Schnuppertage

eBooks | English version | slovenska verzija

Einleitung

Einem persönlichen Unwillen gehorsam, die zweite Hälfte einer, durch gelegentliches, beruflich bedingtes Schnellfahren verursachten, Spende zur Finanzierung von Herrschaft zu leisten, verbringe ich die nächsten gut vier Tage im Polizeianhaltezentrum in Klagenfurt. Die gemütliche Zelle, die ich in den nächsten Tagen nur zum Duschen und Spazierengehen im Hof verlasse, ist keinesfalls das Schrecklichste, was österreichischer Strafvollzug zu bieten hat, bin ich mir sicher.
Es sind Schnuppertage, in denen ich mich auf ein mögliches Kommendes, auf das Schicksal einer Dissidentenexistenz aus Instinkt im sich entwickelnden spätzivilisatorischen abendländischen Totalitarismus vorbereite. Die Gefängnisstrafe ist nichts, so stelle ich bald fest, außerhalb aller Erscheinungsformen des Freiheitsentzuges. Doch der kann als Mittel wohl ausreichend sein, um einen an den Rand der eigenen psychischen Leistungsfähigkeit zu bringen, wenn man ihn richtig inszeniert, vermute ich bald.
Das Bild der Zelle, deren Tür, sie ist aus Metall, innen keine Klinke, dafür ein Durchreichefenster und einen Spion hat, die Fenster der Zelle, die, neben sicherheitstechnischen Gründen, deswegen wohl so hoch liegen, um jeden Ausblick nach draußen zu verhindern, die Tristesse des Raumes, das ist alles noch Spiel. – Vorspiel vielleicht. Doch wer weiß, was da noch kommt. Nicht zuletzt habe ich mich deswegen um die Ersatzfreiheitsstrafe regelrecht gerissen, um erste Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sammeln.

Der in eckigen Klammern gesetzte Text wurde nachträglich (nicht im Polizeianhaltezentrum) beigefügt.


