Der anarcho-konservativ-nihilistische Kritiker

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Die meisten unserer Kritiker sind nur deshalb Scharfrichter geworden, weil sie keine Könige werden konnten (Friedrich Hebbel)


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Analyse der kapitalistischen Dynamik und dystopische Vision der Zukunft im ersten Buch des Kapitals/Herbst 2015

Die Zukunft [...] [, die] erblickst du hier,
Gleich wogenden Phantasmen,
Doch schaudre nicht, wenn aus dem Wust
Aufsteigen die Miasmen!

Heine

Zu Beginn

Die vorliegende kleine Arbeit nimmt Bezug auf einen Teil der empirisch-historischen Passagen des ersten Bandes des Kapitals; insbesondere auf jene, die sich mit der Genese des kapitalistischen Wirtschaftens auseinandersetzen. Es soll im Folgenden auf die von Marx in polemischer und beinahe sozialromantischer Weise betonten Unterschiede zwischen dem vorkapitalistischem Wirtschaften und der Warenproduktion unter kapitalistischen Vorzeichen, sowie auf die von ihm im Kontrast dazu postulierten historischen Tendenzen des Kapitalismus eingegangen werden. Quelle hierfür ist (beinahe) ausschließlich der erste Band des Kapitals selbst. Ich kritisiere also im Rahmen meiner kurzen Arbeit den marx'schen Text nicht hinsichtlich seiner empirischen Stichhaltigkeit, die ich unterstelle. Vielmehr untersuche ich ihn im engen Rahmen meiner Möglichkeiten hinsichtlich seiner Ansprüche, zur gleichen Zeit eine Anklage gegen die Wirkungen der Entfaltung der kapitalistischen Dynamik und eine Apologie eben dieser Dynamik hinsichtlich ihrer historischen Bedeutung zu sein.
Am Ende steht meine Vermutung, dass die marx'sche Analyse des Kapitalismus nicht im direkten Zusammenhang mit den Ansichten von Marx hinsichtlich der historischen Tendenzen des Kapitalismus steht, die wesentlich nicht seinen empirischen Untersuchungen, sondern seiner Prägung durch Hegel, man könnte sagen: seiner „hegelianischen Ideologie“ geschuldet sind.

Beschreibung der Auflösung des feudalen und zünftigen Wirtschaftens:

„Verknöcherung“ der vorkapitalistischen Wirtschaftsstruktur, geringe Arbeitsteilung, eigentliches Privateigentum

Wenn auch das Hauptaugenmerk der empirisch-historischen Kapitel des ersten Bandes des Kapitals auf der Beleuchtung der Genese frühkapitalistischer Strukturen in Landwirtschaft und Gewerbe innerhalb der sogenannten „Manufakturperiode“, deren Anfänge sich in Großbritannien bereits an der Schwelle zur Neuzeit finden und deren große Zeit sich im Wesentlichen vom ausgehenden 17. bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts erstreckt, sowie, noch in viel stärkerem Maße, auf den Übergang zur sogenannten „großen Industrie“ ab der Mitte des 18. Jahrhunderts liegt, so beschreibt doch Marx auch an manchen Stellen das Wirtschaftsleben vor den verschiedenen Umbrüchen unter kapitalistischen Vorzeichen.
Bei der Gegenüberstellung von vorkapitalistischen Wirtschaftsformen in England, beispielsweise dem zünftigem Gewerbe oder der kleinbäuerlichen Landwirtschaft mit genossenschaftlichen Elementen, und der Wirtschaft unter kapitalistischen Vorzeichen ergibt sich folgender Gegensatz:
Die kapitalistischen Produktion in all ihren Formen lässt sich mit ihrer örtlichen Konzentration der Arbeit und der gesteigerten Kooperation zwecks Weckung der Massenkraft1, ihrer immer stärker werdenden Arbeitsteilung, der Vereinfachung und Angleichung der Arbeitstätigkeiten, ihrer Hire-und-Fire-Mentalität, vor allem aber dem Zwang zur ständigen Akkumulation des Kapitals, das dinglich grundsätzlich nicht gebunden ist, mit einem Wort charakterisieren: Dynamik. Dieser kapitalistischen Dynamik stellt Marx zum Zwecke der Bezeichnung der durch den Kapitalismus hervorgerufenen Veränderungen – oft durchaus in polemischer Weise – die vorkapitalistische Wirtschaftsweise entgegen, die ganz im Gegensatz dazu, durch zünftige Reglementierung der Produktion, Komplexität der Tätigkeit des Einzelnen, Vorherrschaft des unabhängigen Handwerks, Beständigkeit und genaue Regelung der Beschäftigungsverhältnisse, vor allem aber der konkreten Dinglichkeit des Eigentums, kurz also: durch Statik geprägt war. Diese Gegenüberstellung soll kurz beleuchtet werden:

Auch wenn die einzelnen Arbeitsschritte noch nicht zergliedert sind, zeigt sich bereits in der Manufakturperiode die Tendenz der Angleichung und Vergleichbarkeit der Tätigkeit des einzelnen Handwerkers, die später eine wichtige Voraussetzung der kapitalistischen Dynamik mit ihrer universalen Einsetzbarkeit und Mobilität der Arbeitskraft darstellt. Die Überlegungen Marx' hierzu können in etwa so zusammengefasst werden: Erst durch den gleichzeitigen Einsatz einer größeren Anzahl von Arbeitern unter dem Kommando desselben Kapitalisten2 ergibt sich eine Angleichung der Kenntnisse und Fähigkeiten des einzelnen Handwerkers an einen Durchschnittswert; d.h. erst in der Manufakturperiode kann das Kapital gesellschaftliche Durchschnittsarbeit in Bewegung3 setzten und damit sich selbst beständig akkumulieren. Der einzelne Handwerksmeister, der beispielsweise zusammen mit zwei Gesellen selbstständig produziert, bleibt hingegen bei der Lukrierung des Mehrwertes, der vor allem seinem Lebensunterhalt dient, auf die konkreten handwerklichen Fähigkeiten seiner konkreten Gesellen angewiesen.4 Damit einher geht das Bedürfnis des zünftigen Gewerbes nach Hebung der Fähigkeiten des einzelnen Arbeiters über den gesellschaftlichen Durchschnitt und, daraus resultierend, die langwierige Ausbildung des angehenden Handwerkers und die Abschließung der Zünfte nach außen. Dieses Primat der Fähigkeiten des einzelnen Handwerkers, wie auch die Eigenarten des zünftigen Wirtschaftens, die daraus resultieren, werden während der Herausbildung von neuen Formen der Produktion in den Manufakturen zunehmend aufgeweicht. Hierbei spielt die „Kooperation“, die sich von der „Arbeitsteilung“ in der Fabrik dahingehend unterscheidet, dass sie den Herstellungsprozesses eines bestimmten Produktes noch nicht in seine einzelnen Arbeitsschritte zergliedert und damit die Tätigkeiten der einzelnen Arbeiter noch nicht auf die einzelnen, getrennten Arbeitsschritte beschränkt, sondern im Wesentlichen die Einheit des Herstellungsprozesses, die die handwerklichen Produktion charakterisiert, beibehält, eine wichtige Rolle. Dahingehend nämlich, dass sie durch die Aktivierung der „Massenkraft“ das Insistieren auf die Hebung der Fähigkeiten des einzelnen Handwerkers über den gesellschaftlichen Durchschnitt nicht mehr zwingend notwendig macht.

Hierzu Marx:
Abgesehen von der neuen Kraftpotenz, die aus der Verschmelzung vieler Kräfte in einer Gesamtkraft entspringt, erzeugt bei den meisten produktiven Arbeitern der bloße gesellschaftliche Kontakt einen Wetteifer und eine eigene Erregung der Lebensgeister (animal spirits), welche die individuelle Leistungsfähigkeit der einzelnen erhöhen, so daß ein Dutzend Personen zusammen in einem gleichzeitigen Arbeitstag von 144 Stunden ein viel größres Gesamtprodukt liefern als [...] ein Arbeiter, der 12 Tage nacheinander arbeitet. [...] Obgleich viele dasselbe oder Gleichartiges gleichzeitig miteinander verrichten, kann die individuelle Arbeit eines jeden [...] als Teil der Gesamtarbeit verschiedenen Phasen des Arbeitsprozesses [der jedoch nicht in einzelne, voneinander getrennte Schritte zerfasert ist] selbst darstellen, die der Arbeitsgegenstand, infolge der Kooperation, rascher durchläuft.5

Im Gegensatz zur Arbeit des Handwerkers unter einem Meister innerhalb des zünftigen Wirtschaftens, zeichnet den Handwerker in der Manufaktur und später den Arbeiter in der Fabrik grundlegend aus, dass er mit anderen Handwerkern und Arbeitern unter dem Kommando desselben Kapitals kooperiert. Überhaupt ist die Kooperation im Arbeitsprozess eines der wesentlichen Eigenschaften des Industriearbeiters und seines Vorgängers, des Manufakturhandwerkers; denn: Im planmäßigen Zusammenwirken mit anderen streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen.6 Damit charakterisiert die Kooperation aber auch ex negativo den zünftigen Handwerker: [Die] Kooperation selbst [erscheint] als eine spezifische Form des kapitalistischen Produktionsprozeßes im Gegensatz zum Produktionsprozeß vereinzelter unabhängiger Arbeiter oder auch Kleinmeister.7

