Der anarcho-konservativ-nihilistische Predigtdienst

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  1. Sonntage im Jahreskreis:
    1. Lesejahr A |
    2. Lesejahr B |
    3. Lesejahr C
  2. Weihnachtsfestkreis:
    1. Lesejahr A |
    2. Lesejahr B |
    3. Lesejahr C |
    4. Die wichtigsten Feste |
  3. Osterfestkreis:
    1. Lesejahr A |
    2. Lesejahr B |
    3. Lesejahr C |
    4. Die wichtigsten Feste |
  4. Sonstige Feste


  1. Das Gebet
  2. Zum aktuellsten Kommentar
  3. Man ist selten originell, man ist meist ungebildet

Jahreskreis (Lesejahr A)

  1. Taufe des Herrn (Lesejahr A)/Mt. 3;13-17
  2. 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Joh. 1;29-34
  3. 3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 4;12-23
  4. 4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 5;1-12
  5. 5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 5;13-16
  6. 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 5;17-37
  7. 7. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 5;38-48
  8. 8. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt.6;24-34
  9. Pfingstsonntag (Lesejahr A)/Joh. 20;19-23
  10. Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr A)/Joh. 3;16-18
  11. 12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 10;26-33
  12. 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 10;37-42
  13. 14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 11;25-30
  14. 15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 13;1-23
  15. 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 13;24-43
  16. 17. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 13;44-52
  17. 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 14;13-22
  18. 19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 14; 22-33
  19. 20. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 15;21-28
  20. 21. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 16;13-20
  21. 22. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 16;21-27
  22. 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 18;15-20
  23. 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 18;21-35
  24. 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 20;1-16
  25. 26. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 21;28-32
  26. 27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 21;33-43
  27. 28. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 22;1-14
  28. 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 22;15-21
  29. 30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 22;34-40
  30. 31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 23;1-12[39]
  31. 32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 25;1-13
  32. 33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 25;14-30
  33. Christkönigssonntag (Lesejahr A)/Mt. 25; 31-46

Jahreskreis (Lesejahr B)

  1. Taufe des Herrn (Lesejahr B)/Mk. 1;7-11[12]
  2. 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 1;35-42
  3. 3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 1;14-20
  4. 4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 1;21-28
  5. 5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 1;29-39
  6. 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 1;40-45
  7. 7. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 2;1-12
  8. Pfingstsonntag (Lesejahr B)/Joh. 15;26-27 u. 16;[4b-11]12-15
  9. Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr B)/Mt. 28;16-20
  10. 10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 3;20-35
  11. 11. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 4;26-34
  12. 12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 4;35-41
  13. 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 5;21-43
  14. 14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 6;1-5
  15. 15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 6;7-13
  16. 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 6;30-34
  17. 17. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;1-15
  18. 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;24-35
  19. 19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;41-51
  20. 20. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;51-58
  21. 21. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;60-69
  22. 22. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 7;1-8 u. 14-15 u. 21-23
  23. 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 7;31-37
  24. 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 8;27-35
  25. 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 9;30-37
  26. 26. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 9;38-43, 45 u. 47-48
  27. 27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 10;2-16
  28. 28. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 10;17-30
  29. 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 10;35-45
  30. 30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 10;46-52
  31. 31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 12;28b-34
  32. 32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 12;38-44
  33. 33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 13;24-32
  34. Christkönigssonntag (Lesejahr B)/Joh. 18;33b-37

Jahreskreis (Lesejahr C)

  1. Taufe des Herrn (Lesejahr C)/Lk. 3;15-16 u. 21-22
  2. 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Joh. 2;1-11
  3. 3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 1;1-4 u. 4;14-21
  4. 4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 4;21-30
  5. 5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C/Lk. 5;1-11
  6. Pfingstsonntag (Lesejahr C)/Joh. 14;15-16[17] u. 14;[22]23b-26
  7. Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr C)/Joh. 16;12-15
  8. 9. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 7;1-10
  9. 10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 7;11-17
  10. 11. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 7;36-50 u. 8;1-3
  11. 12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 9;18-24
  12. 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 9;51-62
  13. 14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 10;1-12 u. 17-20
  14. 15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 10;25-37
  15. 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 10;38-42
  16. 17. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 11;1-13
  17. 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 12;13-21
  18. 19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 12;32-48
  19. 20. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 12;49-53
  20. 21. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 13;22-30
  21. 22. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 14;1 u. 7-14
  22. 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 14;25-33
  23. 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 15;1-32
  24. 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 16;1-13
  25. 26. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 16;19-31
  26. 27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 17;5-10
  27. 28. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 17;11-19
  28. 29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 18;1-8
  29. 30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 18;9-14
  30. 31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 19;1-10
  31. 32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 20;27-38
  32. 33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 21;5-19
  33. Christkönigssonntag (Lesejahr C)/Lk. 23;35-43

Weihnachtsfestkreis (Lesejahr A)

  1. 1. Adventsonntag (Lesejahr A)/Mt. 24;37-44
  2. 2. Adventsonntag (Lesejahr A)/Mt. 3;1-12
  3. 3. Adventsonntag (Lesejahr A)/Mt.11;2-11
  4. 4. Adventsonntag (Lesejahr A)/Mt. 1;18-24
  5. Fest der Heiligen Familie (Lesejahr A)/Mt. 2;13-15 u. 19-23

Weihnachtsfestkreis (Lesejahr B)

  1. 1. Adventsonntag (Lesejahr B)/Mk. 13;33-37
  2. 2. Adventsonntag (Lesejahr B)/Mk. 1;1-8
  3. 3. Adventsonntag (Lesejahr B)/Joh. 1;6-8 u. 19-28
  4. 4. Adventsonntag (Lesejahr B)/Lk. 1;26-38
  5. Fest der Heiligen Familie (Lesejahr B)/Lk. 2;22-40

Weihnachtsfestkreis (Lesejahr C)

  1. 1. Adventsonntag (Lesejahr C)/Lk. 21;25-28 u. 34-36
  2. 2. Adventsonntag (Lesejahr C)/Lk. 3;1-6
  3. 3. Adventsonntag (Lesejahr C)/Lk. 3;10-18
  4. 4. Adventsonntag (Lesejahr C)/Lk. 1;39-45
  5. Fest der Heiligen Familie (Lesejahr C)/Lk. 2;41-52

Weihnachtsfestkreis (Die wichtigsten Feste)

  1. Heiliger Abend/Lk. 2;1-14
  2. Geburt des Herrn/Joh. 1;1-18
  3. Fest des Hl. Stephanus/Mt. 10;[16]17-22
  4. Epiphanie/Mt. 2;1-12

Osterfestkreis (Lesejahr A)

  1. 1. Fastensonntag (Lesejahr A)/Mt. 4;1-11
  2. 2. Fastensonntag (Lesejahr A)/Mt. 17;1-9
  3. 3. Fastensonntag (Lesejahr A)/Joh. 4;5-42
  4. 4. Fastensonntag (Lesejahr A)/Joh. 9;1-41
  5. 5. Fastensonntag (Lesejahr A)/Joh. 11;1-45
  6. Palmsonntag (Lesejahr A)/Mt. 26;14-75 sowie 27;1-30 u. 32-66 (Passionsgeschichte nach Matthäus)
  7. 3. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Lk. 24;13-35
  8. 4. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Joh. 10;1-10
  9. 5. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Joh. 14;1-12
  10. 6. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Joh. 14;15-21
  11. 7. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Joh. 17;1-11a

Osterfestkreis (Lesejahr B)

  1. 1. Fastensonntag (Lesejahr B)/Mk. 1;12-15
  2. 2. Fastensonntag (Lesejahr B)/Mk. 9;2-10
  3. 3. Fastensonntag (Lesejahr B)/Joh. 2;13-25
  4. 4. Fastensonntag (Lesejahr B)/Joh. 3;14-21
  5. 5. Fastensonntag (Lesejahr B)/Joh. 12;20-33
  6. Palmsonntag (Lesejahr B)/Mk. 14;1-72 und 15;1-47 (Passionsgeschichte nach Markus)
  7. 3. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Lk. 24;35-48
  8. 4. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Joh. 10;11-18
  9. 5. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Joh. 15;1-8
  10. 6. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Joh. 15;9-17
  11. 7. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Joh. 11;[9]11b-19

Osterfestkreis (Lesejahr C)

  1. 1. Fastensonntag (Lesejahr C)/Lk. 4;1-13
  2. 2. Fastensonntag (Lesejahr C)/Lk. 9;28b-36
  3. 3. Fastensonntag (Lesejahr C)/Lk. 13;1-9
  4. 4. Fastensonntag (Lesejahr C)/Lk. 15;1-3 u. 11-32
  5. 5. Fastensonntag (Lesejahr C)/Joh. 8;1-11
  6. Palmsonntag (Lesejahr C)/Lk. 22;14-71 und 23;1-56 (Passionsgeschichte nach Lukas)
  7. 3. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 21;1-19
  8. 4. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 10;27-30
  9. 5. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 13;31-33a u. 34-35
  10. 6. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 14;23-29
  11. 7. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 17;20-26

Osterfestkreis (Die wichtigsten Feste)

  1. Gründonnerstag/Joh. 13;1-15
  2. Karfreitag/Joh. 18;1-40 und 19;1-42
  3. Weißer Sonntag/Joh. 20;19-31

Sonstige Feste

  1. Hochfest der Geburt Johannes des Täufers (24. Juni)/Lk. 1; 57-66 und 80

Gebet

Ein Ding, das, unbewegt, die Welt zum Tanzen bringt
Ist auch der Auserwählten Red' vom einen Gott
So sei dies Werk, das ich aus Not dir nur erbot
Erkannt als Bannung uns'res Hier, die es bezwingt

Bezwingen soll, zum Mindesten. Doch sei es d'rum
Ein Dank, ein Bitten, das gebühret dir, selbst wenn
Bezüglich uns'res Hier du außer mir bleibst stumm:

Ein Dank dafür, dass ich durch dich mich selbst erkenn'
Ein Bitten auch, dass mich kein Irrtum treibe um
Du seist verehrt, wenn ich durch dich mich selbst benenn'


26. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 21;28-32

Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!
Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht.
Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging doch.
Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.
Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.

+ + +

Dass den der Wirklichkeit und dem Leben zugewandten Menschen auf Grund ihres Mensch-Seins auch ein Quantum Priesterlichkeit eignet, ist hier im Predigtdienst ein alter Hut.
Da das heutige Kommentar zugleich das letzte ist, kann ich an dieser Stelle auf einige der in den letzten drei Jahren im Rahmen dieses Projektes entstandenen Texte verweisen, die genau diese latente Priesterlichkeit in allen Wirklichkeitsmenschen zum Thema haben: so z.B. das Kommentar zum Gleichnis vom verlorenen Sohn, das zur Begebenheit mit der samaritischen Frau oder das zum Aufeinandertreffen Jesu mit der kanaanäischen Frau.

Im Hinblick auf die jederzeit und durch die unterschiedlichsten Anlässe mögliche Aktivierung des priesterlichen Anteils auch in der bewusstlosen Taktexistenz – um den Bogen zu Spengler – im schönen Tier, im glücklichen von Ohngefähr, in der unschuldigen „blonden Bestie“ – um den Bogen zu Nietzsche zu schließen, können im Anschluss an den heutigen Evangeliumstext zwei für das im Predigtdienst errichtete Gedankengebäude zentrale Gedanken (ein weiteres Mal) formuliert werden:

Erstens: Der priesterliche Anteil tritt im Menschen – und nur in ihm – zur allumfassenden, formlosen und ungesonderten Wirklichkeit hinzu, will darüber hinaus ihre Totalität überwinden, will sie zähmen, und konstituiert damit exklusiv den Menschen.
Es soll im letzten Kommentar des Predigtdienstes nochmals gesagt werden: Das ist meine Anthropologie.
Von ihr ausgehend betrachte und beurteile ich – und betrachtest und beurteilst du mit mir, lieber Leser – das Sein.

Aus dem oben Gesagten ergibt sich aber zweitens eine Direktive für das Verhalten derjenigen Menschen, die einer großen Dosis priesterlicher Wirklichkeitsverneinung bedürfen.
Wie der Inhalt meiner Anthropologie unzählige Male und in den verschiedensten Variationen im Laufe der letzten drei Jahre im Rahmen dieses Projektes ausformuliert wurde, so wurde auch die eben angesprochene Direktive mehrmals ausgesprochen. Grund genug, es zum Abschluss, mit dem Anspruch die zentralen im Predigtdienst vertretenen Ideen ein letztes Mal zu benennen, noch einmal zu tun:
Nicht etwa aus irgend einem hehren Ideal, sondern aus purem Eigennutz heraus – übrigens einer Grundmotivation, die recht zuverlässig gegen alle verunglückten und gefährlichen Träumereien von der Möglichkeit der Beeinflussung von Wirklichkeit durch priesterliche Wahrheit schützt – soll der Priesterling den latenten priesterlichen Anteil des ihm begegnenden Wirklichkeitsmenschen niemals negieren, soll ihn im Gegenteil nach Möglichkeit fördern.


25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 20;1-16

Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.
Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.
Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten.
Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.
Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso.
Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?
Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!
Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten.
Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.
Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar.
Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren,
und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen.
Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?
Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir.
Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich (zu anderen) gütig bin?
So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.

+ + +

Die (letztendlich vergeblichen) Mühen des priesterlichen Anteils im Menschen zur Emanzipation vom Leben, sein Anpruch, sich vom Zugriff der Gattung zu lösen, das ist das Wesen der Kultur.

In besonderes reiner Form personifiziert sich der priesterliche Anspruch im jüdisch-christlichen Gott und in der Verheißung seiner Verwirklichung in Christus.
Doch versteifen wir uns nicht auf die Religion:
Überall wo dem Himmelreich der Kausalitäten und dem freien, autonomen Selbst gehuldigt wird, arbeitet man fleißig im Weinberg der Priesterlichkeit.
Dabei gibt es zwischen den Arbeitern fundamentale Unterschiede in jeder nur erdenklichen Hinsicht. Werkt man für seinen eigenen Vorteil oder glaubt man sich einem höheren Ziel hinzugeben, ist man ein großes, ein schönes Exemplar von Priesterling oder nicht (was keineswegs davon abhängt, ob man für sich oder für ein hehres – leeres – Ziel tätig ist), scheitert man früher oder scheitert man später (denn: erliegt man der Gattung auch erst am Totenbett, so erliegt man ihr in Wirklichkeit am Ende doch, auch wenn uns die priesterliche Wahrheit – und jede Wahrheit in der ihr spezifischen Form – die Abwehr der andrängenden Formlosigkeiten auf Grund ihres Grundcharakters, nämlich der Beständigkeit, verheißt), eines ist sicher: der Lohn für die priesterliche Arbeit ist immer derselbe, jeder Arbeiter darf ihn erhoffen:
Die Priesterlichkeit beschenkt uns mit glitzernden Bildern von Freiheit und Selbstbestimmung, von Integrität und Objektivität innerhalb einer Wirklichkeit, die die Integrität von Dingen und Personen negiert, innerhalb eines Lebens im Sinne der Gattung, das das Feste nicht dulden kann.

Das ist keine Kleinigkeit. Auch für den nicht, der sich im Weinberg sein Lebtag verausgabt. Doch mehr ist ganz einfach nicht drin.
Die Wirklichkeit kann man nicht aufheben ohne sich an ihr – nicht ungestraft – zu überheben. Und so ist es notwendig, hinter den Wahrheiten die Wirklichkeit zumindest zu erahnen, um nicht zu verunglücken.


24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 18;21-35

Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?
Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.
Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen.
Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.
Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist!
Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.
Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast.
Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.

+ + +

Die Auffassung vom Wesen der Vergebung, als ein Akt, durch den der Einzelne aufgewertet und dadurch in seiner Gottebenbildlichkeit bestätigt wird, war schon vorige Woche Thema des Predigtdienstes.
Hinter dem Konzept der Vergebung steht die priesterliche Unterstellung eines begrenzten und autonomen Selbst, das in egalitärer Weise anderen begrenzten und autonomen Selbsten in einer durch Kausalitäten geordneten Welt begegnet. Das durch den Priesteranteil im Menschen unterstellte Ich trifft auf ein Du, das nichts anderes als die Unterstellung des Vorhandenseins eines jenem Ich wesentlich gleichen Ichs in einem anderen Menschen ist. Auf dieser Vorstellung von Ich und Du – von Ich und Ich – fußt die Goldene Regel, die wiederum der Kern einer jeden Ethik (die zwingend eine priesterliche sein muss, es gibt genausowenig eine Ethik der Wirklichkeit, wie es Regeln des Chaos gibt) ist, die diesen Namen auch verdient, d.h. nicht verunglückt ist.

Vorige Woche wurde herausgestellt, dass die Vergebung nachgefragt werden will und sie damit den Vergebenden immens aufwertet. Die in der Vergangenheit geschehene Infragestellung der Integrität des jetzt Vergebenden wird durch die Vergebung rückgängig gemacht. Der Vergebung geht die Reue desjenigen voraus, dem vergeben werden soll:
Das Konzept der Reue, als Vorbedingung der Vergebung, meint, dass sich die Integrität des Ichs des Reuigen in der Wahrung und Wiederherstellung der Integrität des Du bestätigt. D.h.: die Reue wertet auch den reuigen Einzelnen auf gegenüber der Wirklichkeit, dem Leben, die des Einzelnen und seiner Integrität nicht achten, und ihrer Triebfeder, dem Willen zur Macht, von dem Nietzsche schreibt: Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein. Dass dem Stärkeren diene das Schwächere, dazu überredet es sein Wille, der über noch Schwächeres Herr sein will: dieser Lust allein mag es nicht entrathen. Und wie das Kleinere sich dem Grösseren hingiebt, dass es Lust und Macht am Kleinsten habe: also giebt sich auch das Grösste noch hin und setzt um der Macht willen – das Leben dran. (Nietzsche: Also sprach Zarathustra) Insofern der Mensch ein Gattungswesen, ein großes Tier, einer von Ohngefähr ist, steht niemals in Frage, dass er eine Funktion des Lebens, der keinerlei Beständigkeit eignet, und nichts weiter ist.
Reue und Vergebung sind zwei Seiten der selben Medaille, die da heißt: Schutz der Integrität des priesterlicherseits behaupteten beständigen Selbsts.
Die im heutigen Evangelium angeprangerte Verweigerung der Vergebung dem Reuigen gegenüber lässt ebenso wie die Unfähigkeit zur Reue auf einen Wirklichkeitsmenschen, d.h. auf jemanden, der der Priesterlichkeit nicht bedarf, schließen.


23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 18;15-20

Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.
Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.
Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.
Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.
Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.
Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

+ + +

Von der Vergebung:

Es herrscht die Ansicht vor, das Konzept der Vergebung, wie es zentral für jede Ethik ist, die sich auf das Evangelium beruft, enthalte wesentlich eine Forderung nach Selbstbescheidung an denjenigen, der vergibt.
Unabhängig davon, wie stark auch die theologischen Argumente für solch eine Ansicht, wie übermächtig vor allem die Traditionen christlicher Religiosität in diesem Punkt sein mögen; im Rahmen der in Auseinandersetzung mit dem Evangelium angestellten Überlegungen im Predigtdienst kann das christliche Gebot der Vergebung nicht im obigen Sinne gedeutet werden.
Nicht Selbstbescheidung des Vergebenden liegt der Vergebung zu Grunde, sondern, im Gegenteil, die radikale Aufwertung desjenigen, der vergibt.
Es zeigt sich die Gottebenbildlichkeit des Menschen in der Vergebung – und zwar in der ihr zugrunde liegenden Wechselseitigkeit, die sich aus dem Wesen JHWHs als Verabsolutierung des priesterlichen Anteils im Menschen ergibt:
Wie Gott vergibt, so vergibt auch der Einzelne; nämlich als derjenige, der das Heft in der Hand hält.
Vergebung will auch erbeten werden und ist damit an die Anerkennung des Vergebenden durch den, dem vergeben wird, gebunden. In dieser Aufwertung des Einzelnen liegt ein aggressives Moment gegen die formlose Wirklichkeit und die instinktmäßige zwischenmenschliche Dynamik, die im Oben und Unten von Ohngefähr erspürt wird und Ausdruck jener Wirklichkeit ist.
Wie alles Priesterliche nur ein Anspruch; denn: ein Underdog, der, eingedenk seiner priesterlichen, in diesem Fall christlichen Wahrheiten einem Großen der Welt mit edler Geste vergibt, ist in Wirklichkeit wohl eine recht lächerliche Figur.

Eine bewährte Strategie zur priesterlichen Entschärfung der andrängenden Wirklichkeit ist die Schaffung von beständigen Institutionen und Gesetzen. Die Verbindung des christlichen Konzepts der Vergebung mit dem Gesetz und den Institutionen, die Zusammenführung der den in seinem Selbst beständigen Einzelnen gegen die zwischenmenschliche Dynamik in Stellung bringenden christlichen Vorstellung von Vergebung mit dem priesterlichen Willen zur Verfestigung der Wirklichkeit, wie er in der Schaffung von Gesetzen und Institutionen seinen Ausdruck findet, ist das Thema des heutigen Evangeliums. Durch diese Verbindung potenziert sich das Arsenal der Priesterlichkeit zur Abwehr des andrängenden Ungesonderten.
Dazu setzen wir etwas voraus, das sich so nicht im heutigen Evangelium findet, dass nämlich die Verfehlung des Zurechtgewiesenen immer eine Verfehlung gegen die Integrität des zurechtweisenden Einzelnen, das Einlenken desjenigen, der gefehlt hat, damit ein Akt der Reue ist.

Das Du im priesterlichen Sinne ist immer die Unterstellung eines autonomen und beständigen Selbsts, eines Ich im Anderen.
Die Unfähigkeit zum Erkennen dieses Dus, sowie die Ignoranz dem Wesen der Institutionen und Gesetze gegenüber, sind Indizien für die Dominanz des von Ohngefähr im einzelnen Menschen. Ist beides vorhanden, verdichten sich die Indizien analog zur oben beschriebenen Potenzierung des Arsenals der Priesterlichkeit.
Manch einer täuscht sich über seine Zugehörigkeit zu den Priesterlingen, ist vielleicht eher ein Kind der Welt, ein Zöllner oder, noch schärfer, ein Heide.


22. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 16;21-27

Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen.
Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!
Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.
Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.
Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?
Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.

+ + +

Ein Widerspruch tut sich auf im Menschen. Es ist der Widerspruch von Pflanze und Gott, von Wirklichkeit und Wahrheit. Er ist variantenreich, durchzieht alles Menschliche, prägt den Menschen und seine Welt.

Eine Spielart des eben beschriebenen Widerspruchs formt sich im Konflikt zwischen Christus und Petrus, wie er im heutigen Evangelium beschrieben wird, aus:
Nicht, dass der Wille zum bloßen Dasein die Triebfeder des Lebens, der Gattung, nicht, dass er der grundlegende Instinkt alles Lebendigen wäre. Diese Vorstellung hat schon Nietzsche als im Grunde priesterlich, tschandalesk, d.h. lebensfeindlich entlarvt.
Der Wirklichkeitsmensch ist selbstlos. Die Wirklichkeit, das Leben negiert das Konzept eines abgegrenzten, stabilen individuellen Selbst, wie es uns – in überhöhter, verabsolutierter Form – in JHWH begegnet.

Insofern Petrus im vom Evangelium beschriebenen Konflikt die Rolle des Nicht-Priesterlings, oder besser: des im Vergleich zu Jesus unvollkommenen Priesterlings zukommt, treibt ihn nicht die Sorge um die durch die kommenden Ereignisse bedrohte persönliche Unversehrtheit Jesu um (diese Sorge, die ohne Zweifel auch aus seinen Worten spricht, gehört seiner Priesterlichkeit an), sondern seine Verständnislosigkeit für das Wesen des Leidens Christi.
Wie an anderer Stelle besprochen, dient Leid, Tod und Auferstehung Christi der Verherrlichung seiner Person, auch der Person schlechthin, die, damit über die Gattung, über das Leben triumphierend, den priesterlichen Anspruch, angemeldet in der Konzeption des JHWH, der absoluten Priesterlichkeit, die in Jesus Fleisch wird, sozusagen „verwirklicht“.
Das ist der Verheißungscharakter Christi.
Das Selbst wird durch die Osterereignisse quasi auf höherer Stufe bestätigt, es wird ins Zentrum gerückt, es wird absolut.
Das ist es, was dem Petrus, insofern er im heutigen Evangelium als Wirklichkeitsmensch erscheint, unverständlich bleibt. Denn vor allem für Wirklichkeitsmenschen kleinen Formats – und dass Petrus ein solch kleinformatiger Wirklichkeitsmensch ist, ergibt sich, man möchte sagen: zwangsläufig, aus seiner priesterlichen Größe – ist das bewusste Inkaufnehmen von Unannehmlichkeiten zum Zwecke der Verbesserung, der Verherrlichung des Selbst nichts als Eitelkeit. Es ist eine Verrücktheit für sie, sich bewusst gegen die Mächte der Wirklichkeit aufzulehnen. Ihr Pragmatismus wird oft durch einen verwaschenen Utilitarismus unterfüttert: Der Mensch hätte sich, wie einer von ihnen mir darlegte, aus Gründen der Schmerzvermeidung für sich und andere nach der Decke zu strecken bis es ihn schließlich billiger gäbe. Moral der letzten Menschen.
Es greift gegen diese Spielart des Gattungsmäßigen – wie gegen alle anderen – der Priesterling zur bewährten Strategie: er dämonisiert es.


21. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 16;13-20

In jener Zeit als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?
Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.
Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?
Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!
Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.
Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, daß er der Messias sei.

+ + +

Gestalten kehren wieder, weil sie überpersönlich sind.
Der jüdische Prophet ist so eine Gestalt. In Elija, Jeremia, in Johannes dem Täufer formt er sich aus zu einem seiner Exemplare. Auch wenn es gerade die Vereinzelung, die Sonderung, die immer auch besonders sein will, ist, die die Gestalt des alttestamentarischen Propheten auszeichnet und ihn dadurch zu einer ausgeprägt schönen Blüte am Stamm des Judentums macht, dessen Pathos der Sonderung er radikal ausformt, so ist doch das Gemeinsame von Individuen wie Elija und Jeremia gemeint, nicht etwa sie selbst in ihrer Vereinzelung, wenn man von „jüdischen Propheten“ spricht.
Jesus in eine Reihe mit ihnen zu stellen hat einerseits seine Berechtigung, andererseits aber verkennt es das Wesen Jesu – je nachdem, was mit dieser Gleichsetzug ausgesagt werden soll:
Insofern Jesus, die inkarnierte Überhöhung der den Menschen konstituierenden Priesterlichkeit, vom Judentum – und vor allem vom Judentum in seiner prophetischen Tradition – seinen Ausgang nimmt, das der Welt, der Gattung, dem Leben erst die Konzeption einer vergöttlichten, verabsolutierten Priesterlichkeit, die unabhängig von eben dieser Gattung und daher frei ist, in Form des JHWH trotzig-mutig entgegenrotzte, gehört er in die Reihe der jüdischen Propheten; dahingehend nämlich, dass er ihr krönender Abschluss ist. Kreuz und Auferstehung, das ist die Verheißung der Verwirklichung des priesterlichen Anspruchs auf Überwindung der Verhaftung des Menschen in der Gattung.
Doch als Abschluss, als Vollender der Reihe der Propheten wächst Jesus über die Gestalt des Propheten hinaus. Er ist nicht mehr Exemplar eines Typus. Als Verwirklichung eines Konzeptes, das auf die göttliche Überhöhung eines angenommenen, vom Rest gesonderten Ichs setzt, das dadurch einzig und all-frei wird, als inkarnierte „Über-Person“, als fleischgewordene Person per se kann Jesus nicht nur Ausformung einer überpersönlichen Gestalt sein.
Gestalten gehören zur Geschichte, in der Personen im Sinne der Priesterlichkeit als Akteure nur scheinbar maßgeblich sind, auch wenn sie in Erscheinung treten. Die Leute wissen mit Gestalten umzugehen. In ihnen formt sich scheinbar der Fluss des Lebens, der der Person jedoch ein Todfeind ist. Es bleibt den ausgesprochenen Priesterlingen vorbehalten, die Fleischwerdung JHWHs in Jesus erkennen zu können – aus Notwendigkeit.


20. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 15;21-28

In jener Zeit zog Jesus sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.
Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her.
Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!
Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.
Da entgegnete sie: Ja, du hast Recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

+ + +

Wiederholen wir es noch einmal:
Das Konzept der Priesterlichkeit, von dem im Predigtdienst so oft gesprochen wird, ist nur denkbar im Rahmen des Konzepts eines grundsätzlichen, das Menschsein konstituierenden Dualismus. Innerhalb dieses Dualismus bildet die Priesterlichkeit das Gegenstück zur alles Lebendige bestimmenden Verhaftung in der Gattung; sie ist das dem Menschen vom Rest der Welt scheidende Element. Sie ist ein Aufstand.

Keineswegs also eignet die Pristerlichkeit Einzelnen oder Gruppen von Einzelnen exklusiv. Wenn im Predigtdienst von „Priesterlingen“ die Rede ist, so sind damit entweder Menschen gemeint, in denen sich, auf Grund ihrer mangelhaften Güte innerhalb der Sphäre der Gattung, ihrer Lebensuntüchtigkeit, die Priesterlichkeit zum dominierenden Faktor innerhalb ihrer Existenz aufwerfen konnte, oder es wird mit diesen Formulierungen das Konzept der Priesterlichkeit gewissermaßen personifiziert, symbolisiert.
Zum zweiten Fall ist nichts weiter zu sagen, außer vielleicht, dass an derartigen Personifikationen eine möglicherweise sich an sie anschließende begriffliche Unschärfe zu Recht kritisiert werden kann.
Der erste Fall bildet sich – so die eigentliche Grundaussage des Predigtdienstes – in Reinform in der Person Jesu, in überdurchschnittlich klarer Form in den Jüngern Jesu und zuvor in der Wurzel, deren Triebe sowohl Jesus als auch seine Jünger sind, in den Juden nämlich, aus.
Sosehr exemplarisch für die „Priesterlinge“ sind diese Exemplare des Menschen, dass an ihnen das Konzept der Priesterlichkeit und, in weiterer Folge, an ihrem Verhältnis zur sie umgebenden Welt und zur Gattung – zur Welt – in ihnen selbst das Konzept des grundsätzlichen Dualismus von Gattung und Priesterlichkeit im Menschen herausgearbeitet werden kann. — — — Darauf gründet sich der Versuch, das Evangelium als Katalysator für den Prozess der Entwicklung einer Philosophie, die jenen Dualismus zur Grundlage hat, zu nutzen.

Der Autor des Predigtdiensts ist kein Theologe, er beschäftigt sich im Rahmen seines Projektes nicht mit geoffenbarter göttlicher Wahrheit. Das nur am Rande.

Doch zum heutigen Evangelium:
Die Priesterlinge – verstanden im Sinne der ersten der beiden Bedeutungen – neigen dazu, die Priesterlichkeit in allen Nicht-Priesterlingen zu übersehen. Je stärker die Priesterlichkeit den einzelnen Menschen dominiert, desto stärker wird der Widerspruch zur Gattung, gegen die die Priesterlichkeit ein Aufstand ist. Damit aber wächst auch der oftmals als schmerzlich empfundene Widerspruch zu denjenigen, deren Priesterlichkeit nur hinter den Kulissen und nur temporär zu Geltung kommen kann, da sie ihrer im Regelfall nicht bedürfen.
Sie – die man Wirklichkeitsmenschen nennen könnte, um den Begriff der Priesterlinge in einem Gegenbegriff zu spiegeln – sind die Glücklichen, die von Ohngefähr.
Es gibt keine Verständigung zwischen Gattung und Priesterlichkeit. Und wie die Wirklichkeitsmenschen den Priesterlingen mit Unverständnis, mit Verachtung gegenüberstehen und vom Leben selbst Recht bekommen, so treten die Priesterlinge den Wirklichkeitsmenschen entgegen. Sie rächen sich am Leben – mit ihren Mitteln. Eines dieser Mittel – das radikalste übrigens – ist es, die Gattung, die Wirklichkeit, zu einer bösen zu erklären, der man zu fliehen hat. Damit hat man konsequenterweise auch der Gesellschaft der Wirklichkeitsmenschen zu fliehen.
Die jüdishe Religion als hervorragendes Produkt der Priesterlichkeit entwickelte hierzu einen Pathos der Sonderung — und ihr Überleben durch die Jahrhunderte gibt den Juden und ihrer Strategie Recht. Das erkannte schon Nietzsche, dessen Überlegungen zu diesem Thema ich gerade zusammengefasst wiedergegeben habe.
Doch, wie gesagt, auch die Gojim haben Priesterlichkeit und es ist an den Priesterlingen, sie zu erkennen. Es ist an ihnen, sie zu honorieren, auch wenn es schwerfällt; es ist an ihnen, sie zu hegen und zu pflegen – schon aus Selbstschutz. Soll man es ruhig so interpretieren, wie es der Evangelist der Frau in den Mund legt; das dient der seelischen Hygiene.


19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 14; 22-33

Nachdem Jesus die Menge gespeist hatte, forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken.
Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg.
Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.
In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See.
Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.
Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!
Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.
Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.
Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich!
Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.
Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.

+ + +

Vergeistigung.

Die Tendenz zur grüblerischen Einsamkeit begegnet uns oft in den Beschreibungen des Lebens und Wirkens Jesu (beispielsweise hier, aber auch da). Sie gehört zur Priesterlichkeit, ist eines ihrer sinnfälligsten Ausdrücke. Man findet sie daher in äußerst scharfer Ausformung bei ihm, der er ja die „verwirklichte“, die fleischgewordene reine Priesterlichkeit ist.
Doch einsam ist man nicht nur an einsamen Orten: Dem Außenseitertum des Priesterlings entspricht auch ein Tun. Es ist ein befremdliches Verhalten, dass oft genug vor gesellschaftlichen Tabus nicht Halt macht. Die Verleugnung der eigenen Familie durch Jesus gibt im Kontext einer vormodernen Agrargesellschaft ein schönes Beispiel für dieses skandalöse Verhalten ab. Christus sucht um jeden Preis, sich von seiner Verhaftung in der Gattung frei zu machen; er scheint oftmals ihrer Wirkmächtigkeit gegenüber ignorant zu sein – zumindest versucht er es zu sein. Wenn auch für die Welt an seinem Ende nur das Kreuz steht, so ist es nur folgerichtig, dass seine Jünger auf den von ihm intendierten Sieg über die Gattung auch in letzter Konsequenz insistieren: Christus ist auferstanden.

Auch im heutigen Evangelium steht die selbstgewählte Einsamkeit am Beginn eines der erwähnenswerten Ereignisse aus dem Leben und Wirken Jesu.
Während Jesus – der reinste aller Priesterlinge, den die Gattung nur selten anficht – noch in den Höhen – in den Himmeln seiner Priesterlichkeit schwebt, werden diejenigen, deren Priesterlichkeit nur ein Abglanz von der ihres Meisters ist, von der Wirklichkeit jäh eingeholt. Die bösen Wasser des Lebens, die alles Feste auflösen, wieder vereinen mit dem Alles, daher ein Symbol der Erlösung für die Gattung in uns, ein Symbol der Vernichtung für unsere Priesterlichkeit sind, stellen das Instrumentarium, mit deren Hilfe man sie zu meistern sucht, radikal in Frage.
Einer, der sich in dieser Situation – durch Einsamkeit geschult – seiner Priesterlichkeit und ihrer Macht – einer beanspruchten Macht übrigens, keiner wirklichen – so sicher bleibt, als würden ihn die bösen Wasser nichts angehen, wirkt befremdlich – und ist die Priesterlichkeit nicht absolut, so ist das Gespenst, sozusagen der Negativabdruck der Vergeistigung, nicht weit. Das ist eine Warnung: Es ist von der Gefahr die Rede, die Wirkmächtigkeit der Gattung zu unterschätzen. Das kommt oft vor – und Jesus, den reinen Priesterling, gibt es nur einmal.


18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 14;13-22

In jener Zeit, als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach.
Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.
Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.
Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.
Darauf antwortete er: Bringt sie her!
Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten,
und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übriggebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll.
Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.

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Brot und Fische für die Massen: Was soll man davon halten?

Keineswegs ist die Speisung der Fünftausend durch Jesus zu verwechseln mit den spätzivilisatorischen „Brot und Spiele“-Maßnahmen in Antike und Moderne, den Getreidespenden und Gladiatorenspielen, den sozialen Sicherheitsnetzen und dem Privatfernsehen. Diese stellen ruhig, schläfern ein – verringern auch den Schmerz; letzteres macht sie zu einem Teil der Welt des „letzten Menschen“.

Mitleid muss man mit denjenigen haben, die gefangen sind in der täglichen Sorge um die Aufbringung der Tribute an das Leben; Mitleid mit – oder Verachtung für, wie sie beispielsweise die großen priesterlichen Gestalten des alten Griechenlands empfanden.
Doch die Sorge um das Überleben ficht uns alle an; wir sind alle von ihr in dem Maße betroffen, in dem wir verhaftet sind in der Gattung.
Die Sorge um die Erhaltung des Lebens gehört der Wirklichkeit an.
Sie funktioniert auf vielerlei Ebenen und ist keineswegs auf die Schwächsten innerhalb der Gesellschaft beschränkt. So unterscheidet sich die Sorge um das berufliche Fortkommen mit ihren Rücksichten auf das Gegebene, mit ihrer Glorifizierung der, mit ihrer Unterwerfung unter die Wirklichkeit nicht wesentlich von der Sorge um das tägliche Brot: beide stiften zu Verhalten an, das sklavisch genannt werden muss – zumindest, wenn man nach Art des Priesterlings urteilt.

Die Strategie des priesterlichen Anteils unseres Mensch-Seins, der Welt Festigkeit aufzuerlegen, Himmelreiche beispielsweise der Kausalität und der Kunst zu errichten, ist nicht zuletzt darauf gerichtet, unsere ständige Neigung zur Sorge um die Erfüllung der Forderungen der Gattung an uns und damit einen wichtigen Teilaspekt der uns als lebendigen Wesen auferlegten Verhaftung in dieser zu neutralisieren.
In diesem Sinne kann auch die Speisung der Fünftausend verstanden werden: Der Rede der fleischgewordenen Priesterlichkeit folgt die Befreiung von den Fesseln der Gattung; das Himmelreich der Wahrheiten nimmt es mit der Wirklichkeit auf.

Nur für einen Moment – ein längerer Zeitraum wäre fatal – sind die Zuhörer Jesu der Sorgen der Welt enthoben.
Doch nicht das Morphium der „Brot und Spiele“-Maßnahmen, sondern das Aufputschmittel der selbstherrlichen Priesterlichkeit, die Vision von Freiheit durch Festigkeit und Kausalität, befreit sie.


17. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 13;44-52

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.
Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte.
Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.
Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen.
Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg.
So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen
und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.
Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja.
Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.

+ + +

Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen dem findenden Sucher des Schatzes und dem in eine besondere Perle sich verliebenden professionellen Perlenfachmann der ersten beiden Gleichnisse im heutigen Evangelium.

Und welche wäre das?

Sie sind beide nicht vollkommen besitzlos. Das ist Bedingung zur Erwerbung ihres neuen Besitzes. Sie haben etwas, das es ihnen ermöglicht, sich in den Besitz des Schatzes, der Perle zu setzen. In Sinne dieses Vorbesitzes ist auch die Stelle bei Matthäus zu verstehen, in der der Evangelist feststellt: Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben.

Und welcher Art ist nun dieser Besitz?

Er ist zweifacher Art. Er liegt in der persönlichen Veranlagung und, darauf aufbauend, im persönlichen Wissen.
Dem Schatzsucher, dem Perlenliebhaber ist die Wirklichkeit nicht genug – oder vielmehr sind die beiden der Wirklichkeit nicht genug.
Es ist der Instinkt der Schwachbrüstigen und Schöngeistigen, der sie nach verborgenen Geheimnissen suchen lässt; vielleicht nach inneren Zusammenhängen, nach Kausalitäten, die das formlose Alles benennen und erklären, damit entschärfen sollen.
Es äußert sich der Überlebenswille des bedrängten Priesterlings, es ist sozusagen seine ultima ratio, wenn er die ihn bedrohende Wirklichkeit im Bild binden, im Schönen verharmlosen will.

Das eben gesagte bezieht sich wohl auf die Veranlagung.

Ja.

Fehlt noch, das besondere Wissen zu beschreiben, das aus der besonderen Veranlagung der beiden – die wohl eher ein Defekt sein dürfte – sich ergeben soll.

Ein Defekt? — So ist es.
Und die Sache bleibt auch weiterhin ein zweischneidiges Schwert:
Es ist das Wissen um den Wert des Schatzes, der eben darin besteht, den Finder vor dem zermahlenden, das Einzelne negierenden Alles durch Beständigkeit und Kausalität zu schützen. Ein Wissen, das nicht nur der Finder exklusiv besitzt, sondern, das auch nur für ihn von Wert ist. Denn: Wer nicht nach Kausalitäten graben muss, dem wären sie, einmal zufällig gefunden, auch kein Schatz.

Und – um das ganze abzukürzen – analog verhält es sich wohl mit dem Perlenliebhaber?

Keine Frage. Der Kunst bedarf nur der Priesterling. Doch sie ist eine ganz besondere Waffe: zwar scharf, doch empfindlich. Die Wirklichkeit, nicht die Wahrheiten der Priesterlinge, soll durch sie gebunden, verharmlost werden. Wird dies nicht beachtet, so wird sie stumpf – und das ist doch weit weniger ehrenvoll, als an der Wirklichkeit zu zerbrechen.
Priesterlinge sind sie also alle beide – und wären sie es nicht von Anfang an gewesen, so wären sie auch nicht durch das Himmelreich der Kausalitäten und der Kunst bereichert worden. Sie verkaufen beide ihren Vorbeseitz; d.h. in diesem Fall: sie wucheren mit ihrem Talent. Dieses Talent ist für sie nicht verloren, es gewinnt nur eine andere Qualität – und zwar aus sich selbst heraus. Mit dem letzten Satz des heutigen Evangeliums, mit der Bemerkung über den sich zum Himmelreich hinwendenden jüdischen Gelehrten, wird genau dies angedeutet.


16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 13;24-43

Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.
Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.
Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.
Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?
Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?
Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.
Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.
Er erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte.
Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.
Und er erzählte ihnen noch ein Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.
Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge durch Gleichnisse; er redete nur in Gleichnissen zu ihnen.
Damit sollte sich erfüllen, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund und rede in Gleichnissen, ich verkünde, was seit der Schöpfung verborgen war.
Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker.
Er antwortete: Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn;
der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen;
der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel.
Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein:
Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben,
und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.
Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!

+ + +

Es ist im heutige Evangelium unter anderem die Rede vom bösen Feinde, der unguten Samen in das Feld einbringt, das der Menschensohn angelegt hat zum Zwecke des Wachsens und Gedeihens derjenigen, die ihm angehören.
Warum nun meine eigenartige Wortwahl? Auf was will ich hinaus, wenn ich das Böse als das „Ungute“ umschreibe?

Ich meine, dass es doch eigenartig genug ist, wenn der Evangelist nicht den Schöpfergott, der JHWH nach jüdischer Tradtion – und ganz im Gegensaz zur Auffassung von ihm, die hier im Predigtdienst vertreten wird – unleugbar auch ist, das Feld anlegen, die Saat ausbringen lässt, die er am Ende der Zeiten einbringen will – und damit auch nicht die Vorstellung von der Identität von Wirklichkeit und priesterlicher Wahrheit propagiert, wie sie in der Idee des Schöpfergottes und in der Idee der göttlichen Vorsehung implizit enthalten ist, also beispielsweise nicht Gott und das Schicksal als ein und dasselbe ansieht – sondern das Ausbringen der Saat dem „Menschensohn“, also Jesus zuschreibt, der eben die reine, fleischgewordene, „verwirklichte“ Priesterlichkeit dadurch ist, dass er über die Wirklichkeit in Kreuz und Auferstehung triumphiert und nicht mit ihr eins wird.
Das Feld, die „Welt“, die Jesus meint, ist demnach nicht die Wirklichkeit, nicht das formlose Alles der großen Mutter, sondern die „Welt“ der beständigen Dinge, der Kausalitäten, der Aushegungen der Wirklichkeit. Nur die Sphäre der Priesterlichkeit ist dieser „Welt“ zu eigen. D.h. auch der böse Feind ist ein Priesterling; sein Same gedeiht im priesterlichen Acker.
Der „böse Feind“ in diesem Gleichnis ist also nicht ident mit dem „Herren der Welt“, in dem die Wirklichkeit so oft vom Evangelisten Johannes personifiziert wird; es handelt sich um einen anderen „Teufel“.

Pate für diese Überlegungen stand mir einmal mehr Friedrich Nietzsche, der in seinem Werk „Zur Genealogie der Moral“ den Unterschied zwischen den beiden gegensätzlichen Konstituanten des Mensch-Seins, die ich Pflanzenhaftigkeit und Göttlichkeit, Adel und Priesterlichkeit, Wirklichkeit und Wahrheit genannt habe, über den grundlegenden Unterschied im Bedeutungsinhalt dessen, was „gut“ heißt, herausarbeitet.
Jedes Bestimmen ist ein Ausschließen.
Und so zeigt sich die adelige, wirklichkeits- und weltverbundene Auffassung des „Guten“ in ihrem Gegensatz – dem Schlechten, Minderen, Lebensuntüchtigen, während dem Guten im priesterlichen Sinne das Böse kontrastiert.
Ungut ist der böse Feind also im priesterlichen Sinne – für die Wirklichkeit ist das Böse bedeutungslos.

Der böse Feind des Gleichnisses ist also ein Priesterling, bewegt sich innerhalb der Kategorien der Wahrheit – ist vielleicht ein Lügner, vielleicht ein Irrender.
Er und seine Saat – deren priesterlicher Charakter schon dadurch sichtbar wird, dass sie im Acker der Aushegungen der Wirklichkeit gedeihen kann – sind eingebunden in die Vorstellungen von Dinghaftigkeit und Kausalität, sind dadurch nur schwer zu unterscheiden von der guten Saat. Und nur wenn sie Frucht tragen sind sie als verunglückt erkennbar.


15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 13;1-23

An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees.
Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer.
Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen.
Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie.
Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war;
als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte.
Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat.
Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.
Wer Ohren hat, der höre!
Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?
Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben.
Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluß haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.
Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen.
An ihnen erfüllt sich die Weissagung Jesajas: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen.
Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden, und mit ihren Ohren hören sie nur schwer, und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile.
Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören.
Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.
Hört also, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet.
Immer wenn ein Mensch das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt alles weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; hier ist der Samen auf den Weg gefallen.
Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt,
aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall.
In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum, und es bringt keine Frucht.
Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.

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Was unterscheidet das Gleichnis, die bilderreiche Chiffre von der planen Prosa beispielsweise einer philosophischen, theologischen, oder sonst einer „wissenschaftlichen“ Abhandlung?

Im heutigen Evangelium werden sie durch ihren Grad an Allgemeinverständlichkeit unterschieden.
Doch, unserer heutigen landläufigen Auffassung offensichtlich zuwiderlaufend, misst der Evangelist der prosaischen, sich ausschließlich auf das rationale und deskriptive Moment beschränkenden Erzählweise ein ungleich höheres Maß an Esoterik bei, als der so indirketen, verbilderten Chiffre.
Es drängt sich also die Frage auf: Wie kommt er zu diesem Urteil? Worin liegt der Grund für das allgemeinmenschliche Verständnis für das Symbolische und Indirekte, der Grund für das esoterische Verständnis für das die Kausalität ohne Umwege Beschreibende, das ein Spiegelbild der Kausalität selbst ist?

Ein Schlüsselwort ist soeben gefallen: Es ist das Wort „Kausalität“.
Sie gehört, wie wir hier schon so oft ausgeführt haben, der Priesterlichkeit, der Spannung, dem Konzept von Wahrheit an; letzteres wird durch sie exklusiv konstituiert.
Das in-die-Welt-Tragen von Kausalität ist eine Tätigkeit, die durch den priesterlichen Anteil im Menschen vor allem zum Zwecke der Emanzipation vom Ausgeliefertsein an die formlose Wirklichkeit besorgt wird. Es ist eine dem Leben, der Gattung zuwiderlaufende Tätgkeit. Nur im Augenblick bewussten Leidens am Leben, in der die Priesterlichkeit im Menschen ungewöhnlich mächtig zu Tage treten kann, hat die Kausalität, also: die Priesterlichkeit, das Potential, den gesamten Menschen zu erfassen, d.h. die Gattung im Menschen beinahe abzutöten.
Der reinen Kausalität als beständiger Komponente im Leben eines Menschen, wie sie beispielsweise in den eingangs erwähnten „wissenschaftlichen“ Abhandlungen Gestalt gewinnt, fehlt es in der Regel an Potenzial zur vollständigen Durchdringung dieses Menschen.

Im Gleichnis, im Bild, im Symbol spiegelt sich indes nicht irgend eine Kausalität, die zur Grundlage einer Wahrheit werden könnte.
Das Bild bannt die Wirklichkeit.
Ich meine damit nicht, dass es die Wirklichkeit abbildet, wie man ein Ding beispielsweise auf eine Leinwand bannt – denn wie ließe sich etwas Formloses abbilden, sondern, dass es sie buchstäblich bannt, beschwört, sich dienstbar macht – damit aber die wirklichen Machtverhältnisse zwischen dem Einzelnen und der Gattung, in der ersterer immer verhaftet, der er also immer ausgeliefert bleibt, umkehrt.
Es ist auch eine Form der Priesterlichkeit. Es ist aber im Leben jedes einzelnen Menschen stets präsent als Vorstellung von der Welt und den Ereignissen in ihr. Ihm ist auch die Kunst zugehörig; das wusste schon Nietzsche.


14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 11;25-30

In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.
Ja, Vater, so hat es dir gefallen.
Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.
Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.
Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.

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Das Gesetz ist ein (letztendlich vergeblicher) Versuch der Kultur der großen Mutter, großen Hure, dem formlosen Leben selbst Gestalt aufzuzwingen, Ketten anzulegen, um sich von ihm ein Stück weit zu emanzipieren. Die Aushegung des Lebens soll Raum schaffen für die vom Priesterling im Menschen so heiß ersehnte Freiheit.
Das Gesetz ist das Joch, das, ganz prominent vom Judentum, also von der Ausformung der Kultur, der sich Jesus verbunden fühlte, gestaltet, die Priesterlinge nicht drücken kann. Vom Gesetz spricht der Evangelist, wenn er im heutigen Evangelium vom Joch spricht.
Das Joch der Priesterlichkeit, das das Gattungswesen in uns drücken soll, befreit den Priesterling in uns.
Wer auf der Seite Christi als der inkarnierten Priesterlichkeit auf Grund seines Wesens stehen muss, spürt das Joch der Kausalitäten, der Institutionen, der Kultur, der Widernatur nicht nur nicht, er erlebt es darüber hinaus als Befreiung.
Es ist priesterliche Wahrheit im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gattung, dass das Joch der Priesterlichkeit, konkret: das Joch der jüdischen Gesetze und das Joch Christi, des großen Radikalisierers des Judentums, nicht drückt, sondern befreit.

Innerhalb dieser Deutung sind die Weisen und Klugen von denen der Evangelist berichtet, dass ihnen die Wahrheit verborgen bleibt, während sie den Toren offenbart wird, nicht die besten Exemplare der Dominanz der Priesterlichkeit im Menschen, wie sie sich in den Philosophen und Wissenschaftlern über die Zeitalter so mannigfaltig ausgeformt hat und noch immer ausformt, sondern – im Gegenteil – der Adel der Gattung, die Menschen von Ohngefähr, die Besten der Kinder der Welt.
Ihnen, deren Priesterlichkeit sich auf Grund ihrer Lebenstüchtigkeit nicht zur vollen Entfaltung bringen konnte – nicht bringen musste – sondern statt dessen als Magd der Gattung dient, ist der Versuch der Zwingung der Wirklichkeit durch das priesterliche Joch schmerzhaft. Es ist ihnen Belastung, nicht Befreiung.
Doch die in der Welt, durch die Welt, mit Mühsal beladenen, die, mit den falschen Instinkten für das Fortkommen der Gattung ausgestattet, suchen müssen, mit ihrer Priesterlichkeit – deren Fleischwerdung Jesus ist – die Wirklichkeit zu zähmen, sie handsam zu machen durch den Versuch der Einschreibung von Kausalität in sie — ihnen ist das Joch Befreiung.
Gesetz und auch die Vorstellung von zwingenden Gesetzmäßigkeiten – so man nicht zu viel von ihnen erwartet – sind – paradoxerweise oder auch nicht – die Grundlage der durch die Priesterlichkeit projektierten menschlichen Freiheit, die vor allem eine Freiheit von der Gattung ist.


13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 10;37-42

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig.
Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.
Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.
Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten.
Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

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Sicherlich; man kann diese Stelle im Evangelium als eine Aufforderung zur „Selbstverleugnung“ lesen, die ihre radikale Steigerung über die Erweiterung des zu verleugnenden „Selbsts“ auf die persönliche Umgebung zustande bringt. Es ist dies wohl die gängigste Sichtweise durch Jahrhunderte christlicher Bibellektüre.
Für das Einüben „christlicher Demut“ als Voraussetzung für ein Leben im Lichte Gottes, insofern damit in der Tradition der Mystik die Auslöschung des Ichs in einem als göttlich vorgestellten Alles gemeint ist, bleibt die oben erwähnte Deutung natürlich immer maßgebend.
Doch aus der Sicht des Predigtdienstes, der die Priesterlichkeit – und damit Gott – nicht als Auslöschung eines natürlich gegebenen Selbsts im göttlichen Alles, sondern, im Gegenteil, als den Anspruch auf das Dasein eines abgeschlossenen und beständigen Selbsts in Abgrenzung und unter Aushegung der form- und zeitlosen Wirklichkeit, des amorphen Alles versteht, kann jene Deutung nicht überzeugen.

Vielmehr ist angesichts des heutigen Jesuswortes auf die eigenartige Wechselwirkung von Leben als eine alle Form und Beständigkeit negierende Kraft (an vielen Stellen im Predigtdienst nenne ich diese Kraft Gattung oder auch ζωή) und dem priesterlichen Konzept des individuellen „Lebens“ eines statischen Selbsts einzugehen:
„Eigenartig“ nannte ich diese Wechselbeziehung, doch nicht kompliziert: Sie ist nämlich dadurch charakteriesiert, dass das Leben der Gattung in seiner vollen Entfaltung das individuelle „Leben“ verunmöglicht. Das Leben im Sinne der Gattung ist das Erste, ist das Ungesonderte wie Ernst Jünger sagt, dem sich das gesonderte Selbst zeit seiner Existenz höchstens im Rausch annähern kann; die Ursuppe des Lebens wird erst dann ganz erreicht, wenn die Sonderung von der Welt überwunden, d.h. wenn gestorben wird.
Das individuelle „Leben“ als das oben erwähnte priesterliche Konzept eines statischen Seins wiederum könnte man als eine vom Leben abgezogene individuelle Lebensgeschichte, als einen radikalisierter (und zugleich verhinderter) βίος auffassen.

Von dieser Seite beleuchtet wird nun eine neue Deutung des Evangelientextes, insbesondere jedoch des Verses 39 möglich:
Wer sich dem Leben, dem Ungesonderten nähert um es zu erreichen, der ist im Begriffe, sein Selbst, also sich selbst auszulöschen. Dies kann bewusst und gewollt geschehen, wie im Falle unserer eingangs erwähnten Mystiker oder im Falle der Kinder dieser Welt, die an ihrer Sonderung leiden, oder es kann das Ergebnis einer Art dekadenten Arglosigkeit und Naivität den Mächten des Lebens gegenüber sein, wie sie uns seit Rousseau unzählige Male gerade auch auf seiten der Lebensuntüchtigen, also derjenigen, die den Dammbauten gegen das Leben am dringensten bedürfen, begegnet. Zweitere leiden wirklich an der Zivilisation – ihr Urteilsvermögen ist durch den Schein der gesicherten Verhältnisse innerhalb der Kultur geschwächt, sie wissen nicht, wo sie stehen. Ich habe diese Menschen an verschiedenen Stellen des Predigtdienstes als verunglückte Priesterlinge bezeichnet.
Ist das Urteilsvermögen derjenigen, die auf Grund ihrer Lebensuntüchtigkeit zur Priesterlichkeit neigen müssen, nicht geschwächt, sondern ungebrochen, so ergibt sich daraus für sie die Option für das priesterliche Konzept des statischen Selbsts, des individuellen „Lebens“, damit aber die Feindschaft und Ablehnung gegenüber dem Leben im Sinne der Gattung.
Christus ist die Inkarnation der Verabsolutierung der Priesterlichkeit. Das bedeutet, dass der Priesterling nicht nur um die ihn zerstörende Wirkung des Lebens im Sinne der Gattung weiß und es daher nicht gewinnen, sondern, im Gegnteil, sich um seiner Priesterlichkeit willen – deren Konkretisierung Jesus ist – so weit als möglich von ihm emanzipieren will.
Innerhalb dieser Deutung sind Vater und Mutter, Sohn und Tochter nichts weiter als Symbole für das Verhaftetsein des Einzelnen in der Gattung, dem innerhalb der priesterlichen Weltsicht das Konzept des statischen Selbsts vorzuziehen ist.