eins

Mit dem Rad mache ich mich am Nachmittag von meiner Wohnung in Annabichl auf den Weg in das Polizeianhaltezentrum in der Buchengasse. Unterwegs gehe ich noch schnell etwas essen; Mittagsbuffet beim Mongolen in der Paulitschgasse.
Wie es der anti-Glücksstern will, unter dem ich nun einmal geboren bin, überrascht mich Starkregen (eigentlich fängt es zu regnen an, als ich beim Mittagessen im Mongolen sitze).
Klitschnass und mit einem eigenartigen Gefühl im Bauch läute ich an der Klingel am ungastlichen Eisentor dieser Einrichtung und stelle mich als einer von denen vor, die heute ihre Ersatzfreiheitsstrafe antreten wollen.
Es ist irgendwie erschreckend, wie wenig hier auf eine nur in Ansätzen freundlich wirkende Umgebung geachtet wird. Doch Blödsinn: in Wahrheit ist es wohl so, dass die nackten Betonwände, das schmucklose, schmuddelige Stiegenhaus, die sicherheitsgläserne Empfangskanzel, das kalte Neonlicht, Teil des Selbstverständnisses dieser Art von staatlicher Dienstleistung sind; sie gehören zur Gefängnisästhetik, die sich der klandestine Feinschmecker erwartet, so mein, zugegebener Maßen, auch mir etwas zynisch erscheinender Gedankengang. Doch auf mich wirkt diese Umgebung, bürgerlich-bieder wie mein Geschmack und meine Vorstellungen, trotz des radikalsten intellektuellen Anarchismus, nun einmal sind, äußerst befremdlich. Nach der saloppen Begrüßung weise ich mich aus (nicht, dass irgend jemand sich als mich ausgibt, um vier Tage absitzen zu dürfen und ich am Ende leer ausgehe) und werde in ein Extrazimmer begleitet, wo meine persönlichen Wertgegenstände in Verwahrung genommen werden, meine gesamten Sachen, inklusive der Kleidung, die ich am Leib trage, auf versteckte Waffen (mein Pfeifenbesteck ist eine potenzielle Waffe, ich stopfe meine Pfeife in den nächsten Tagen mit den Fingern) und Drogen untersucht werden und man mit mir über chronische Krankheiten und den Suizid in Polizeiverwahrung spricht.
Anschließend begleitet mich der Beamte in den zweiten Stock, wo ich zuerst Besteck und Trinkbecher, dann Bettwäsche und Handtücher ausfasse und in meine Zelle geführt werde.
Der Schlüssel wird hörbar im Schloss umgedreht (ein Geräusch, das mich ab nun die nächsten vier Tage begleitet) und schon stehe ich in einer trostlosen Zelle von, naja, Daumen mal Pi, knapp zehn Quadratmetern. Sie ist ausgestattet mit einem Tisch in der Mitte, einem Regal, einem Waschbecken, einer separaten Toilette und zwei Stockbetten, also vier Schlafplätzen.
Auf den jeweils untersten Betten haben sich zwei Männer eingerichtet; zu meiner Rechten Shorty, zu meiner Linken der Hiasl. Beide begrüßen mich freundlich. Der Hiasl führt mich unmittelbar in den Hausbrauch ein. Obwohl er auf mich sofort etwas distanzlos wirkt, ist sein bis zum Abend gegen 22 Uhr (denn da wird er entlassen und Shorty und ich sind einstweilen zu zweit in der Zelle) dauernder Vortrag für jeden ersichtlich seinem guten Willen geschuldet, dem Neuen, dem Jungen, mir, das Leben während seines Aufenthaltes zu erleichtern.
Hiasl sammelte das ausgegebene Obst, das er nicht gegessen hatte, die Butter, die er sich nicht aufs Brot geschmiert hatte (in einem großen Becher), bietet mir alles, eine Pfeife zwischen seinen Lippen, unentwegt an. Hiasl raucht Landtabak, den originalen. Ich tausche mit ihm ein Päckchen gegen einen meiner dänischen Tabake, nicht nur, weil ich in den ersten Minuten in einer mir vollkommen fremden Welt nicht ungut auffallen will, sondern, weil mich der Landtabak, den ich nur aus Erzählungen kenne, wirklich reizt.
Wir kommen ins Gespräch. Ich erfahre einiges über die Küche (sie soll sehr gut sein), über die Geschmacksverwirrungen Shorties (er hat heute Mittag, es gab Grillhähnchen, die Haut nicht essen wollen), über die Tatsache, dass es nur montags, mittwochs und freitags die Möglichkeit gibt zu duschen (ein Umstand, von dem ich zwar irgendwo schon gehört habe, aber bei meiner Vorbereitung auf meinen Aufenthalt nicht berücksichtigt habe und worunter ich schon heute, am ersten Tag, leide, denn ich stinke), über die Möglichkeit, die Wärter einmal in der Woche einkaufen zu schicken, über die Möglichkeit, einmal in der Woche Besuch zu empfangen, über die Verwahrungsstelle für Schubhäftlinge einen Stock über uns, über die Ausnüchterungszellen einen Stock unter uns und, nicht zuletzt, über die Lebensgeschichte Hiasls.
Er wurde 1964 geboren und wuchs in der Umgebung von Hüttenberg bei verschiedensten Bauern auf, denen er vom Jugendamt zur Pflege überantwortet wurde. Seine Mutter wusste, auf Grund eines unglücklichen Umstandes (seine Zieheltern misshandelten ihn und schoben die Schuld auf seine Mutter, der das Jugendamt folgerichting Informationen über den Aufenthaltsort ihres Kindes verweigerte), jahrelang nicht, wo er war. Er lebte in Deutschland, dann wieder in Kärnten. Seine Berufsbezeichnung lautete immer Knecht [oder Landarbeiter].
Ich kenne diese Schicksale, dieses Leben in aufgezwungener Dumpfheit und Rechtlosigkeit, nur aus Erzählungen meiner Großelterngeneration. Doch Hiasl ist 48 Jahre alt, bei weitem jünger als meine Mutter, von meinem verstorbenen Vater ganz zu schweigen.
Hiasl arbeitete elf Jahre lang bei einem Bauern, der ihn nicht versichert hatte und der, so sagt er zumindest, auch noch auf seinen Namen Schulden aufnahm, bis Hiasl ihn schließlich klagte. Der Knecht ist inzwischen, auf Grund eines kaputten Knies, in Frühpension und arbeitet nebenher am Radsberg als – Knecht.