Das eben Gesagte betrifft die Art und Weise des Arbeitsprozesses unter den voneinander grundlegend verschiedenen Bedingungen des vorkapitalistischen und des kapitalistischen Wirtschaftens. Die beschriebenen Unterschiede zwischen zünftiger und kapitalistischer Manufaktur- und Fabriksproduktion sind Phänomene eines wesentlichen Unterschiedes zwischen vorkapitalistischer und kapitalistischer Produktion. Das Hauptcharakteristikum dieses wesentlichen Unterschiedes ist nach marx'scher Auffassung das Primat des Tauschwertes vor dem Gebrauchswert unter den Vorzeichen kapitalistischer Produktion. Der Übergang von einer ökonomischen Gesellschaftsformation [in der] der Gebrauchswert des Produkts vorwiegt8, d.h. also einer vorkapitalistischen Gesellschaftsformation, zur kapitalistischen, d.h. durch das Primat des Tauschwertes vor dem Gebrauchswert charakterisierten, ist gekennzeichnet durch eine signifikante Steigerung der von Marx so genannten „Rate des Mehrwertes“. Diese bezeichnet bekanntlich das Verhältnis von „notwendiger Arbeitszeit“ (also desjenigen Quantums an Arbeitszeit, in dem der Wert der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen „Lebensmittel“ erarbeitet wird, der sich im Lohn des Arbeiters manifestiert) zur „Mehrarbeit“ (in der der dem Arbeiter nicht vergütete Mehrwert des Kapitalisten von jenem erarbeitet wird).9 Unter den Bedingungen der großen Industrie und einer zunehmend produktiver werdenden Landwirtschaft erfolgt die Steigerung der Rate des Mehrwertes im verstärkten Maße durch die Steigerung des sogenannten „relativen Mehrwertes“ (also durch die Verbilligung der „Lebensmittel“ des Arbeiters durch geringeren Arbeitsaufwand bei ihrer Herstellung).10
In der oben beschriebenen Übergangsphase, in der die Bedingungen zur Steigerung des relativen Mehrwertes noch nicht im ausreichenden Maße gegeben sind, erfolgt die Steigerung der Rate des Mehrwertes vornehmlich durch die erzwungene Ausdehnung des Arbeitstages. Diese charakterisiert in allen Gesellschaften den Übergang von vorkapitalistischem zu frühkapitalistischem Wirtschaften. Sie begann in England im Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert, und zwar zur gleichen Zeit, als sich durch die Enteignung der freien Bauern und durch Beanspruchung des Gemeindelandes durch die Landlords mit der tauschwertorientierten Schafzucht (für die Zentren der Tuchproduktion in Flandern) der Übergang von vorkapitalistischer zu kapitalistischer Produktionsweise auch in den Besitzverhältnissen manifestierte.11 Die schrittweise Ausdehnung des Arbeitstages ausgehend von der durchschnittlichen Länge unter den Bedingungen des zünftigen und feudalen Wirtschaftens erfolgte unter Mithilfe der Obrigkeit vornehmlich auf dem Verordnungsweg. Dies hatte seinen Grund vor allem in der vergleichsweise hohen ökonomischen Sicherheit und der daraus resultierenden mangelnden Bereitschaft der städtischen und ländlichen Lohnarbeiter, länger zu arbeiten.

Hierzu Marx:
Es kostet Jahrhunderte, bis der ‚freie‘ Arbeiter infolge kapitalistischer Produktionsweise sich freiwillig dazu versteht, d.h. gesellschaftlich gezwungen ist, für den Preis seiner gewohnheitsmäßigen Lebensmittel seine ganze aktive Lebenszeit, ja seine Arbeitsfähigkeit selbst, seine Erstgeburt für ein Gericht Linsen zu verkaufen.12

Und weiter:
Der Umstand, daß sie eine ganze Woche mit dem Lohn von 4 Tagen leben konnten, schien den Arbeitern kein hinreichender Grund, auch die anderen zwei Tage für den Kapitalisten zu arbeiten.13

Erst mit der vollen Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise Mitte des 18. Jahrhunderts wurden staatliche Interventionen zur Verlängerung des Arbeitstages obsolet und kam es im Gegenteil von staatlicher Seite zu Versuchen der Begrenzung des Arbeitstages. Den Beginn der Anstrengungen seitens der Obrigkeit den Arbeitstag zu verlängern machte in England eine Verordnung aus dem Jahre 1349. Unter dem Eindruck der Menschenverluste infolge der großen Pest und der aus ihnen resultierenden Verteuerung der Arbeitskraft dekretierte der König gesetzliche Höchstlöhne und Mindestgrenzen des Arbeitstages. Im Jahre 1496 verordnete Heinrich VII. einen neun- bis zehnstündigen Arbeitstag für Handwerker und Feldarbeiter innerhalb der Sommermonate. Dieser wurde in den Wintermonaten um bis zu drei Stunden verkürzt. Siebzig Jahre später versuchte Königin Elisabeth den Arbeitstag um eine Stunde zu verlängern. Nach Marx gelang es jedoch nur sehr unzureichend, diese Verordnung durchzusetzen. Die eigentliche Arbeitszeit dürfte für diese Zeit weit unter der dekretierten anzusetzen sein (insbesondere die Pausen zur Einnahme der Mahlzeiten war schwer zu limitieren) und noch im 18. Jahrhundert belief sich die geschätzte durchschnittliche Arbeitszeit eines Handwerkers auf zehn Stunden. Noch im Jahre 1770 schlug der Autor des „Essay on Trade and Commerce“ vor, Menschen, die von der Armenfürsorge abhingen, in Arbeitshäusern zu zwölfstündiger Arbeit anzuhalten und nannte solche, nach diesen Richtlinien geführte Armenhäuser „Houses of Terror“. Gut sechzig Jahre später schränkte das englische Parlament die Kinderarbeitszeit auf zwölf Stunden ein.14 Die Anstrengungen zur Ausdehnung des Arbeitstages hatten ihr Ziel erreicht:
Das ‚Haus des Schreckens‘ für Paupers wovon die Kapitalseele 1770 noch träumte, erhob sich wenige Jahre später als riesiges ‚Arbeitshaus‘ [...] Es hieß Fabrik.15

Nicht zuletzt wurde das Erzwingen eines immer längeren Arbeitstages zum Zwecke der Steigerung des Mehrwertes (in England, wie wir gesehen haben verstärkt seit dem 15. Jahrhundert) durch eine starke personelle Zunahme innerhalb der Gruppe der (echten) Lohnarbeiter ermöglicht. Diese Zunahme hatte ihren Grund in den Enteignungen der Landbevölkerung durch die Grundherrn, die zur selben Zeit stattfand. Den Anlass hierfür lieferte, wie bereits erwähnt, das Aufblühen der flandrischen Tuchmanufaktur, die eine stärkere Nachfrage nach dem Rohmaterial Wolle nach sich zog. Aus von (praktisch) freien Kleinbauern im Wesentlichen nach den Regeln der Subsistenzwirtschaft bebautem Ackerland wurde im Zuge der Ereignisse Weideland für die Schafzucht, die sowohl weitaus weniger personalintensiv war, als auch nicht durch selbstständige Bauern, sondern durch Lohnarbeiter besorgt wurde. Nach Marx waren diese Vertreibungen nach damaliger Rechtsauffassung alles andere als legal.

So schreibt er:
[...] der große Feudalherr [schuf] ein [...] Proletariat durch gewaltsame Verjagung der Bauernschaft von dem Grund und Boden, worauf sie denselben feudalen Rechtstitel besaß, wie er selbst, und durch Usurpation ihres Gemeindelandes.16
Das Kapitalverhältnis setzt die Scheidung zwischen den Arbeitern und dem Eigentum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit voraus17

Diese Voraussetzung wurde im England des 15. Jahrhunderts geschaffen. Das Instrument hierzu war die Enteignung.
Es ist nicht zu übersehen, dass dem Privateigentum des Freibauern an seinem Land, das zugleich sein vorrangiges Produktionsmittel war, ein ausgesprochen konkreter, dinglicher Charakter eignete. Hier, noch im viel stärkeren Maße als hinsichtlich des Unterschiedes zwischen zünftigem Handwerk und kapitalistischer Manufaktur- und Fabriksproduktion, zeichnet sich der wesentliche Unterschied zwischen dem Privateigentum der vorkapitalistischen Epoche und dem ab, was Marx Kapital und Hannah Arend „Besitz“ nennt: Dieses ist geprägt durch Dynamik der Expansion, jenes durch Statik. Die Vernichtung jenes eigentlichen, konkreten Privateigentums durch die Dynamisierungsprozesse des kapitalistischen Wirtschaftens sind jedoch nicht einmalig und auf die Frühphase des Kapitalismus, auf die sogenannte „ursprüngliche Akkumulation“ beschränkt, sondern setzen sich im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus fort. Hierzu Marx: Sobald die kapitalistische Produktion einmal auf eigenen Füßen steht, erhält sie nicht nur jene Scheidung [die von Arbeiter und seinen Produktionsmitteln nämlich], sondern reproduziert sie auf stets wachsender Stufenleiter.18

Doch wie sahen die Besitzverhältnisse am Lande im England jener vorkapitalistischen Epoche nach Marx aus?
Nach dem Verschwinden der letzten, eher legal-symbolischen Reste der Leibeigenschaft gegen Ende des 14. Jahrhunderts bestand der überwiegende Teil der Landbevölkerung aus freien, selbstständig wirtschaftenden Bauern. Die (verhältnismäßig kleine) Gruppe der „Lohnarbeiter“ erhielten von ihrem Herrn eine kleine Parzelle von durchschnittlich umgerechnet ca. eineinhalb Hektar samt Wohnhaus zur selbstständigen Bebauung überantwortet. Darüber hinaus war es nicht unüblich, dass die freien Bauern nebenbei auch gegen Lohn für ihren Grundherren arbeiteten. Durch diese beiden Faktoren verschwamm die Grenze zwischen selbstständiger Arbeit und Lohnarbeit und insbesondere war reine Lohnarbeit hierdurch faktisch unbekannt. Abgerundet wurde das System durch allgemeine Nutzungsrechte am dörflichen Gemeindeland. Diese Nutzungsrechte schränkten die Abhängigkeit insbesondere der „Lohnarbeiter“ von ihrem „Lohnherrn“ weiter ein.19 Zusätzlich fingen Einrichtungen wie die des Anrechtes verarmter Landleute an einem Teil des Kirchenzehnten den Fall einzelner Minderbemittelter ins Paupertum auf.20