12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 10;26-33

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.
Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.
Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.
Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters.
Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.
Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.
Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.
Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

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Aus der Physiognomie, dem Habitus der Priesterlinge, deren herausragende Exemplare unter anderem die Apostel, die ersten und treuesten Jünger Jesu waren, stinkt ihre Lebensuntüchtigkeit und leuchtet ihre Weisheit – je nachdem, ob das instinktsichere Näschen der Gattungsanteile im Menschen oder die appolinischen, nach Wahrheiten gierenden und zugleich für die Wirklichkeit blinden Augen der Priesterlichkeit selbst sie wahrnimmt.

Wozu sich also verstecken? Man täuscht sich nicht über dich, Priesterling, wie mannigfaltig auch deine Gestalten, wie vordergründig widersprüchlich deine Wahrheiten sein mögen.
Lass den Bezug zur Wirklichkeit fahren, du änderst die Welt nicht; sie hat dich und deine Wahrheiten gar nicht nötig.
Das setzt voraus, dass du um deine Priesterlichkeit weißt, dass du dir über deine grundsätzliche Aufstandshaltung gegen die Gattung im Klaren bist.
Weißt du nicht von ihr, so trifft dich, der du eine Art verunglückter Priesterling bist, keine Schuld an deinem Ende, das dir die Wirklichkeit in der einen oder anderen Weise – also buchstäblich, oder im übertragenen Sinne – ohne Zweifel bereiten wird, so du sie hartnäckig mit deinen Wahrheiten belästigst und auch noch glaubst, jene bedarf dieser oder deiner. Christlich gesprochen kannst du Jesus, das ist: die fleischgewordene Priesterlichkeit, gar nicht verleugnen, da du ihn zwar kennst, doch nicht um ihn weißt.
Anders verhält es sich mit dir, der du bewusst meinst, die Wirklichkeit innerhalb und außerhalb deines Selbsts, sei es aus unerwiderter Liebe zur Welt (was für sein selbstzerstörerischer Narr und hündischer Selbstverleugner du doch bist), sei es aus einer, trotz Instinkt und gegenteiliger Erfahrung, hartnäckigen Hoffnung auf die Formbarkeit jener Wirklichkeit, über den Aufstandscharakter deiner Priesterlichkeit täuschen zu können, indem du ihn vor ihr versteckst: du bist auch ein verlorener Priesterling, doch noch dazu auch ein Verräter an deiner Priesterlichkeit.

Es folgt aus dem eben Geschriebenen eine bescheidene ethische Direktive hinsichtlich des Umgangs mit der eigenen und uns bewussten Lebensuntüchtigkeit, die uns zu Aufständischen gegen die Gattung macht (deren ersten Punkt habe ich vor einiger Zeit andernorts ein bisschen ausführlicher angelegt):
Man gebe sich erstens selbst keinen Illusionen über die Gültigkeit seiner priesterlichen (also z.B. mythischen, philosophischen, religiösen oder kausal-wissenschaftlichen) Wahrheiten in der Welt, vor allem keinen Utopien einer besseren Wirklichkeit hin. D.h. man erkenne die Unüberwindbarkeit des Gegensatzes von Gattung und Priesterlichkeit.
Zweitens belüge man sich nicht nur nicht selbst, sondern auch nicht seine Um-welt oder, abstrakter: die Wirklichkeit über die eigene Priesterlichkeit – sie dringt ohnehin aus allen Poren. Moralisch verwerflich ist hierbei der bewusste Verrat des Priesterlings an der Priesterlichkeit, d.h. an sich selbst.


Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr A)/Joh. 3;16-18

Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.

+ + +

Es zeigt sich in den drei Sätzen des heutigen Evangeliums das Ergebnis der Umkehr des Verhältnisses der der Gattung, der reinen, vor- und nachmenschlichen Vitalität, zugehörigen Welt zur gegen diese Welt sich im Aufstand befindlichen, das Mensch-Sein konstituiereden Priesterlichkeit:

Es ist die Verabsolutierung der Priesterlichkeit in JHWH, gepaart mit dem Glauben an die Verwirklichung dieser absoluten Priesterlichkeit, dieser Wahrheit, in Christus, die der gattungsmäßigen, der wirklich wirklichen Wirklichkeit (man vergebe mir diesen kleinen Scherz, der auf den im Unterschied zur Utopie immer mehr oder weniger bewusst virtuellen Charakter der Verheißung verweisen soll) diametral entgegengesetzt ist und das Ende der zweiteren und in diesem Sinne das Ende der Welt verspricht, die es möglich machen, nicht mehr von einem letztendlich vergeblichen sich-Auflehnen der – im Sinne der Gattung – Mängelanteile des Mängelwesens Mensch gegen die Gattung qua Kultur auszugehen, sondern durch eine (eben virtuelle) Umkehrung des Machtungleichgewichts an die Schöpfung der Welt – also der Wirklichkeit – durch JHWH – also durch die reine Priesterlichkeit, damit aber an die Unterordnung der Wirklichkeit unter die priesterliche Wahrheit zu glauben.
Diese Umkehrung spiegelt sich im Wort des Evangelisten, wenn er sinngemäß schreibt, dass im Anfang nicht etwa die form- und zeitlose Wirklichkeit, sondern der λόγος – also ihr krasser Gegensatz – war. Doch Gott als der Schöpfer der Welt ist nur eine Spielart der eben beschriebenen Umkehrung des Verhältnisses von Gattung und Priesterlichkeit; in jedem Modell, in jeder Ethik, in jeder naturwissenschlaftlichen Gesetzmäßigkeit, in allem Kausalitätsdenken erscheint diese Umkehrung in den verschiedensten Ausformungen. Sie gehört zur Priesterlichkeit, ist ihr integraler Bestandteil. Zugleich muss sie als virtuell und als bloßer Anspruch, also als nicht mit der Wirklichkeit ident von den Priesterlingen erkannt werden, um nicht dazu zu dienen, die projektierte Freiheit des Menschen in die wirkliche Sklaverei der irrtümlich für realisiert gehaltenen Freiheit der verwirklichten Utopie zu überführen.

Nicht an den Anspruchscharakter und die Virtualität einer Wirklichkeit gewordenen absoluten Priesterlichkeit zu glauben, wie sie den Verheißungscharakter Jesu mitkonstituieren, heißt, als Priesterling nicht an der der Priesterlichkeit einzig angemessenen, sie einzig bewahrenden Form der oben beschriebenen Umkehrung der Machtverhältnisse festzuhalten, sondern in die Utopie und damit in den eigenen Untergang zu kippen.
In diesem Sinne ist aus priesterlicher Sicht derjenige verloren, gerichtet, der sich in der Umkehrung jenes Verhältnisses nicht auf das beschränkt, was der Verheißungscharakter Jesu bedeutet.


Pfingstsonntag (Lesejahr A)/Joh. 20;19-23

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen.
Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.

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Es ist im Predigtdienst immer wieder und vermehrt in den letzten Wochen von den Beziehungen zwischen den Jüngern Jesu, die exemplarisch für die vom Aufstand gegen die Gattung, von der Priesterlichkeit wesentlich dominierten Menschen stehen, JHWH, der die Verabsolutierung und Überhöhung der eben erwähnten Priesterlichkeit ist, und der Figur des Jesus von Nazaret, an den seitens der Jünger Jesu als Inkarnation der erwähnten verabsolutierten Priesterlichkeit geglaubt wird, der also die Verheißung der Verwirklichung einer priesterlichen Gegen-Welt, einer durch Beständigkeit und Kausalität und, darauf gründend, durch menschliche Freiheit geprägten Realität ist, die Rede gewesen. Ferner wurde mehrmals auf die Identität von JHWH und Christus verwiesen, die sich unter anderem über den als das allgemeine, noch nicht personifizierte Priesterliche aufgefassten Heiligen Geist, oder über die Identität der Priesterexistenzen und der Jünger Jesu ausdrücken lässt.
Das alles ließe sich noch einmal auch anhand des heutigen Evangeliums ausführen. In gewisser Weise werde ich dies auch tun; man muss ja nicht immer trockenste Prosa von sich geben:


Dienst am Ich im Geist des Lichts
Du kalte Frucht des freien Vaters
Deine Wahrheit ist ein Nichts
Der Wirklichkeit der einen Mater

Richter nennst du all die deinen
Wer das glaubt, gehört zu dir
Und vor dir groß sind alle Kleinen
Gottes Geist, bleib hier bei mir!

Und hauch mich an! So halt' ich stand
So stärkst durch mich nur du mein Ich
Zum Auftrag wird duch deine Hand
Der Welten Fluch allmähliglich


7. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Joh. 17;1-11a

In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.
Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt.
Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.
Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast.
Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.
Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten.
Sie haben jetzt erkannt, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.
Denn die Worte, die du mir gegeben hast, gab ich ihnen, und sie haben sie angenommen. Sie haben wirklich erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, daß du mich gesandt hast.
Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir.
Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.
Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.

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Im Evangelium des heutigen Sonntags wird ein weiteres Mal die Identität von JHWH und Jesus thematisiert.
Prägte sich diese Identität im Evangelium des vorigen Sonntags im Symbol des Heiligen Geistes aus, den wir als den Geist der Priesterlichkeit, also als den Geist, der allem Nicht-Gattungsmäßigen im Menschen eignet, bezeichnet haben, so wird die Identität von Vater und Sohn im heutigen Evangelium über die Identität der Jünger Jesu und der priesterlichen Anteile im Menschen, deren Überhöhung wiederum JHWH ist, ausgedrückt.
Was des Vaters ist, ist des Sohnes; was des Sohnes ist, ist des Vaters.
Dass den Jüngern Jesu nicht nur diese doppelte Zugehörigkeit zu JHWH und Jesus eignet, sondern, dass sie auch um diese Zugehörigkeit wissen – und wissen wollen, was sie bedeutet – ist der Ausweis der Dominanz der priesterlichen Anteile ihres Mensch-Seins in ihrem Wesen. Sie wollen Gott erkennen.

Gott erkennen zu wollen heißt, bleibende Form und Kausalität in die formlose, zufällige Wirklichkeit zu tragen.
Der Anspruch auf Beständigkeit innerhalb der durch die Priesterlichkeit geschaffenen Aushegungen der Wirklichkeit, zeigt sich im Terminus „ewiges Leben“, das dem Leben im Sinne der Gattung diametral entgegengesetzt ist.
Es ist nicht die Unterscheidung von ζωή und βίος, von der im Predigtdienst an anderer Stelle schon einmal die Rede war und die keinen krassen Gegensatz beschreibt. Es geht in der Unterscheidung von Leben und „ewigem Leben“ um den Gegensatz von Leben im Sinne der Gattug, das nur Kraft, nur Prozess ist, keine Form und Beständigkeit kennt und damit die Konzeption des Ich negiert (und damit der ζωή entspricht) und dem vom Werden abgezgenen Sein, das die Beständigkeit auf die Spitze treibt, eben ewig ist, damit aber zu einem Nicht-Leben und einem verabsolutierten Ich wird und dem Gott, nicht mehr dem lebendigen Menschen eignet.
Wer Gott erkennt, auf den scheint das Licht dieses „ewigen Lebens“, des vom Leben im Sinne der Gattung befreiten Seins.


6. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Joh. 14;15-21>

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.
Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll.
Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.
Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch.
Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet.
An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.
Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

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Es ist erstens die Identität von JHWH und Christus, die sich im Symbol des Heiligen Geistes ausdrückt.
Die Priesterlichkeit und ihre Wahrheiten in ihren vergöttlichten Rein- und Idealformen – also im jüdisch-christlichen Gott – werden in Christus Mensch; das ist der Verheißungscharakter der Gestalt Jesu; nicht nur seiner Lehre, sondern schon seines bloßen Daseins.
Was den Vater – das wahre Ideal – und den Sohn – das Wirklichkeit gewordene Ideal – miteinander verbindet, ist der Geist der Priesterlichkeit, der Heilige Geist, den die Welt nicht erkennen kann.
Die Welt, das ist im christlichen Kontext immer eine Chiffre für die Gattung und das Leben, die sich selbst genug sind und einer Wahrheit, einer Kausalität und einer darauf fußenden menschlichen Freiheit nicht bedürfen. Es stellt sich für die Welt gar nicht die Frage nach dem Wert von Freiheit und Kausalität, daher kann sie auch den Geist nicht kennen, der eben kein Geist des Lebens, kein Geist des Heldenmutes, des Blutes und der Liebe, sondern ein Geist des erhabenen Gewordenen, des dem Werden Entzogenen, ein Heiliger Geist ist.

Der Heilige Geist, der alle Priesterlinge ergreifen, sie leiten, sie sozusagen auf Gott, das ist: auf ihr eigenes Wesen als Priesterlinge hin ausrichten kann, ist zweitens die Priesterlichkeit selbst.
Im Stadium des Heiligen Geistes ist die Priesterlichkeit weder zu JHWH verabsolutiert, überhöht und entrückt, noch in der Figur des Jesus zu einer in die Wirklichkeit verlegten Verheißung inkarniert (denn dies ist erst in einem zweiten Schritt möglich: die Idee einer Inkarnation der absoluten Priesterlichkeit setzt nämlich die Verabsolutierung der Priesterlichkeit zu einem Gott voraus).
Man könnte in diesem Zusammenhang sagen, dass sich aus dem Heiligen Geist, aus der allgemeinen Priesterlichkeit, die noch nicht verabsolutiert und vergöttlicht ist und in der einen oder anderen Weise allen Menschen qua ihres Mensch-Seins eignet, die Überhöhung und Personifizierung der Priesterlichkeit in JHWH herausschält.
Doch umgekehrt ist der Heilige Geist die allen Priesterexistenzen zugängliche Form des JHWH, sobald letzterer aus dem allgemein Priesterlichen herausgeschält ist.
Die Beziehung zweischen JHWH und dem Heiligen Geist ist also eine wechselseitige, sich gegenseitig bedingende.


5. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Joh. 14;1-12

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich!
Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?
Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.
Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?
Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.
Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.
Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?
Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und daß der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.
Glaubt mir doch, daß ich im Vater bin und daß der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke!
Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.

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Vater!

Mit dem ersten (und natürlich legendären) schwachbrüstigen und schöngeistigen Träumerlein, dass nachts, anstatt zu schlafen oder zu vögeln, also: anstatt sich in der einen oder anderen Form zur höheren Ehre der großen Mutter – der großen Hure – selbst im Ungesonderten zu verlieren, wie es das Leben vom Lebendigen fordert, fragend (und je fragender, desto weniger klein und ehrfurchtsvoll gegen das Leben) in den sternenklaren Himmel, d.h. in das unbegrenzte, das formlose Weltall blickte, um irgendeine Form, eine begrenzende Ordnung zum Zwecke der Sinngebung seiner eigenen kleinen und traurigen Existenz zu entdecken und – sie schließlich erkannte, beginnt der den Menschen erst konstituierende Aufstand des verlorenen Einzelwesens gegen die Gattung.
Seine symbolische Überhöhung findet dieser Aufstand, der die rohe Macht der Gattung in all ihren Ausformungen an die Institution, das ungebändigte Leben, die Natur an die Kausalität zu ketten versuchte und der sich anschickte, aus der gattungsmäßigen Einheit die Dingwelt und das Ich herauszubrechen, in der Gestalt des Vaters.

Ich habe geschrieben, dass JHWH, der Vater, von dem Jesus im heutigen Evangelium spricht, die Vergöttlichung des priesterlichen Ichs ist; also des Ichs, das unser eingangs erwähnter schwachbrüstiger und schöngeistiger Freund miterschuf, als sich ihm die scheinbare Kausalität in der Welt in der scheinbaren Ordnung der Sterne scheinbar offenbarte. Das erkennende Ich bleibt sich so gleich, wie die dem Werden entzogenen Dinge gleich bleiben, die es erkennt. Es wird Teil der Dingwelt und es erhält dadurch seine priesterliche Würde.
Das Prinzip des Vaters, des Ichs, das die Dingwelt erkennt und beurteilt und sich selbst gleich bleibt, ist dem Prinzip der Mutter, das keine Dinge, kein Ich, sondern nur das Werden kennt, diametral entgegengesetzt: Hier stehen sich Geist und Instinkt, Freiheit und Glück, Individuum und Kollektiv, Priester und Adel, Spannung und Takt gegenüber.
Innerhalb des Widerspruchs dieser zwei Prinzipien im Menschen hat der Einzelne sich zu entscheiden: das ist das letzte Wort, von dem sich nichts abdeuten läßt und an dem jeder ermessen muß, wohin Geburt und Natur ihn gewiesen haben. Ein Dasein, das sich des Wachseins bedient, oder ein Wachsein, welches das Dasein unterwirft. Takt oder Spannung, Blut oder Geist (Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S 821).

Wer also Priesterling genug war, um seine organische, taktvolle, gattungsmäßige Verbundenheit mit Dorf und Sippe ohne auch nur mit der Wimper zu zucken zu Gunsten der Nachfolge Christi – also der inkarnierten Priesterlichkeit, des menschgewordenen Prinzips des Vaters – zu liquidieren, der wusste vom Vater und war einer der seinen, war er sich dessen nun bewusst, oder nicht.


4. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Joh. 10;1-10

In jener Zeit sprach Jesus: Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.
Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.
Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.
Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.
Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

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Der Schafstall, der die Priesterlinge einhegt – d.h. absondert und dadurch schützt – indem er dem Anspruch nach die Aushegung der Wirklichkeit leisten soll, hat ein Bollwerk zu sein, an dem sich die Wellen der bösen Wasser des Lebens brechen, die Kräfte der Gattung sich umsonst abmühen.
In unserer alltäglichen Lebenspraxis wird allerdings das Prekäre der priesterlichen Wahrheiten – also des Kausalitäts- und Beständigkeitsdenkens – offenbar, das seinen Grund im Aufstandscharakter des Wesens und damit der Phänomene der Kultur hat. Ich habe geschrieben, dass es ein Bollwerk zu sein hat, nicht, dass es ein Bollwerk ist. Die Wände des Stalles können leicht überwunden werden. Nicht nur zersetzt das Leben selbst die Mauern der Feste, die für die ins Absolute gesteigerte Beständigkeit, für die dem Werden entzogene Ewigkeit gebaut wurden. Der Feind dringt auch quasi von innen ein:

Ich spreche auf den Menschenschlag an, den ich bei einigen Gelegenheiten im Predigtdienst (zuletzt hier) die verunglückten Priesterlinge genannt habe.
Zu ihm gehören all jene zur priesterlichen Weltsicht und Lebensführung ausreichend Kranken und Lebensuntüchtigen, die sich keine rechte Vorstellung von der Dominanz der Gattung machen und daher die Wirklichkeit als durch ihre Wahrheiten beeinflussbar oder gar bestimmt glauben.
Sie sind es, die dafür sorgen, dass der böse Feind, die Gattung, die Mauern des Stalles übersteigen kann, ohne auf ein Hindernis zu stoßen, um erst dann – und oft nicht einmal dann – in der Mitte der Priesterlinge bemerkt zu werden, wenn es zu spät ist; wenn die vor den Karren der Wirklichkeit gespannten Wahrheiten Stall und Umgebung in ein Schlachthaus verwandelt haben. Der Dieb ist die Wirklichkeit, die verunglückten Priesterlinge sind die Breschen im Bollwerk, die vom Ansturm des Lebens verschlissenen Mauern des Stalls.

Eine Tür lässt den ein, der erwünscht, sperrt den aus, der unerwünscht ist.
Durch die inkarnierte Überhöhung des Priesterlichen ins Absolute, durch Jesus, kann sich der von der Wirklichkeit der Gattung bedrohte, auf Freiheit und Vereinzelung insistierende priesterliche Anteil im Menschen immer in die Aushegungen der Wahrheiten flüchten.
Die Reinheit der Priesterlichkeit – eine Reinheit, die nicht die lebendiger, wirklicher Menschen, sondern nur die eines Gottes sein kann – weiß die Geister zu scheiden, weiß den verunglückten Priesterling zu erkennen und weiß ihn auszusperren, da sie die Fähigkeit hat, sich von der Kontamination durch die Wirklichkeit frei zu halten.


3. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr A)/Lk. 24;13-35

Am ersten Tag der Woche waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist.
Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte.
Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen.
Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so daß sie ihn nicht erkannten.
Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen,
und der eine von ihnen - er hieß Kleopas - antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, daß du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk.
Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen.
Wir aber hatten gehofft, daß er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.
Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab,
fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe.
Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.
Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.
Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?
Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.
So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen,
aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.
Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen.
Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr.
Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß?
Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt.
Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.
Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.

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Die Sprache der jüdischen Propheten, die der Welt, der sie zu fliehen suchten, fluchten, den Untergang prophezeiten, und ihr dennoch letztendlich immer unterlagen; die Sprache der jüdischen Gesetzgeber, die die Gattung zähmen wollten und ihr über Umwege doch hörig wurden – sie sind beide den Reden Jesu, der dem Priestervolk der Juden die Erlösung predigte und am Ende deswegen vom Welt-Volk der Römer gekreuzigt, d.h. auf die demütigste Art vernichtet wurde, aufs engste verwandt.
Zur bewussten Priesterlichkeit gehört die Erfahrung des Leidens, des Scheiterns an der Welt, an der Gattung, die letztendlich siegreich sein muss über alle Freiheits- und Vereinzelungsansprüche des aufständischen Mängelwesens Mensch. Priesterlichkeit – das ist Kultur, ist der Wille zur Beständigkeit, zur Kausalität – ist ja sowohl Ausdruck des Mangels an Vitalität, als auch ein Synonym für den Aufstand gegen das Leben, der aus dem Mangel folgt. Nur die Blindheit des Ideologen, des verunglückten Priesterlings meint, dass die eigene Wahrheit mit der Wirklichkeit der Gattung kompatibel sei.
Die Jünger Jesu auf dem Weg nach Emmaus mögen zuvor im Hochgefühl des Bewusstseins der bevorstehenden Erlösung der Juden beispielsweise von der römischen Fremdherrschaft – das heißt der Erlösung der Priesterlichkeit von den Mächten der Welt – geschwelgt haben; mit dem Tod Jesu wurde ihnen schlagartig die reale Schwäche großer Ideen vor Augen geführt. Das war ein Glück für sie, für die Integrität ihrer Priesterlichkeit!

Im Schock der Kreuzigung erweist sich die reale Bedeutung des Jesus von Nazaret, des potenziellen neuen Davids, als ein Trugbild, als eine ideologische Wunschvorstellung. Jesus selbst insistierte, glaubt man den Evangelien, darauf, dass sein Königreich nicht von dieser Welt sei. Er stand vor Pilatus nicht als sein feindlicher Mitbewerber, sondern als die Verkörperung des grundsätzlich Anderen. Er war kein Revolutionär, kein Volksheld – gar kein Held, sondern ein Heiliger. Das wurde wohl auch den unverbesserlichsten Weltverbesserern in der Entourage Jesu klar, als dieser gekreuzigt wurde.
Die Jünger Jesu konnten nun auf zweierlei Art reagieren:
Sie konnten sich erstens vollkommen von der bewussten Priesterlichkeit, also von Jesus, lossagen, sich den verschiedensten terroristischen Menschenbeglückern des radikalen Judentums, wie z.B. den Zeloten, anschließen oder sich in vollkommen unpriesterlicher Weise der Welt ergeben – wie es der „reuige“ Judas tat.
Zweitens konnten sie aber auch darauf reagieren, indem sie ihre priesterlichen Wahrheiten von den Ansprüchen auf Umsetzung in der Wirklichkeit reinigten.

Diesen zweiten Weg betraten die Emmausjünger, als ihr Glaube an die reale Bedeutung Jesu als neuer David nach seinem Kruezestod schwand und sie dem entsprechend auf Grund der Erzählungen der Frauen aus ihrem Kreis über die Auferstehung Jesu nicht in Freudentaumel ausbrachen, sondern diese zunächst äußerst kritisch betrachteten.
Doch das Eingestehen der Macht der Gattung in der Wirklichkeit ändert nichts daran, dass sie Priesterlinge bleiben, die sich gegen diese alles versklavende Macht auflehnen. Hören sie das Echo von ihresgleichen aus den Jahrhunderten durch die jüdische Überlieferung zu ihnen herüberwehen, so brennt ihr Herz: ihre Priesterlichkeit leidet und wird zugleich stärker. Als sich nun Jesus mittels eines symbolischen Aktes – dem des Brotbrechens – offenbart, als er ihnen seine Auferstehung vor Augen führt, ist damit sein Verschwinden aus der realen Welt verbunden.
Das bedeutet, dass die Priesterlichkeit den Menschen immer begleiten und stützen wird, solange er nicht Wirkmächtigkeit in der Sphäre der Gattung von ihr verlangt.


Palmsonntag (Lesejahr A)/Mt. 26;14-75 sowie 27;1-30 u. 32-66 (Passionsgeschichte nach Matthäus)

Wie jeden Palsmonntag möchte ich den Text des Evangeliums, der ungewöhnlich lange ist, ein bisschen besser erschließen, indem ich zu den Themen, die ich im heutigen Kommentar behandle, sowie zu den Themen, die in den vorhergehenden Jahren behandelt wurden, Anker im Text setze.

Im Gegensatz zum Evangelium des Palmsonntags des Lesejahres B steht im heutigen Evangelium nichts über die Begebenheit in Betanien sechs Tage vor dem Tod Jesu – der anderweitig von mir übrigens als der „Tod Gottes“ bezeichnet wurde – auf beide Kommentare sei hiermit verwiesen. Zum wesentlichen Unterschied zwischen Jesus und Petrus als der vollendeten und der unvollendeten Priesternatur im Lichte des dreimaligen Verrates Jesu durch Petrus, sowie zur persönlichen Haltung Jesu angesichts seiner bevorstehenden Kreuzigung habe ich mich ebenfalls im Kommentar zum Evangelium des Palmsonntages des Lesejahres B geäußert. Betreff der weit über die persönliche Haltung Jesu hinausgehenden, symbolischen Begegnung zwischen Pilatus und Christus als den Vertretern von Takt und Spannung, von Wirklichkeit und Wahrheit, sei hier auf den ersten Teil des Kommentars zum Karfreitagsevangelium verwiesen.
Vom Fremd-Sein in einer feindseligen Welt und vom Wunsch, sich daher von den Mächtigen der Welt schützen zu lassen, vor allem aber, davon, dass dieser Schutz ein zweiseitiges Schwert ist, handelt der erste Teil des Kommentares zum Evangelium des Palmsonntags des Lesejahres C. Vom verschiedenen Grad der Feindschaft zwischen unseresgleichen und zwischen uns und dem Anderen handelt der zweite Teil des Kommentares zum Evangelium des Palmsonntages des Lesejahres C.