Er redet wohl deswegen ununterbrochen, weil er sich außerhalb der Arbeit nicht zu beschäftigen weiß. Hiasl ist dressiert zur harten Arbeit, deren Früchte er niemals wird ernten können.
Es ist für mich sehr gut nachvollziehbar, warum meine Großelterngeneration keine besonders hohe Meinung von den Bauern hatte. [Wenn die alten Leute in meiner Umgebung von Bauern sprachen, meinten sie eigentlich Mittel- und Großbauern. Sie selbst waren Kleinhäusler.]
Hiasl trägt Trainingshose und ein ärmelloses Leibchen, das seinen imposanten Hängebauch bis knapp unter dem Bauchnabel bedeckt. Als er uns verlässt, schüttle ich seine Hand und habe, als ich den Händedruck wieder löse, das subjektive Gefühl, Fäden ziehen sich von seiner Hand zu meiner Hand. So heimlich, wie es geht, wasche ich unmittelbar darauf meine Hände. Noch Stunden nach seinem Weggang liegt seine persönliche Geruchsnote von altem, aufgewärmtem Schweiß und Tabakausdünstungen in der Luft. Während der Nacht rieche ich in meinem Bett (es war vorher seines) seinen Talg (oder den der vielen meiner Vorgänger, denn hier wechseln die Leintücher, nicht die Matratzen).
Ich schreibe diese Zeilen mit dem Vorhaben, ihn selbst einmal auf die Ambivalenz seiner Wirkung auf mich aufmerksam zu machen (wir haben, nachdem ich gesagt habe, dass ich Taxi fahre, unsere Nummern ausgetauscht), so sind die letzten Sätze, zumindest in meinem Bewusstsein, weniger verräterisch. Ich will ihn nicht verachten.
So gegen 22 Uhr wird es ruhig und Shorty und ich sprechen ein paar Takte.
Dann legt er sich hin. Auf die Frage, ob ihn das Licht störe, das ich zum Lesen des letzten Drittels von Heinrich Manns Professor Unrat angesichts der späten Stunde benötige, verneint er und legt sich hin, kann aber offensichtlich nicht gleich einschlafen. Ich frage noch ein paar Mal nach und erhatlte immer wieder die Antwort, dass er auch bei Licht einschlafen kann. Ich lese den Unrat fertig, schreibe noch ein paar Zeilen der Einleitung dieses Textes und lege mich dann schlafen.
Das Schnarchen meines Zimmergenossen hält mich die ganze Nacht wach.
Solche Nächte, also solche, in denen ich wirklich durchgehend wach bin, sind sogar bei meinem leichten, von Störungen von innen wie von außen äußerst anfälligen Schlaf sehr selten.
Dem entsprechend beginne ich den Tag zerschlagen und müde. Um 6 Uhr wird „geweckt“ [ein Beamter öffnet die Tür und man muss sich kurz bemerkbar machen; das dient der Kontrolle, ob wir noch alle wohl auf und am Leben sind], um halb acht kommt Frühstück. Dann eine halbe Stunde Pause, in der ich mir eine Pfeife anzünde. Sie ist noch nicht einmal richtig angebrannt, schon öffnet sich mit dem inzwischen bekannten Klicken blitzartig die Tür und blitzartig soll von uns das Zimmer gekehrt und gewischt werden.
Übrigens werden uns Besen und Bodenfetzen von den sogenannten Hausarbeitern ausgehändigt, ebenso das Essen. Auf Grund des rauen Tones, den sie anschlagen, vielleicht von mir mit der schlaflosen Nacht im Nacken auch zu stark empfunden, fühle ich mich (hier am Papier, nicht in natura) berechtigt, sie als Funktionshäftlinge zu bezeichnen. Doch das ist wahrscheinlich ein bisschen zu hart. [Es ist, im Nachhinein betrachtet, nicht nur zu hart; es ist schlichtweg falsch. Die Hausarbeiter verhielten sich kollegial und halfen, wo sie konnten.]
Ich lese für ein Referat über Palladios Villa Rotonda eine Schwarte von Arnold Hauser über den Manierismus an, da werde ich zum Arzt gerufen. Er prüft meinen Puls und Blutdruck. Meine Medikamente (ich musste sie bei meiner Ankunft, wegen der Möglichkeit mich mit ihnen aus dem irdischen Jammertal zu stehlen, abgeben) werden mir ab jetzt von den Beamten regelmäßig ausgehändigt. Beim Arzt lerne ich einen Menschen kennen, der, so sagt er zumindest, insgesamt 40.000 Euro Schuld absitzt. Bei einer maximalen Anhaltedauer von 6 Wochen innerhalb eines halben Jahres ist er hier jahrelang regelmäßig zu Gast. Kein Wunder, dass er sich ein Pulverl holt, um schlafen zu können. Vom Arzt werde ich einmal mehr gefragt, ob ich mich umbringen will. Nach ein paar Wochen hier wüsste ich möglicherweise die Antwort nicht sofort.
In der Zelle rennt permanent Ö3. Könnte man es nicht auf Anfrage abstellen, wäre das weiße Folter, später allerhöchstens erahnbar am leichten Zucken der Opfer beim Ertönen des Ö3-Jingles.
Ich lege mich bis zum Mittagessen ein bisschen hin.
Dann, um halb elf, kommt eine schöne Portion Champignonschnitzel mit Reis und Salat, zuvor Suppe. Anschließend gelingt es mir zum ersten Mal ein bisschen einzudösen. Nachdem ich wieder aufgewacht bin, geht Shorty in den Gefängnishof [das geht natürlich nicht immer, sondern nur zu bestimmten Zeiten und nennt sich Spazierengehen; siehe unten] und fragt mich, ob ich nicht mitkomme. Nein, ich komme nicht mit. Ich lese noch etwas im Hauser und formuliere den Predigtdienst für diese Woche.
Ich fühle mich nicht mehr ganz so fertig und beschließe, versöhnlich, die (auf Papier) geäußerte Feststellung, die Hausarbeiter wären Funktionshäftlinge, auf Papier wieder großzügig zurückzuziehen.
Endlich kann ich mit meiner Mutter telefonieren und sie bitten, mir ein paar T-Shirts und Boxershorts, sowie ein Badetuch und ein Duschgel, auch eine Packung Pfeifenfilter ins PAZ zu bringen.
Die Rückkehr Shorties markiert das Ende meiner ersten 24 Stunden in Unfreiheit.