Relative ökonomische Sicherheit der Produzenten durch feudales oder zünftiges, vorkapitalistisches Wirtschaften

In Zeiten des konkreten, dinglichen, auf der Abwesenheit der kapitalistischen Scheidung des Arbeiters von seinen Produktionsmitteln beruhenden individuellen Privateigentums entfaltete sich also, es klang bereits mehrmals an, der von Marx so genannte „Volksreichtum“, der den „Kapitalreichtum“ späterer Zeiten ausschloss.21 Oder anders: die (anfangs durchaus illegale) Enteignung des Arbeiters von seinen Produktionsmitteln und damit der Raub eines großen Teiles der durch seine Arbeit geschaffenen Wertes ermöglichte erst die Auslösung der kapitalistischen Dynamik, die sich auf immer höherer Stufe ständig fortsetzt und zu einer immer ausgeprägteren Scheidung des Arbeiters von seinen Produktionsmitteln, darüber hinaus durch Kooperation und Zergliederung des Produktionsprozesses zu einer Wandlung des Charakters der Arbeit hin zur gesellschaftlichen Arbeit, damit aber zu einer immer größeren Entfremdung des Arbeiters von seinem Produkt führte.

Hierzu Marx:
[...] Die geschichtliche Bewegung, die die Produzenten in Lohnarbeiter verwandelt, [erscheint] einerseits als ihre Befreiung von Dienstbarkeit und Zunftzwang, [...] andererseits aber werden diese Neubefreiten erst Verkäufer ihrer selbst, nachdem ihnen alle ihre Produktionsmittel und alle durch die alten feudalen Einrichtungen gebotenen Garantien ihrer Existenz geraubt sind.22

Welche Beispiele (außer den oben bereits erwähnten) führt Marx nun an, um die ökonomische Sicherheit der Handwerker und Bauern – vor allem auch in polemischer Auseinandersetzung mit den Verhältnissen seiner eigenen Epoche, der des sich voll entfaltenden Kapitalismus nämlich – zu beschreiben?
Von dem im Vergleich zur Mitte des 19. Jahrhunderts eher kurzen Arbeitstag der Land- und Manufakturarbeiter der Periode zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert war bereits die Rede. Ebenso von der ökonomischen Sicherheit und relativen Unabhängigkeit der freien Bauern und frühen ländlichen „Lohnarbeiter“ von ihrer Grund- bzw. Lohnherrn, die ihren Grund in der Verfügung über ausreichend Ackerland hatte.
Einen der Gründe für den relativ hohen Lohn der Handwerker innerhalb des zünftigen Wirtschaftens gibt Marx in seiner Untersuchung über die „Maschine und große Industrie“ sozusagen ex negativo an: Durch die fortschreitende Zergliederung des Arbeitsprozesses in relativ einfache einzelne Arbeitsschritte wird es mit der Entwicklung der großen Industrie zunehmend möglich, Muskelkraft durch die Maschine entbehrlich zu machen. Das führt zu einem verstärkten Einsatz von Kinder- und Frauenarbeit. Dies drückt auf den Wert der Arbeitskraft. Denn dieser war bestimmt nicht nur durch die zur Erhaltung des individuellen erwachsenen Arbeiters, sondern durch die zur Erhaltung der Arbeiterfamilie nötige Arbeitszeit. Indem die Maschinerie alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsmarkt wirft, verteilt sie den Wert der Arbeitskraft des Mannes über seine ganze Familie. [Daraus aber entsteht der ökonomische Zwang, dass zum Zwecke der Deckung der unmittelbaren Lebensbedürfnisse (bei Marx „Lebensmittel“) alle Mitglieder einer Arbeiterfamilie einer Erwerbstätigkeit nachgehen und nicht nur der Familienvater eine solche ausübt. Die maschinelle Produktion, die nur unter kapitalistischen Vorzeichen möglich ist] entwertet daher seine Arbeitskraft.23

Ursprüngliche Akkumulation
Enteignung der freien Privateigentümer

In den oben bereits angeklungenen Vorgängen rund um die Enteignung der freien Landbevölkerung und die parallel dazu stattfindende Aneignung des Gemeindelandes durch die Feudalherren (die beide, Marx betont es, nach damaliger Rechtsauffassung illegal waren)24 erblickt Marx die Initialzündung der kapitalistischen Dynamik in England. Diese „ursprüngliche Akkumulation“ begann irgendwann im letzten Drittel des 15. und fand erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Abschluss. Die ab der Wende zum 16. Jahrhundert einsetzende Gesetzgebung gegen die Wüstungen der Bauernhöfe und die Vertreibung der Bewohner zu Gunsten der marktorientierten Schafzucht25 lässt ex negativo auf die verstärkte Durchsetzung der Interessen der sich in Verwandlung zu Kapitalisten befindlichen Feudalherren gegenüber der Landbevölkerung schließen.

Durch diese Vorgänge wurden zwei entscheidende Voraussetzungen für die Genese einer kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsform geschaffen, die beide Erscheinungsformen der für den Kapitalismus typischen Trennung des Produzenten vom Produktionsmittel darstellen:26

Erstens tritt durch die Vertreibung der Menschen von dem Land, das nicht nur de facto ihnen selbst gehörte, sondern an das sie de jure oftmals auch gebunden waren (Marx spricht hier von freien, selbstwirtschaftenden Bauern, deren Eigentum hinter so manchem feudalen Aushängeschild [...] versteckt war)27, der sogenannte freie Arbeiter [in die Welt; der frei ist] in dem Doppelsinn, daß weder [...] [er] selbst unmittelbar zu den Produktionsmitteln [...] [gehört], wie [...] [der] Leibeigene [...], noch auch die Produktionsmittel [...] [ihm] gehören, wie beim selbstwirtschaftenden Bauer.28

Zweitens treten die (ehemaligen) Feudalherren mit ihrem neu erworbenen weitläufigen Besitz an Weideflächen für die Schaftzucht verstärkt als Käufer von freier Arbeit auf; dahingehend nämlich, dass an die Stelle der freien Bauernschaft („Yeomanry“) jetzt Pächter, sogenannte tenants-at-will [...], kleine Pächter auf einjährige Kündigung29, wie auch für sie arbeitende Landarbeiter treten, die eben nicht im Eigentum ihrer Produktionsmittel sind. Die Wolle aus der Schafzucht ist zudem für den Markt bestimmt. Schon die Feudalherren werden damit Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln, denen es gilt, die von ihnen geeignete Wertsumme zu verwerten durch Ankauf fremder Arbeitskraft.30 Anders gesagt: sie werden zu Kapitalisten. Schon in diesen erst nach und nach in Gang kommenden und ausschließlich auf die Landwirtschaft beschränkten Vorgängen verwirklicht sich also zum ersten Mal die kapitalistische Produktionsweise und wird damit die kapitalistische Dynamik in Gang gesetzt (im Sinne der Verwertung des Wertes). Dem entsprechend entfalten sich auch die Vertreibungen und Wüstungen exponentiell und erreichen nach Marx mit den „Clearing of Estates“, also den Vertreibungen der Landarbeiter selbst von ihren Cottages und ihrem unmittelbaren Umland im frühen 19. Jahrhundert und damit mit der Liquidierung der letzten Überreste des Eigentums des Produzenten an seinen Produktionsmitteln ihren Höhe- und Endpunkt.31

Doch viel stärker wirkt nach Marx die ursprüngliche Akkumulation durch die durch sie bedingte Freisetzung von „freier Arbeit“, die durch das sich entwickelnde Manufakturwesen und später durch die Industrie aufgesogen und verwertet wird, befeuernd auf die kapitalistische Dynamik: Historisch epochenmachend in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation sind alle Umwälzungen, die der sich bildenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen; vor allem aber die Momente, worin große Menschenmassen [...] von ihren Subsistenzmitteln losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden.32

Arendts Unterscheidung von „Eigentum“ und „Besitz“

Innerhalb der von Hannah Arendt in ihrem Spätwerk „vita activa“ angestellten Überlegungen zum Wesen menschlicher Tätigkeit und ihrer Zergliederung in „Arbeiten“, „Herstellen“ und „Handeln“ konstatiert die Autorin eine veränderte Sicht der Neuzeit auf die Arbeit, die, im gesamten europäischen Altertum und Mittelalter als notwendiges Übel angesehen, nun zum Quell allen Reichtums und zur vornehmsten aller menschlichen Tätigkeiten avanciert. Diese Veränderung korrespondiert zeitlich mit der Genese des Kapitalismus. Niederschlag findet die neue Sicht für Arendt unter anderem in den Arbeiten Lockes und den Klassikern der Nationalökonomie, um schließlich im Gedankengebäude Marx' zur Vollendung zu gelangen.
Zentraler Untersuchungsgegenstand sowohl für John Locke, als auch für Karl Marx ist neben der Arbeit das „Eigentum“. Hierbei erscheinen die Überlegungen Lockes, der im Eigentum im Wesentlichen verdinglichte Arbeit sieht und für den damit Eigentum und Arbeit wesentlich miteinander verquickt sind und diese jenes erst ermöglicht, und Marx', der letztendlich das vollständige Verschwinden des Privateigentums im Rahmen der Entwicklung der kapitalistischen Dynamik und damit der Entfesselung der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität erwartet, auf den ersten Blick als einander entgegengesetzt. Für Arendt ist dieser Widerspruch jedoch nur ein scheinbarer:

Aber unser Erstaunen legt sich doch beträchtlich [...]. Was nämlich die Neuzeit so aggressiv verteidigte, war niemals das Eigentum als solches, sondern das Recht des ungehinderten [...] Erwerbs. Mit anderen Worten, es handelte sich nicht um Eigentum, sondern um Aneignung und die Aufhäufung von Besitz.33

Die ursprüngliche Akkumulation, in deren Zeitspanne auch die Lebenszeit John Lockes fiel, gebar also nach Arendt ganz unmittelbar eine neue, dem Kapitalismus adäquate Sichtweise auf das sogenannte „Privateigentum“, das seinem wesentlich dinglichem Charakter entkleidet wurde und die Gestalt des grundsätzlich portablen, räumlich nicht mehr gebundenen „Besitzes“ annahm, auch wenn die Terminologie noch lange Zeit eine vorkapitalistische blieb.