Heute möchte ich über die im priesterlichen Sinne falsche Reue des Judas sprechen (Stelle im Evangelium, Beginn des Kommentars; im Evangelium ist der Link am Ende des Abschnittes mit einer Fußnote ausgewiesen).
Ein zweites Thema ist die Zugehörigkeit des Orakelwesens (wie es in der Passage über den Traum der Frau des Pilatus exemplarisch dargestellt ist) zur Sphäre des Taktes (Stelle im Evangelium, Beginn des Kommentars; im Evangelium ist der Link am Ende des Abschnittes mit einer Fußnote ausgewiesen)

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In jener Zeit ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohenpriestern
und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie zahlten ihm dreißig Silberstücke.
Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.
Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?
Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister läßt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.
Die Jünger taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.
Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern.
Da waren sie sehr betroffen, und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?
Er antwortete: Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten.
Der Menschensohn muß zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
Da fragte Judas, der ihn verriet: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus sagte zu ihm: Du sagst es.
Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und eßt; das ist mein Leib.
Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus;
das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
Ich sage euch: Von jetzt an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von neuem davon trinke im Reich meines Vaters.
Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.
Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen.
Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.
Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals!
Jesus entgegnete ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müßte – ich werde dich nie verleugnen. Das gleiche sagten auch alle anderen Jünger.
Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete.
Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit,
und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir!
Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.
Und er ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?
Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
Dann ging er zum zweitenmal weg und betete: Mein Vater, wenn dieser Kelch an mir nicht vorübergehen kann, ohne daß ich ihn trinke, geschehe dein Wille.
Als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend, denn die Augen waren ihnen zugefallen.
Und er ging wieder von ihnen weg und betete zum drittenmal mit den gleichen Worten.
Danach kehrte er zu den Jüngern zurück und sagte zu ihnen: Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Die Stunde ist gekommen; jetzt wird der Menschensohn den Sündern ausgeliefert.
Steht auf, wir wollen gehen! Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da.
Während er noch redete, kam Judas, einer der Zwölf, mit einer großen Schar von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren; sie waren von den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes geschickt worden.
Der Verräter hatte mit ihnen ein Zeichen verabredet und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es; nehmt ihn fest.
Sogleich ging er auf Jesus zu und sagte: Sei gegrüßt, Rabbi! Und er küßte ihn.
Jesus erwiderte ihm: Freund, dazu bist du gekommen? Da gingen sie auf Jesus zu, ergriffen ihn und nahmen ihn fest.
Doch einer von den Begleitern Jesu zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab.
Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.
Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?
Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muß?
Darauf sagte Jesus zu den Männern: Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag saß ich im Tempel und lehrte, und ihr habt mich nicht verhaftet.
Das alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten in Erfüllung gehen. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.
Nach der Verhaftung führte man Jesus zum Hohenpriester Kajaphas, bei dem sich die Schriftgelehrten und die Ältesten versammelt hatten.
Petrus folgte Jesus von weitem bis zum Hof des hohepriesterlichen Palastes; er ging in den Hof hinein und setzte sich zu den Dienern, um zu sehen, wie alles ausgehen würde.
Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um falsche Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können.
Sie erreichten aber nichts, obwohl viele falsche Zeugen auftraten. Zuletzt kamen zwei Männer
und behaupteten: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen.
Da stand der Hohepriester auf und fragte Jesus: Willst du nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen?
Jesus aber schwieg. Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes?
Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.
Da zerriß der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört.
Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist schuldig und muß sterben.
Dann spuckten sie ihm ins Gesicht und schlugen ihn. Andere ohrfeigten ihn
und riefen: Messias, du bist doch ein Prophet! Sag uns: Wer hat dich geschlagen?
Petrus aber saß draußen im Hof. Da trat eine Magd zu ihm und sagte: Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen.
Doch er leugnete es vor allen Leuten und sagte: Ich weiß nicht, wovon du redest.
Und als er zum Tor hinausgehen wollte, sah ihn eine andere Magd und sagte zu denen, die dort standen: Der war mit Jesus aus Nazaret zusammen.
Wieder leugnete er und schwor: Ich kenne den Menschen nicht.
Kurz darauf kamen die Leute, die dort standen, zu Petrus und sagten: Wirklich, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich.
Da fing er an, sich zu verfluchen und schwor: Ich kenne den Menschen nicht. Gleich darauf krähte ein Hahn,
und Petrus erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Als es Morgen wurde, faßten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes gemeinsam den Beschluß, Jesus hinrichten zu lassen.
Sie ließen ihn fesseln und abführen und lieferten ihn dem Statthalter Pilatus aus.

Als nun Judas, der ihn verraten hatte, sah, daß Jesus zum Tod verurteilt war, reute ihn seine Tat. Er brachte den Hohenpriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück
und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe euch einen unschuldigen Menschen ausgeliefert. Sie antworteten: Was geht das uns an? Das ist deine Sache.
Da warf er die Silberstücke in den Tempel; dann ging er weg und erhängte sich.1

Die Hohenpriester nahmen die Silberstücke und sagten: Man darf das Geld nicht in den Tempelschatz tun; denn es klebt Blut daran.
Und sie beschlossen, von dem Geld den Töpferacker zu kaufen als Begräbnisplatz für die Fremden.
Deshalb heißt dieser Acker bis heute Blutacker.
So erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Sie nahmen die dreißig Silberstücke – das ist der Preis, den er den Israeliten wert war –
und kauften für das Geld den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hatte.
Als Jesus vor dem Statthalter stand, fragte ihn dieser: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Du sagst es.
Als aber die Hohenpriester und die Ältesten ihn anklagten, gab er keine Antwort.
Da sagte Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, was sie dir alles vorwerfen?
Er aber antwortete ihm auf keine einzige Frage, so daß der Statthalter sehr verwundert war.
Jeweils zum Fest pflegte der Statthalter einen Gefangenen freizulassen, den sich das Volk auswählen konnte.
Damals war gerade ein berüchtigter Mann namens Barabbas im Gefängnis.
Pilatus fragte nun die Menge, die zusammengekommen war: Was wollt ihr? Wen soll ich freilassen, Barabbas oder Jesus, den man den Messias nennt?
Er wußte nämlich, daß man Jesus nur aus Neid an ihn ausgeliefert hatte.

Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ ihm seine Frau sagen: Laß die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute nacht einen schrecklichen Traum.2

Inzwischen überredeten die Hohenpriester und die Ältesten die Menge, die Freilassung des Barabbas zu fordern, Jesus aber hinrichten zu lassen.
Der Statthalter fragte sie: Wen von beiden soll ich freilassen? Sie riefen: Barabbas!
Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm!
Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm!
Als Pilatus sah, daß er nichts erreichte, sondern daß der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!
Da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!
Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.
Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn.
Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um.
Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden!
Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.
Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen.
So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe.
Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken.
Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich.
Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn.
Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden.
Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links.
Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf
und riefen: Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz!
Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten:
Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben.
Er hat auf Gott vertraut: der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er hat doch gesagt: Ich bin Gottes Sohn.
Ebenso beschimpften ihn die beiden Räuber, die man zusammen mit ihm gekreuzigt hatte.
Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land.
Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija.
Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken.
Die anderen aber sagten: Laß doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft.
Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.
Da riß der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich.
Die Gräber öffneten sich, und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt.
Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.
Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!
Auch viele Frauen waren dort und sahen von weitem zu; sie waren Jesus seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient.
Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.
Gegen Abend kam ein reicher Mann aus Arimathäa idns Josef; auch er war ein Jünger Jesu.
Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen.
Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch.
Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg.
Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.
Am nächsten Tag gingen die Hohenpriester und die Pharisäer gemeinsam zu Pilatus; es war der Tag nach dem Rüsttag.
Sie sagten: Herr, es fiel uns ein, daß dieser Betrüger, als er noch lebte, behauptet hat: Ich werde nach drei Tagen auferstehen.
Gib also den Befehl, daß das Grab bis zum dritten Tag sicher bewacht wird. Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden. Und dieser letzte Betrug wäre noch schlimmer als alles zuvor.
Pilatus antwortete ihnen: Ihr sollt eine Wache haben. Geht und sichert das Grab, so gut ihr könnt.
Darauf gingen sie, um das Grab zu sichern. Sie versiegelten den Eingang und ließen die Wache dort.

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War das etwas im priesterlichen Sinne Gutes, als der Verrat an Jesus Judas so in seinem Selbst erschütterte, dass er sich aus Reue selbst vernichtete?

In der Bibel, auch im Neuen Testament, herrscht das priesterliche Prinzip von Ursache und Wirkung unter anderem im Sinne einer unmittelbaren Konsequenz von guten und von bösen Taten (die inneren Widersprüche in diesem Bereich des priesterlichen Kausalitätsdenkens wurden vor drei Wochen besprochen). Als ein Beispiel unter vielen sei der plötzliche Tod des betrügerischen Ehepaars Hananias und Saphira genannt, wie er in der Apostelgeschichte (Apg. 5;1-11) geschildert wird.
Wendet man nun diese moralische Ausformung des Kausalitätsdenkens auf eine andere Überlieferung zum Tod des Judas, nämlich auf die aus der Apostelgeschichte (Apg. 1;16-19), an, nach der Judas unmittelbar nach seiner Freveltat durch einen schrecklichen Unfall zu Tode kam, so scheint die Sache zunächst klar: Judas wird für seinen Verrat unmittelbar bestraft. Die Apostelgeschichte weiß nichts von der Reue des Judas – die vom Autor der „Taten der Apostel“ unterstellte Karma-Mechanik geht nach dieser Überlieferung den direkten Weg.

Anders schildert der Evangelist Matthäus das Ende des Judas. Man könnte sagen, Ursache und Wirkung verschieben sich hier ineinander:
Die Ursache der Wirkung setzt sich aus dem Verrat heraus fort über die Reue, die selbst schon Wirkung ist, zum Vernichtungswillen gegenüber dem Selbst – und erst dort kommt sie zum Höhepunkt und kippt in die Vernichtung des Sünders, die reine Wirkung ist.
Nicht zum ersten Mal merke ich an, dass ich die Übertragungen von priesterlichen Wahrheiten – und das Kausalitätsdenken gehört zu diesen Wahrheiten – auf die Wirklichkeit für äußerst gefährlich – und zwar vor allem gefährlich für die Priesternaturen, die jene Übertragungen forcieren – halte.
Doch gesetzt, wir folgen dieser speziellen Form der verunglückten Priesterlichkeit, die in der oben beschriebenen Karma-Mechanik ihr Heil gefunden zu haben glaubt, und sehen im Suizid des Judas analog zur Schilderung in der Apostelgeschichte eine zeitnahe Bestrafung beispielsweise durch Gott, so ist die Reue und der Selbsthass des Judas Teil wie auch Ursache seiner Strafe.
Das scheint im Widerspruch zum Ethos des Christentums zu stehen, das doch die Reue als Voraussetzung und zugleich als ersten Schritt zur Vergebung der Sünden postuliert.

Nichts ist evidenter für die Weltsicht des Priesterlings in uns als das notwendige sich Versündigen des Menschen gegen ihn in der Welt. Nicht Schuld im Sinne des Verlustes der Unschuld – d.i. der Instinktsicherheit, des Aufgehobenseins in der Gattung – wie sie das Mensch-Sein erst ermöglicht ist hier gemeint, sondern – im Gegenteil – die Konzessionen, die der Priesterling an die Welt zu machen gezwungen ist.
Insofern sich der Priesterling der Inkompatibilität zwischen seiner Wahrheit und der Wirklichkeit bewusst bleibt und seine Wahrheit gegenüber der Wirklichkeit so gut es geht zu verteidigen sucht, indem er anstrebt Missgriffe rückgängig zu machen, ist seine Reue ein Element der Stärkung seiner Priesterlichkeit – und damit eine Stärkung seines freien Ichs.
Bei Judas liegt die Sache anders:
Er, der Sparefroh von Betanien, der mutmaßliche Zelot, der Kämpfer für eine bessere Welt, weiß nichts von der Inkompatibilität seiner Wahrheit mit der Wirklichkeit der Gattung. Erweist sich sein tatkräftiger Kampf für die gute priesterliche Sache als eine dialektische Förderung der Sache der Welt – im Falle des Judas der inhaltslosen faktischen Macht, deren Frage Was ist Wahrheit an den Priesterling in uns den Abgrund zwischen diesem und jener offenbart – so stehen die Chancen gut, dass er, der die Welt doch für so gut hält, sich für die Inkompatibilität seiner Priesterlichkeit – d.i. vor allem: seines Ichs – mit der Wirklichkeit bestrafen will. Man „bereut“ im Sinne des christlichen Ethos (wie ich ihn verstehe) falsch, wenn man sich in der „Reue“ des Judas übt.

Judas der Selbstmörder:
Die Priesterlichkeit wurde im Predigtdienst vor allem mit einem dem Anspruch nach beständigen Ich innerhalb einer feindlichen, formlosen Wirklichkeit identifiziert; JHWH wiederum gilt mir als Überhöhung, als Apotheose dieses Ichs.
Wenn man meinen Überlegungen folgen will, so ist der Suizid, insofern er – wie im Falle des Judas – primär einen Aspekt der Selbstbestrafung enthält (den ich ehrlichgesagt in jedem Fall vermute), ein blasphemischer Akt gegen Gott, zugleich ein demütiger Unterwerfungsakt unter die Gattung.

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Den beiden Großen der Welt, den Glückskindern Wallenstein und Napoleon wird nachgesagt, dass sie große Stücke auf die Astrologie hielten, sich sogar in ihren politischen und militärischen Entscheidungen von ihr beeinflussen ließen – offenbar mit meist positiven Auswirkungen für sie.

Lassen wir den priesterlichen Aspekt – der im Kausalitätsdenken liegt – in Künsten wie der Astrologie, der Traumdeutung (im nicht-freudschen Sinne), ja, des gesamten Orakelwesens einmal außen vor, so wird die gerade beschriebene Affinität der Kinder der Welt zu allen Formen des Orakels leicht erklärbar: Den Großen im Sinne der Welt, den Edlen, den Adeligen, den von-Ohngefähr, verbindet mit der Vorstellung von der Sichtbarwerdung des festgelegten Lebensweges jedes einzelnen Individuums in den Erscheinungen der Natur die Beschränkung auf das Gegebene, auf die bloße Wirklichkeit, die beiden eignet. So wie der Adel der Welt nicht erworben werden kann, so kann das gute Vorzeichen nicht erzwungen werden. Beides, der Anspruch, dass das eigene Tun das Sein bestimmt, und nicht umgekehrt, sowie auch die Manipulation der Vorzeichen, scheinen in den Augen der Welt nicht nur eine Torheit, sondern auch ein Frevel zu sein.
Das Schicksal – als der Zahlmeister der großen Mutter, der jedem sein Glücks zuteilt – ist eine Kategorie der Wirklichkeit und niemals eine Kategorie der Wahrheit.

Es ist darum kein Zufall, dass der Evangelist den Höhepunkt des Zweifels des Wirklichkeitsmenschen und Anti-Priesterlings Pilatus an der Schuld Jesu, der nichts anderes als der Ausdruck der vollkommenen Verständnislosigkeit (und Verachtung) des Wirklichkeitsmenschen betreff der Konflikte zwischen einzelnen priesterlichen Wahrheiten und ihren Vertretern ist, dramaturgisch nicht etwa mit der Überzeugungskraft der Wahrheit Jesu, sondern mit einem bösen Omen verbindet.


5. Fastensonntag (Lesejahr A)/Joh. 11;1-45

In jener Zeit, ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten.
Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank.
Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.
Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.
Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.
Als er hörte, daß Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.
Danach sagte er zu den Jüngern: Laßt uns wieder nach Judäa gehen.
Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen, und du gehst wieder dorthin?
Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht;
wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.
So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.
Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.
Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.
Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben.
Und ich freue mich für euch, daß ich nicht dort war; denn ich will, daß ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.
Da sagte Thomas, genannt Didymus (Zwilling), zu den anderen Jüngern: Dann laßt uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.
Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.
Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.
Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.
Als Marta hörte, daß Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus.
Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
Marta sagte zu ihm: Ich weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.
Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?
Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.
Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und läßt dich rufen.
Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm.
Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.
Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, daß sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.
Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert.
Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh!
Da weinte Jesus.
Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!
Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, daß dieser hier starb?
Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt, und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.
Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.
Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?
Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast.
Ich wußte, daß du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, daß du mich gesandt hast.
Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!
Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und laßt ihn weggehen!
Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

+ + +

Über den Charakter des Jesuswortes, dass sich durch das Unglück des Einzelnen, durch eine Krankheit zum Beispiel, die Herrlichkeit Gottes offenbare, wurde vorige Woche im Predigtdienst recht ausgiebig gesprochen.
Was uns heute interessiert ist einer der Sätze aus dem Evangelium dieses Sonntags, der zu den bekanntesten Jesusworten gehört. Es sind Teile der Verse 25 und 26. Sie finden sich beispielsweise als optionale Einleitungsworte zur Kommunionspendung innerhalb der Liturgie der römisch-katholischen Kirche oder als eine der fett gedruckten Kernstellen in der zeitgenössischen Lutherbibel. Die Stelle lautet: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.

Interessant und erklärungsbedürftig im Sinne der Widerspruchsfreiheit der Gedankenwelt, die im Predigtdienst zum Ausdruck kommt, ist der Terminus „Leben“ innerhalb des Jesuswortes, vor allem aber die Verbindung dieses Wortes, das im Predigtdienst immer der Gattung, der Welt, der Wirklichkeit zugeordnet ist, mit dem Über-Priesterling Jesus, der die Inkarnation des zum Göttlichen überhobenen Widerstandes der Mängelanteile des (im Sinne der Gattung) Mängelwesens Mensch gegen eben diese Gattung darstellt. Zu allem Überfluss wird dieser Verbindung von offensichtlichen Gegensätzen durch den Evangelisten noch durch ein Jesuswort, also durch die direkte Rede zusätzliches Gewicht gegeben.
All das führt zur Frage, wie der Autor des Predigtdienstes diesen offensichtlichen Widerspruch zwischen seinen Thesen und den Aussagen des Textes, den er als Anreger, als Katalysator für die Entwicklung seiner Thesen bezeichnet hat (zuerst hier), zu erklären gedenkt.

Er gedenkt sich mit dem Hinweis auf den jeweils verschiedenen Charakter von Leben im Sinne der Gattung (ζωή) und „Leben“ im Sinne einer individuellen Lebensgeschichte (βίος), also einer Biografie, zu verteidigen. Des weiteren gedenkt er darauf hinzuweisen, dass diese Unterscheidung nicht auf seinem Mist gewachsen ist, sondern von Aristoteles über Hannah Arendt auf ihn gekommen ist, er sich also mit seiner Argumentation in bester Gesellschaft vermutet.

Im Predigtdienst wird der Terminus Leben nur im ersteren Sinne gebraucht. In diesem ersteren Sinne ist das Leben die alles Lebendige zwingende Kraft, gegen die der priesterliche Anteil im Menschen sich im ständigen Aufruhr befindet. Wir deuteten JHWH als Vergöttlichung dieses priesterlichen Anteils im Menschen. Christus wiederum deuteten wir als die Inkarnation dieses Gottes. Der Über-Priesterling Jesus kann innerhalb der Deutungen des Predigtdienstes diese Form des Lebens nicht gemeint haben, als er von sich selbst eben jenen eingangs erwähnten Satz sagte – daraus würde sich in der Tat ein elementarer und nicht zu überbrückender Widerspruch ergeben.

So wenig sich die ζωή mit dem vom Priesterling so vielfältig vorgentragenen Anspruch auf Dinglichkeit und Kausalität innerhalb der Welt verträgt, so sehr bedarf der βίος eben dieser Dinglichkeit in der Gestalt eines Einzelwesens, das zuallererst einen gewissen Grad an Beständigkeit, d.h. Integrität aufweisen muss, um überhaupt eine sinnvolle Geschichte hervorbringen zu können. Das heißt also, dass das „Leben“ im Sinne des βίος, von dem auch Jesus in jenem Satz spricht, aufs engste der Priesterlichkeit verbunden ist. Das heißt jedoch nicht unbedingt, dass der βίος der ζωή diametral entgegengesetzt sein muss. Vielmehr ist er Leben in Gestalt; das meint, er ist das durch die Priesterlichkeit temporär gebändigte Leben.
Die Analogie zur Kunst drängt sich auf: Sie sprüht [...] gleichsam [apollinische, d.i. priesterliche] Bilderfunken um sich (Nietzsche. Geburt der Tragödie. § 5), wenn sie das Dionysische, d.i. die Gattung, zeitweilig durch ein In-Form-Bringen zu bändigen sucht. Vielleicht ist es deshalb – wohl entgegen der gängigen Bedeutung des Begriffes – gerechtfertigt, den gelungenen Gestalter des βίος als Lebenskünstler zu bezeichnen.
In jedem Fall währt keine Biografie ewig – außer die Gottes, der ja die Reinform der Priesterlichkeit darstellt. Am Ende steht der Sieg der Gattung über jede Form, die – jener zum Trotz – mehr oder weniger erfolgreich vom Alles weg ausgehegt wurde. Oder anders: Das Ende der jeweiligen Biografie des Einzelnen ist der Sieg der ζωή. Lazarus im Grab ist der Gattung erlegen.

Jesu Ausspruch ist die Verheißung der Überwindung der Zwänge der Gattung, damit die Verheißung der dauerhaften Bezwingung der ζωή – also des Lebens – durch den βίος.


4. Fastensonntag (Lesejahr A)/Joh. 9;1-41

In jener Zeit, sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.
Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, so daß er blind geboren wurde?
Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.
Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.
Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen
und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.
Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?
Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es.
Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?
Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach, und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen.
Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht.
Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.
Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.
Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen.
Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.
Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet.
Die Juden aber wollten nicht glauben, daß er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheilten
und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, daß er blind geboren wurde? Wie kommt es, daß er jetzt sehen kann?
Seine Eltern antworteten: Wir wissen, daß er unser Sohn ist und daß er blind geboren wurde.
Wie es kommt, daß er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen.
Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen.
Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst.
Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweitenmal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist.
Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, daß ich blind war und jetzt sehen kann.
Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet?
Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden?
Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose.
Wir wissen, daß zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt.
Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, daß ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet.
Wir wissen, daß Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er.
Noch nie hat man gehört, daß jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat.
Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiß nichts ausrichten können.
Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.
Jesus hörte, daß sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?
Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? (Sag es mir,) damit ich an ihn glaube.
Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es.
Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.
Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden.
Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind?
Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

+ + +

Die Frage, die schon in den ersten paar Zeilen des heutigen Evangeliums aufgeworfen wird, ist die vom Verhältnis zwischen dem Unglück, den Defiziten des Einzelnen in Hinblick auf das Leben, die aus seiner angeborenen Minderwertigkeit, Schlechtigkeit im Sinne des Nietzsches der „Genealogie der Moral“, herrühren und seiner eigenen Verantwortung für seine miserable Lage im Sinne einer Vorstellung von individueller Schuld, die implizit immer auch die Vorstellung von (großer, beinahe absoluter) menschlicher Freiheit ist.
Anders gesagt: Ist der blinde Bettler nur das Produkt der schlechten Gene eines Tschandalageschlechtes, so „sündigten“ seine Eltern, d.h. es „sündigte“ sein ganzes Geschlecht durch sein bloßes Dasein gegen die Herrlichkeit der Welt. Ist der blinde Bettler jedoch blind auf Grund seiner eigenen Sünden, seiner eigenen Fehltritte aus freiem Entschluss, so drückt sich in seinem Gebrechen, seiner Lebensuntüchtigkeit, die Sünde gegen eine priesterliche Wahrheit in der Wirklichkeit seines Unglücks aus. Beide Überlegungen zum Ursprung des Unglücks des blinden Bettlers werden durch den Über-Priesterlig Jesus abgelehnt. Warum?

Erstere Ansicht – oder vielmehr: ersterer Impuls der Instinktsicheren, der Von-Ohngefährs – ist dem priesterlichen Welterleben, das als ein Aufstand der Unedlen, Problematischen gegen die Gattung und ihre Zwänge zu verstehen ist, vollkommen entgegengesetzt: Eine Hauptstrategie dieses priesterlichen Welterlebens ist die Unterstellung von Kausalitäten in der Welt. Es geht in diesem Hineintragen von Kausalität in die Welt auch um die Unterfütterung der priesterlichen Vorstellung von menschlicher Freiheit qua dem Konzept der individuellen Verantwortung für das eigene Handeln, das Ergebnisse zeitigt. Der Impuls der Von-Ohngefährs das Unglück des Einzelnen auf seine Minderwertigkeit „zurückzuführen“ ist eigentlich der Impuls des Gattungswesens Mensch zu einem ganzheitlichen Blick, dem Minderwertigkeit und Unglück eins sind; dieser Blick führt also nicht zurück, d.h. er begründet nicht kausal. Die Ablehnung der „Erklärung“ des Unglücks des blinden Bettlers aus seiner gattungsmäßigen Schlechtigkeit heraus durch Jesus rührt daher nicht von ihrer Nichtentsprechung in der Wirklichkeit her – im Gegenteil kann nur jener Impuls der Von-Ohngefährs der Wirklichkeit entsprechen. Ihre Ablehnung durch Jesus ist begründet durch Jesu Priesterlichkeit, die auf Kausalität insistieren muss.

Während die Ablehnung der erstgenannten Ansicht über das Unglück des blinden Bettlers durch Jesus auf ihrer Unpriesterlichkeit beruht, folgt die Ablehnung der zweiten Ansicht, nach der sich die Verfehlungen eines einzelnen Menschen gegen eine priesterliche Wahrheit in seinem Unglück, also in der Wirklichkeit niederschlägt, aus der Einsicht des wahren Priesterlings Jesus, dass die Wirklichkeit sich nicht nach den Regeln der gegen sie aufständischen Priesterlinge und ihrer Wahrheiten richtet.
Vielmehr führt der Versuch, das durch die Gattung determinierte faktisch Gegebene auf die Einhaltung oder nicht Einhaltung von ihrem Wesen nach ausschließlich priesterlichen Richtlinien zurückzuführen, denen der Einzelne aus freien Stücken entweder entsprechen oder nicht entsprechen kann, zu einer (pseudo-)priesterlichen Rechtfertigung eben jenes durch die Gattung Gegebenen. Diese Rechtfertigung ist eine Spielart der von mir so bezeichneten „verunglückten Priesterlichkeit“, die immer durch ein mangelndes Bewusstsein seitens des Priesterlings (d.i. der von Defiziten in Hinblick auf das Leben, auf die Gattung, gezeichnete Anteil im Menschen, der der Kausalitäten, der Gesetze, der Objektivierung, der Idee der individuellen Freiheit, kurz: der Kultur, die gegen die Formlosigkeit der Gattung gerichtet ist, bedarf, um nicht unterzugehen) für das Verhältnis von priesterlicher Wahrheit und gattungsmäßiger Wirklichkeit gekennzeichnet ist. Die Spielarten des verunglückten Priesterlings sind wohl Legion. Im Predigtdienst begegnete und häufig der Utopist als der der Priesterlichkeit gefährlichste. Anders als für den Utopisten, der seine Wahrheit in der Wirklichkeit nur potenziell verwirklicht sieht, ist für den Vertreter der Vorstellung eines Niederschlags von individuellen Verfehlungen gegen priesterliche Wahrheiten in der Wirklichkeit – nennen wir ihn den Karma-Ideologen – die priesterliche Wahrheit immer und unter allen Umständen sozusagen „in Wirklichkeit“ der Herr über die Wirklichkeit. Das bedeutet, den Aufstandscharakter der priesterlichen Wahrheiten zu verkennen. Die Wirklichkeit ist älter. Und so führt die Sichtweise des Karma-Ideologen zur Rechtfertigung der gattungsmäßigen Wirklichkeit und damit zur Umkehrung der priesterlichen Intention.

Nach der Ablehnung beider Ansichten über das Unglück des blinden Bettlers kommt Jesus auf die Grundlagen von Priesterlichkeit, von Wahrheiten, von Kultur zu sprechen:
Im Aufstand des Unglücklichen, Lebensuntüchtigen, des Tschandalas gegen die Gattung gründet sich die die Formlosigkeit der Wirklichkeit dem Anspruch nach bannende Idee von begrenzten Objekten, von Kausalitäten – und vom Ich. Das zum Gott überhöhte Ich ist JHWH. Im Tschandala wird Gott offenbar.


3. Fastensonntag (Lesejahr A)/Joh. 4;5-42

In jener Zeit, so kam er zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte.
Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde.
Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken!
Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen.
Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.
Jesus antwortete ihr: Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.
Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser?
Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?
Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen;
wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.
Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muß, um Wasser zu schöpfen.
Er sagte zu ihr: Geh, ruf deinen Mann, und komm wieder her!
Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann. Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann.
Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.
Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist.
Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muß.
Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.
Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden.
Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden.
Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, das ist: der Gesalbte (Christus). Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden.
Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, ich, der mit dir spricht.
Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen. Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau sprach, aber keiner sagte: Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr?
Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen, eilte in den Ort und sagte zu den Leuten:
Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias?
Da liefen sie hinaus aus dem Ort und gingen zu Jesus.
Währenddessen drängten ihn seine Jünger: Rabbi, iß!
Er aber sagte zu ihnen: Ich lebe von einer Speise, die ihr nicht kennt.
Da sagten die Jünger zueinander: Hat ihm jemand etwas zu essen gebracht?
Jesus sprach zu ihnen: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen.
Sagt ihr nicht: Noch vier Monate dauert es bis zur Ernte? Ich aber sage euch: Blickt umher und seht, daß die Felder weiß sind, reif zur Ernte.
Schon empfängt der Schnitter seinen Lohn und sammelt Frucht für das ewige Leben, so daß sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen.
Denn hier hat das Sprichwort recht: Einer sät, und ein anderer erntet.
Ich habe euch gesandt, zu ernten, wofür ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und ihr erntet die Frucht ihrer Arbeit.
Viele Samariter aus jenem Ort kamen zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.
Als die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb dort zwei Tage.
Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn aufgrund seiner eigenen Worte.
Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt.