zwei

„Tee?“
„Ja, bitte.“
Ich reiche dem Hausarbeiter eine PET-Flasche. Er befüllt sie mit einem Trichter.
„Hoppala, nicht gleich gefunden. Keine Haare um das Loch.“
„Wie?“
„Keine Haare um das Loch, deswegen habe ich es nicht gleich erwischen können.“
„Achso. Ja. Hohoho.“
Angesichts der hier allseits vorgebrachten genitalen Kalauer, mache ich eine Figur, die man, ist man mir gut gesinnt, als Ausdruck von Schüchternheit auslegen könnte. Die Frage ist natürlich: Ist man mir gut gesinnt?
Seit dem Weggang Hiasls ist es bedeutend sauberer in der Zelle geworden, auch geruchsneutraler. Das fällt auch dem Wachpersonal auf. Shorty möchte sich als Hausarbeiter melden, um in den ihm noch bevorstehenden 37 Tagen eine Beschäftigung zu haben, eine offene Zelle, dazu Fernseher, eine Uhr; hauptsächlich, glaube ich, eine Beschäftigung, denn es ist fad hier; das gehört wohl zur Strafe.
Ich liege Stunde um Stunde ruhig in meinem Bett und höre Ö3.
Meine Mutter hat mir gerade einen großen Nylonsack mit Ersatzwäsche, einem Kulturbeutel, einer Schachtel mit Pfeifenfiltern und einem Korb mit Nektarinen gebracht, auch Schlappen. Ja, das ist alles ein bisschen viel, aber gut: besser zu viel als, so wie ich gestern, zu wenig und unzureichendes Gepäck. Ich esse eine Nektarine und spüre so etwas wie ein inneres Ruhigerwerden und ein langsames Heimischwerden in diesem Betrieb. Ich weiß nicht, ob mir dieses Nichts-wollen-und-im-Bett-liegend-Radio-hören gefallen soll. Shorty macht sich bettfertig.
Meine Tabletten nehme ich erst kurz vor dem Schlafengehen.
Ich trage, winzig klein, auf einem abgerissenen Abziehbildchen über meinem Bett, die zukünftige Internetadresse dieses Tagebuchs (oder was immer das ist) ein.
Der Beamte, der mir die Tabletten gebracht hat, ein berufsbedingtens Rauhbein, ruft mich über die Sprechanlage. Er nennt mich Plantëu, nicht Plantoi. Das schaffen auf der Uni manche meiner Professoren noch nach zehn Jahren nicht. Plantëu, Plantëu, Plantëu. Schön.
Nachdem ich meine Tabletten eingeworfen habe, schlafe ich wohlig ein. Draußen ist es noch hellster Tag. Vor der Zeit schlafen zu gehen rächt sich erfahrungsgemäß immer. Ich mache die Augen auf und nehme Dämmerlicht wahr. Zuerst halte ich den Morgen für gerade anbrechend. Doch das Radio, Shorty hatte es wieder eingeschaltet, da er, so sagt er, ohne Radio nicht einmal schlafen, geschweige denn den Rest des Tages im Wachzustand überstehen könnte (weil ihm fad ist), dudelt munter vor sich hin und verkündet, dass es gerade 22 Uhr geworden ist. Ich bin, na klar doch, hellwach und bin dennoch gezwungen, mir im Finstern die unglaublich blöde Sendung von Gerda Rogers anzuhören, kann in der Zelle kein Licht einschalten, weil Shorty (er war klüger als ich und ist ein paar Stunden nach mir schlafen gegangen) wohlig vor sich hin schnarcht und ich ihn nicht aufwecken will.
Nach einiger Zeit, es ist inzwischen halb eins, kommt mir die zündende Idee: ich wandere mitsamt einem Sitzhocker, der mir als Schreibpult dient, mit meinem Notizbuch, mit Kugelschreiber und mit einer Reclam-Ausgabe von Kants Kritik der reinen Vernunft auf die von der restlichen Zelle durch eine Wand getrennte Toilette aus.
Es ist ja nicht so, als würde es mir weh tun, den Rest der Nacht im Bett zu liegen und Radio zu hören, doch ich spüre irgend einen Zusammenhang zwischen einem eigenartigen mollig-warmen und pflanzenhaften Gefühl wenn man stundenlang nichts tut und dem Freiheitsentzug, der unsere Strafe hier ist. Dieses Nichtstun: es war bisher in dieser reinen Form, in dieser Pflanzenhaftigkeit, für mich nicht vorstellbar. Es hat etwas Süßes, das mag sein, doch es ist gleichzeitig etwas, man verstehe das Wort buchstäblich und nicht in Hinblick auf die Grauslichkeiten, die mit ihm normalerweise bezeichnet werden, Entmenschlichendes. Es nimmt die Freiheit, dieses eigenartige Glück. Die Dialektik von Glück und Freiheit ist ja schon seit längerer Zeit ein wichtiges Thema für mich. Ich frage mich: Übertreibe ich bei diesen Sätzen?
Eines steht fest: die Zeit hier ist für mich [bis zu diesem Zeitpunkt] schrecklich. Für andere ist sie dies vielleicht nicht. Das hier wirkt auf mich alles sehr bürokratisch, nicht böse, nicht grausam, aber inhuman. Die Grausamkeit wäre im totalitären Staat, der seine vermeintlichen und wirklichen Gegner einsperrt, Kür, nicht Pflicht.
Im Laufe der Nacht schlafe ich ein [nicht am Klo] und wache, merkwürdig gut drauf, so gegen sechs in der Früh auf.
Heute ist es Malzkaffee statt Tee. Man stellt sich in der Früh an und befüllt ein oder zwei PET-Flaschen mit den beiden hervorragend schmeckenden Heißgetränken. Der Kaffee schmeckt nach Kindheit.
Ich gehe heute duschen. Mit dem Duschen hinter schwedischen Gardinen, selbst in der lite-Version wie hier, ist es so eine Sache. Mir ist natürlich rational vollkommen klar, dass meine, durch urbane Legenden und US-amerikanisches Fernsehen geschürten, Bedenken ziemlich haltlos sind, trotzdem bleibt ein eigenartiges Gefühl. (Als Hiasl mich, unter anderem, darüber informiert, wie das Duschen hier gehandhabt wird, sagt er plötzlich unvermittelt: „Man muss aber nicht duschen, wenn man nicht will“, was mich, angesichts meiner Vermutung, er spüre etwas von meiner Unruhe, peinlich berührt.)
Wie dem auch sei: so gegen halb neun werden Shorty und ich zum Duschen gerufen, von der Nachbarzelle schließt sich uns einer an (das PAZ ist zur Zeit schwach belegt). Der Duschraum ist im Keller. Die einzelnen Duschen sind durch eine Wand getrennt. Es gibt keine Möglichkeit, Kalt- und Heißwasser zu mischen, also verbrühen wir drei uns erst einmal. Irgendwann wird die Temperatur des Wassers passabel. So eine warme Dusche ist wirklich Gold wert, ist etwas, das man im Alltag gar nicht zu schätzen weiß. Als ich aus der Dusche steige, mich abtrockne und mir im Vorraum, in dem wir uns entkleidet haben, die Zähne putze, stinke ich plötzlich gar nicht mehr.
Dann gehen wir in unsere Zellen zurück, wo ich mir beim Schnapsen gegen Shorty zwei Bummerln einfange und mich, Pfeife rauchend, ins Bett lege.
Heute gibt es Chilli con Carne mit Reis und grünen Bohnen als Salat.
Kurz vor dem Mittagessen bekommen Shorty und ich Verstärkung.
Prax ist, trotz seinen erst dreißig Jahren, ein Veteran. Ich höre gespannt seinen Anekdoten über den „richtigen Häfn“ zu, den er mehrmals von innen gesehen hat [und nicht als Besucher]. Er wirkt mit seiner Skaterkleidung bei Weitem jünger als dreißig. Er erzählt uns über seine Drogenkarriere in Klagenfurt. Wir haben gemeinsame Bekannte, von deren Drogenproblem ich weiß. Ich weiß auch von einer Szene in Klagenfurt. Trotzdem ist es irgendwie schockierend [und faszinierend] dieses Thema sozusagen aus erster Hand geschildert zu bekommen. Prax ist gierig nach Tabletten und ich habe den Eindruck, sein Leben dreht sich in der Hauptsache um Gift. Ich finde ihn ganz eigenartig interessant und hänge an seinen Lippen. Er bezieht das Bett über Shorty.
Anekdote über Anekdote [ich gebe sie natürlich nicht hier wieder] wird von Prax erzählt. Was wahr ist? Ich habe keine Ahnung. Was erlogen ist, ist gut erlogen.
Shorty und Prax spielen eine Partie Schnapsen. Wir wollen ein Schachbrett organisieren.