Übernimmt man die Urteile Arendts, so ergibt sich daraus: „Eigentum“ und „Besitz“ sind Funktionen vorkapitalistischen bzw. kapitalistischen Wirtschaftens. Damit zeigt sich in jenen der grundsätzliche Gegensatz dieser: Statik versus Dynamik.
Ähnliche Überlegungen finden sich auch im Kapitel 24 des ersten Bandes des Kapitals, in der scharf zwischen dem Privateigentum der vorkapitalistischen Periode, das als das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln beschrieben wird, und dem kapitalistischem Privateigentum, welches auf der Exploitation fremder [...] Arbeit [und der daraus sich ergebenden Vermehrung des Besitzes] beruht.34

Wechselwirkung von Verelendung und Akkumulation: die „industrielle Reservearmee“

Ist die kapitalistische Dynamik einmal angestoßen und findet die Akkumulation des Kapitals auf immer höherer Stufe statt, so wandelt sich nach Marx das Verhältnis der Zusammensetzung der Kapitalien der einzelnen Kapitalisten: Durch die Zunahme der Produktivität der Arbeit (des Produktivgrades) – auf Grund verstärkter Arbeitsteilung, der Produktion im größeren Maßstab und auf Grund von technischen Umwälzungen – sinkt der Anteil des „variablen Kapitals“ (also der Auslagen für den Ankauf von Arbeitskraft) zugunsten des „konstanten Kapitals“ (also der Auslagen für Produktionsmittel, handle es sich nun um Werkzeuge, Maschinen, Rohstoffe usw.).35
An die Größe des variablen Kapitals ist die Nachfrage nach Arbeitskraft gekoppelt. Ist es dem einzelnen Arbeiter also möglich auf Grund des gesteigerten Produktivgrades der Arbeit mittels seiner Arbeitskraft ein höheres Quantum an Wert zu erzeugen und sinkt dadurch der Anteil an variablem Kapital im eingesetzten Gesamtkapital, so sinkt, zumindest bei gleichbleibender Größe des Kapitals, auch die Nachfrage nach Arbeit. Zwar liegt es sozusagen in der Natur der Akkumulation, dass die einzelnen Kapitalien nicht stagnieren, sondern wachsen, was sich mitunter auch in einer absoluten Zunahme des variablen Kapitals und damit der Nachfrage nach Arbeitskraft niederschlägt, doch wird durch die relative Abnahme des variablen Kapitals eine in wachsender Progression beschleunigte Akkumulation des Gesamtkapitals erheischt, um eine zusätzliche Arbeiterzahl von gegebener Größe zu absorbieren oder selbst, wegen der beständigen Metamorphose des Kapitals, die bereits funktionierende zu beschäftigen.36

Hierin liegt nach Marx die Ursache für ein unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktion auftretendes Phänomen, das er als die Etablierung einer „industriellen Reservearmee“ bezeichnet.
Dieser permanent vorhandene und verfügbare Pool an freigesetzten und durch den Kapitalisten potenziell anwendbaren Arbeitskräften, der selbst durch die kapitalistische Produktionsweise erst geschaffen wird, wirkt sich hauptsächlich auf zweierlei Weise beschleunigend auf die kapitalistische Dynamik aus:

Erstens wirkt sich die Präsenz einer Masse von vom Elend bedrohten Beschäftigungslosen als Druckmittel auf die von den verschiedenen Kapitalien verwendeten Arbeiter aus: Über das sozusagen (im marx'schen Sinne) „natürliche Maß“ der Steigerung des Produktivgrades der Arbeit durch räumliche Konzentration, Arbeitsteilung und der Auswertung technischer Fortschritte, kann eine weitere Steigerung durch simple Überarbeitung seitens des Kapitalisten leichter erzwungen werden, wenn am Arbeitsmarkt ein hoher Konkurrenzdruck vorherrscht.

Vor allem aber ermöglicht zweitens die Existenz einer „disponiblen industriellen Reservearmee“, die Anwendung oder Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise auf Bereiche, die gerade neu entstehen, oder bisher noch unter vorkapitalistischen, beispielsweise zünftigen Bedingungen produzierten.

Hierzu Marx:
Mit der Akkumulation und der sie begleitenden Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit wächst die plötzliche Expansionskraft des Kapitals [...]. Die mit dem Fortschritt der Akkumulation überschwellende und in Zusatzkapital verwandelbare Masse des gesellschaftlichen Reichtums drängt sich mit Frenesie in alte Produktionszweige, deren Markt sich plötzlich erweitert, oder in neu eröffnete [...]. In allen solchen Fällen müssen große Menschenmassen plötzlich und ohne Abbruch der Produktionsleiter [...] auf die entscheidenden Punkte werfbar sein. Die Übervölkerung liefert sie.37

Wie die kapitalistische Akkumulation, so entwickelt sich auch die industrielle Reservearmee und die in ihr und durch sie einsetzende Verelendung dynamisch.

Die Idee der Überwindung des Kapitalismus durch volle Ausprägung seiner Dynamik bei Marx: die dystopische Vision

Die Teilung der Arbeit
Endgültige Überwindung der vereinzelten Arbeitsprozesse durch das Kapital

Innerhalb der Manufakturperiode und der für sie charakteristischen Entwicklung der kooperativen Arbeit tritt zum ersten Mal die nach Marx historisch bedeutende Rolle des Kapitalisten als Organisator, vor allem aber als Entwickler „gesellschaftlicher Arbeit“ zu Tage:

Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf größerem Maßstab [ohne die kapitalistische Produktion nicht möglich ist] bedarf mehr oder minder einer Direktion [...]. Diese Funktion der Leitung, Überwachung und Vermittlung, wird zur Funktion des Kapitals, sobald die ihm untergeordnete Arbeit kooperativ wird.38

Von der bloßen Kooperation bis hin zur vollständigen Zergliederung des Arbeitsprozesses in einzelne Arbeitsschritte im Zeitalter der „großen Industrie“ entwickelt der Kapitalismus und seine historische Funktion, der Kapitalist, die Teilung der Arbeit in immer umfassenderer Weise, bis schließlich auch noch die letzten Inseln des vereinzelten Arbeitsprozesses, beispielsweise des freien Handwerkers oder des Kleinbauern, im Meer der gesellschaftlichen Arbeit versunken sind.
Voraussetzung der Entwicklung der umfangreichen Zergliederung des Arbeitsprozesses ist die Konzentration der Produktionsmittel in den Händen des die einzelnen Teile des zergliederten Arbeitsprozesses koordinierenden Kapitals. Diese Konzentration wiederum hat ihre Voraussetzung in der Trennung des Arbeiters vom Eigentum an seinen Produktionsmitteln, oder, anders gesagt: in den die Dynamik des Kapitalismus einleitenden und beschleunigenden Enteignungen im Rahmen der ursprünglichen Akkumulation und danach.39

Die gesellschaftliche Teilung der Arbeit durchläuft nach Marx mehrere Stufen, die keineswegs alle nur auf der Grundlage der Manufaktur- und Fabriksproduktion möglich sind:
Quasi allgemein-menschlichen Formen gesellschaftlicher Teilung der Arbeit sind beispielsweise die Zuteilung unterschiedlicher Aufgaben an die einzelnen Mitglieder einer Großfamilie oder eines Stammes oder die unterschiedlichen Formen des Arbeitens in Land und Stadt, die sich aus der Entstehung von letzteren ergeben und in denen bereits rudimentäre Formen des Warenaustausches und damit der Warenproduktion im marx'schen Verständnis verwirklicht werden.
Auch die Ausbildung von verschiedenen Handwerken innerhalb der zünftigen Gesellschaft fällt unter diese, der Organisation und Lenkung durch ein Kapital noch nicht bedürftige, Kategorie von gesellschaftlicher Teilung von Arbeit.
All diese Formen früher, vorkapitalistischer Teilung von Arbeit unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt von den kapitalistischen Formen: Das einzelne Mitglied eines Stammes oder einer Großfamilie, der einzelne Handwerker oder Bauer produzieren Waren, die sie als Eigentümer dem Stamm oder der Großfamilie gegen Zugang zu anderen Waren zur Verfügung stellen bzw. am Markt feilbieten können. Innerhalb der Manufaktur oder Fabrik tritt der einzelne Handwerker nicht als Eigner von Waren in Erscheinung.40 (Dies hat seinen Grund darin, dass er vom Eigentum an seinen Produktionsmitteln „befreit“ ist.)