+ + +

Die Wahrheit, das Heil der Priesterlinge, wurde nicht (nur) von den Juden erfunden. Überall wo Menschen lebten und leben drängt sie ihre sich aus ihrer teilweisen Entkoppelung von der Gattung, von dem bewusst- und selbstlosen von Ohngefähr, vom Paradiese, speisende Lebensuntüchtigkeit, der Welt Dinglichkeit und Kausalität zu unterstellen, um anhand dieser Wahrheiten Freiheit zu gewinnen – oder besser: es ständig zu versuchen – in Hinblick auf die Zwänge eben jener Gattung, denen sie trotz allem wie alles andere Lebendige immer unterworfen bleiben.
Immer und immer wieder wird dieser Grundgedanke im Predigtdienst variiert, ausgebaut, angepasst; es sollte daher nicht wunder nehmen, wenn dem geneigten Leser der Inhalt der obigen Zeilen recht bekannt vorkommt.

Jesus spricht im heutigen Evangelium jedoch von der Exklusivität jüdischer Wahrheit. Wie könnte man das auslegen?
Es ist an einigen Stellen des Predigtdienstes gesagt worden, dass im Judentum der priesterliche Anteil im Menschen die gegenüber der Gattung dominanteste Ausprägung findet. Die Juden sind das Priestervolk schlechthin, schrieb schon Nietzsche; sie sind der fleischgewordene Aufstand gegen die Gattung, gegen das bewusstlose von Ohngefähr der im Sinne des Lebens Edlen, der im diesen (ursprünglichsten) Sinne Großen der Welt, die, als Instrumente der Gattung, in voller Unschuld alles Priesterliche in seiner nackten Existenz bedrohen. In ihnen manifestiert sich in klarster Weise der Überlebenswille der Lebensuntüchtigen, von dem jede Kultur ihren Ausgang nimmt. Oder, in den Worten des wortgewaltigen Anwalts der Gattung: Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, weil sie, vor die Frage von Sein und Nichtsein gestellt, mit einer vollkommen unheimlichen Bewusstheit das Sein um jeden Preis vorgezogen haben: dieser Preis war die radikale Fälschung aller Natur, aller Natürlichkeit, aller Realität [...]. Sie grenzten sich ab gegen alle Bedingungen, unter denen bisher ein Volk leben konnte, leben durfte, sie schufen aus sich einen Gegensatz-Begriff zu natürlichen Bedingungen (Nietzsche: Der Antichrist. § 24). Nicht nur die grundlos schenkende, grundlos wieder nehmende, alles Vereinzelte einschmelzende, amorphe und darum unpersönliche Mutter Erde sollte ihrer Macht beraubt werden – die Empörung gegen sie steht am Anfang aller Kultur – sondern das freie Selbst des Priesterlings wurde der einzige Gott der Juden. Er – und nur er – kann abseits der Gattung, ja sogar über der Gattung stehend von sich behaupten: „Ich bin da“. –

Geschichtlich betrachtet ist der Aufstand des priesterlichen Menschen par excellence, also des Juden, gegen das Große und Herrliche der Welt nicht erst ein Ergebnis seiner radikalen Vergottung der Freiheit, seines Glaubens also an den all-mächtigen, d.h. all-freien JHWH, sondern jener Aufstand geht der Ausformung des radikalen Eingottglaubens Israels voraus:
Historischer Geburtsort des Judentums ist nicht der Sinai, sondern Babylon – die Große. Es entstand aus dem inneren Ghetto der israelitischen Oberschicht – die, sprechend genug, in weiten Teilen eine priesterliche Oberschicht war – und ihrer Abgrenzung gegen die alle kulturellen Eigenheiten auflösende Großstadt, gegen den Schmelztiegel Babylon, heraus.
In der selbstgewählten Einsamkeit des jüdischen Volkes inmitten des Zentrums der Welt, in dem alle bekannten Gottheiten gleichermaßen und gleichberechtigt verehrt und damit ihrer Funktion als Personifizierungen einer priesterlicherseits unterstellten Kausalität in der Welt teilweise beraubt werden, verlieren die JHWH beigestellten volkstümlichen und dionysischen Götter Asherah und Ba'al endgültig an Bedeutung. JHWH selbst wird von einem Wettergott, also einem Gott, der zwar, wie alle Götter, Kausalität in die Welt trägt, doch immer noch an die Erde und ihre Erscheinungen gebunden bleibt, zum all-freien persönlichen Gott, zum vergöttlichten Ich, auch zum einzigen allmächtigen Gott, der zugleich auf das innigste mit den Priesterlingen, den Aufständischen gegen die Gattung verbunden ist.
Solcherart hart gemacht gegen „das blinde Mahlen der unterirdischen Gewalten, den endlosen, langsamen Sog, Schlamm und Morast“ von Mutter Erde und der Gattung (Paglia), ist das Judentum bis heute in der Tat eine ungewöhnlich erfolgreiche priesterliche Überlebensstrategie – die allerdings mit dem Grad an Bewusstsein für die sich stets von der Gattung abgrenzende Sonderexistenz steht und fällt.

Schon in JHWH wird also die Verheißung einer Nicht-Welt greifbar, die dann von Jesus auf die Spitze getrieben wird.
Darin liegt der Sinn im Satz Jesu, dass – sinngemäß – sich unter allen Menschen die Juden (am meisten) bewusst sind, was sie „anbeten“, d.h. in welcher Weise sich ihre Priesterlichkeit durch die Kultur überhöht, und dass das Heil der Priesterlinge, d.h. die effizienteste Form des Aufstandes gegen die Gattung und ihre Zwänge, von den Juden kommt.


1. Fastensonntag (Lesejahr A)/Mt. 4;1-11

In jener Zeit wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden.
Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger.
Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, daß aus diesen Steinen Brot wird.
Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.
Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel
und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.
Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht
und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.
Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.
Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm.

+ + +

Der obige Text aus dem Matthäusevangelium diente Fjodor Dostojewski als Material für eine Passage seines Romanes „Die Brüder Karamasow“, die unter dem Namen „Der Großinqisitor“ bekannt wurde und hier im Predigtdienst immer wieder erwähnt wurde. Ihre Lektüre sei an dieser Stelle wieder einmal wärmstens empfohlen.

Dostojewski greift im Rahmen eben dieser Passage mehrere Widersprüche innerhalb des Christentums mit seiner ihm in Hinblick auf seine grundsätzliche priesterliche Abgrenzung gegen alles Irdische wesentlich fremden, zugleich jedoch in Hinblick auf seinen sekundär aus der Ablehnung der Determinismen der Wirklichkeit sich speisenden priesterlichen Willen zu Ordnung durch Modell und Kausalität inhärenten historischen Tendenz zur Ausprägung von realen quasi-staatlichen Strukturen und von Ausübung von Macht auf und setzt sie an Hand eines Anklagemonologs eines spanischen Großinquisitors, eines Vertreters der erwähnten sekundären Affinität der Priesterlichkeit zur Macht, gegen den wieder auf die Erde zurückgekehrten Christus in Szene.
Ich schreibe „Widersprüche“ und meine dennoch nur scheinbare Widersprüche, denn die Affinität der Priesterlinge zum Staate ist, wie erwähnt, eben nur eine sekundäre:
Priesterlichkeit ist zunächst geprägt von der Notwendigkeit einer Abgrenzung des sich bewussten Einzelnen mit seinem Anspruch auf Freiheit gegen das Leben und seine chthonische Wirklichkeit, die ständiges Werden und Vergehen und formloses Fließen bedeuten. Ursprüngliche – also noch nicht durch Recht und Staat gefilterte – Herrschaft hingegen ist ein unmittelbarer Ausdruck der chthonischen Wirklichkeit, ist Teil der gattungsmäßigen Zwänge des sozialen Tieres Mensch; d.h. desjenigen Teiles des Mensch-Seins, gegen das die Priesterlichkeit ein Aufstand ist. Insofern kann in diesem primären Bereich von Priesterlichkeit auf der einen und Herrschaft auf der anderen Seite nicht von einer gegenseitigen Affinität gesprochen werden.
Doch die wichtigste Strategie des Priesters zur Bändigung der amorphen Kräfte des Lebens, die seine Integrität und damit seine Existenz bedrohen, ist immer der Versuch der Etablierung einer Weltsicht, die beständige Dinge fester Konsistenz innerhalb klarer Grenzen zur Grundlage hat. Der Staat, insofern er der bloßen Herrschaft durch die Etablierung beständiger Institutionen (eben ganz priesterlich) Grenzen setzen will, ist ein Ausdruck dieser Strategie – doch einer mit potenziell desaströsen Folgen für die Behauptung der Priesterlichkeit gegen die Gattung. Das zeigt sich immer dann, wenn die lupenreine Priesterlichkeit Utopien entwickelt und sich anschickt, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Dann zeigen sich die Widersprüche klar.
Die Wirklichkeit ist resistent gegen die Wahrheiten des Priesterlings wie die gattungsmäßige Realität letztendlich resistent gegen die Integritätsansprüche des Einzelnen ist. Man halte zweitere von ersteren fern! Der Großinquisitor in Dostojewskis Roman und seinesgleichen tun das nicht. Sie sind verunglückte Priesterlinge.

Es sind die Unterschiede in den Auffassungen von priesterlicher Größe im Denken des Priesterlings und verunglückten Priesterlings, die im heutigen Evangelium auch thematisiert werden. Analog zu den drei Versuchungen Jesu bedeutet dies:
Erstens ist nach priesterlicher Auffassung die Stillung der Lebensbedürfnisse auf Grund ihrer Verhaftung in den Zwängen der Gattung nur Mittel, niemals Zweck des Lebens des freien Einzelnen. Der ins Absolute überhöhte freie Einzelne ist der jüdisch-christliche Gott.
Zweitens können die Bedingungen der Wirklichkeit aus dem weiter oben erwähnten Grund niemals Grundlage zur Bestätigung einer Wahrheit sein – das würde scheitern.
Drittens muss die Herrschaft, trotz aller Versuche, sie durch Staat und Gesetz berechenbar zu machen, als der Priesterlichkeit und ihren Ansprüchen nicht zugänglich betrachtet werden. Sie ist Teil der chthonischen Wirklichkeit.


8. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt.6;24-34

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.
Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, daß ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, daß ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?
Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?
Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?
Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht.
Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.
Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wieviel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?
Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, daß ihr das alles braucht.
Euch aber muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.
Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.

+ + +

Der Text des heutigen Evangeliums verlangt von den Menschen die Setzung von Prioritäten innerhalb der Verwirklichung ihres Mensch-Seins; Prioritäten auf zwei unterschiedlichen Ebenen:

Erstens soll in der Lebenspraxis des Priesterlings die Wahrheit der Wirklichkeit und die Freiheit der Notwendigkeit, aber auch der Glückseligkeit vorgezogen werden. Das kommt in der Forderung zum Ausdruck, dass es uns zuerst um sein [also um Gottes] Reich [...] gehen soll.
Gottes Reich meint hierbei einerseits die Verheißung einer von allen Zwängen der Gattung befreiten Priesterlichkeit. Andererseits aber auch die Priesterlichkeit im Menschen selbst, wie sie eben im jüdisch-christlichen Gott ihre reinste Ausprägung findet, seinen inneren Gott, der gegen alle Angriffe der Gattung verteidigt werden soll, was einem ständigen Aufstand gegen das Leben und seine Zwänge gleichkommt, denen wir auf Grund unserer Kreatürlichkeit trotz allem immer ausgeliefert bleiben.
Hannah Arendt, eine jüdisch-deutsch-amerikanische Denkerin, theoretisierte um die Mitte des zwanzigesten Jahrhunderts über die verschiedenen Formen menschlicher Tätigkeit in der Welt. Interessant im Zusammenhang mit dem Spannungsverhältnis von kreatürlicher Notwendigkeit und aufständischer Priesterlichkeit wie es uns im heutigen Evangelium begegnet ist Arendts Entgegensetzung von Arbeit und Herstellen.
Das Arbeiten, das der Deckung der durch die Gattung bedingten Bedürfnisse und damit dem nackten Überleben dient, ist in seiner ursprünglichen Form nichts anderes, als die Präparierung von Nahrung, die durchaus als eine Vorform der Verdauung – also als einem Lebensprozess zugehörig – angesehen werden kann. Die Arbeit des Menschen wird konsumiert, wird vom Leben verschlungen – wie er selbst. Sie ist, in der Sprache des heutigen Evangeliums, der Sorge um den morgigen Tag, der Unterwerfung unter die Gattung zugehörig und sie ist die Tätigkeit unserer inneren Pflanze. Niemand kann ohne sie sein.
Den „Arbeitscharakter“ unseres Tuns so weit als möglich zurückzudrängen und durch das zu ersetzen, was Arendt „Herstellen“ nennt ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Sicherung der Priesterlichkeit im Menschen. Herstellen hat im Gegensatz zur Arbeit ein dingliches, also ein festes, umgrenztes und beständiges (und im Idealfall überzeitliches) Ergebnis. Es ist das Tätigsein der Kultur, die Dämme gegen das Leben baut.
Das Tätigsein im Sinne der Kultur, das Ziehen von Grenzen, das Erkennen von Kausalitäten, das Machen von sich selbst und der Welt, in der man lebt, ist gemeint, wenn der Evangelist von Gottes Reich schreibt, um das es den Menschen primär gehen soll, will er seine Priesterlichkeit verteidigen.

Doch das Tätigsein im Sinne der Kultur, das Herstellen, ist Anspruch, nicht Wirklichkeit, während die Arbeit uns ständig umgibt.
Darum soll der Mensch zweitens das Leben wichtiger als die Nahrung [...] [und den] Leib wichtiger als die Kleidung nehmen. Das bedeutet nichts anderes, als den Versuch der Eingrenzung der Arbeit als Tätigsein des Lebens, das ohne Grenze und Form ist, auf die Sicherstellung der bloßen Erhaltung des Lebens. Arbeit und Konsumtion, beide Auflöser, Zerstörer alles Festen, sollen nicht Vorbild allen Tätigseins werden, sondern im Gegenteil soll das Herstellen durch die Unterwerfung der Arbeit unter einen Zweck – nämlich die bloße Erhaltung der inneren Pflanze des Einzelnen, ohne die es auch keine Priesterlichkeit gibt – über die Arbeit herrschen.

Beide Forderungen sind priesterlicher Anspruch, nicht Wirklichkeit.
Arendt postulierte für die Moderne eine gegenteilige Entwicklung: Jede Tätigkeit wird vom Standpunkt der Arbeit aus verstanden und beurteilt.


7. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 5;38-48

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.
Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.
Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann laß ihm auch den Mantel.
Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.
Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.
Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.
Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?
Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?
Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

+ + +

Wir hörten vorige Woche, dass es zur Radikalisierung des Gesetzes durch Jesus gehört, in ihrem Rahmen Ansprüche an den Menschen zu stellen, denen er – auf Grund der primären Verhaftung seines Seins in der Gattung – zu genügen im Normalfall nicht fähig ist.
Des weiteren hörten wir, dass dies mit dem Verheißungscharakter jener Radikalisierung zusammenhängt: Die unerfüllbaren Standards, die allesamt in der einen oder anderen Form die Gattungsdeterminismen dem Anspruch nach zu überwinden trachten, weisen auf ein von den Zwängen der Gattung befreites Mensch-Sein, auf ein Eden mit umgekehrtem Vorzeichen, wie es vor einiger Zeit im Predigtdienst Thema war.
Das heutige Evangelium ist ein weiteres Zeugnis der oben erwähnten Radikalisierung.

Es gibt jedoch – an dieser Stelle im Evangelium wohl stärker berechtigt als an den meisten anderen – eine weitere Interpretation der radikalen Gebote Jesu, die darauf hinausläuft, das Christentum als eine hündische Unterwerfungshaltung von Sklaven gegen die Mächte der Erde zu verstehen; erweitert vielleicht um die Vorstellung, dass durch die radikalen Gebote Jesu die Machtlosigkeit und Minderwertigkeit jener Sklaven verschleiert werden soll, indem man ihnen mittels eines Taschenspielertricks die Initiative unterstellt, also so tut, als wäre im Beuteverhältnis von Lamm und Wolf des Lamm der primäre Akteur seiner Zerfleischung und Vernichtung. Wortgewaltiger Vertreter vor allem des zweiten Teils dieser Sicht auf die unerfüllbaren Standards Jesu wie auf das Christentum im Ganzen war – man wird es erraten haben – Friedrich Nietzsche.

Während es innerhalb meiner im gesamten Predigtdienst vertretenen Interpretation des Christentums als einer sehr radikalen Form der Bestrebung des Mängelwesens Mensch, sich zu Gunsten seiner Integrität als Einzelner von der alles Feste zerstörenden Gattung, von der Erde, vom Leben selbst zu emanzipieren, also dessen, was ich Priesterlichkeit oder in Anlehnung an Spengler Spannung genannt habe, unmöglich ist, eine Radikalisierung der Priesterlichkeit auf eine Verheißung einer Nur-Priesterlichkeit, einer Nicht-Welt, eines Himmelreiches hin als eine Unterwerfungshaltung unter die Mächte der Erde zu interpretieren, widerspricht der zweite, der nietzscheanische Teil des obigen Absatzes keineswegs eben jener Interpretation. Mehr noch: meine Interpretation des Christentums ist zu einem nicht zu vernachlässigenden, um nicht zu sagen, zum überwiegenden Teil, dem nietzscheanischen Christen-Bashing geschuldet. Die Perspektive des Predigtdienstes freilich ist der Nietzsches, des Apologeten der großen Mutter, großen Hure – der Erde – diametral entgegengesetzt:
Für alle Formen von Priesterlichkeit gilt, dass sie Modelle entwickeln; das heißt, dass sie sich anschicken, sich die Welt durch die Unterstellung von erkennbarer Kausalität in ihr zu erschließen. Wenn die Vorstellungen von Kausalität nicht rein mechanistisch, das heißt außerhalb der Einflussmöglichkeit des einzelnen freien Menschen (oder des Idealbildes und Vorbildes dieses einzelnen und freien Menschen, nämlich Gottes) ist, nehmen sie in unterschiedlicher Ausprägung Intentionalität des Einzelnen als Teil jener unterstellten Kausalität an.
Die die Welt erschließende Kausalität der Lehre Jesu, eine besonders reine Form von priesterlicher Weltsicht, ist hochgradig von Intentionalität abhängig. Das christliche Menschen- und Weltbild steht und fällt mit der Vorstellung äußerst ausgeprägter menschlicher Freiheit in der Welt in Gestalt des freien Willens, ins Absolute gesteigert in der Vorstellung vom Ur-Priesterlings, also von Gott, als alleinigen Schöpfer und Herrscher der Welt.
Jesus, der Sohn Gottes, der Gott in seinen priesterlichen Anteilen nicht nur ebenbildliche sondern gleiche, ist das christliche Idealbild des Menschen innerhalb der Wirklichkeit. Von Lamm und Wolf war im Zusammenhang mit Nietzsches Werk die Rede: Das Lamm Gottes wird nicht zur Schlachtbank geführt, es sucht sie auf. Mehr geht nicht unter den Bedingungen der Wirklichkeit.

Analog hierzu erschließt sich auch eine mögliche Bedeutung der unerfüllbaren Standards innerhalb des heutigen Evangeliums im Sinne der perspektivisch umgekehrten nietzscheanischen Sicht: Sie atmen den Anspruch auf Freiheit.


6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 5;17-37

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.
Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.
Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.
Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.
Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.
Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat,
so laß deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.
Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du wirst ins Gefängnis geworfen.
Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.
Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen.
Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.
Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengeht, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.
Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengeht, als daß dein ganzer Leib in die Hölle kommt.
Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entläßt, muß ihr eine Scheidungsurkunde geben.
Ich aber sage euch: Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.
Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast.
Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron,
noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs.
Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen.
Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.

+ + +

Die Bestätigung und Radikalisierung des Gesetzes im Tun Jesu, vor allem da, wo es scheinbar gegen die jüdisch-pharisäische, später jüdisch-rabbinische, buchstabengemäße Gesetzestreue gerichtet war, wurde schon einmal im Predigtdienst im Zusammenhang mit der Regelung des Geschlechtslebens durch den Alten Bund besprochen. Pars pro toto steht hier die angestrebte exakte Regelung, die Kanalisierung, Domestizierung, Brechung der sexuellen Energien für die Idee des Gesetzes selbst: Der formlosen Wirklichkeit, dem Leben – dessen stärkster Ausdruck die uns alle zwingende Sexualität ist – wird – im Aufstand gegen die Zwänge der Gattung, also auf gewaltsame Weise – Form aufgedrängt; sie soll feste, überzeitliche Gestalt annehmen und so zu einem Faktor werden, mit dem freie Menschen rechnen können.
Stimmig ist in diesem Zusammenhang das im heutigen Evangelium anklingende Wunschbild von der Erde, der großen Mutter alles Lebendigen, der Herrin des Dionysos, die unter dem Gesetz zum Schemel unter den Füßen der Überhöhung, der Apotheose der menschlichen Freiheit – also Gottes – degradiert werden soll.

Es ist, gar nicht unabhängig vom gerade Besprochenen, ein Zug der Radikalisierung des Gesetzes durch Jesus, die es erfüllen, also: obsolet machen will, dass er ganz offensichtlich vom vor allem durch die Gattung determinierte Geschöpf Mensch verlangt, was es nicht zu leisten imstande ist: Unser ganzes Leben lang zürnen wir entweder unseren Mitmenschen oder sehen sie lüstern an.
Die Radikalisierung des Gesetzes durch Jesus verlangt deswegen von uns Unmögliches, weil sie Teil seiner Verheißung ist, d.h. weil sie auf etwas hinweist, das außerhalb aller Wirklichkeit liegt – der gegenwärtigen und vergangenen, wie der zukünftigen.


5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 5;13-16

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.
Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.
Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.
So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

+ + +

Wer ist das Salz der Erde? Wer ist das Licht der Welt?
Die offensichtliche Antwort ist: Die Jünger Jesu sind das Salz der Erde und das Licht der Welt.
Wir haben schon vor geraumer Zeit und danach immer wieder, beispielsweise hier, die Jünger Christi – die vor ihrer Berufung ganz verschiedene Berufe ausübten und nur zu einem geringen Teil aus dem jüdischen Berufspriestertum stammten – als Menschen bezeichnet, deren priesterlicher Anteil, deren Spannungsanteil, um wieder einmal in der Terminologie Spenglers zu sprechen, besonders stark ausgeprägt ist. Er ist so stark ausgeprägt, dass man sie mit Fug und Recht als Priesterlinge bezeichnen kann. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie exemplarisch für den priesterlichen Anteil im Menschen stehen.
Anders gesagt: Insofern der Mensch „Priesterling“ ist – also im Wesentlichen: insofern er sich im Aufstand gegen die Gattung und ihre Zwänge befindet – ist er sowohl Salz der Erde, als auch Licht der Welt.

Was ist das Salz der Erde? Was ist das Licht der Welt?
Das meint: Was bedeutet der priesterlichen Anteil des Mensch-seins in Bezug auf dieses Mensch-sein?
Die Antwort, die aus den sprachlichen Bildern des heutigen Evangeliums von Salz und Licht, die beide an irgendeine Form der Essenz denken lassen, ersichtlich wird, ist, dass der priesterliche Anteil am Mensch-sein, d.h. der gegen die Gattung, gegen die Erde und die Formlosigkeit der Wirklichkeit aufständige Teil im Menschen, der aus seinen wesentlichen Dfiziten in der Lebenstüchtigkeit, seiner Glücklosigkeit, seinem Herausgerissen-sein aus dem Aufgehoben-sein eben jener Gattung sich speist, die wichtigste Voraussetzung für das Mensch-sein ist.
Das Salz der Erde salzt nicht die Erde der Tiere, Pflanzen und Steine – es ver-salzt sie im besten Fall, sondern es salzt – also ist essenziell für – den Himmel der Freiheit und Kausalität, der erst im Aufstand gegen diese Erde entsteht. Das bedeutet: Das Salz der Erde, also die Priesterlichkeit, ist die Voraussetzung dieses Himmels.

Diese Gedanken sind im Predigtdienst allerdings nicht neu.


4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 5;1-12/Kommentar zu den Seligpreisungen der Bergpredigt

Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.
Dann begann er zu reden und lehrte sie.
Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

+ + +

Einen Fluch der Mutter Erde!

Wir hören in den Seligpreisungen die Verheißung einer anderen, einer priesterichen „Welt“; einer Nicht-Welt sozusagen, deren Aufrichtung die Nihilierung der Wirklichkeit zur Voraussetzung hat. Die Seligpreisungen verheißen damit nicht nur eine priesterliche Idealwelt, sondern implizit auch die Überwindung der Zwänge der Gattung, denen alles Lebendige unterworfen ist, und in diesem Sinne die Überwindung des Lebens selbst.
Doch Schritt für Schritt:

Zunächst zum Charakter der Wirklichkeit, deren Überwindung verheißen wird:
In Wirklichkeit sind es nicht die Menschen guten Willens, die ob dieses guten Willens gesegnet sind mit Glück auf ihrem Lebensweg in dieser Welt (es sind auch nicht die schlechten oder die bösen Menschen, deren Rücksichtslosigkeit belohnt wird, wie es beispielsweise die Botschaft des de-sade'schen Doppelromans „Justine“ und „Juliette“ nahelegt), sondern es sind die glücklichen Menschen, die mit Glück auf ihrem Lebensweg in dieser Welt gesegnet sind.
Glück ist dabei eine Kategorie der Gattung, es bedeutet Wohlgeratenheit, Lebenstüchtigkeit, Adel. Der ihm eigene Lebensstil ist ein Leben „von Ohngefähr“. Vollkommen ohne Zusammenhang mit diesem Glück ist die Sphäre der menschlichen Intentionalität, wie sie dem obigen Verständnis des Begriffs „Wille“ zu Grunde liegt.
Die Friedensliebe, der Gerechtigkeitssinn, die Barmherzigkeit, die Bescheidenheit und vor allem der Mut zur Überhöhung der eigenen Priesterlichkeit (das um meinet[- also um Gottes] willen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet-Werden ist die reinste Form jenes Mutes, wie der jüdisch-christliche Gott die reinste Form dieser Überhöhung ist), d.h. die aus Sicht der Gattung vermessene Idee, dass es in der einen oder anderen Weise in der Welt auf die Lebenshaltung des Einzelnen ankommt, auf die alle vorher genannten Eigenschaften tugendhafter Menschen fußen, machen nicht etwa in Wirklichkeit glücklich, sondern sie machen in Wahrheit – im Himmelreich der Freiheit des Einzelnen und des Kausalitätsprinzips – selig.

Das führt uns zur sozusagen positiven Seite der Seligpreisungen der Bergpredigt, die, wie im letzten Satz bereits angedeutet, zwei grundsätzlichen Bereiche der Priesterlichkeit betreffen: Erstens, den Anspruch, seine Lebenshaltung frei zu wählen, der seinerseits auf der Annahme eines freien Willens des einzelnen Menschen beruht, die ihrerseits wiederum auf der Vorstellung der Gottebenbildlichkeit des Menschen fußt. Zweitens, die Annahme der Wirkmächtigkeit eines Kausalitätsprinzips in der Welt.
In beiderlei Hinsicht stellen die Verheißungen ein Alternativprogramm zur Wirklichkeit dar. Mehr noch: sie erheben in ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit die Freiheit des Menschen und das Kausalitätsprinzip zu den Grundlagen einer priesterlichen Idealwelt, die eine Nicht-Welt ist.
Die Seligpreisungen beschwören das Ende der Macht der Gattung, in dieser Hinsicht sind sie Flüche. Sie sind, nietzscheanisch gesprochen, Ausdruck des Hasses des nicht Wohlgeratenen gegen das Wohlgeratene, Glückliche – und nicht umsonst gilt der Text des heutigen Evangelums als einer der Grundlagentexte des Christentums; priesterlich gesprochen sind sie das Programm eines Aufstandes freier Menschen gegen das bewusstlos Instinkthafte, gegen das Sklavische an der Figur des Pilatus, um ein Beispiel zu nennen.
Erfolg ist diesen heiligen Flüchen gegen die Gattung, gegen die alles verflüssigende große Hure, nur innerhalb der Aushegungen der Kultur, innerhalb der Widerstandsnester der Priesterlichkeit gegen die Zwänge des Lebens beschieden.


3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 4;12-23

Als Jesus hörte, daß man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück.
Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali.
Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist:
Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa:
das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.
Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.
Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer.
Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.
Als er weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie,
und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus.
Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.

+ + +

Die Begebenheit am See Genezareth, in der die beiden Brüder Jakobus und Johannes durch ihren bewussten Akt der Verweigerung gegen die ihnen von der Gattung qua der auf sie und die ihren gekommenen Sitte auferlegten wirkliche Zwänge zu Jüngern Christi werden, wurde schon vor ungefähr zwei Jahren – wie ich meine recht erschöpfend – behandelt.