drei

Ich mache heute den „Spaziergang“ im Innenhof mit. Am Anfang kommt mir das sture im Kreis gehen ja ziemlich blöde vor, doch dann merke ich, dass mir die Bewegung wirklich gut tut. [Im Spazierhof kam ich mir während dieser Tage übrigens am stärksten wie im Gefängnis vor.] Prax und ein Anderer spielen Tischtennis, während Shorty mit mir zusammen im Kreis läuft. Dazwischen lese ich etwas in Kants Kritik der reinen Vernunft und versuche mir einzureden, dass ich das Gelesene verstehe.
Nachdem die zwei afghanischen Schubhäftlinge, die zusammen mit uns im Hof sind, gegangen sind (sie haben pro Tag wohl nur die Möglichkeit zu einer Stunde „Spaziergang“, wir haben zwei Stunden), kommen wir vier ein bisschen ins Gespräch.
Der Andere (also der, der mit Prax Tischtennis gespielt hat) war mit uns heute auch schon duschen. Er logiert seit gestern Abend alleine in seiner Zelle, wofür ich ihn, ehrlich gesagt, beneide.
Der Andere ist Pizzafahrer, hat das volle Programm (also 42 Tage am Stück) ausgefasst. Er ließ sich nicht so leicht von der Polizei erwischen, hatte seine Ersatzfreiheitsstrafe schon anderthalb Monate offen, bevor man ihn verhaftete und er sie letztendlich antreten musste.
Ich erfahre im Laufe des erwähnten Vierergespräches, dass das Gefangenenhaus in der Purtscherstraße [vielleicht jedes Gefangenenhaus in Österreich] „Landl“ bei seinen Insassen heißt, dass dort manches besser, manches schlechter ist als hier und ich erfahre einiges über Tricks, seine Enthaftung zu erzwingen. Prax bestätigt meine Annahme, dass es im „Landl“ zwar insgesamt härter zugeht, aber das System im Grunde ganz ähnlich wie hier funktioniert. Wo der Andere und Prax ganz sicher nicht hin wollen, sind die diversen Ausnüchterungszellen in Klagenfurt und anderswo. Das sei, so sagt man, eine ganz eigene Kategorie. Man wende beispielsweise den psychischen Druck, der beim Aufenthalt in diesem ständig von der Neonsonne beschienenen, fensterlosen [in Wirklichkeit gibt es Fenster, aber durch die dringt kein Licht] Raum, in dem man auf gleichem Bodenniveau schlafe (auf einer Art Turnmatte aus reinigungsfreundlichem Latex) und scheiße (in ein italienisches Klo), entsteht, an, um Verdächtige vor und zwischen den Verhören durch die Kripo mürbe zu machen. Dass einem dort Gürtel und Schuhbänder abgenommen werden und man Wasser und Nahrung nur im weichen Plastikschälchen (man vergleicht es im Gespräch mit einem Hundenapf) erhält, war mir, mehr oder weniger, vorher schon bekannt.
Inzwischen regnet es Kindsköpfe und wir haben keinen Bock mehr auf den Spaziergang. Der Andere hat inzwischen Besuch bekommen, so ist uns zu dritt fad im Hof und wir sind froh, dass wir nach zwei Stunden wieder in die Zelle kommen.
Wir bemerken, dass es momentan nur insgesamt sieben Häftlinge im Haus gibt, die eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen.
„Guten Morgen!“
Es ist sechs Uhr in der Früh und ich habe heute das erste Mal beinahe durch geschlafen. Ich merke, dass ich mich hier immer mehr eingewöhne und bin mir nicht sicher, ob mir das gefallen soll. Der Vergleich vom zweiten Tag mit der Pflanze, zu der man, so mein Verdacht, langsam wird, gilt noch immer.
Prax ist auf Substitution. Er ist von draußen gewöhnt, das Ersatzmedikament jeden Morgen um 8 Uhr früh zu erhalten. Der Arzt – und nur der Arzt darf das Zeug ausgeben – kommt immer erst gegen Mittag. Das führt zu dicker Luft. Prax fragt oft nach, wann denn jetzt endlich der Arzt kommt. Der Beamte sagt: „Wenn du noch öfter nachfragst, dann kommt er zu dir gar nicht“. Prax fragt noch öfters nach. Sollte er wirklich nichts bekommen, will er seine Enthaftung veranlassen. Und wie? Nun, angeblich sind Häftlinge nicht oder nur unzureichend versichert. Ob das nun stimmt oder nicht, wage ich nicht zu beurteilen. [Es stimmt wohl nicht, oder nicht mehr.] Wie dem auch sei: bricht man sich den Finger [beispielsweise indem man aus dem Bett fällt] wird man in der Regel enthaftet, sagt Prax. Ich glaube, er wird sein Medikament schon bekommen.