Hierzu Marx:
Die Teilung der Arbeit im Inneren der Gesellschaft ist vermittelt durch den Kauf und Verkauf der Produkte verschiedener Arbeitszweige, der Zusammenhang der Teilarbeiten in der Manufaktur durch den Verkauf verschiedener Arbeitskräfte an denselben Kapitalisten, der sie als kombinierte Arbeitskraft verwendet.41
Und weiter:
Während die Teilung der Arbeit im Ganzen einer Gesellschaft, ob vermittelt oder unvermittelt durch den Warenaustausch, den verschiedenartigsten ökonomischen Gesellschaftsformationen angehört, ist die manufakturmäßige Teilung der Arbeit eine ganz spezifische Schöpfung der kapitalistischen Produktionsweise.42

Mit der Ausbildung der Arbeitsteilung innerhalb der Manufaktur verkümmern die universalen Fähigkeiten und Kenntnisse des einzelnen Handwerkers (auch im Bereich der Planung, Vermarktung usw.) auf Grund seiner auf gewisse Handgriffe beschränkten Tätigkeit. Diese Entwöhnung von der Produktion von Waren und Beschränkung auf einzelne Arbeitsschritte verunmöglicht es den Arbeitern im sich entwickelnden Kapitalismus im immer stärkeren Maße aus der Rolle des abhängigen Zubehörs der Manufakturproduktion in die des freien Warenproduzenten zurückzukehren. Der Verarmung des „Arbeiters an individuellen Produktivkräften“ steht die Ausbildung einer „gesellschaftlichen Produktivkraft“ gegenüber, deren Funktion der Kapitalist ist.43

Auf der Grundlage der eben beschriebenen Vorgänge innerhalb der Manufaktur entwickelt sich im Zeitalter der „großen Industrie“ eine neue Qualität der Arbeitsteilung, die sich nicht nur auf die Festlegung einzelner Arbeiter auf einzelne Arbeitsschritte beschränkt, sondern die Ausübung der einzelnen, noch immer direkt mit der Herstellung des Produktes verbundenen Arbeitsschritte selbst mithilfe der Naturwissenschaften dem einzelnen Arbeiter entreißt und ihn auf die Erledigung von Hilfsdiensten für die Maschine festlegt. Diese Maschinen sind das Ergebnis einer immer weiter getriebenen Zerfaserung des Arbeitsprozesses in seine einzelnen Elemente. Sie steigern unter Zuhilfenahme der Wissenschaft den durch Gewöhnung und Übung eintretenden Effekt der Effizienzsteigerung des Manufakturarbeiters bei einzelnen, ständig wiederholten Handgriffen:

Die Maschine [...] ersetzt den Arbeiter, der ein einzelnes Werkzeug handhabt, durch einen Mechanismus, der mit einer Masse derselben oder gleichartiger Werkzeuge auf einmal operiert und von einer einzigen Triebkraft [...] bewegt wird.44

Universelle Verwendbarkeit des einzelnen Arbeiters

War die Tätigkeit in der Manufaktur noch von dem mehr oder weniger ausgeprägtem Spezialwissen und den individuellen Fähigkeiten des einzelnen Handwerkers hinsichtlich seines Arbeitsbereiches abhängig, so gleichen sich nun, bedingt durch den Siegeszug der Maschine und der durch ihn ausgelösten Degradierung des einzelnen Arbeiters zum bloßen Zubehör eben dieser, die verschiedenen Arbeitsprozesse innerhalb der Industrie immer stärker aneinander an und verlieren darüber hinaus an Komplexität.
Aus diesen beiden Folgen der Umwälzungen durch die „große Industrie“ ergibt sich ein sich ständig erhöhendes Maß an Gleichförmigkeit der Tätigkeiten des Arbeiters in allen Bereichen der Industrie, sowie seine grundsätzliche Austauschbarkeit und universelle Verwendungsfähigkeit.
Eines der ersten Ergebnisse dieses veränderten Charakters der Tätigkeit des Arbeiters war die Ausdehnung der Frauen- und Kinderarbeit. Die Auswirkungen dieses Phänomens auf den Wert der Arbeitskraft und damit auf die ökonomische Sicherheit wurden bereits weiter oben angesprochen.45

Auch die Entstehung einer „disponiblen industriellen Reservearmee“, die wiederum die Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise auf immer weitere Gebiete des Wirtschaftslebens ermöglichte, wäre ohne die Angleichung der verschiedenen Arbeitsprozesse und die sich daraus ergebende universelle Verwendbarkeit des einzelnen Arbeiters nicht möglich gewesen: Der unproblematische Übergang freigesetzter billiger Arbeitskräfte in einen gerade aufblühenden Zweig der industriellen Produktion hat die Angleichung der Tätigkeiten des Arbeiters zur Voraussetzung.
Spinnt man den marx'schen Gedanken, der von der Arbeitsteilung innerhalb der Manufaktur seinen Ausgang nimmt, weiter, so steht am Ende dieser Entwicklung hin zur Angleichung der Arbeitsprozesse aneinander und der daraus resultierenden universellen Verwendbarkeit des einzelnen Arbeiters, sowie der Einbeziehung immer weiterer Bereiche des Wirtschaftslebens in die kapitalistische Dynamik, eine Gesellschaft, in der tendenziell alle Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen, nach kürzesten Anlernphasen in allen ökonomischen Sparten (von der klassischen Fabrik, über den Handel, das Büro und den verschiedensten anderen Dienstleistungen, bis hin zum niederen Management) flexibel einsetzbar sind. Man gelangt mit anderen Worten zu einer gesellschaftlichen Formation, die als „Jobholder-Gesellschaft“ bezeichnet wird. In ihr spitzt sich die Entfremdung des „Herstellers“ von dem von ihm „hergestellten“ Ding und der damit einhergehenden Entmenschlichung des Menschen radikal zu. Hierzu Arendt:
In ihrem letzten Stadium verwandelt sich die Arbeitsgesellschaft [das ist die kapitalistische Gesellschaft] in eine Gesellschaft von Jobholders, und diese verlangt von denen, die ihr zugehören, kaum mehr als ein automatisches Funktionieren, als sei das Leben des Einzelnen bereits völlig untergetaucht in den Strom des Lebensprozesses [...].46

„Die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ und Ausblicke auf eine neue Welt
Die geschichtliche Rolle des Kapitalisten

Die Entfaltung der kapitalistischen Dynamik gründet sich, wie wir gesehen haben, nach Marx zunächst auf die Auslöschung des Privateigentums der Produzenten an ihren Produktionsmitteln, also auf ihre Enteignung, und damit auf die Konzentration eben dieser Produktionsmittel in den Händen der Kapitalisten. Erst die zentrale Verfügungsgewalt der Kapitalisten über Grund und Boden, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Arbeitslokale etc. ermöglicht die Beschäftigung unselbstständiger Arbeiter und die Verwendung des von ihnen erarbeiteten Mehrwertes durch den Kapitalisten, also ihre Ausbeutung im marx'schen Sinne, damit aber die beständige Akkumulation von Kapital. Mittelbar kommt es außerdem über die Instrumentarien der Kooperation, der Arbeitsteilung, der Zerfaserung der einzelnen Arbeitsschritte und schließlich der Einführung und Weiterentwicklung der Maschine und der gleichzeitigen Beschränkung der Tätigkeit des Arbeiters auf einfache und im Grunde in allen Bereichen des Wirtschaftslebens annähernd gleiche Hilfsarbeiten für die Maschine zu einer (stufenweisen) Revolutionierung des Produktionsprozesses.

Die verschiedenen Umwälzungen haben alle eine Tendenz: Sie schmelzen die unter zünftigem und feudalem Wirtschaften mannigfaltigen, getrennten und von den individuellen Fähigkeiten und Kenntnissen des einzelnen Produzenten abhängigen Produktionsprozesse im immer stärkeren Maße ein zu einem gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozess, der durch verstärkte gegenseitige Abhängigkeit (beispielsweise der zwischen Endfertiger und Zulieferer, die mit fortschreitender Zerfaserung des Arbeitsprozesses immer ausgeprägter wird), weitere Angleichung der Tätigkeiten der einzelnen Arbeiter und ihre Entwürdigung und Entmündigung durch die Beschränkung auf einfache Hilfsdienste, den dadurch bedingten Verfall von individuellen Fähigkeiten und Kenntnissen und der Abhängigkeit vom Kapitalisten, und zugleich durch das Bedürfnis nach erhöhter Zentralisation der Produktionsmittel charakterisiert ist. Vorrangig die letztgenannte Eigenheit der kapitalistischen Dynamik, nämlich die Tendenz zur Konzentration des Kapitals unter die Verfügungsgewalt eines zentralen Kommandos, die nichts anderes besagt, als dass im Rahmen der sich voll entfaltenden kapitalistischen Dynamik je ein Kapitalist [...] viele tot[schlägt]47, führt zu einer fortgesetzten Enteignung der früheren Enteigner. Die Dynamik der Umwandlung von dinglichem Eigentum in portablen, amorphen Besitz, der sich selbst ständig (und zunehmend selbstständig) akkumuliert, erlebt seine Krönung in der Abschüttelung der letzten Bindung des Kapitals an einen konkreten Menschen – den Kapitalisten. Das ist die marx'sche Vorstellung vom Übergang aus kapitalistischen Verhältnissen in den Sozialismus. Das ist gemeint, wenn Marx schreibt:

Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie werden gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.48

Der Agent der beschriebenen Entwicklung ist nach Marx der Kapitalist selbst. Er ist als Funktion des historischen Prozesses der kapitalistischen Dynamik sozusagen ein Werkzeug des historischen Fortschritts.

Hierzu Marx:
Nur soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, hat er einen historischen Wert [...]. Nur soweit steckt seine eigene transitorische Notwendigkeit in der transitorischen Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise.49

Haben die Kapitalisten die ihnen sozusagen von der Vorsehung auferlegte Aufgabe erfüllt, werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen.50 Denn die Entwicklung hin zur gesamtgesellschaftlichen Produktionsweise und Konzentration der Produktionsmittel unter der Federführung der Kapitalisten macht diese, wie wir gesehen haben, letztendlich obsolet.