Es geht heute um eine andere Ausformung der Widerständigkeit gegen die Gattung: Es geht um die Einsamkeit, genauer: die Weltflüchtigkeit Jesu die im Evangelium des heutigen Sonntags anklingt und die ein immer wiederkehrendes Thema in allem vier Evangelien ist.
Diese Weltflucht ist insofern ein Akt des Widerstandes gegen die Gattung, als die Gattung Mensch eine soziale Gattung ist. Anders gesagt: Der Mensch in seinen bewusstlos-animalischen Anteilen – also in den Anteilen seines Mensch-Seins, gegen die alles Selbst-Bewusstsein, alle Unterstellung von Kausalität in der Welt, aller aus diesen beiden abgeleitete Anspruch auf Freiheit, alle Kultur ein Aufstand ist – eben jener Mensch als Exemplar der Gattung ist ein Herdentier. Einsamkeit des Einzelnen, also Absonderung von den Vielen, ist deshalb innerhalb des Gattungs-Programmes nur in der Form des Erleidens, also des Ausgestoßenwerdens möglich, das ein Instrument zur Vernichtung des Einzelnen zum Wohle der Gattung ist. Daher rührt auch das grundsätzliche feindselige Unverständnis jeder Form von Öffentlichkeit – die immer von Kollektiven, besser noch: vom Kollektiv, also von der Gattung Mensch, nicht von Einzelpersonen, gebildet wird – den willkürlich Einsamen, den Weltflüchtigen gegenüber: Sie sind nicht potenzielle Gefahr, Bedrohung für die Meisten – und wenn dies als ein Grund für jenes Unverständnis angegeben wird, so geschieht das durch die Wirkmächtigkeit der Kultur und des ihr inhärenten Kausalitätsprinzips, das nach einem rational begründbaren Verhältnis von Warum und Darum verlangt – sondern im Gegenteil ist durch ihr Verlangen nach Einsamkeit ihre Lebensuntüchtigkeit, ihre Schwäche im Sinne des Gattungslebens offenbar. In jenem feindseligen Unverständnis ist also das Weltprinzip von selbstlosem Ober sticht Unter wirkmächtig, das Nietzsche trefflich als Wille zur Macht bezeichnet hat. Die Welt, das Leben, auch das der Gattung Mensch ist nichts außerdem.
Der Priesterling – und Christus ist seine reinste Ausformung – setzt mitunter die willkürliche Einsamkeit als Hebel ein, um sich aus dem Zwang der Gattung herauszuhebeln. Die Freiheit von den Zwängen der Gattung ist die Kehrseite der Vogelfreiheit des Ausgestoßenen.
So zieht es Jesus an die wilden Grenzen der – in der jüdischen Weltsicht – wilden, semi-heidnischen Provinz Galiläa; aus der er ja auch selbst kommt. Strukturell ähnlich verhält es sich, wenn er vor der Menge und ihrer unpriesterlichen, massenpsychologisch bedingten Verehrungswut und ihrer Gemeinschaftsglückseligkeit an einsame Orte flieht.
In der Einsamkeit – und nicht im gemeinsamen Leben zum Wohle der wirtschaftlichen und politischen Entität Kloster, dessen Ethos im bewussten Gegensatz zum ursprünglichen Mönchsideal ausformuliert wurde – suchte von Anfang an eine radikale Minderheit von Priesterlingen in der Nachfolge Christi sich von der Welt zu befreien.
Diese Ensamkeit war niemals nur eine geistig-ideelle, sie war niemals ausschließlich die Bindungslosigkeit der „innere Emmigration“, die unter modernen Bedingungen nur schwer vom Partikularismus der Elementarteilchen innerhalb einer durch welche Karft auch immer bewegten Masse, also von einer der reinsten Ausformungen des Gattungslebens, zu unterscheiden ist. Die Einsamkeit der Priesterlinge ist auch eine räumliche.


2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Joh. 1;29-34

In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.
Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war.
Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen.
Und Johannes bezeugte: Ich sah, daß der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.
Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.
Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.

+ + +

Vorigen Sonntag hörten wir etwas über die Verschränkung des jüdisch-christlichen Gottes und der Priesterlichkeit im Menschen; außerdem über das daraus sich ergebende Eingewurzeltsein der Inkarnation jenes jüdisch-christlichen Gottes, also Jesu, in die radikalste Ausformung der Priesterlichkeit innerhalb des Priestervolkes schlechthin, innerhalb des jüdischen Volkes also, nämlich in das alttestamentarische Prophetentum.
Wenn wir das heutige Evangelium lesen, so will es uns scheinen, als würde jene angenommene Verschränkung teilweise – also nicht was die Abhängigkeit der ständig durch die Gattung in Frage gestellten Priesterlichkeit von der Vorstellung eines nicht unter den Zwängen der Gattung stehenden, sondern vielmehr der Gattung gebietenden Gottes, dessen Ebenbild der Mensch auch ist, oder genauer: dessen Ebenbild der innere Gott im Menschen ist, sondern (ich sage es ganz vorsichtig, um nicht meine eigenen religiösen Gefühle zu verletzen) was das Bekanntwerden eben jenes Gottes unter den Menschen betrifft, das auf der Überhöhung und Verabsolutierung der eigenen Priesterlichkeit zum Zwecke der Sicherstellung ihrer Existenz gegenüber der Gattung beruht – nicht mit den Worten des Evangelisten, die er dem Johannes dem Täufer in den Mund legt, übereinstimmen. Denn ganz eindeutig verläuft im Text die Linie vor allem der zeitlichen Abfolge, aber auch, auf diese aufbauend, die der Kausalität, von Christus zum letzten der alttestamentarischen Propheten, zu Johannes.

Natürlich ist das ein Argument gegen meine im vorigen Predigtdienst vorgebrachte These; und als solches muss man es so stehen lassen, denn es ist, wie ich finde, stichhaltig.
Doch was, wenn das Wort, dass Jesus, trotz seines in Relation zu Johannes späteren Wirkens, früher war als dieser, weil er eben auch vor seiner Zeugung seit Ewigkeiten Gott ist, vor allem ein Ausdruck der priesterlichen Selbstüberhöhung ist; dahingehend nämlich, dass die Vorstellung von Gott (und damit in einem zweiten Schritt auch von der Inkarnation des Göttlichen) das priesterliche Ideal von Kausalität innerhalb einer nicht durch das wilde, alles einschmelzende Lebensprinzip des sinnfreien Werden und Vergehens – das Wirklichkeit ist –, sondern durch die vom Leben abgezogene Objektivität von beständigen Dingen mit festen Grenzen – die Objekte der Wahrheitsfindung sind – geprägten Welt durch die Gott unterstellte Ewigkeit – die nichts anderes als das absolute Frei-Sein von Lebendigkeit bedeutet – auf die Spitze treibt? Dann würde das heutige Evangelium nicht in Widerspruch zu meinen Ausführungen von voriger Woche stehen, sondern würde die These von der wechselseitigen Verschränkung und Abhängigkeit von Priesterlichkeit und Gott vielmehr stützen – da die Vorstellung von der zeitlichen Folge und der daraus resultierenden Hierarchie von Gott und Priesterlichkeit eine Funktion der Überhöhung der Priesterlichkeit durch den Priesterling wäre.

In diesem Zusammenhang wäre dann auch die Rede vom Geist Gottes zu sehen. Er wird nicht etwa durch sein bloßes Vorhandensein im Sein des Jesus aus Nazareth zum Indikator der Göttlichkeit Jesu. Denn insofern Mensch-Sein den Widerspruch von Gattung und Priesterlichkeit bedeutet und der Geist Gottes – wie Gott selbst, mit dem er ident ist – die Überhöhung des priesterlichen Anteils im Menschen ist, hat jeder Mensch durch sein Mensch-Sein Anteil am Geist Gottes. Die Göttlichkeit Jesu zeigt sich vielmehr darin, dass der Geist auf [ihm] bleibt; d.h. das der Mensch Jesus vollkommen frei ist von den Zwängen der Gattung, die jedem anderen Menschen das Bisschen mühsam erworbenen Geist, das Stück Freiheit von der Welt, immer und immer wieder rauben und sein Ich wieder einschmelzen im formlosen Alles.


Taufe des Herrn (Lesejahr A)/Mt. 3;13-17

Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.
Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müßte von dir getauft werden, und du kommst zu mir?
Jesus antwortete ihm: Laß es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit (die Gott fordert) ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.
Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.
Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.

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Es scheint im heutigen Evangelium so zu sein, als wäre eine Vorbedingung der Legitimität Jesu seine Taufe durch Johannes.
Zwierlei hierzu:

Erstens symbolisiert sich in der Taufe Jesu durch Johannes, den letzten der alttestamentarischen Propheten, die Kontinuität jüdischen Prophetentums. Dahingehend nämlich, dass Christus, obwohl mit ihm eine neue Qualität der Verneinung der Welt möglich wird (unter anderem ausgeführt hier und da), auf dem Boden der radikalsten Ausformung der Priesterlichkeit innerhalb des Prestervolkes der Juden, des jüdischen Prophetentums nämlich, steht, ja, geradezu aus ihm gewachsen ist. Es setzt sich eine Tradition fort von Elija und Elischa, von Jesaja und Jeremia über Johannes den Täufer zu Jesus. Hierbei ist die Taufe Jesu in einer der Bischofsweihe innerhalb der katholischen Kirche analogen Weise zu verstehen.

Zweitens zeigt sich in der von ihm selbst als notwendig für die Erfüllung des göttlichen Willens bezeichneten Taufe Jesu die Verschränkung des all-freien jüdisch-christlichen Gottes, dessen Sein sich über das scharf Umrissene, klar Umgrenzte, in diesem Sinne durchaus „Dingliche“, allem Werden entzogene Ewige definiert, der des weiteren auch unbedingt büdnistreu ist, mit dem Anteil des Menschseins, der das Mängelwesen Mensch, in angestrebter Kompensation eben dieser Mängel, aus seinem Verhaftetsein in der Gattung über den Kunsgriff, der Welt Dinglichkeit und Kausalität zu unterstellen, zu befreien trachtet – und ihn damit erst zum Menschen macht. Ich habe diesen den Menschen mitkonstituierenden Anteil den inneren Gott, oft auch den Priesterling im Menschen genannt.
Dieser innere Gott ist es, der den einzelnen Menschen, der doch immer eingebunden bleibt in die Gattung, deren bloßes Exemplar er vor allem ist – und die sich, wie wir seit Drawin wohl zu recht annehmen, unter natürlichen Bedingungen durch sein gewaltsames Ende vor der Zeit verbessert –, von seiner Beständigkeit, seiner Umgrenztheit, in diesem Sinne von seiner Objektivität, seiner Emanzipation von den Strömen des Lebens, die die notwendige Vorbedingung für die von eben diesem inneren Gott angestrebte Freiheit ist, kurz: von seinem Sein als ein Ich träumen lässt.
Es zeichnet den jüdisch-christlichen Gott vor allen anderen Superlativen, die ihm eignen, wie seiner All-Macht (die eine All-Freiheit ist), seiner Ewigkeit, seiner Freiheit von der Welt, die soweit geht, dass er (als Schöpfer) über die Welt zu stellen ist usw., aus, und es ist die Grundlage all dieser Suprlative, dass er sich selbst mit Recht als der Ich bin da Ex. 3;14) bezeichnen kann. Er verwirklicht den Anspruch des inneren Gottes, ist seine Überhöhung.
In der Hoffnung, die dem Menschen, insofern er nicht bloßes Gattungswesen ist, aus solchen Überhöhungen seines inneren Gottes (deren reinste Ausprägung zwar der jüdisch-christliche Gott darstellt, die sich aber in allem findet, was Kultur ist) in Bezug auf seine Menschlichkeit selbst, seine Freiheit vor allem, erwächst, verwirklicht sich seine Gottesebenbildlichkeit. Durch die Überhöhungen – und niemals durch ein auf die Natur, auf das Leben rekurrierendes Prinzip – kann er Würde gewinnen; was nichts anderes als die Sicherung seines inneren Gottes bedeutet. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und die Überhöhung des inneren Gottes in der Kultur im allgemeinen und im jüdisch-christlichen Gott im besonderen bedingen sich gegenseitig. Damit geht auch die Göttlichkeit Jesu, die die Inkarnation des jüdisch-christlichen Gottes ist, aus dem inneren Gott, den priesterlichen Anteilen des Menschen hervor. Radikalste Ausformung der Priesterlichkeit im Menschen war das jüdische Prophetentum. Damit alles seine Ordnung hat, muss Jesus die Taufe von Johannes dem Täufer erhalten.


Fest der Heiligen Familie (Lesejahr A)/Mt. 2;13-15 u. 19-23

Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.
Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.
Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
Als Herodes gestorben war, erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum
und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot.
Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel.
Als er aber hörte, daß in Judäa Archelaus an Stelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa
und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

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Es ist eine von mir unterstellte Regel, die sich anhand der Geschichte des jüdischen Volkes exemplifizieren lässt, dass sich die Pristerlichkeit in Menschen mit vornehmlich priesterlichen Anteilen am besten in einer Situation entwickelt, in der ihr Fremd-Sein in der Welt in aller Deutlichkeit zum Ausdruck kommt. So entstand das eigentliche Judentum nicht zur Zeit der weltlich-politischen Vorherrschaft der israelitischen Stämme in Kanaan, nicht in der Richter-, schon gar nicht in der Königszeit; diese Zeitabschnitte „jüdischer“ Machtentfaltung waren im Gegenteil geprägt vom Verfall der spezifisch jüdischen Priesterlichkeit. Dieser Verfall äußerte sich nicht nur in der Übernahme fremder religiöser Praktiken, die in ihrer Sinnlichkeit die für das Leben bezeichnende Auslöschung allen Anspruchs auf Selbstigkeit und Freiheit eines Einzelnen zu Gunsten der Gattung verherrlichten und vergöttlichten – das war nur der Höhepunkt einer Entwicklung. Der selbe Verfall zeigte sich bereits in der Etablierung einer Königsherrschaft, einer Herrschaft, die, um es in der Terminologie Oswald Spenglers auszudrücken, mehr als jede andere ihrem Wesen nach nicht in der für das jüdische Volk wesentlichen Gestalt des Heiligen, sondern in der seinem Priestercharakter vollkommen fremden des Helden ihre Überhöhung finden musste.
Erst in der Katastrophe des babylonischen Exils, das selbstredend das Ende eines wie immer gearteten jüdischen Staatswesens als Träger jüdischer weltlicher Herrschaft bedeutete, fand das Priestervolk par exellance wieder zu seinem Wesen zurück (manche Historiker behaupten, das jüdische Selbstverständnis entwickelte sich erst zur Zeit des babylonischen Exils).

Doch die Partizipation am Spiel des Lebens, am sinn- und zweckfreien Getriebenwerden durch die Gattung, die die Bedingung jeder Form von Herrschaft in dieser Welt – also von wirklicher Herrschaft im Gegensatz zu den utopischen Idealmodellen von Herrschaft der Philosophen-Priesterlinge – ist, lässt sich nicht vermeiden, wenn mehrere Menschen in einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft miteinander leben.
Eine „jüdische Gesellschaft“, die, wenn sie auch politisch weitestgehend ohnmächtig war, den Anspruch erhob, die sie umgebende Welt nach den Vorstellungen ihrer Priesterlichkeit formen zu wollen, erzeugte zu viel Nestwärme (falsche, also: virtuelle Nestwärme zwar, denn niemand, schon gar nicht der Priester, vermag es, sich eine Welt zu schaffen, vielmehr verskalvt – und beglückt, doch Glück ist keine Kategorie der Priesterlichkeit, keine Kategorie der Freiheit – die Welt jeden, der sie nicht flieht), um einen Über-Priesterling, einen Weltverneiner wie Jesus (ent-)„sozialisieren“, meint: in seiner Priesterlichkeit nachhaltig prägen zu können.
Es liegt für mich irgendwie nahe, die Bedeutung Ägyptens für die charakterliche Schärfung der Inkarnation der Göttlichkeit im Menschen, Jesu, mit der Bedeutung Babylons für die Herausbildung der Identität des jüdischen Volkes in Analogie zu setzen: beide Zentren der Weltlichkeit waren Orte der Fremdheit für den Priesterling.
Insofern sich Jesus (mitsamt seiner „Familie“, doch das ist bedeutungslos) nicht im Herzen der „jüdischen Welt“, also im ehemaligen Königreich Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem, sondern in ihrer Semiperipherie, in Galiläa, nierderließ, setzte sich der oben von mir unterstellte Trend zum Leben als Fremder in der Fremde auch in der sogenannten „Heimat“ fort.


4. Adventsonntag (Lesejahr A)/Mt. 1;18-24

Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, daß sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes.
Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloß, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.
Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.
Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat:
Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns.
Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

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Es hebt sich etwas auf, in der Geschichte mit der Empfängnis Jesu; etwas grundsätzlich zur Gattung Gehörendes. – Und damit meine ich noch etwas anderes, als die Konsequenzen aus der Idee der Jungfrauengeburt, die, zugegebenermaßen, was die beanspruchte Überwindung der Gattung betrifft, schwer zu überbieten ist. Ich meine die Überwindung eines Konzeptes, das man Adel heißen kann.
Adel – weltlicher Adel, Adel im eigentlichen Sinn also – so habe ich vor einigen Wochen geschrieben, heißt menschliche Größe, die aus der inneren Pflanze kommt, heißt Leben von Ohngefähr (Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Kapitel 59), heißt Zucht, die den Einzelnen einfügt in die Gattung.

Auch ein Priestervolk wie die Juden machte seine Abstecher in die Sphäre des Adels und seiner Weltsicht, in das Primat der Gattung vor dem priesterlichen Einzelnen. (Wie konnte es auch anders, war es doch in der Antike Träger eines Staates usf.) Vor allem war dies der Fall während der sogenannten Königszeit, an deren halblegendären, epischen Anfang die beiden Figuren Saul und David standen.
Interessant in Hinblick auf den Priestercharakter des jüdischen Volkes ist hierbei die Schilderung der Entstehung der Königsherrschaft im ersten Buch Samuel, in der das Verlangen des jüdischen Volkes nach einem König, das nichts anderes, als das Verlangen, so wie alle anderen Völker zu sein, auch nichts anderes, als das Bedürfnis nach Aufgabe der Priesterlichkeit zu Gunsten der Hinwendung zur Welt, zum Adel war, als eine Blasphemie erscheint.
Nach den großen Königen David und Salomon bekommen die Juden auch die Rechnung für die Verleugnung ihres Wesens präsentiert. Der Niedergang gipfelte in der Niederlage gegen die Chaldäer, gipfelte in der Verschleppung nach Babylon, im Verlust der irdischen Heimat, im permanenten Fremd-Sein in der Welt. Das war zugleich der Augenblick der Erneuerung, manche Historiker meien sogar die eigentliche Geburt des Judentums.
Ein Rest von adeligem Lebensgefühl schwang noch in den Messiaserwartungen der Juden zur Zeit Jesu mit, als man die Herkunft des Retters des jüdischen Volkes aus dem Stamm des größten jüdischen Königs, aus dem Geschlecht des David, erwartete.
Doch irdisch, adelig gesprochen, hängt die Herkunft des größten Juden aller Zeiten, die Herkunft Jesu, in der Luft. Er ist eben nicht durch Adel, sondern durch Priesterlichkeit gerechtfertigt. Er steht allein in der Welt, ist so frei von der Gattung, wie das irdisch-göttliche Doppelwesen Mensch nur sein kann.


3. Adventsonntag (Lesejahr A)/Mt.11;2-11

Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm
und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?
Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:
Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.
Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.
Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden; er sagte: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?
Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige.
Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Propheten.
Er ist der, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen.
Amen, das sage ich euch: Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.

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Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt.
Ist das nicht ein Sinnbild für opportunistische Lobhudelei?

Die Bilder, mit deren Hilfe Jesus zeigt, was Johannes nicht ist, verweisen symbolisch auf die Gestalt des falschen Propheten. Ein mit dem Strudel des Lebens – ob obenauf oder nicht, ist gleichgültig – schwimmender verunglückter Priesterling, der die zufälligen Formen jenes wesentlich amorphen Strudels mit Hilfe seiner Priesterlichkeit verherrlicht, indem er ihrer momentanen Ausprägung einen höheren Sinn, vielleicht sogar Ewigkeit unterstellt.
Doch die – übrigens in den Augen der Welt mit Recht niemals als Makel, sondern stets als Talent zur Nähe zur Wirklichkeit, als das Ohr am Puls der Zeit, angesehene – Fähigkeit, sein Fähnlein in den Wind zu hängen, hat nicht zwingend, ich würde sogar sagen: hat nur in den seltensten Fällen, etwas mit dem bewussten Ausnutzen äußerer Umstände, an denen man nicht Teil hat, also mit Opportunismus, zu tun. Vielmehr ist eine echt opportunistische Haltung, genauer: das Element der Bewusstheit und das Element des Nicht-Teilhabens des opportunistisch denkenden und handelnden Ichs an der es umgebenden Welt in ihr, ein Ausdruck von ungebrochener Priesterlichkeit.
Die Falschheit des Propheten, auf die Jesus anspielt, das Schwanken im Winde also, zeigt sich vielmehr in einer speziellen Art pflanzenhaften Aufgehens in der Welt, das sich, verunglückt priesterlich, der Illusion hingibt, den jeweiligen Ausdruck des ewigen Spiels der Welt, das ohne Sinn, ohne Form ist, als eine ewige Wahrheit zu rechtfertigen.
Falsche Prophetie ist das Geschäft der Hofprediger und Hofdichter, der Parteiideologen und Staatsphilosophen, die in der Regel keine Opportunisten, sondern von Moralin besoffen sind.


2. Adventsonntag (Lesejahr A)/Mt. 3;1-12

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa:
Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.
Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung.
Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus;
sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
Als Johannes sah, daß viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, daß ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?
Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt,
und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.
Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.
Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.

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Alljährlich ruft uns das Evangelium des zweiten Adventsonntags die Figur des Johannes des Täufers und sein Wirken, sowie die auf ihn gemünzten Passagen in den messianischen Verheißungen des Buches Jesaja ins Gedächtnis.
Zur Person Johannes des Täufers habe ich bereits am zweiten Adventsonntag im Lesejahr B, also vor zwei Jahren, einiges geschrieben, das am 21. Juni des selben Jahres, zum Hochfest des Johannes des Täufers nämlich, um andere Deutungen ergänzt wurde. Zum Messianismus der alttestamentarischen Propheten, der nichts weniger als die Verheißung einer Nicht-Welt bedeutet, habe ich mich am zweiten Adventsonntag des Lesejahrs C, also vor ziemlich genau einem Jahr, geäußert.
Bleibt noch, von den Drohungen des Johannes gegen die Pharisäer und Sadduzäer zu schreiben; vor allem aber, wie sie im Sinne der diesem Predigtdienst zu Grunde liegenden Gedanken verstanden werden können. Diese Drohungen des Johannes finden sich übrigens nur bei Matthäus.

Bei den beiden Gruppen der Pharisäer und der Sadduzäer handelt es sich um zwei verschiedene Typen des verunglückten Priesterlings. Dem entsprechend richtet sich die durch den Propheten vermittelte Drohung Gottes nur an das Seine im Menschen; nur an die Kinder des Lichts in uns, nicht an unser Verhaftetsein in der Gattung. Die Gattung ist sich selbst genug und bedarf der Priesterlichkeit nicht, leidet also auch nicht am Verunglücken dieser.

Die Sadduzäer waren Angehörige der herrschenden Priesteraristokratie im Heiligen Land – und hier liegt schon der Hund begraben. Doch eins nach dem anderen:
Als die Juden aus dem Babylonischen Exil zurückkehrten, wurde ihnen gestattet, sich politisch selbst zu verwalten. Dem Priestervolk schlechthin; dem Volk des Gesetzes, das das dionysische Treiben der Welt in Fesseln schlagen will; dem Volk, das nicht die Fruchtbarkeit, die Geschlechtlichkeit oder den Krieg, also eine Funktion des Lebens, sondern den von der Gattung befreiten Einzelnen vergöttlicht hat – und so ein Volk waren die Juden endgültig erst im Babylonischen Exil geworden; nämlich aus der freiwilligen Verweigerung dem bunten, amorphen, alles verflüssigenden Treiben der Welt-Stadt gegenüber zu Gunsten der Erhaltung der eigenen Integrität heraus – wurde also nahegelegt, eine eigene, durch sein Gesetz nicht nur in Schach gehaltene, sondern geradezu definierte Art von Herrschaft zu entwickeln. Im Auf und Ab der Zeiten entstand hieraus letztendlich der Herrschaftsrat jüdischer Priester von römischen Gnaden aus der Zeit Jesu, das sogenannte Synedrium. Seine Mitglieder waren allesamt Sadduzäer.
Nicht nur Stichwortgeber und intellektuelle Feigenblätter für die Kinder dieser Welt – wie es alle Utopisten sind – wurde dieser Typus des verunglückten Priesterlings, sondern er sollte selbst herrschen. Das war mit einer Degeneration der eigentlichen priesterlichen Substanz, meint: mit einer Abkehr von der priesterlichen Weltverneinung und der mit ihr einhergehenden Verheißung einer Nicht-Welt, verbunden. Die Sadduzäer glaubten zur Zeit Jesu, entgegen der allgemeinen zeitgenössischen Auffassung im Judentum, nicht an die Auferstehung.
Sie, die ein Teil der Welt geworden waren, hatten eine Überhöhung der Aus-Hegungen menschlicher Freiheit in der Welt zur Verheißung eines kommenden Himmelreichs nicht mehr notwendig. Sie waren zur Zeit Jesu im Begriff, eine Entwicklung der verunglückten Priesterlinge (nämlich die der Priesterlinge an der Macht) zu beenden, die die mit ihnen verfeindeten Pharisäer gerade erst begonnen (und, dank der Zerstörung des zweiten Tempels, niemals beendet) hatten.

Die Schule der Pharisäer strebte eine Reinigung der jüdischen Religion von den Erdungen der Sadduzäer an.
Wie kommt man nun dazu, sie als zweiten Typus der verunglückten Priesterlinge; gar als in ihrem Weg den durch die Sadduzärer vorgezeichneten Entwicklungen zwingend nachfolgend hinzustellen? Tut man ihnen da nicht Unrecht?
In ihren Lehren waren sie bestrebt, die beschädigte Priesterlichkeit des Judentums wiederherzustellen. Allem voran vertraten sie einen radikalen Messianismus und glaubten an die Auferstehung. Das heißt, die Aus-Hegungen der menschlichen Freiheit wurden wieder in der Verheißung eines Himmelreiches überhöht. Vergleicht man sie also auf dieser direkten Ebene mit den Sadduzäern in der von mir so eben vorgebrachten Weise, so tut man ihnen in der Tat Unrecht.
Keinesweges jedoch ist dieser Vergleich unzulässig, wenn man anerkennt, dass ihre Gegenerschaft zu den Sadduzäern nicht nur eine in unterschiedlichen Auffassungen der Lehre begründete, sondern auch eine politische war.
Sie wollten den sadduzäischen Einfluss in Judäa durch ihren eigenen ersetzen. Sie waren (zwar noch sehr verhalten) optimistisch in Bezug auf die Handhabbarkeit der Dinge der Welt durch Priesterlinge. Ihre Heiligkeit war mit Welt kontaminiert.
Ähnlich optimistisch in Hinblick auf die Durchdringung der Welt mit Priesterlichkeit musste man auch unmittelbar nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil gewesen sein. Aus diesem Optimismus entwickelte sich das entpriesterlichte Sadduzäertum. Hierin liegt die Rechtfertigung meiner Behauptung. Nur die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 rettete die Pharisäer vor dem Schicksal der Sadduzäer.

Es ist im Übrigen das Verhältnis von durch die Wirklichkeit degenerierten ehemaligen Idealisten und radikalen Neuerern, die, sie bekämpfend, in ihre Fußstapfen treten und ihre Fehler wiederholen, das sich im Verhältnis von Sadduzäern und Pharisäern ausdrückt. Der Prophet schalt sie beide.
Die Drohung des Propheten gegen sie ist die Verurteilung der ewigen priesterlichen Verblendung, die eigenen Wahrheiten der Wirklichkeit aufzwingen zu können.
Die Mahnung des Propheten meint: Die Wahrheit hat (unter anderem) nicht politisch zu sein.