Shorty erzählt mir, dass er sich gestern, als ich schlief, meinen Kant angeschaut hat. Er kann diesem Text keinen Sinn abgewinnen. Ich versuche ihm zu erklären, dass Kant ein ganz Großer ist, der aber schon vor über 200 Jahren gelebt hat und dass seine Sprache deswegen ein bisschen antiquiert ist. Doch jetzt einmal ehrlich, würde mich nicht angelernter Respekt vor dem großen Denker davon abhalten, wäre die Kritik der reinen Vernunft von mir schon längst in die Ecke geworfen worden.
Prax ist gestern Mittag zu uns in unsere Zelle gekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sein Heroin-Ersatzmedikament bereits, wie jeden Morgen, aus der Apotheke geholt und unverzüglich geschluckt. Da der Arzt hier erst zu Mittag kommt und nur der Arzt diese Tabletten ausgeben darf, wird Prax immer unruhiger und verhält sich zusehens eigenartiger. Er hat ja inzwischen einen geprellten und stark angeschwollenen Finger an der rechten Hand. Man frage nicht, wie er dazu gekommen ist, in den Protokollen der Polizei steht, er wäre vom Stockbett auf den Tisch gestürzt – ein tragischer Unfall. Er ruft die Wachen, man soll ihn doch bitte zum Arzt bringen, sein Finger tue höllisch weh. Man gibt ihm eine Salbe und vertröstet ihn auf Mittag. Sein Körper schreit nach dem Gift, soviel ist sicher. Es steht ihm ja auch rechtens zu. Er zittert, er sagt nichts mehr, schimpft nur noch, er isst nicht zu Mittag, er will nur noch erzwingen, dem Arzt vorgeführt zu werden. Das wird er auch und zwar, wie von den Beamten von Anfang an angekündigt, zu Mittag gegen halb zwölf. Irgendwie gibt es wohl ein Kommunikationsproblem bei seinem Antritt. Anscheinend, so zumindest glaube ich, ist dem Wachpersonal gar nicht bewusst, dass er süchtig nach Beruhigungsmitteln und Opiaten oder ihren synthetischen Entsprechungen ist und deswegen zum Arzt will. Wie dem auch sei: als er nach einer guten halben Stunde vom Arzt wieder zurück in der Zelle ist, wirkt er bedeutend entspannter, entschuldigt sich bei mir sogar im Laufe des folgenden Gespräches für sein (übrigens wirklich befremdliches, irritierendes und nervtötendes) Verhalten während der letzten Stunden. Sein Finger ist noch immer angeschwollen.
[Hier habe ich vergessen aufzuschreiben, dass Prax bald darauf ins Klinikum ausgeführt wird. Dort erhält er eine Schiene; ist nach knapp zwei Stunden wieder in der Zelle.] Shorty ist inzwischen im Laufe des Vormittages zum Hausarbeiter „befördert“ worden. Er bringt uns jetzt das Essen, Besen und Bodenfetzen, mit denen wir jeden Tag die Zelle reinigen, hat in seiner Zelle nun Strom und Fernsehen, offene Türen. Andererseits muss er aber auch eine Menge unangenehmer Tätigkeiten verrichten; unter Anderem die Ausnüchterungszellen putzen.
Ich führe ein längeres Gespräch mit Prax, wie übrigens schon mehrmals zuvor, über das Leben im Gefängnis, seine Freunde drinnen und draußen und über die ausgemachte Dummheit des Verbrechens des Raubes (als Taxler kann ich mir keine größere Dummheit vorstellen, als einen Taxifahrer auszurauben; ich kenne die Beträge, die Taxifahrer in der Brieftasche mitführen, sie werden außerdem noch kontinuierlich kleiner).
Ich glaube wir verstehen uns, obwohl er doch eigentlich ein „schwerer Junge“ [im Nachhinein vielleicht eher ein Kleinkrimineller] war und wahrscheinlich auch noch ist. Dann merke ich, wie ihn das Gift langsam übermannt. Ich lasse ihn schlafen, lege mich aufs Bett, rauche eine Pfeife, schreibe. Eigentlich ist das heute ein schöner Tag.