Finale „Expropriation der Expropriateure“ nicht als Überwindung, sondern als Vollendung der kapitalistischen Dynamik

Die von Marx erwartete finale Ausschaltung der Kapitalisten durch den vollendeten Entfaltungsprozess der kapitalistischen Dynamik, deren Agenten sie waren, ist, wie wir gesehen haben, also durchaus Teil der allgemeinen Tendenz des Kapitalismus. Denn: das Kapitalmonopol, also die alleinige Verfügungsgewalt der Kapitalisten (konkret: einiger weniger Großkapitalisten) über die Produktionsmittel, wird im Laufe der Entfaltung der „Vergesellschaftung der Arbeit“ (also der Arbeitsteilung und Zerfaserung des Arbeitsprozesses und der Angleichung und Vereinfachung der Tätigkeiten der einzelnen Arbeiter) ebenso sehr zur Fessel der Produktionsweise die gesprengt werden muss, wie es zuvor das Eigentum der Produzenten an ihren Produktionsmitteln war. Nur der Maßstab ist größer.51
Wer sagt außerdem, dass der am Ende der Tendenz zur Kapitalkonzentration stehende „größte anzunehmende Kapitalist“ eine Mensch, ein konkretes Individuum, oder auch nur eine juristische Person sein muss?

Doch geht Marx in der (wohl dem Einfluss Hegel geschuldeten) historischen Deutung seiner eigenen Analyse des Kapitalismus einen anderen Weg:

Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise [...] ist die erste Negation des individuellen [...] Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes ihre eigene Negation. Es ist die Negation der Negation.52

Ich darf an dieser Stelle eine Vermutung äußern: Alle marx'schen Vorstellungen eines Übergangs in den Sozialismus am Ende der Entfaltung der Kapitalismus haben ihre Ursache nicht in der marx'schen Analyse des Kapitalismus, wie sie im „Kapital“ geleistet wird (mitsamt des großen Komplexes an empirischen Untersuchungen, auf die sie sich stützt), sondern in der hegelianischen Brille, durch die hindurch Marx jene betrachtet.

„Individuelles Eigentum“ ohne „Privateigentum“?

Auch die Einführung des Konzeptes des „individuelles Eigentums“, das von Marx ausdrücklich vom „Privateigentum“ der vorkapitalistischen Ära abgegrenzt wird, ist eben erwähnter hegelianischer Brille geschuldet. Die entsprechende Stelle im Kapital lautet:

Diese [nämlich die Expropriation der Expropriateure als ‚Negation der Negation‘] stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.53

Die Entwicklung des Kapitalismus ist nach Marx eine Entwicklung der Auflösung des Privateigentums, eine Geschichte der Enteignung. Hand in Hand mit der Expropriation der Produzenten und durch sie bedingt entwickelt sich die „Vergesellschaftung der Produktion“ in der oben beschriebenen Weise. Diese beiden, also sich zunehmend auf alle Bereiche erstreckende Enteignung der Produzenten und vermehrte Vergesellschaftung des Produktionsprozesses, sind wie verbundene Gefäße. Nimmt man einen Zeitpunkt an, an dem sich die kapitalistische Produktionsweise und mit ihr die Vergesellschaftung der Arbeit voll entfaltet hat, so ist dies nur denkbar, wenn man auch die vollendete Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln, also ihre Enteignung zum selben Zeitpunkt annimmt.

Die Annahme einer völlig neuen Form des „Eigentums“ (die die Wiederherstellung des Privateigentums in jeder Form, damit aber auch beispielsweise genossenschaftliches Wirtschaften oder Landaufteilungen im Zuge sozialer Umwälzungen oder politischer Reformen etc. ausdrücklich nicht meint), das sich auf der Grundlage der Vergesellschaftung der Arbeit konstituiert, ließe sich immer dann postulieren, wenn Arbeit vergesellschaftet wird – also auf allen Stufenleitern der kapitalistischen Entwicklung. Doch wie sollte dieses „Eigentum“ eigentlich aussehen? Man stelle sich den Manufakturhandwerker in seiner Zeit vor: sein „Eigentum“ liegt in der gemeinsamen Nutzung von Produktionsmitteln, die nicht ihm gehören, und in der Erarbeitung eines Mehrwertes, der ihm vom Agenten der historischen Entwicklung (um nicht zu sagen vom personifizierten „Weltgeist“ – vom Kapitalisten nämlich) zum Zwecke der Weiterentwicklung der Vergesellschaftung der Arbeit gestohlen wird. Man stelle sich den Fabrikarbeiter vor: sein „Eigentum“ wird noch um die Zerfaserung des Arbeitsprozesses und damit seine Degradierung zum bloßen Helfer der Maschine erweitert. Wie wird dieses auf der gesellschaftlichen Arbeit beruhende „individuelle Eigentum“ erst beschaffen sein, wenn die kapitalistische Dynamik vollendet ist?

Zwei Polemiken

Eingangs wurde angedeutet, dass die Ausführungen Marx' hinsichtlich der sich im Zuge der Entfaltung der kapitalistischen Dynamik radikal verschlechternden Lebensbedingungen der Menschen voll beißender Kritik sind, die jedoch bei näherer Betrachtung hauptsächlich polemischen Charakter hat. Die durch die Auflösung der durch feudales und zünftiges Wirtschaften geprägten Sozialverfassung bedingten Verwerfungen sind für den Hegelianer Marx vor allem notwendige Übel auf dem Weg zu einer neuen Gesellschaft, deren wirtschaftliche Grundlagen die kapitalistische Periode entwickelt. Keineswegs schließt die marx'sche Polemik das Programm einer Reaktivierung vorkapitalistischer Verhältnisse ein.
Eine Fußnote im gerade etwas ausführlicher behandelten Kapitel des ersten Bandes des Kapitals über die „Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ verweist auf eine Passage des „Manifestes der Kommunistischen Partei“, in der die grundsätzliche Haltung von Marx (und Engels) hinsichtlich der durch den Kapitalismus vernichteten Welt des Privateigentums der Handwerker und Bauern an ihren Produktionsmitteln zum Ausdruck kommt:

Die Mittelstände [...], der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie [in ihrer Rolle als Agent der historischen Entwicklung], um ihre Existenz [...] vor dem Untergang zu sichern. Sie [...] sind reaktionär. Sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.54

Das Aufzeigen aller Formen der Enteignung der Produzenten an ihren Produktionsmitteln und ihrer Folgen durch den Analytiker der kapitalistischen Entwicklung Marx dient also dem die Welt durch die hegelianische Brille betrachtenden revolutionären Marx nur als Reservoir für polemische Vorwürfe gegen die von ihm ausgemachten Gegner, als Arsenal von Spitzen gegen die Bourgeoisie.

Der eben beschriebenen marx'schen Polemik möchte ich eine eigene entgegenstellen:
Befreie ich die marx'schen Analyse des Kapitalismus und seiner historischen Tendenzen von ihrer hegelianischen Deformation, d.h. lasse ich von der Vorstellung eines „Umschlagens“ in etwas wesentlich anderes bei Vollentwicklung der kapitalistischen Dynamik ab, so kann ich doch mit Fug und Recht behaupten, dass wir Heutigen bereits im marx'schen Konzept des „Sozialismus“ leben. Die Vollentfaltung der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit, die gesteigerte Angleichung der unterschiedlichen Tätigkeiten, die Integration beinahe aller wirtschaftlichen Bereiche in die Dynamik kapitalistischer Entwicklung und – nicht zuletzt – die Entkoppelung des Besitzes (Kapitals) vom konkreten Menschen und seine breiteste Streuung durch Institutionen beispielsweise der Finanzwirtschaft und des Versicherungswesens, kurz gesagt also: der hohe Grand an Vollendung der kapitalistischen Dynamik, sind hierbei nicht Einwände sondern Beweise unseres Fortschritts in Richtung „Sozialismus“.

❀ ❀ ❀

ad 1: Einer Kraft, die der Summe der Arbeitskräfte einzelner Arbeiter überlegen ist. Vgl. MEW 23, S 345.
ad 2: MEW 23, S 341.
ad 3: Ebd. S 343.
ad 4: Vgl. ebd.
ad 5: Ebd. S 345 f.
ad 6: Ebd. S 349.
ad 7: Ebd. S 354.
ad 8: Ebd. S 250.
ad 9: Vgl. vor allem MEW 23, S 229-232.
ad 10: Ebd. S 331-340.
ad 11: Vgl. das Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation.
ad 12: MEW 23, S 287.
ad 13: Ebd. S 290.
ad 14: Ebd. S 287-293.
ad 15: Ebd. S 293.
ad 16: Ebd. S 746.
ad 17: Ebd. S 742.
ad 18: Ebd. S 742.
ad 19: Vgl. ebd. S 744 ff.
ad 20: Vgl. ebd. S 749.
ad 21: Vgl. ebd. S 745.
ad 22: Ebd. S 743.
ad 23: Ebd. S 416 f.
ad 24: Vgl. ebd. S 746.
ad 25: Vgl. ebd. S 747 ff.
ad 26: Vgl. ebd. S 742.
ad 27: Ebd. S 744 f.
ad 28: Ebd. S 742.
ad 29: Ebd. S 753.
ad 30: Ebd. S 742.
ad 31: Vgl. ebd. S 756.
ad 32: Ebd. S 744.
ad 33: Arendt: Vita activa. Piper Verlag, 12. Auflage, 2013. S 129 f.
ad 34: Vgl. MEW 23, S 789 f.
ad 35: Vgl. ebd. S 650-657.
ad 36: Ebd. S 658.
ad 37: Ebd. S 661.
ad 38: Ebd. S 350.
ad 39: Vgl. ebd. S 789 ff.
ad 40: Vgl. ebd. S 371-380.
ad 41: Ebd. S 376.
ad 42: Ebd. S 380.
ad 43: Vgl. ebd. S 380-383.
ad 44: Ebd. S 396.
ad 45: Vgl. ebd. S 416 f.
ad 46: Vita activa. S 410.
ad 47: MEW 23; S 790.
ad 48: Ebd. S 791.
ad 49: Ebd. S 618.
ad 50: Max Stirner: Der Einizige und sein Eigentum. Vorrede. Reclam Ausgabe; Stuttgart 1972. S 4.
ad 51: Vgl. MEW 23; S 791.
ad 52: Ebd.
ad 53: Ebd.
ad 54: MEW 4; S 472.