1. Adventsonntag (Lesejahr A)/Mt. 24;37-44

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie es in den Tagen des Noach war, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein.
Wie die Menschen in den Tagen vor der Flut aßen und tranken und heirateten, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging,
und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein.
Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen.
Und von zwei Frauen, die mit derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.
Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.
Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüßte, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, daß man in sein Haus einbricht.
Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

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Wie doch diejenigen irren, die in bestimmten Vorgängen in der Wirklichkeit Vorboten des sogenannten „Endes der Welt“ zu erblicken meinen! Das habe ich im Predigtdienst vor zwei Wochen mitthematisiert.
Wer die Verwirklichung einer (für „den Menschen“ – dass hier der letzte Mensch im nietzscheanischen Sinne gemeint ist muss nebenbei erwähnt werden) idealen, einer „paradiesischen“ Welt für eine wirkliche mögliche Zukunft hält, irrt; wer ihre Verwirklichung verspricht, lügt. Immer!
Die Welt wie sie ist endet in Wirklichkeit nie.
Sie, die die Wirklichkeit allein konstituiert, kann in Wirklichkeit nicht aufhören.
Die Kinder dieser Welt – gemeint sind auch und vor allem die in uns – werden immer den Geschäften eben dieser Welt nachgehen. Nur die Priesterlinge in den Menschen werden sich dieser Wirklichkeit so lange es Menschen gibt zu entziehen versuchen.

Die Verheißung des Himmelreichs ist die Verheißung einer Nicht-Welt.
Die streng limitierten Aus-hegungen, die durch den Menschen – genauer: durch den Priesterling im Menschen – vermittels eines Aufstandsaktes gegen das Leben vom Alles der Welt abgetrennt werden, verabsolutieren sich in eben jener Verheißung des Himmelreichs.
Die menschliche Freiheit – sie ist das Allgemeine, das die mannigfaltigen persönlichen Aus-hegungen verbindet – ist, bildlich gesprochen, die Arche, die das Überleben des Mängelwesens Mensch inmitten des unendlich weiten Ozeans des Flüssig-Dionysischen, das das Einzelne nicht kennt, immer wieder und mehr schlecht als recht, vor allem aber nur auf Zeit, zustande bringt.

Die Welt, das Leben, das Meer, um dem Bild treu zu bleiben, reproduzieren sich indes immer weiter.
Es liegt nicht in der Macht des Menschen, zu entscheiden, wer in diesem Meer sozusagen treiben, schwimmen kann und wer die Arche besser niemals zu verlassen suchen sollte.
Einer muss sich ständig entrücken, ein anderer kann ungestörter seinen Geschäften nachgehen.


Christkönigssonntag (Lesejahr C)/Lk. 23;35-43

In jener Zeit verlachten die führenden Männer des Volkes ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist.
Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig
und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!
Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden.
Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!
Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen.
Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.
Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

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Was kann es bedeuten, wenn über dem Kreuz, dem Holz der Schande, steht, dass der gedemütigte Ausgestoßene, der an jenem Kreuz hängt, der König der Juden sei?

Zunächst einmal bedeutet es, dass der Römer Pilatus, der diese Tafel über dem Kreuz befestigen ließ, das Volk der Juden beleidigen wollte. Hier spottet die Größe der Welt über ein Volk von Priesterlingen, über das Volk Gottes, wie es sich selbst auch nennt.
Das ist eine Deutung des Vorfalls, die historisch durchaus Sinn machen könnte.

An diese eingängige Deutung könnte sich nun eine weitere anschließen:
Die Vorstellung der Welt von Wert und Größe eines Menschen fußt unter anderem einerseits auf den Grad seines Erfolges in der Welt, andererseits, insbesondere dann, wenn dieser Erfolg ausbleibt, auf der Anerkennung der und der Unterwerfung unter die Unerforschlichkeit der Großen Mutter, der Gestirne, des Schicksals usw. Diese Anerkennung und Unterwerfung kann sich dann im Unglücklichen – meint hier: Erfolglosen – in vielerlei Weise – vom Stillhalten über die Verherrlichung und Rechtfertigung des eigenen Untergangs bis zum Suizid – ausdrücken.
Die Erzählungen vom Verhalten Jesu am Kreuz sind die Apotheose der Umkehrung jener weltlichen Vorstellungen.
Noch in seiner ultimativen Niederlage – die für die Christen nur eine temporäre ist, doch davon weiß die Welt nichts – anerkennt und rechtfertigt der Christus die Mächte der Welt und die verweltlichten Würdenträger des Judentums, die verunglückten Priesterlinge, nicht nur nicht – er würde sie anerkennen wenn er beispielsweise um Gnade oder Abkürzung seiner Qual betteln würde – sondern insistiert noch in der Demütigung der Kreuzigung auf die Unwichtigkeit der wirklichen Gegebenheiten für seine Wahrheiten.
Das macht ihm zum fleischgewordenen Idealtypus des Priesterlings.
Das Volk der Priesterlichkeit schlechthin sind die Juden. Aus ihrer Mitte kommt, aus ihrer Wurzel wächst die reine Priesterlichkeit in Menschengestalt, die Inkarnation Gottes. Den Ersten und Besten aus einem Volk als König zu bezeichnen ist die ursprüngliche Idee des Königtums. Jesus ist der König der Juden.
So wird das Schmähwort der Welt zum Ehrentitel der Priesterlichkeit.

Die Priesterlichkeit teilt nicht die Vorstellungen der Welt von Wert und Größe eines Menschen; sie ist bar weltlicher Sittlichkeit.
Nicht von Ohngefähr trifft die beiden Schächer an Jesu Seite das selbe Urteil wie ihn.
Nicht von Ohngefähr würden dann, pars pro toto, viele derer, die für die Welt Verbrecher sind, in Wahrheit von einer Form der Priesterlichkeit getrieben sein.


33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 21;5-19

In jener Zeit, als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus:
Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden.
Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man erkennen, daß es beginnt?
Er antwortete: Gebt acht, daß man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach!
Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, laßt euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muß als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort.
Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere.
Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen, und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen.
Aber bevor das alles geschieht, wird man euch festnehmen und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen.
Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können.
Nehmt euch fest vor, nicht im voraus für eure Verteidigung zu sorgen;
denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so daß alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können.
Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern, und manche von euch wird man töten.
Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehaßt werden.
Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.
Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.

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Die Verheißung einer Gegenwelt durch die christliche Botschaft, im Evangelium das Himmelreich genannt, weißt in der Tat einige Gemeinsamkeiten mit der Utopie auf, die innerhalb der abendländischen Kultur – und zwar in vielen Bereichen; von der Literatur über die Philosophie und die Kunsttheorie, bis zum Feld der theoretischen Reflexion praktischer Politik (wo sie zugleich und oftmals innerhalb der selben Person Rauschmittel und Instrument des Zynikers ist, gleichzeitig zur Stieftochter und Erfüllungsgehilfin der großen Mutter wird) – unverhältnismäßig oft zum Thema der Spannungsmenschen wurde.

Diese Gemeinsamkeiten sind schnell (wenn auch möglicherweise nicht erschöpfend) aufgezählt:

Es war zu allen Zeiten äußerst verführerisch für alle Priesterlinge jedweder Profession – und im jeweils persönlichen Grade sind wir alle Priesterlinge –, die Infragestellung ihrer Existenz durch die Welt durch die Unterstellung zu relativieren, dass die wahre Welt, die Welt, die sich nach den (jeweils selbstverständlich von ihnen erkannten) Prinzipien von Ursache und Wirkung (sei es beispielsweise in Form gebracht durch den Mythos, durch ein philosophisches System oder durch das System der Naturwissenschaften) aufbaue, eine Welt sei, von dem die wirkliche Welt entweder nur eine Degeneration sei, oder sich zu jener wahren Welt zwangsläufig hinentwickle; mithin die Priesterlinge also, trotz der Schläge, die sie einstecken, mit der Welt versöhnt seien. Ihre instinktsicheren Mörder – die wirklichen Kinder der Welt – hatten eine solche aus den Nöten der Lebensuntüchtigkeit geborene apollinische Brillanz nicht notwendig. Das hinderte zweitere allerdings nicht daran, der Ersteren Ideen zu instrumentalisieren; wie es auch die Ersteren nicht daran hinderte, in den Zweiteren ihren Messias zu erblicken (den König x, den Kaiser der Franzosen, das Volk, die Massen – der Henker lebe hoch!).

Vor dieser allzumenschlichen Schwäche der Priesterlinge warnt uns Jesus im heutigen Evangelium.
Anhand dieser Warnung lässt sich auch der grundlegende Unterschied zwischen der christlichen Verheißung und der Utopie festmachen:
Wer von der Ver-wirklichung des Reiches Gottes, des Himmelreiches, in der Welt und in der Zeit, also von einer konkreten Möglichkeit spricht, der lügt – heute und in zehntausend Jahren. Die Offenbarung des Johannes stellt uns übrigens den Antichristen als den größten Utopisten aller Zeiten vor. Wenn es an die Verwirklichung der Utopien ging, zeigte uns der Herr der Welt immer schon recht eindrucksvoll, wo sie eigentlich liegt, die Hölle.

Doch wo soll das Himmelreich nun sein, wenn es nicht in der Wirklichkeit ist?
Ich möchte darüber nicht all zu viele Worte verlieren, um mich nicht dem (wahrscheinlich nicht zutreffenden) Vorwurf auszusetzen, ich hätte in stümperhafter Weise Augustinus plagiiert.
Nur so viel: Unsere Wahrheiten bedürfen der Aus-hegung, bedürfen der Isolierung von der Wirklichkeit. Apoll steckt seine Zäune mitten in Feindesland ab. Die Fläche des Anspruchs auf persönliche Integrität, die Flächen der Logik, des Modells, der Möglichkeit, überhaupt an ein Abstraktum wie eine Fläche zu denken und darüber zu sprechen und zu schreiben; sie müssen jeden Tag verteidigt werden – und dabei gehören sie uns in Wirklichkeit gar nicht. Das ist der Aufstandcharakter der Kultur.


32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 20;27-38

In jener Zeit kamen einige von den Sadduzäern, die die Auferstehung leugnen, zu Jesus und fragten ihn:
Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterläßt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen.
Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos.
Da nahm sie der zweite,
danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben.
Schließlich starb auch die Frau.
Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.
Da sagte Jesus zu ihnen: Nur in dieser Welt heiraten die Menschen.
Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten.
Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind.
Daß aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt.
Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.

+ + +

Jesus als Vollender des Gesetzes war hier schon einmal Thema. Ungefähr wie folgt kann man das Verhältnis zwischen ihm und dem Gesetz auffassen:
Das Gesetz ist der Versuch, dem Dionysischen, dem instinktmäßigen Treiben, das nichts Einzelnes kennt, nach Art des Apoll, also durch statische Ordnung, durch Einführung der Vorstellung vom freien und damit verantwortlichen Einzelnen, der unter ihm vergleichbaren Einzelnen lebt, nicht zuletzt auch durch die Unterstellung von Ursache und Wirkung in den Vorgängen der Welt, Fesseln anzulegen, um nicht von eben diesem Dionysischen, Chthonischen und Titanischen – vom Wesen der Welt also – verschlungen und ausgelöscht zu werden.
Damit ist das Gesetz Ausdruck der Priesterlichkeit.

Es ist ein alter Hut, dass sich die Frage nach dem Charakter des Apollinischen an Hand von Regelungen, die die Sexualität betreffen, am eingängisten beantworten lässt.
Denn die Sexualität – zieht man die unwürdigen Romantisierungen, die uns sozusagen vulgärapollinisch durch Idole und Ideale den Schmerz darüber verdecken sollen, dass es ihr, wie man es ausdrücken könnte, nicht um unsere Person, auch nicht um unsere Integrität geht, ab – scheint der stärkste Ausdruck des das Einzelne vernichtenden Dionysischen zu sein.
Was schrieb doch ein herausragender Vertreter einer Zeit, die sich allgemein der Illusion der Bändigung des Irrationalen und Animalischen hingab (und noch dazu glaubte, hierbei im Sinne der sogenannten „Natur des Menschen“ zu handeln), über die Ehe:
Geschlechtsgemeinschaft [...] ist der wechselseitige Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht [...]. (Kant. Metaphysik der Sitten.)

So bildet auch im heutigen Evangelium die Frage der Sadduzäer an Jesus nach seinem Standpunkt zur Ehe(-gesetzgebung) den äußeren Rahmen für die Erklärung dessen, was Gesetz bedeutet – nämlich eine Krücke für die Kinder des Lichts in einer Welt, gegen deren Wesen sie sich im Aufstand befinden. Gesetze zu formulieren bedeutet, der großen Hure Fesseln anlegen zu wollen.
Das Gesetz ist ein Abglanz einer prieserlichen Welt in dieser Welt.
Die Verheißung Jesu treibt den verneinenden Charakter des Gesetzes auf die Spitze.
In der Bedeutung der Figur des Jesus, der die fleischgewordene Überhöhung der Priesterlichkeit ist, verliert sich die Notwendigkeit des Gesetzes durch die vollständige Überwindung des Pflanzenhaft-Dionysischen. Christus bedeutet die Verheißung voller priesterlicher Freiheit, bedeutet den Glauben an die Überwindung der inneren Pflanze in einer priesterlichen Welt – einer Gegenwelt.
Diese Gegenwelt bedarf des Gesetzes nicht mehr. Das ist die Vollendung des Gesetzes, die gleichzeitig sein Ende bedeutet.
Das Himmelreich ist ein Garten Eden mit umgekehrtem Vorzeichen. Der Mensch ist dann wieder ganz. Nur ist er dann nicht ganz Exemplar der Gattung, sondern ganz Gotteskind.


31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 19;1-10

In jener Zeit kam Jesus nach Jericho und ging durch die Stadt.
Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.
Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.
Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen mußte.
Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein.
Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.
Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.
Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.
Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.
Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

+ + +

Die Gedanken des heutigen Predigtdienstes fußen, sofern sie vom Geld handeln, zum größten Teil auf Überlegungen, die Robert Musil in seinem Mann ohne Eigenschaften von der Figur des Paul Arnheim anstellen lässt.

+ + +

Ist das nicht ein bisschen ein lächerliches Bild, das der Evangelist da vom reuigen Zöllner zeichnet?
Geradezu als ein Würstchen erscheint uns der kleinwüchsige Zachäus, der auf Bäume klettern muss, um mit der Größe der Vielen auf gleich zu kommen.
Die Rolle als Kind dieser Welt steht ihm offenbar nicht gut an; dazu passt beispielsweise auch, dass er sich nicht mit der adeligen Kunst des Krieges, sondern mit dem unedlen Geldgeschäft beschäftigt.

Im Geld – das ganz und gar nicht die Welt regiert, sondern für die wirklichen Kinder dieser Welt, ähnlich wie auch der gesellschaftliche Rang, höchstens gegenwärtiger Ausdruck von Größe ist – liegt etwas unbestritten Apollinisches, Festes, etwas dem Leben Entzogenes.
Es erfüllt eine dem priesterlichen Versuch, die Welt durch Kausalität zu erklären, analoge Funktion:
Es fasst alle Vorgänge in der Welt als exakt benenn-, bestimm- und begrenzbar und statisch, damit aber in einem weiteren Sinne als Dinge (Objekte) auf, indem es ihnen einen exakten und universell vergleichbaren Wert zumisst. Damit unterstellt es ihnen gleichzeitig sozusagen einen Sinn, dem sie alle unterworfen sind.
Die Kausalität des Priesters, Philosophen und Wissenschaftlers und das Geld sind beide Menschenwerk, sind ein Versuch, sich aus dem ungesonderten Alles zu lösen, das alles (dem Anspruch nach) Einzelne auflöst, verflüssigt und damit auslöscht. Dem einen oder anderen von ihnen die Welt unterwerfen zu wollen, ist ein Ausdruck menschlicher Freiheit.

Vielleicht versteckt sich hinter der Krämer-Schläue des Zöllners Zachäus seine Priesterlichkeit. Wird sie aktiviert, sei es durch die Verzweiflung an der Welt, sei es, wie im heutigen Evangelium berichtet, durch die instinktive Neugierde am Über-Priesterling Jesus, verschwindet die Bindung an das Große dieser Welt, das ohnehin nur verächtlich auf die zynischen Vernünfteleien der Geldmenschen, sozusagen aus der Höhe der edlen, instinktsicher-unproblematischen, unschuldigen Tiere, herabblickt.
Der Priesterling im Zachäus findet zu seiner reinsten ihm möglichen Form, indem er sich von der Illusion seiner Zugehörigkeit zur Welt, auch von der Illusion seiner Wertschätzung durch die Welt, frei macht.
Doch – und das ist wohl eher selten – auch die weltabgewandte, sich ihrer selbst im stärkeren Maße bewusste Form der Priesterlichkeit, rein versinnbildlicht in Jesus, erkennt im heutigen Evangelium, was dieser Zachäus dem Wesen nach eigentlich ist.


30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 18;9-14

In jener Zeit erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Beispiel:
Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, daß ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

+ + +

Bin ich mir denn darüber im Klaren, dass mein obsessives Sich-selbst-ernst-nehmen, das sich auch in der Beachtung der Regeln manifestiert, die ich mir aus freiem Willen, aus eigenem Entschluss, willkürlich also, gegeben habe, nur eine Krücke für meine Instinktlosigkeit, meine fehlende Verbindung zur Gattung, meine Defizite in der Lebenstüchtigkeit sind?
Ein Überlegenheitsgefühl gegen denjenigen, der dieser Krücke in einem kleineren Ausmaße bedarf, steht mir nicht gut an.
So kann man das heutige Evangelium auch lesen.

Und außerdem kann man fragen:
Was rechtfertigt im heutigen Evangelium den Zöllner und Sünder, das Kind dieser Welt, vor der ins Absolute überhöhten Priesterlichkeit, vor der Reinform der Spannung, vor Gott?
Und man kann antworten:
Er ist gerechtfertigt dadurch, dass er, trotz seines größeren Maßes an Instinktsicherheit, an Lebenstüchtigkeit, trotz seiner besseren Verbindung zur Gattung, der Priesterlichkeit auf Grund seiner Menschlichkeit bedarf. Er hat sie nicht ständig, nicht in der Intensität des Asketen, des heiligen Nihilisten notwendig; doch das macht nichts – grundsätzlich gesprochen.
Denn es macht den Menschen aus, dass er nicht vollständig zur Gattung, zur Pflanzenhaftigkeit, zur großen Mutter gehört. Dieses zur Ganzheit und Vollständigkeit der Kreatürlichkeit Fehlende, dieses Negativum, ist der göttliche Funke im Menschen.
Von dieser Lücke, diesem Nichts, nimmt die Kultur, die Form, derer wir uns bedienen, um uns frei zu fühlen, ihren Ausgang.

Es scheint, als hätte der Zöllner und Sünder, den seine Priesterlichkeit überkommt, die Erkenntnis ihres Herkommens aus der Schwäche dem Berufspriesterling, der sie verfeinert und verschönert hat und dem sie auch Heimat ist, voraus.
Jener fühlt das Fehlen der Ganzheit schmerzlich, während dieser an guten Tagen meint, das Ganze würde in der Priesterlichkeit bestehen. – Ein frommer Wunsch.


29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 18;1-8

In jener Zeit sagte Jesus ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten:
In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.
In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind!
Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht;
trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie läßt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.
Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt.
Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?
Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?

+ + +

Es geht im heutigen Evangelium, ähnlich wie in dem der vorigen Woche, um die Beständigkeit von Priesterlichkeit in der Auseinandersetzung mit der Welt.
Anders, als in der Geschichte mit den zehn geheilten Aussätzigen von vor einer Woche, von denen – symbolisch gesprochen – nur einer inneren Aussatz genug hatte, um, auch nach seiner Rehabilitierung durch die Welt, sich seine Frontstellung gegen eben diese Welt beizubehalten, in der die Priesterlichkeit durch eine plötzliche Wendung zur Versöhnung mit der Welt bedroht war, ist die Priesterlichkeit heute durch die Frustrationen, die Unergiebigkeiten der Priesterexistenz in der Welt bedroht.

Es gilt, die Fühlung zur eigenen Priesterlichkeit trotz der unpraktischen Lebensweise, die sie von uns fordert, nicht zu verlieren. Das heißt: weiterhin sein Nein in die Welt zu schleudern, auch wenn es uns unmittelbar nur Nachteile bringt. Ist man nicht fähig, dieses Nein aufrecht zu erhalten, sondern sucht vielmehr die Aussöhnung mit der Welt, um den inneren Schmerz zu kurieren, den das Getrenntsein von ihr uns Priesterlingen auf Grund unserer Kreatürlichkeit bereitet, kapituliert man also vor ihr, dann wird man von ihr verwurstet, aufgelöst, tritt ein in das Ungesonderte, das kein Ich und kein Du, sondern nur noch die Gattung kennt.
Ein Beispiel hierfür ist das von mir in den Skizzen beschriebene Schicksal des Weltverbesserers, des verunglückten Priesterlings, der seine Erkenntnisse anwenden, seine Überzeugungen umsetzten, also die Wirklichkeit im Sinne seiner Wahrheit beeinflussen und den frustrierenden Widerspruch zwischen diesen beiden auflösen will. Seine Rechnung geht nicht auf. Sein Beitrag zur Welt erschöpft sich in der Funktion der Bereitstellung einer Rationalisierung, eines pseudo-priesterlichen Feigenblattes, das die eigentliche Formlosigkeit der Welt verdeckt. Dieser verunglückte Priesterling wird zum Fallstrick für andere Priesterlinge.

Die Idee des Festhaltens an den eigenen Ansprüchen an die Welt entgegen den Zwängen der Welt, auch wenn dies noch so sehr mit einem Handeln gegen den Wuchs der eigenen Pflanze verbunden ist und entsprechen weh tut, wird in der ersten Lesung des heutigen Sonntags zu einem recht eindrucksvollen Bild:
[In jenen Tagen kam Amalek und suchte in Refidim den Kampf mit Israel.] Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken, schoben ihn unter Mose, und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, so daß seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So besiegte Josua mit scharfem Schwert Amalek und sein Heer. (Ex. 17;11-13)
Der Hartnäckigkeit der Priesterlichen Ambitionen wird der Sieg verhießen. Das mag als Trostwort gedacht sein. Richtig ist aber, dass diese Ambitionen hartnäckig bleiben müssen, um längerrfristig sein zu können. Doch es gilt, das zu finden, was uns, wie dem Mose, die Arme stützen kann. Ich glaube, es ist Form, Kausalität, es ist Kultur im weistesten Sinne.


28. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 17;11-19

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.
Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen
und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!
Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein.
Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, daß er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme.
Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien.
Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun?
Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?
Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.

+ + +

Undank sei der Welten Lohn! So meint man allgemein.
Was schert uns auch die Verheißung Christi, wenn wir ihrer nicht mehr bedürfen?
Das meint: Die Priesterlichkeit, also die versuchte Unterwerfung der großen Mutter Welt und die versuchte Bändigung ihres alle Formen, alle Grenzen, alle Selbste als Trugbilder erweisenden, unwiderstehlichen, einschmelzenden, flüssigen Dahinwaberns, deren Grad der Reinheit in einem Menschen zu dem individuellen Grad an Fähigkeit zu Anpassung an und Unterwerfung unter eben jene Welt sich umgekehrt proportional verhält, die damit aber den Grad an Lebensuntüchtigkeit anzeigt, verliert mit der Steigerung der Lebenstüchtigkeit zusehens an Bedeutung für den einzelnen Menschen.

Und die Heilung vom Aussatz ist eine immense Steigerung der Lebenstüchtigkeit; buchstäblich, aber auch in einem symbolischen Sinne.
Priesterlichkeit ist ein Aufstand gegen die Zwänge der Gattung. Zur Aufrechterhaltung dieses Aufstandes – der nicht umsonst ist, das heißt: für den das einzelne Individuum immer einen Preis bezahlen muss – bedarf es, neben einem nicht zu unterschätzenden Grad an dem, was landläufig Narzissmus heißt, unterschiedlicher Grade der Bedrohung der eigenen Integrität durch die Welt. Nicht jeder ist bereit, für den Luxus seiner Priesterexistenz jeden Preis zu zahlen. Die Notwendigkeit zur Kultivierung der eigenen Priesterlichkeit besteht möglicherweise dann für die meisten Menschen nicht mehr, wenn die Forderungen der Gattung aufhören, die bloße Existenz des jeweiligen Einzelnen in Frage zu stellen.
Diese Neuversöhnten mit der Welt sind dann den Aussätzigen aus dem heutigen Evangelium vergleichbar, die, von der Ursache der Infragestellung ihrer Existenz durch die Gattung, die in diesem Fall die Form einer ansteckenden, langes Siechtum nach sich ziehenden Krankheit angenommen hat, befreit, kein Interesse mehr an der Lebenskrücke der Priesterlichkeit, deren Überhöhung in der Gestalt des Christus inkarniert, haben.
Was es nun mit der kleinen Minderheit von geheilten Aussätzigen auf sich hat, die dennoch aus innerer Notwendigkeit an der Priestrlichkeit festhalten, das ist wohl außerhalb der überwindbaren Lebensuntüchtigkeiten zu suchen. Das ist Gnade, ist Fluch für das spezielle Exemplar der Spezies Mensch und ihres widersprüchlichen Wesens.


27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 17;5-10

Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben!
Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.
Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen?
Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken.
Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?
So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

+ + +

Was hat man notwendig?

Neben der Fähigkeit, zu erkennen, wo man im großen Gegensatz von Pflanze und Gott seinen Schwerpunkt hat, gibt es auch noch die Gabe, selbst einschätzen zu können, wie es mit der Güte der eigenen Pflanzenhaftigkeit oder Priesterlichkeit bestellt ist. Denn es gibt große und kleine Priesterlinge, wie es unter den Kindern der Welt sowohl einen Napoleon, eine Theodora, als auch den ordinären Schläger oder die nächstbeste Hure gibt.
Immer jedoch ist die eigene Größe limitiert.

Es stellt sich beim heutigen Evangelium die Frage, wer denn mit unserem Herrn gemeint ist.
Eine Erklärungsmöglichkeit besteht darin, das heute vom Evangelisten geschilderte Knecht-Herr-Verhältnis als Sinnbild für das Verhältnis vom konkreten Priesterling mit seinen ganz persönlichen Limitationen zum Priesterling in Reinform aufzufassen.
Das setzt voraus, sich erstens der eigenen Priesterlichkeit bewusst geworden zu sein und sie zweitens in einem vom täglichen Erleben abgelösten Ideal überhöht zu haben.
Dieses Ideal heißt Gott. Seine Verwirklichung ist Christus. Doch sowohl das Ideal, als auch seine angenommene Inkarnation, lassen sich letztendlich auf die eigene Priesterlichkeit zurückführen.
Der unvollkommene Priesterling gehorcht hier also in gewisser Weise seinem eigenen, von taubem Gestein und Schlacken befreiten Selbst.
Wohlgemerkt ist mit dem Herrn-Selbst des Priesterlings nicht die konkrete Stufe der Verwirklichung seiner Priesterlichkeit, sondern seine Überhöhung gemeint.
Wenn aber die Vorstellung einer das Mensch-Sein mitkonstituierenden, damit aber allgemeinen Form der Sicht auf die Welt und auf sich selbst und, daraus resultierend, eine eigene Form der Lebensführung, die beide im Predigtdienst mit Priesterlichkeit bezeichnet werden, auch nur annähernd gerechtfertigt ist, so ist die Reinform dieser Priesterlichkeit ebenfalls eine allgemeine, alle Formen der Priesterlichkeit in sich vereinende.
Der Priesterling, der dieser Reinform dient, dient sich selbst; er ist sein eigener Über-Priesterling, sein eigener Herr. Doch er ist sich der Limitiertheit seiner Herrlichkeit bewusst.


26. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 16;19-31

In jener Zeit sprach Jesus: Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.
Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.
Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Statt dessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.
Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.
In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß.
Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.
Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, daß du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber mußt leiden.
Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so daß niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.
Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters!
Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.
Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.
Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.
Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

+ + +

Die Umkehrung der gegebenen Verhältnisse, die die Botschaft Christi auch verheißt, kommt in diesem Gleichnis sehr eingängig-bildhaft zum Ausdruck.
Dass der in den Augen der Welt – die Sicht durch die Instinktsicherheit der Gattung ist gemeint – Niedere und Mindere zum Edlen und Hohen mutiert, dass also, mit anderen Worten, die Grundsätze der Welt aufhören, gültig zu sein, ist dabei die Hauptsache. Mehr ist zu dieser Verheißung nicht zu sagen. Außer vielleicht, dass sie ein frommer Wunsch ist, der sich, solange die Welt besteht, niemals verwirklichen wird – auch und gerade nicht durch die Mithilfe selbsternannter Weltverbesserer.
Doch das ist hier im Predigtdienst ein alter Hut.