vier

Noch einmal schlafen gehen und dann kommt die Aufschließfee. [Ein schönes Beispiel dafür, dass schlechte sprachliche Bilder durch ihre Ironisierung nicht unbedingt besser werden.]
Es gibt absolut leckere Gewürzgurken und Leberkäse zum Abendessen. Wir trinken Tee und Kaffee und reden ein bisschen miteinander. Prax zeichnet mir einen Plan vom Gefangenenhaus Klagenfurt, erzählt etwas über die von ihm begangene Körperverletzung, die ihn für ein Jahr und acht Monate hinter Schloss und Riegel brachte; Messer und Tschetschenen.
Wir hoffen auf ein Schachbrett; die Hausarbeiter werden darum gebeten. Ich lese Ödön von Horváths Jugend ohne Gott in einem Zug durch. Ich habe das Buch schon vor einem guten Jahr angelesen, es aber dann verloren. Das ist ein wirklich guter Text. Ein wichtiges literarisches Werk zum Verständnis der Verhältnisse im aufkommenden Totalitarismus; also gerade für meine Schnuppertage eine passende Lektüre.
Ich schlafe hervorragend. Es ist etwas kalt.
Ich wache auf und bekomme gleich von Prax einen Kaffee ausgehändigt. In weiterer Folge entspinnt sich ein Gespräch (wobei hauptsächlich Prax aus seinem reichen Erfahrungsschatz erzählt) und hält an bis zum Frühstück.
Wir frühstücken und reinigen die Zelle. Heute wird wieder geduscht. Der Typ, den ich am ersten Tag beim Arzt getroffen habe (der mit den 40.000 Euro Schulden) ist heute beim Duschen dabei, auch sein Zellengenosse. Das Wasser ist diesmal weit angenehmer als vorgestern. Prax hat eine Schiene an der Hand.
Das Essen kommt. Prax bekommt vor der Einnahme seiner Tabs, so sagt er, keinen Bissen hinunter. Der Arzt kommt wie immer erst später. Prax, der heute bei weitem besser drauf ist als gestern um diese Zeit (die Wirkung der „Substi“, wie er sagt, hält 24 Stunden an), isst ein paar Bissen, kotzt dann.
Ich verspreche ihm, von draußen Schlappen vorbei zu bringen, meine will ich ihm nicht hier lassen.
Noch 12 Stunden und ich habe meine Schnuppertage hinter mich gebracht.
Der Prax ist echt heftig. Er erzählt mir von Dingen, die nicht verschriftlicht werden sollten. Auch von Gemeinheiten gegen seine Freunde und Bekannten. Ich hoffe, dass er mich nicht einmal so verarscht, wenn wir uns draußen öfter mal treffen. Ich habe offen ausgesprochen, dass ich keine Angst vor ihm habe; nur, dass wir beide es auch wissen. [Er erzählte dauernd, dass die Leute Respekt vor ihm haben, dass er weiß sich durchzusetzen, dass er Neuankömmlinge im Häfn unter Druck setzte, ihnen seinen Willen aufzwang usw. In diesem Sinne sind auch die folgenden Sätze über Autorität zu verstehen.] Ich empfinde ihn übrigens wirklich, wenn schon nicht als ganz unproblematisch im Umgang, so doch als nicht bedrohlich.
Er hat mehrmals gesagt, dass er sich Gedanken darüber macht, wer als nächstes hier reinkommt.
Irgendwann gestern sagt er, er hätte ein Problem mit Autorität. Echt? So ein Blödsinn! In weiteren Gesprächen merke ich, dass er, im Gegenteil (vielleicht wie die meisten Kriminellen) ein Anbeter der Macht ist. Er spürt Stärke und Schwäche am Menschen und identifiziert damit gesellschaftliches Oben und Unten, wenn auch nur in einem begrenzten Umfeld wie im Häfn. Ernst Jünger schreibt im Waldgang, dass der aufkommende Totalitarismus sich des Kriminellen zur Sicherung der Herrschaft bedient (die Nazis, zum Beispiel, taten es ausgiebig vermittels ihres „Häftlings-Selbstverwaltungs“-Systems in ihren Konzentrationslagern). Das ist wohl ganz grundsätzlich wahr. Der Kriminelle ist also ganz sicher niemals Anarchist in dem Sinne, wie ich ihn verstehe. Es gelingt mir nicht, Prax diese Überlegungen mitzuteilen. Er erzählt weiter von sich, auch wenn ich, nicht ganz ohne eitle Hintergedanken, von Zeit zu Zeit versuche, dass Gespräch in diese Richtung zu lenken. Gut, höre ich halt zu.
So gegen halb zwölf bekommen wir Verstärkung. Der Elvis aus der grünen Mark, ein ziemlich cooler Typ, so mein erster Eindruck, sitzt sechs Tage und ein paar Stunden. Das ist allerdings nur ein Drittel seiner Strafe. Er macht eine Therapie in Kärnten und möchte diese nicht unterbrechen. So kommt er eben nach einer Zeit wieder und sitzt den Rest ab. Er wird mein Bett übernehmen.
Elvis arbeitet als Busfahrer in Graz und ist gerade auf Reha auf der Flattnitz. Prax erzählt ihm die selben Geschichten wie mir.
Irgendwie vergeht die Zeit nicht. Ich möchte langsam heim.
Zum Altgriechisch-Lernen bin ich leider die ganzen vier Tage nicht gekommen.
Wir lachen über den möchtegern-Nihilisten-Spruch „Lebe für nichts oder sterbe für etwas“. Coole Typen müssen das gewesen sein, die das auf das Metallbett gekritzelt haben. Obwohl: genauer betrachtet ist der Spruch, wenn auch all zu plakativ formuliert, ein interessantes Rezept, sich nicht von der Welt für ein positives Konzept, das immer ein Konzept der Herrschaft ist, vor den Karren spannen zu lassen, also zum Teil des Problems zu werden, das einen (mich) selbst betrifft, sondern zu wissen, wofür oder wogegen man untergeht. Keine Ahnung, ob diese Formulierung stimmig ist. Der Spruch ist trotzdem schlecht. [Darüber hinaus wäre in weiterer Folge zu erforschen, inwieweit die Geisteshaltung, die hinter diesem trotzig-infantilen Spruch steckt und meine anarchistische Gesinnung sich decken. Wenn sie sich in bestimmten Punkten decken, wäre herauszufinden, was sie unterscheidet. Denn die Betonung dieses Unterschiedes könnte meine Argumentation auf sicheren Boden stellen.]
Ich wasche mein Besteck und meinen Becher einmal gründlich mit Seife.
Beim heutigen Spazieren kamen wir auf einen lustigen Lavanttaler zu sprechen. Er leidet wohl an irgend einer paranoiden Persönlichkeitsstörung. Wie soll man es beschreiben? Vielleicht so: er sagt, er habe den Begriff „maulen“ erfunden – nun – das könnte stimmen. Wir haben alle herzlich gelacht. Doch seine Zimmergenossen sind nicht zu beneiden. Nach knapp einer Stunde gehen Elvis und ich wieder in die Zelle. Eine Stunde Spazieren gehen tut zwar verdammt gut, mehr ist aber wirklich nicht nötig.
Es wird regnen, glaube ich. Hoffentlich nicht dann, wenn ich mit meinem Rad nach Hause fahre. Warten.
Ja, klar, es gewittert. Mir ist zunehmend fader. [Man merkt es, wenn man den Text liest, denke ich.]
Wir spielen noch eine Partie Würfelpoker zu dritt und brüllen vor Lachen, wenn die Sprache auf den Mauler der Nebenzelle kommt. Der klopft übrigens permanent an die Wände seiner Zelle, der Idiot.
Kurz nach 19 Uhr teilt mir ein Beamter mit, dass ich um 22 Uhr entlassen werde und ich mich bereithalten soll.
Nach drei Stunden, die langsam, langsam vergehen, nachdem ich mein Bett abgezogen, meine Sachen zusammengepackt habe, entschieden habe, was ich meinen Kollegen da lasse, sperrt ein Beamter um dreiviertel zehn die Tür auf (das Klicken zum letzten Mal) und nimmt mich mit. Mir werden unten alle meine persönlichen Sachen, die ich bei meiner Ankunft abgeben musste, wieder ausgehändigt. Ich quittiere.
Um Punkt (aber genau um Punkt) zehn Uhr öffnet mir ein Beamter die ersten zwei Eingangstüren, begleitet mich über einen großen Hof und öffnet mir das ungastliche Eisentor, das mir bei strömendem Regen weit ungastlicher vorkam. Ich fürchte, dass mein Rad gestohlen wurde, doch es ist noch da. Ich entsperre es, steige auf, fahre nach Hause. Die Nacht ist kühl. Ich bin um eine Erfahrung reicher.


