der oben postulierten Überschneidung von primärer und sekundärer Bannung angesehen werden. (In Steigerung der Vergötzung der zufälligen materiellen und geistigen Form des einzelnen Individuums entwickelte sich unter anderem die Vorstellung eines allmächtigen, persönlichen Gottes. Hierauf werde ich später eingehen.)

Die sekundäre Bannung funktioniert wie wir gesehen haben über die Verfestigung von Funktionen der Reproduktion. Als solche ist sie nicht nur auf die Konstituierung des durch körperliche und psychische Integrität charakterisierten Einzelmenschen beschränkt, auch wenn ihre verschiedenen Ausformungen die Vorannahme der Existenz des letzteren voraussetzen. Alle Wirkungsweisen der Reproduktion können durch sie vergötzt und damit gebannt werden. Augenfällige Beispiele hierfür sind die Institution der Ehe als die Bannung der Geschlechtlichkeit und der Staat als die Bannung des Hive. In beiden Fällen geht die Vergötzung mit unterschiedlichen Ausformungen der primären Bannung einher: Die Festlegung der sexuellen Aktivität eines (vorausgesetzten) Rechtssubjektes (das sich notwendigerweise durch körperliche und psychische Integrität auszeichnet) auf zumindest eine kleine Gruppe (wesentlich gleichgearteter) Rechtssubjekte, in den allermeisten Fällen aber sogar nur auf ein einzelnes Rechtssubjekt, stellt ein Gegenprogramm zur im ersten Kapitel beschriebenen Dynamik der sexuellen Anziehung dar, die zugleich mit dem Doppelattribut versehen und damit im Sinne der primären Bannung abgewehrt werden soll. Gleichzeitig wird durch die Institution der Ehe und ihre verschiedenen empathischen Begründungen die Geschlechtlichkeit jedoch ausdrücklich nicht dämonisiert, sondern vergötzt. Auch der Staat dämonisiert nicht den Zwang zur Festlegung auf Artgenossen, dem der Mensch als soziale Art unterworfen ist, sondern sucht ihn beständig neu zu rechtfertigen. Gleichzeitig aber ist jeder Staat durch die Festlegung von gleichbleibenden Strukturen, den staatlichen Institutionen, gekennzeichnet, die Interaktionen der Gruppe mit ihren einzelnen Teilen und die Interaktionen der einzelnen Gruppenmitglieder untereinander zu reglementieren und verfestigen, damit aber die Wirkungsweise des Hive im Sinne der sekundären Bannung zu entschärfen und die Integrität des Einzelnen gegenüber der Reproduktion zu sichern suchen. Der Hive in seiner vergötzten, neutralisierten Form ist die staatliche Institution. Die Bedrohung der unterstellten Integrität des Einzelnen wird in allen Staaten in der einen oder anderen Form mit dem Doppelattribut belegt und durch die staatlichen Institutionen bekämpft. Hierin liegt ein Element der primären Bannung, die sich auch in einem anderen Kernbereich staatlicher Zuständigkeit auf ganz elementare Weise äußert: staatliche Institutionen setzen Recht.

Vor allem aus dem über die sekundäre Bannung Gesagtem erhellt, dass „der Mensch“, so wie ihn der Priesterling sieht, „der Mensch“ aus der Sicht des permanenten Aufstandes also, das Resultat der Vergötzung der Emanation der menschlichen Gattung ist. „Der Mensch“ wird gemacht. Er ist die scheinbare Synthesis der beiden Antagonismen, die das Mensch-Sein ausmachen. Aus der priesterlichen Tendenz zur Vernachlässigung der Sicht auf die Zwänge der Reproduktion, denen jede Emanation der menschlichen Gattung ausgeliefert ist, ergeben sich aber auch gewisse, immer wiederkehrende Muster innerhalb des Bereichs der Kultur, die ich zusammenfassend als „verunglückte Priesterlichkeit“ bezeichnen will und von der weiter unten noch die Rede sein wird.


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