Über „Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail/10.07.2012

Vorweg: Dies ist eine Buchbesprechung. Doch ich schreibe nicht über eine Neuerscheinung, sondern über ein bald vierzig Jahre altes rechtsextrem-reaktionäres Pamphlet, dessen Lektüre mir in den letzten zwei Tagen Herzrasen, Schweißausbrüche und dunkelste Mordfantasien bereitet hat. Ich schreibe über Jean Raspails Das Heerlager der Heiligen, welches im französischen Original 1973, in der deutschen Übersetzung 1985 zum ersten Mal beim rechtsextremen „Hohenrain-Verlag“ erschienen ist.

Was trieb mich zur Lektüre dieses Buches?
Ich sehe mich als (kleiner, unbedeutender) Kritiker der Moderne und bin ein begeisterter Leser von Dystopien. Sie sind die einzige Sorte Science Fiction, die ich aushalte.
Bei meinen Recherchen stieß ich auch auf das Werk von Raspail. Ich mag kontroversielle Autoren, bin Antietatist und Individualanarchist, bei Gott kein Linker (mehr), auch kein Rechter. Ich bin ein Verehrer des späteren Ernst Jünger und machte den spenglerschen Dualismus von „Takt und Spannung“ zum Fundament meiner Weltsicht.
Das Buch des inzwischen fünfundachtzigjährigen Franzosen entwirft ein Szenario, in dem vordergründig auch der Untergang des Abendlandes droht: Es gibt sich als apokalyptische Erzählung aus und orientiert sich hierbei immer wieder an der geheimen Offenbarung des Johannes.
Grob gesprochen zerfällt es in zwei Handlungsstränge: Der eine zeichnet eine Bedrohung Europas durch den plötzlichen Zustrom einer unüberschaubaren Menge von Flüchtlingen aus der Dritten Welt (im Buch kapern eine Million Hindus aus der Gangesregion, deren rassische Minderwertigkeit ausführlich beschrieben wird und die auf Grund ihrer Fremdrassigkeit, in Anlehnung an die Offenbarung, als die Anhänger des großen Tieres und der Hure Babylon stilisiert werden, hundert rostige Seelenverkäufer und schippern gen goldenen Westen). Der andere beschäftigt sich mit den sozialen und kulturellen Phänomenen in Europa selbst.

Doch was regt mich nun so auf?
Nun, zwei Handlungsstränge, zwei Punkte:

Erstens: Der Handlungsstrang in Europa dient dem Autor zur Entmenschlichung seiner weltanschaulichen Gegner und anschließend als Feld zum Ausleben seiner Mordgelüste gegen sie auf Papier. Ziel seiner Angriffe ist immer das freie Individuum, das sich aus den Fesseln des Kollektives gelöst hat und seine Freiheit gegen die Herdenhaftigkeit der Meisten (unzählige Male fällt in der deutschen Übersetzung das Wort vom gesunden Volksempfinden) verteidigt. Der linke Journalist, der junge Freigeist, der Hippie, der Schwulenaktivist, sie alle sterben unter dem höhnischen, selbstgefälligen Grinsen Raspails unter Vollverlust ihrer Würde durch die Hand seiner Helden. Seine Helden sind allesamt Leute von Ohngefähr, schöne Tiere, Barbaren. Auch tragen sie zur Hervorhebung ihrer Heldenhaftigkeit vornehmlich Uniform.
Es ist die Fantasie eines Genozids der gattungsmäßigen Gemeinschaft an den Anderen, Vereinzelten. — Er tötet mich unzählige Male symbolisch. Das ist mein Problem mit ihm.

Zweites stoßt mir besonders die Selbsteinordnung des Autors als Katholik, als Christ auf. Wie andernorts beschrieben, stellt sich Raspail durch seine Tendenz Bestehendes zu rechtfertigen auf die Seite der Welt, des Pilatus, der Heiden.
Was ich konkret meine, wird in seiner Rezeption der Offenbarung des Johannes klar:
Das große Tier und die Hure Babylon sind Symbole, die die bedrängten Christen des ersten Jahrhunderts nach Christus als Chiffren benützten für die Gattung, die sie hasste, für ihre Herrlichkeit, für die nackte Macht, die keiner Rechtfertigung bedarf, also für das, was den Menschen als Tier, als bloßes Gattungswesen ausmacht und gegen das alle Kultur, alle wahre Priesterlichkeit ein Aufstand war und ist. Diese sprachlichen Bilder stehen aber auch für Konzepte des potenziellen priesterlichen Fehlgriffs, beispielsweise für den Staat, konkret für den römischen. Die Hure und das Tier sind die Mächte, die Christus ans Kreuz geschlagen haben.
Raspail wertet nun vor allem den Begriff des großen Tieres im Sinne der Gattung um. Aus einem Bild für die Grandezza der nackten Macht und den römischen Staat wird nun eine Karikatur eines verkrüppeltes, hässliches, braunen Kindes. Er nennt dieses Kind die Missgeburt.
Mir liegt es vollkommen fern, vor mich hin zu moralisieren: Ein verweigerter Kotau vor der political Correctness und ihren Vertretern ist kein Argument gegen irgend jemanden – eher im Gegenteil. Was hier so ärgerlich ist, ist der Versuch, dieses Wesen – und mit ihm alle, deren Verhältnis zur Gattung in irgend einer Weise gebrochen ist, zu dämonisieren, weil es nicht so riecht wie das Rudel, weil es fremd ist. Der Autor beschwört den Rasseinstinkt; er, der den Menschen ins Vegetative zurückbiegen will, tut nicht gut daran, sich als Verteidiger der westlichen Kultur aufzuspielen. In der Kultur werden Schwächen kompensiert, sie ist das Metier der Lebensuntüchtigen.

Ganz allgemein aber ist zu bemerken: die Trübung des Verhältnisses zur Gattung, der priesterliche Aufstand gegen diese, kommt nur beim Menschen vor – ist damit aber das das Mensch-Sein exklusiv konstituierende Element.
Raspail schreibt also gegen das Mensch-Sein an. Er ist, polemisch gesprochen, ein Feind der Menschheit.

Wahrheit machen/02.09.2011

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich wieder einmal der Letzte bin, der eine interessante Neuigkeit aus dem Bereich des Info-Technischen niederschreibt:

Vor ein paar Tagen schaltete ich den Fernseher ein und blieb bei 3sat hängen.

Dort stellte die sympathische Katrin Bauerfeind ein Projekt zweier Künstler, die in Berlin leben, namens "Newstweek" vor.
Im Kern geht es dem Neuseeländer Julian Oliver und dem Russen Danja Vasiliev darum, auf die Manipulierbarkeit der öffentlichen Meinung im Zeitalter elektronischer Massenkommunikation aufmerksam zu machen.
Trotz der in früheren Jahren erhofften (von manchen Wächterexistenzen, wie ich mich noch sehr gut erinnern kann, übrigens auch befürchteten) Pluralisierung der Informationen, Meinungen und "Wahrheiten" durch das Internet, folgen auch alle großen Nachrichtenplattformen im Internet dem "top-down"-Prinzip.
Das Problem also, dass immer schon bestand, nämlich die Filterung von Information durch einige wenige Instanzen (seien dies nun Kirche, Staat, Verlage, Medienkonzerne oder despotische Einzelpersonen wie Rupert Murdoch) wurde keineswegs beseitigt. Immer noch gilt: Wahr ist, was in den etablierten Medien zu sehen, zu hören oder zu lesen ist.

Doch die zwei Künstler forcieren gegen die übermächtige Ideologiemachinerie mit ihrem Projekt sozusagen elektronische Partisanenmethoden.
"Newstweek" ist im Grunde ein Tool zur selbstständigen und privaten Manipulation von gefilterten Nachrichten innerhalb lokaler Netzwerke (W-Lan in Cafés, Hotels, Bahnhöfen usw.).
Mittels eines selbstgebauten (Bauanleitung) und unscheinbaren Elektronikteils setzt man sich, sozusagen, zwischen Router und User (man verzeihe dem Laien die etwas plumpe Ausdrucksweise). Über eine eigene Homepage kann man dann die Headlines einschlägiger Mainstreaminfoplattformen verändern.
Man sehe selbst.

Im besten Fall stiftet man Verwirrung. Doch leider liegt die Annahme nahe, der Satz: "Wahr ist, was in der (elektronischen) Zeitung steht", verliere durch ein paar logische Widersprüche keineswegs seinen Wahrheitsanspruch…
Übrigens gewann das Projekt bei der diesjährigen Ars Electronica in Linz die Goldene Nica.

Das helle Antlitz/19.04.2011

Eine traurige Existenz, ein Schriftsteller, der besoffen durch die Ethno-Slums von New York taumelt und desinteressierte Barbesucher mit seinem genialen, kurz vor der Fertigstellung stehenden Roman belästigt. Jemand, der sich die Finger bricht, beim Schreiben, eine Schreibblockade hat, während die Abgabefrist für seinen Roman immer näher kommt. Jemand, der nichts gebacken bekommt, nichts auf die Reihe kriegt. Mit dem kann ich mich identifizieren.