Schluss

Was hier in den letzten vier Tagen entstanden ist, ist ein hastiger, fast in Echtzeit notierter Tatsachenbericht mit Beifügungen, meine persönliche Weltsicht und ihr Hineinwirken in meine hier gemachten Erfahrungen betreffend. [Das „hier“ des letzten Satzes ist durchaus räumlich zu verstehen, ich habe diesen letzten Absatz noch im PAZ geschrieben.] Diese Tage waren eine neue, auch eine interessante Erfahrung. Doch diese Erfahrung wiederholen zu wollen, liegt mir fern. Es ist nicht gerade angenehm hier. Die ersten zwei Tage über war es geradezu unangenehm. Es sind die Banalitäten, auch die Dinge, die ich schon vorher wusste, die mich hier erst einmal fast erschlugen. Sie alle haben zu tun mit der Grundlage dessen, was dieses Haus von einem schlechten Hotel unterscheidet: dem Freiheitsentzug.
Die Tür ist verschlossen, das Wachpersonal ist immer korrekt, selten freundlich, die Fenster sind vergittert und sie sind so angelegt, dass der Blick nach draußen erschwert wird, man kann sich nicht jeden Tag duschen usw. Das alles war mir mehr oder weniger klar, als ich mich freiwillig zur Ersatzfreiheitsstrafe meldete. Doch über diese Banalitäten hinaus belastet einen wenig (wenn man nicht andere Probleme hat wie z.B. Prax, der die Anfänge eines kalten Entzuges durchmachen musste, als er sein Gift nicht bekam).
Die Strafe ist der Freiheitsentzug. Er belastet gerade die Menschen, die zur Auflehnung im sich entwickelnden Totalitarismus neigen werden müssen; Menschen wie mich.
Diese vier Tage hatten etwas von Freiheitsentzug spielen. Ein Spiel also. – Ein Vorspiel?


  1. Downloads: Lynx (Text only Browser for Windows) |
  2. NVDA Screenreader


Valid HTML CSS ist valide! qualidator.com Viewable With Any Browser
| Besucher: 1405


Impressum: Verantwortlich für Inhalt, Konzeption und Realisierung des Onlineportals: Christian Albert Planteu. St. Veiterstraße 71. 9020 Klagenfurt.
Gewährleistung: Wir bemühen uns um möglichst korrekte und aktuelle Information. Trotzdem können Fehler auftreten. Die Inhalte wurden sorgfältig erarbeitet. Dennoch übernehmen Autoren und Herausgeber keine Gewähr und Haftung für die Richtigkeit, Zuverlässigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Information. Die Verwendung der Website und der darin enthaltenen Informationen erfolgt auf eigene Gefahr. Änderungen können jederzeit vorgenommen werden.