Was nun, Loser dieser Erde, wenn eine Substanz, alibihalber unkonvenzionell unweiß und in Tablettenform, unsere Wahrnehmung, unsere geistige Widerstandsfähigkeit (beides zusammen wohl schwer denkbar) und darüber hinaus noch unser Selbstvertrauen ins Unermessliche steigern würde?
Ja bitte(?;!)

Im Film "Ohne Limit" (läuft in der Cinecity Klagenfurt momantan zu diesen Zeiten) hat der Held der Geschichte diese Option. Es macht Spaß, ihm auf der Leinwand zuzusehen, wie er damit umgeht. Ja, es macht Spaß, in das helle, abgeklärte, freie Antlitz des Erkenntnisjunkies zu schauen und zu wissen, dass es nicht nur der (übrigens geniale) filmisch-technische Firlefanz so hell macht, sondern unser subjektives Empfinden auch noch ein paar Lumen nachlegt.

Einige Moralisten fühlten sich bemüßigt, diesen Film bedenklich zu nennen, da er die Tendenz des hypermodernen, kapitalistisch ideologiesierten Menschen zum Einwerfen von Psychopharmaka zur Sicherstellung des Funktionierens glorifizieren würde. Sie täuschen sich. Das tut er nicht.

Der Held der Geschichte pariert die Angriffe des Lebens und erringt dadurch Siege. Er siegt über festgefahrene Strukturen, permanent. Als er zum ersten Mal aus seiner Rolle fällt, als er einen Sieg über die junge, ständig zeternde Frau seines Vermieters davonträgt (und mehr will ich nicht über die Handlung verraten), steht ihm dieser, nach gängiger Auffassung, nicht zu. In diesem Sinne spinnt sich der Plot fort.
Er hört auf zu funktionieren, er schwebt (wie hoch!) über der Maschinerie, die alle funktionieren macht. Er macht sich frei von allen Zwängen, von allen Behinderungen.

Dieser Film reizt nicht durch die Leistungsfähigkeit des Protagonisten, er reizt durch die plötzliche Macht des Helden, der Macht über sich selbst, seiner Freiheit. Ihr Loser!

Schaut euch das an!

paradox/16.02.2011

Vor mir liegen die weiten Savannen des südlichen Afrika. Als Beauftragter des Königreichs Hannover versuche ich, noch vor den Briten, das Land der Zulus zuerst militärisch zu erobern und später für norddeutsche Siedler zu öffnen.

Das muss schnell gehen, denn durch die fortgesetzte Industrialisierung, auch unseres kleinen Königreichs, wurden immer weitere Teile der Gesellschaft zu Industriearbeitern und Angestellten. Textilien, Stahl, Kunstdünger. In Zeiten der Verteuerung der Rohstoffe, durch eine weltweit gestiegene Nachfrage, tritt immer klarer zu Tage, dass auf den Feldern und in den Gebirgen unseres Vaterlands nichts gedeiht, nichts gefördert werden kann als Getreide und etwas Obst. Arbeitslosigkeit ist eine Geisel, umso mehr, als die konservativ-liberale Mehrheit unseres Oberhauses strikt gegen jede Form von staatlichen Sozialleistungen an Bedürftige eingestellt ist.
Auswanderung, nicht nach Amerika, sondern in unsere Kolonien, kann da, auch für den Staat, ein gangbarer Ausweg sein. Deshalb Krieg gegen Zululand, später gegen die Buren Transvaals und des Oranje-Freistaates. Darum die Kolonisierung der Savannen.


Victoria 2, ein sogenanntes Globalstrategiespiel, ist die bisher neueste Entwicklung des schwedischen Spieleentwicklers Paradox Entertainment.

Globalstrategiespiele sind eine Referenz an menschliche Allmachtsfantasien. Im Wesentlichen sind alle so aufgebaut, dass der Spieler die Kontrolle über ein Land zu einer spezifischen Zeit übernimmt. Dabei werden die verschiedenen Bereiche des Staatswesens (Innen- und Außenpolitik, Finanzen, Forschung, Militär, innere Stabilität, historische Ereignisse) und ihre Wechselwirkungen stark vereinfacht und simuliert, wobei der Spieler meist auf alle entweder direkten oder indirekten Einfluss nehmen kann. Spielziel gibt es in der Regel keines. Ein besonderer Reiz ist, dass meist alle Länder der Erde spielbar sind.
Der ganze Spass begann für mich persönlich mit dem Titel Europa Universalis 2, einem Spiel zur frühen Neuzeit und dem Beginn der abendländischen Weltdominanz. Über verschiedenste, teils wirklich fundierte, Modifizierungen, insbesondere der historischen Events, erwarb ich damals ein nicht zu unterschätzendes faktologisches Wissen zur Weltgeschichte der frühen Neuzeit.

Dann kam Hearts of Iron 2, ein Spiel zur Zeit des Zweiten Weltkriegs mit einer Menge von frei downloadbaren User-Modifizierungen u.A. für den Ersten Weltkrieg, alternativen Zeitlinien, einer verbesserten Simulation des militärischen Bereiches und einer Adaption für die Welt der anarcho-zynischen Rollenspielreihe Fallout. Dann Europa Universalis 3. Dann Victoria und die Welt des 19. Jahrhunderts. Dann, dann, dann. Und jetzt Victora 2. Was für ein Spass.

Doch trotzdem: diese Spiele haben nur eine kleine Fangemeinde. Schade…

„Rassismus lässt sich nicht glaubwürdig bekämpfen, wenn der Begriff ‚Rasse‘ beibehalten wird.“/14.04.2010

Der Begriff der ‚Rasse’ ist schließlich keiner vernünftigen Interpretation zugänglich. Er kann es auch nicht sein, da jede Theorie, die auf die Existenz unterschiedlicher menschlicher ‚Rassen’ abstellt, in sich rassistisch ist. (Cremer, Hendrik: Ein Grundgesetz ohne Rasse)

So steht es in einem aktuellen Papier des „Deutschen Instituts für Menschenrechte“.
Hintergrund: Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, der aus der Ernüchterung ob des Wesens des Staates geborenen Sparvariante einer Verfassung, findet sich an prominenter Stelle der Passus:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. (Grundgesetz; Artikel 3)

Wohl ganz im Geiste eines (mir nicht immer ganz eingängigem) „Antifaschismus“ heraus, fordert der Autor des Papieres die Streichung des Wortes „Rasse“ aus dem Gesetzestext. Die internationale Ächtung dieses Begriffes, der, aus historischen Gründen, sofort assoziativ mit Kolonialismus, Imperialismus und der Nazi-Tyrranei in Verbindung gebracht wird, ist vielen Stellen, von der UNESCO bis zum Europäischen Parlament, schon lange ein Anliegen.
Die Idee, das belastete Wort „Rasse“ durch das minderbelastete „Ethnie“ zu ersetzen, ist jedoch der berühmte Vergleich von Äpfeln und Birnen. Da ist auch der von mir rezensierte Autor meiner Meinung. Doch im Speziellen gibt es da wohl einige Unterschiede. Zunächst, um die Beschreibung der Wirkung als Einstieg zur Erforschung der Ursache zu nutzen, gilt für ihn Diskriminierung ethnischer Natur als ein Bereich des Rassendenkens. Doch Stereotype über Albaner oder Isländer haben, obwohl sie zweifelsohne „rassistisch“ sind, nichts mit dem vielgescholtenen „biologischen Konzept“ „Rasse“ zu tun. Unser Freund hätte schon recht, wenn er die alleinige Verwendung des Begriffes „Rasse“, als Bezugspunkt für alle zusammenfassend als „rassistisch“ bezeichneten großen und kleinen Grauslichkeiten, im Grundgesetz problematisieren würde. Macht er aber nicht.
Ihm geht es um ein Niederbügeln der Vorstellung (in Wahrheit ist es der alltägliche Augenschein), dass es unterschiedliche menschliche Rassen gebe. Außerdem um die Gleichsetzung von der (hier immer wertneutralen) Erkenntnis, dass es sich, wenn ich auf meine Sinne vertrauen darf, bei diesem Menschen um einen Europärer, bei jenem um einen Ostasiaten handelt, mit einer biologistisch begründeten Rechtfertigung für eine gesellschaftliche Realität, eine Assymetrie der Macht.
„Ethnie“ ist zunächst einmal ein Audruck für eine Gruppe von Menschen, die sich (ganz real und in der Materie, wie bei kleinen, überschaubaren (Natur-)völkern, oder ganz abstrakt und sinnentleert, wie bei neuzeitlichen „Nationen“) als kulturell eng verwandt erleben. Sie ist dezidiert keine biologische Kategorie.
„Rasse“ ist, zumindest in meinem Verständnis, sowie, das kann ich allerdings nur erfühlen, im Sinne der eigenartigen Schar von Autoren des Grundgesetzes aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, ein allgemein verständlicher Ausdruck für die offensichtlichen biologischen Unterschiede zwischen Menschen, die aus verschiedenen Weltgegenden stammen. Als solche ist sie natürlich nur in ihren extremen Ausformungen voll ersichtlich. Dort, und dafür werd ich wohl meine Watschen kriegen, ist sie für mich so augenscheinlich, dass sie nicht leugbar ist.

Nach Meinung des Autors dieses Papieres, ist das Postulat der Andersartigkeit anderer Realitäten, hier natürlich vor allem, aber nicht nur, der biologischen, rassistisch. Gerade der arrogante Eurozentrismus, mitsamt seinem linearen, von der Ideologie des Fortschritts verblendeten Geschichtsbild, der die Unterschiedlichkeit und Einzigartigkeit anderer Weltgegenden nicht akzeptieren wollte, hat erst rassistischen Weltbilder möglich gemacht. Soviel noch auf den Weg.


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