Viel interessanter an diesem Gleichnis ist das Bild des tiefen, unüberwindlichen Abgrundes, der zwischen dem reichen Mann und dem Lazarus gähnt. Er enstpricht dem Abgrund zwischen Kind der Welt und Priesterling im Menschen.
Es fehlt der inneren Pflanze in uns, die nach Wohlgeratenheit und Harmonie mit der Welt giert – im Zweifelsfall auch gegen unsere eigene Existenz – an Verständnis für unseren inneren Priesterling, der ihr ein lebensuntüchtiger Krüppel ist, der wie etwas erscheint, das, wie Nietzsche sagt, fallen will.
Umgekehrt zeigt sich in der Verheißung Christi das Ressentiment des Priesterlings gegen die Herrlichkeit der Welt: Da der Fall des Wohlgeratenen, Instinktsicheren und Pflanzenhaften, das den Priester verachtet und bedroht, erfahrungsgemäß nicht von selbst kommen wird, muss er eben, aus Gründen der Rechtfertigung der Andersartigkeit in der Priesterlichkeit, durch die Priester selbst in Aussicht gestellt werden. Man will so die Bedrohung der eigenen Existenz neutralisieren; und man tut es auf priesterlichle Weise, also nicht mit Taten, sondern mit Worten.
Ein Abgrund zwischen Pflanze und Priesterling gähnt potenziell in jedem Menschen selbst, nicht nur zwischen den einzelnen Individuen, in denen entweder die Pflanze den Priesterling knechtet und instrumentalisiert, oder der Priesterling im Aufstand gegen die Pflanze sich befindet, die also, in der Terminologie Spenglers, entweder Takt- oder Spannungsmenschen sind.

Wenn Tote wiederkehren und ihm berichten und es belehren – oder: wenn Schweine fliegen können – wird sich das Kind dieser Welt den Wahrheiten des Priesterlings gegenüber öffnen.
Und selbst dann – sagt der Priesterling – wirst du, Herrlichkeit der Welt, vernichtet werden. Wie gesagt: ein frommer Wunsch.
Ein Seil, geknüpft [...] über einem Abgrunde (Nietzsche: Also sprach Zarathustra) sei der Mensch, hat jener im Predigtdienst so oft zu Wort kommende Anwalt der Herrlichkeit der Welt einmal zu Papier gebracht. Mir scheint schlüssiger, den Menschen im Abgrund selbst zu erkennen.

Mensch! Du Abgrund zwischen Sein und Sein
Es scheint um dich recht schlecht bestellt
Und doch: von dir nach hier und gegenüber
Strahlt der Glanz von Gott und Welt
Und spiegelt dann zu dir herüber
Hebt sich auf, sagt Nein und Nein


25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 16;1-13

In jener Zeit sagte Jesus zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen.
Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.
Da überlegte der Verwalter: Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Was soll ich jetzt tun? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich.
Doch – ich weiß, was ich tun muß, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.
Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich kommen und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig?
Er antwortete: Hundert Faß Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin, und schreib ‚fünfzig‘.
Dann fragte er einen andern: Wieviel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, und schreib ‚achtzig‘.
Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.
Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es (mit euch) zu Ende geht.
Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.
Wenn ihr im Umgang mit dem ungerechten Reichtum nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen?
Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer (wahres) Eigentum geben?
Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.

+ + +

Befremdlich wirkt diese Stelle ob ihrer Widersprüchlichkeit – doch vielleicht empfinde nur ich so.
Zweierlei könnte daraus destilliert werden:

Gesetzt den Fall, der unehrliche Verwalter und der reiche Mann sind beide Kinder dieser Welt in Reinform, also instinktsichere Wirklichkeitsmenschen, so ist das Einverständnis des reichen Mannes mit der Untreue des Verwalters möglicherweise die Einsicht in die Notwendigkeit der Unterwerfung jedes Menschen unter das schlechthin Gegebene, das durch gesellschaftliche Hierarchien im besten Fall nur ausgedrückt wird. Werden sie starr, diese Hierarchien, verdirbt Apoll das unstete Spiel des wahllosen dionysischen Zerreißens durch seine Einmischung, so verliert sich die Reinheit des Taktes. Nicht der Titel macht den Rang in der Welt, sondern der Grad der Deckungsgleichheit des eigenen Wesens mit der Gattung.
Nehmen wir also an, dass beide Kinder dieser Welt sind, so ist Schläue ein unpassendes Wort, um das Verhalten des Verwalters zu beschreiben; der Begriff der Klugkeit, der Weisheit der Welt, trifft es wohl besser.
Der höherstehende Gewaltmensch ist entweder auch im Sinne der Gattung höherstehend, dann müsste er vom Verwalter, der sich, so er bloßer Spannungsmensch ist, in diesem Fall niemals etwas hätte zu schulden kommen lassen, keine Rechenschaft verlangen, oder er ist nur noch höherstehend im Sinne eines Feststehenden, einer Hierarchie beispielsweise, ohne die Heiligung seiner Gewalt durch die Gattung, dann ist der Verwalter als Kind dieser Welt nicht an seine Autorität gebunden. Man mag dem Anmaßenden schaden, um seine eigene Haut zu retten.
Der reiche Mann, als gutes Kind dieser Welt, mag dies anerkennen und fallen wollen.
Ungewöhnlich, dieses Fallen-Wollen? Noch nirgends gesehen? Ganz und gar nicht!

Der kluge Verwalter ist kein Prieserling. Er ist die Antithese zum Priesterling: ein Tatsachenmensch.
Doch seine Lässigkeit in Bezug auf seine Schuldigkeiten in der Welt kann als Vorbild für die ideale Haltung der Kinder des Lichts zu ihren Schuldigkeiten, zu ihrem Zwangsanteil an der Gattung gelten – auch wenn die Lässigkeit des Verwalters, folgen wir der obigen Deutung, gerade aus der Gattung herrührt.
Das freie Selbst in seinen klaren Grenzen und in seiner inneren Stimmigkeit als Ideal der Priesterlinge findet – ich habe diesen Gedanken schon oft geäußert – seine Überhöhung im jüdisch-christlichen Gott. Er ist der verwirklichte Anspruch des Menschen auf Eigenständigkeit und Freiheit von der Welt.
Es gilt, nicht der Sklave des Mammons im weitesten Sinne – also der Herrlichkeiten der Welt – zu sein, sondern das Große und Erhabene in der Welt zum Knecht des eigenen Anspruchs auf Freiheit, der eigenen Gottebenbildlichkeit zu machen. Es gilt, der Welt nicht die Ehre zu geben, sondern sie zu benutzen.
Und sowohl ein gutes Kind dieser Welt, als auch ein gutes Kind des Lichts zu sein, ist, nach Meinung des Evangelisten, unmöglich. Man unterwirft seinen inneren Gott unter die Gattung, oder man versucht ihn von ihr zu emanzipieren.


24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 15;1-32

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen.
Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, läßt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern,
und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.
Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.
Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geldstück findet?
Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte.
Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.
Ein Mann hatte zwei Söhne.
Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.
Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht.
Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.
Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um.
Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.
Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.
Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.
Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.
Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.
Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.
Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat.
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.
Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

+ + +

Verloren ist der Priesterling, wenn er sein priesterliches Erbe dazu verwendet, das Spiel der Welt zu spielen. Er sagt Ja, wo er Nein sagen sollte. Die Herrlichkeiten der Gattung, bestehen sie nun im konkreten Fall aus gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Erfolgen, denen sich der verunglückte Priesterling unterwirft, erscheinen aus Sicht der Priesterlichkeit, der Spannung, unabhängig von ihrer Größe in den Augen der Welt, als Hurerei. Der verlorene Sohn, der verunglückte Priesterling, bringt sein ererbtes Vermögen mit Dirnen durch.
So deutet man das Gleichnis vom verlorenen Sohn, legt man das bisher im Rahmen dieses Projektes über den verunglückten Priesterling Geschriebene (beispielsweise hier) der Deutung zugrunde.

Der verlorene Sohn wird dann zum reuigen Sünder, wenn er seines eigenen Elends in der Welt, die ihn immer entbehren kann, gewahr wird. Und natürlich ist die Ignoranz der Kinder des Lichts gegen die Welt, für die sie alle Überflüssige sind, ein Damm gegen die ärgste Verzweiflung, der der verunglückte Priesterling ausgesetzt wird, wenn sich der Schleier der vermeintlichen Vereinbarkeit von Takt und Spannung hebt. Vielleicht erscheint der Schleier in Form eines Traumes von einer besseren Welt; vielleicht in Form der Vorstellung von einer grundsätzlichen Erkennbarkeit der Natur des Menschen, also seiner Kreatürlichkeit, seiner inneren Pflanze, die mit den eigenen hehren Idealen kompatibel ist, ihnen vielleicht sogar entspricht. Vielleicht erscheint er im Vertrauen auf die Berechenbarkeit (die Vernünftigkeit, die Vergleichbarkeit, die Kausalität usw.) des menschlichen Zusammenlebens.
Im besten Fall führt die oben erwähnte Verzweiflung zu einer Besinnung auf das Wesen der eigenen Priesterlichkeit, das heißt: auf die Notwendigkeit der Ignoranz den Dingen der Welt gegenüber. Im schlechtesten Fall folgt ihr die eigene Zustimmung zum Urteil der Welt; die endgültige Unterwerfung unter sie und ihr Prinzip. Dann richtet man sich im Schweinestall häuslich ein, oder man bringt sich um.

Es steht den den priesterlichen Weg niemals verlassenden Priesterlingen (so es sie in Wirklichkeit gibt) nicht gut an, erfahren wir im heutigen Evangelium, die Nase zu rümpfen über den, dessen Verzweiflung gute Früchte hervorbringt, über den, der sich des Wesens seiner Priesterlichkeit bewusst wird.
Die Gefahr, den Sinn für den Widerspruch von Welt und Priesterlichkeit, von Pflanze und Gott, zu verlieren, bedroht zu jeder Zeit den inneren Gott, die Wachheit in uns allen. Schon weil die Unterordnung der Priesterlichkeit unter die Wertigkeiten der Welt die meiste Zeit auf Grund unserer gattungsmäßigen Determiniertheit die Regel; die herausragende Stellung der Priesterlichkeit in einzelnen Individuen immer nur das Ergebnis eines persönlichen Notwendig-Habens, ein Ausdruck eines Defizits im vitalen Vermögen ist.

Aus Sicht unseres inneren Gottes zwingen wir alle den Priesterling in uns in Form der zweckdienlichen Vernünftigkeit, der Sozialethik, der Unterfütterung der gesellschaftlichen, politischen, legalen Praxis usw. in die Fesseln eines Daseins in und Arbeitens für den Schweinestall des Lebens, in dem er langsam verhungert. Nur wer an diesem Schweinestall verzweifelt, will und kann seinen inneren Gott aus selbigem retten.
Angesichts dessen wird der fragwürdig, der von sich behauptet, niemals seine Priesterlichkeit verleugnet oder verkauft zu haben. Er ist entweder Überhöhung, also nur in Wahrheit, nicht in Wirklichkeit, oder er ist weder in Wahrheit, noch in Wirklichkeit, das heißt: er täuscht sich – oder er lügt.


23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 14;25-33

In jener Zeit als viele Menschen Jesus begleiteten, wandte er sich an sie und sagte:
Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.
Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
Sonst könnte es geschehen, daß er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten
und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen.
Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?
Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.
Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.

+ + +

Nichtig sei der Welten Herrlichkeit!
Von der Abwendung von den Kategorien der Gattung, also von genetischer und sozialer Herkunft, von Bindungen, die nicht selbst gewählt, sondern eben ganz einfach da sind, ist hier die Rede. Und sie werden aufgezählt: die zum Vater, zu den Geschwistern, zu den Menschen der nächsten Umgebung usw.
Symbolisch lassen sich alle diese determinierten Bindungen in der Gestalt der Mutter zusammenfassen, die hier ebenfalls aufgezählt wird. Wird die Ebene der unmittelbar konkreten Bindungen des Individuums verlassen, so steht wiederum dieses Symbol der Mutter für die große Mutter, die nichts anderes als das Alles ist, in dem Gattung und Welt deckungsgleich werden. Man kann es auch das Ungesonderte nennen. Beispielsweise ein Ernst Jünger beschäftigte sich mit ihm zeit seines Lebens und verehrte es auch in den verschiedensten Stadien seines vielseitigen Schaffens als jeweils verschieden gearteten Urgrund, der Erlösung verheißt. Ebenso natürlich Nietzsche, der dionysische. Aus dem Alles speist sich die vitale Kraft eines Menschen.
Seitens eines Priesterlings, mit seinem Drang nach individueller Freiheit und Abgesondertheit, der von seiner Distanz zum Alles herrührt, kann die Aufhebung der Sonderung nur als die Einschmelzung des Individuums und seine Auflösung in der wabernden Ursuppe, also als eine Vernichtung aufgefasst werden.
Eine Hinwendung zu Christus, die immer eine Hinwendung zur eigenen Priesterlichkeit ist – denn im jüdisch-christlichen Gott wird die Priesterlichkeit mit ihrem Anspruch auf All-Freiheit überhöht und vergöttlicht; in Christus wird diese Vergöttlichung Fleisch; er ist der erste aller Priester, der Priester in Reinform – setzt voraus, mit den Determinismen des Lebens brechen zu wollen.

Das Gleichnis mit dem Bauherrn und dem König, die sich ihre Stärken und Schwächen bewusst bewusst machen, weist auf die Erkenntnis und das Annehmen der eigenen Defizite in der Welt durch die Priesterlinge hin; beides ist eine Vorbedingung der Bekehrung zu Christus. Dahingehend nämlich, dass die Priesterlinge sich dadurch erst bewusst werden, dass sie die eigene Priesterlichkeit als Antwort auf die Feindseligkeit der Welt notwenig haben.
Die Gattung in uns allen ist stark; und es ist oftmals sehr verlockend, sich auch als Priesterling in Übereinstimmung mit der Welt zu sehen – die missbrauchten Utopisten aller Zeiten und Landschaften geben davon Zeugnis. Der kluge Bauherr und der König geben sich keinen Illusionen hin; sie wissen gegebenenfalls, dass es ihnen an einschlägigem Kapital fehlt, um in dieser Welt zu bauen oder zu herrschen.

Zusammenfassend kann also das heutige Evangelium als Aufforderung an den Priesterling in uns zur illusionslosen Anerkennung der eigenen Unzulänglichkeiten in der Welt, auch des eigenen Ausgeliefertseins an dieselbe, aufgefasst werden; aber auch als Aufforderung, sich nicht an der Welt, sondern den Wert der Welt an sich selbst, genauer: an seinem inneren Gott zu messen. Das gehört, nebenbei gesagt, zusammen wie Blitz und Donner.


22. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 14;1 u. 7-14

Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau.
Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlaß, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen:
Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du,
und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müßtest den untersten Platz einnehmen.
Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.
Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten.
Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.
Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

+ + +

Wie gebannt blickt die feine Festtagsgesellschaft auf den Außenseiter Jesus, hofft auf nicht-konformes Verhalten, auf irgend einen Ausweis seines andersartigen Wesens, auf irgend etwas, das die bisherige Ansicht über seine Fragwürdigkeit unterstützt. Konkret erwartet man sich wohl etwas Bäurisches oder auch Parvenühaftes.
Die Bräuche und Andersartigkeiten variieren von Wir-Gruppe zu Wir-Gruppe. Doch nichts unterscheidet die Gartenfeste der Crème von den Aufläufen des Bodensatzes einer Gesellschaft in Bezug auf das Verhätnis dem Außenstehenden gegenüber, der in den jeweiligen Bannkreis eindringt.

Das Gefühl der Feiernden bei jenem von einem gesellschaftlich hochstehenden Gelehrten ausgerichteten Fest hat sie nicht getäuscht:
Der Wanderprediger zwischen den Berufstheologen und den hochangesehenen Juristen beginnt diese über das richtige Verhalten in Gesellschaft zu belehren.
Man kann diese Episode auf zweierlei Weise deuten.

Erstens handelt es sich bei diesem Gleichnis natürlich um eine Aufforderung zur Demut, gleichzeitig um eine Warnung vor der Überschätzung der eigenen gesellschaftlichen Position.
Hier formuliert der unbeholfene Außenstehende, den man eigentlich in die Rolle eines Narren drängen wollte, ein ethisches Programm – und zwar in Form einer Forderung an die Gesellschaft. Intendiert war das durch die Gastgeber wohl nicht. Möglicherweise wirkte es jedoch dennoch närrisch.
Oder vielleicht ganz anders: Jesus fand Zustimmung unter den Oberschulräten und Universitätsdozenten des antiken Palästina. Immerhin waren auch sie Priesterlinge, noch dazu innerhalb eines Priestervolkes.
Doch das ist mit der von mir im Folgenden vertretenen zweiten Deutung nicht kompatibel und bleibt daher für dieses Mal außen vor.

Ganz praktisch scheint nämlich zweitens der Rat des Nazareners, in Gesellschaft im Zweifelsfall Bescheidenheit zu heucheln. Das schützt vor bösen Überraschungen bei der komplizierten Einordnung in das gesellschaftlichen Oben und Unten. Doch nur die Weltunsicheren, die Außenstehenden, nicht nur ihrer temporären Situation, sondern ihrem Wesen nach – die Priesterlinge also, bedürfen dieser gesellschaftlichen Heuchelei wirklich auf Dauer. Abseits der Anrüchigkeit, die diese Heuchelei gewänne, würde sie mit dem Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg, damit aber nach Integration in das vom Priesterling unverstandene Ganze verbunden, ist sie das Mittel der Wahl zur Kaschierung der eigenen Interessenlosigkeit in Bezug auf dieses Ganze; denn diese Interessenlosigkeit reizt den Pogrominstinkt des Gattungswesenes in unseren Mitmenschen – mitunter reizt es selbigen sogar in uns.
Das Erklären der Dinge, die die Meisten vorrangig bewegen, zu Nichtigkeiten, die eigentlich niemanden etwas angehen und nur die Sicht auf Wichtigeres verstellen – und was sonst tun die Priesterlinge mitsamt ihren Religionen, Philosophien, Ideologien und Ethiken – ist schon ein Affront. Und diese Nichtigerklärung reizt jene Meisten mehr als offene Gegenerschaft.
Die zweite Deutung will also im Gleichnis Jesu einen Ratschalg für Priesterlinge zum Überleben innerhalb einer feindlichen Welt erkennen.


21. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 13;22-30

Auf seinem Weg nach Jerusalem zog er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte.
Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen:
Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.
Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt, dann steht ihr draußen, klopft an die Tür und ruft: Herr, mach uns auf! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid.
Dann werdet ihr sagen: Wir haben doch mit dir gegessen und getrunken, und du hast auf unseren Straßen gelehrt.
Er aber wird erwidern: Ich sage euch, ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan!
Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, daß Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid.
Und man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen.
Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.

+ + +

Wem die Hauptstraßen verwehrt sind, da er ihren Brauch nicht verstehen kann, und wer damit zu einem Ärgernis für die Massen wird, die auf ihnen verkehren, der muss sich enge, verwegene Pfade suchen, auf denen er unbehelligt bleibt, weil er auf ihnen die Vielen nicht empört – empört auf elementarsten Ebenen, die sowohl ihm, als auch ihnen nicht ins Bewusstsein kommen.
Man denke an das Chaos breiter Plätze großer Städte, an das Gewimmel von Elementarteilchen auf ihnen, von schwarzen Punkten, von Menschen, die sich gleichen. Sie gehorchen alle einem Gesetz, das größer ist als sie. Es stellt sicher, dass alle Teilchen als Ganzes in Bewegung bleiben, wenn möglich, ohne Reibung untereinander. In dieser Bewegung, die ohne Richtung bleibt, auch wenn den Teilchen Richtung eignet, spiegelt sich das Wesen der Gattung wieder, die sich stets planlos wandelt, doch deren Gesetze immer die gleichen bleiben.

Auf jenen großen Plätzen stößt man sich am Fremdling mit seiner Ortsunkundigkeit, die ihn Haken schlagen lässt. Man stößt sich auch am Touristen, der langsam durch die Gassen schlendert und alles beschaut – als Unbeteiligter.
Das Nicht-Dazugehören und das Beschauen sind die grundlegenden Wesenszüge des Priesterlings.
Die Gesetze der Gattung sind ihm fern. Nicht nur weiß er sie nicht – niemand weiß sie; er bricht sie, sucht sie zumindest zu brechen.
Als Ersatz für das Dasein in der Wärme, die die Gattung dem Teilchen spendet, auch wenn sie es vernichtet, als Ersatz für das Glück in der Wirklichkeit, baut er sich eine Welt von Wahrheiten, eine Welt von Kausalbeziehungen auch.
Hier sind die Wege eng und mühsam, sie entbehren der Selbstverständlichkeit. Und jeder für sich ist der Erste auf seinem Weg, schlägt sich durch das Dickicht, bringt Licht in seine eigene Wildnis. Hier draußen droht auch Gefahr. Nicht nur besteht die Möglichkeit unterzugehen – diese Möglichkeit besteht immer und überall – man entbehrte dabei auch des Trostes und man ginge alleine unter; den Vielen bliebe ein Rätsel warum – auch wofür.

Es liegt am Verheißungscharakter der Botschaft Christi, des ersten aller Priester, dass jenes oben geschilderte Leben, das von den breiten Pfaden ausschließt wie der Aussatz, von Jesus zum Ausweis, nicht nur der Exklusivität, sondern des Adels erklärt wird. Der Priesterling darf sich am selben Tisch sehen mit den größten Priesterlingen des jüdischen Volkes. Bezeichnenderwise wurde ihnen durch die Juden immer die höchste Verehrung entgegengebracht.
Es kehrt sich in der Verheißung Christi die Wertigkeit der Welt um.


20. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 12;49-53

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!
Ich muß mit einer Taufe getauft werden, und ich bin sehr bedrückt, solange sie noch nicht vollzogen ist.
Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.
Denn von nun an wird es so sein: Wenn fünf Menschen im gleichen Haus leben, wird Zwietracht herrschen: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei,
der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

+ + +

Feuer. Imaterielle, geistige Substanz, die Licht spendet, doch eher verbrennt, als wärmt – zumindest im Sinne des heutigen Evangeliums. Denn: lichte Geistigkeit – und das Bekenntnis zu ihr – sät Zwietracht in den natürlichen, das meint: den gattungsmäßig determinierten Beziehungen der Menschen zueinander.

Diese Stelle – und manch andere, wie beispielsweise jene – ist eine harte Nuss für all diejenigen, die im Christentum nur einen Wohlfühlfaktor innerhalb der Welt, eine Art Opium zur Unempfindlichmachung den Härten des Lebens gegenüber sehen wollen. Der gütige Jesus, der alles rechtfertigt und in dessen Liebe sich alles auflöst ist eben nur ein Zerrbild, ein Götze mitunter.
Stimmig schildert diese falsche Vorstellung Walter M. Miller Jr. in seinem Post-Doom-Roman „Lobgesang auf Leibowitz“:
Er warf einen Blick auf die Statue, die Arbeiter des Lagers [errichtet zur Erlösung von Qual und Schmerz von Strahlenopfern durch Euthanasie] neben dem Tor errichtet hatten. Er zuckte zurück. Er erkannte die Statue als eines jener zusammengesetzten menschlichen Urbilder, die aus psychologischen Massentests abgeleitet werden, bei denen man den Testpersonen Fotografien von Unbekannten gab und ihnen Fragen stellte wie: ‚Wen möchten Sie am liebsten treffen?‘ [...] [usw.] Aus den Fotos, die als ‚am liebsten‘ oder ‚am liebsten nicht‘ bezeichnet wurden, wählte man eine Serie von ‚durchschnittlichen Gesichtern aus‘, die von Computern aus den Massentests entwickelt worden waren und von denen jedes ein Persönlichkeitsbild im Betrachter hervorrief.
Diese Statue, bemerkte Zerchi mit Widerwillen, wies eine deutliche Ähnlichkeit auf mit jenen außerordentlich weibischen Bildnissen, durch die mittelmäßige oder untermittelmäßige Künstler traditionsgemäß und falsch die Person Christi darzustellen pflegten. Ein süßlich-schmerzliches Antlitz, leere, schimmernde Augen, feuchte Lippen, die Arme weit ausgebreitet in einer Geste der Umarmung. Die Hüften waren breit wie die einer Frau, die Brust ließ einen Busen ahnen – es sei denn, es waren nur die Falten der Kleidung. Guter Gott von Golgatha, keuchte Abt Zerchi in sich hinein, stellt sich der Plebs sich so vor?

Gerade auf Grund der Befremdung, die die heutige und ähnliche Stellen im Evangelium bei den Kirchenläufigen der letzten zweihundert Jahre auslösten, kann auf ihre Wichtigkeit im Sinne der priesterlichen Lebensführung geschlossen werden.
Dem Wohlbefinden, Wohlergehen, der Betäubung des Schmerzes in einer Welt, die uns Schmerzen verursacht, wird die Wachheit, die eigene intellektuelle Redlichkeit und das stolze Aushalten in den Unbilden des Lebens vorgezogen. Als Priesterling tappt man vorwiegend deswegen in die Scheiße, mehr noch: schwimmt oft regelrecht in ihr, weil man eben das eigene Selbst und seine Integrität allem anderen vorzieht.
Die Überhöhung des Priestertypus ist der jüdisch-christliche Gott. Seine reinste Ausformung, die gleichzeitig als die Inkarnation seiner Überhöhung erscheinen muss, ist Jesus von Nazareth.
Das Insistieren auf den Anspruch auf Integrität des Selbst führt zur Entzweiung mit der Welt, zur Dissonanz, der man folgerichtig nur entgehen kann, wenn man sein Selbst hinter der Gattung zurücktreten lässt, also seinen Anspruch aufgibt.
Die Dissonanz wandelt sich augenblicklich dann (wieder) zur allgemeinen Harmonie der reinen Gattung, wenn es keine Priesterlinge mehr gibt. Darin liegt die dunkle, mörderische Seite dessen, was im von Walter M. Miller Jr. gelungen geschilderten Jesusbild der Meisten zum Ausdruck kommt.

Ein Grund zur Entzweiung zu sein ist also nicht ungefährlich.
Ein Preis muss bezahlt werden für die Priesterlichkeit, also für den Anspruch auf Selbstigkeit, Sonderung und Freiheit, der alle Menschen – zwar im verschiedenen Ausmaß – auszeichnet. Zur Genese des Menschen gehört die Vertreibung aus dem Paradies.
Jesu Läuterung, seine Taufe, wie er sie nennt, die er lieber schon hinter sich hätte, das ist der Preis, den er, der eher die Erde in Flammen setzen würde, als dem Pilatus zu erlauben, in seinem Reich (das nicht von dieser Welt ist) sich Herrschaft anzueignen, bereit ist zu zahlen.
Das Kreuz hat er sich selbst zuzuschreiben, seiner Kompromisslosigkeit nämlich. Die Kreuzigung Jesu heißt beim Evangelisten Johannes seine Erhöhung. Sie ist ein Sieg des Selbst, das nicht über die goldenen Brücken geht, die das Instrument der Gattung, Pilatus, ihm baut.
Dass der Widerspruch, die Zwietracht bleibt, verheißt uns die Auferstehung Christi. Das Feuer der Zwietracht bleibt, weil der Typ des Priesterlings, in Reinform ausgeprägt in Jesus, nicht tot ist – weil er nie stirbt.


19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 12;32-48

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.
Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frißt.
Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.
Legt euren Gürtel nicht ab, und laßt eure Lampen brennen!
Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft.
Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen.
Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach - selig sind sie.
Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüßte, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, daß man in sein Haus einbricht.
Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.
Da sagte Petrus: Herr, meinst du mit diesem Gleichnis nur uns oder auch all die anderen?
Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr einsetzen wird, damit er seinem Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuteilt?
Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt!
Wahrhaftig, das sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen.
Wenn aber der Knecht denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht zurück!, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen; wenn er ißt und trinkt und sich berauscht,
dann wird der Herr an einem Tag kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen.
Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen.
Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man um so mehr verlangen.

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Das Sprichwort sagt, dass Adel verpflichten würde. Das stimmt sicher.

Adel definiert sich einerseits über die Kontinuität des Geschlechtes, in der der Einzelne eingebunden ist und hinter der er verschwindet, andererseits über die Instinktsicherheit im Spiel des Lebens, über das Gespür für oben und unten, über das von Nietzsche so genannte „von Ohngefähr“ im Umgang mit der Welt.
In diesem zweiten Sinne verpflichtet Adel. Dahingehend nämlich, dass die Instinktsicherheit in Fragen der naturgegebenen, durch die Tyrannis des Lebens erzwungenen Unterschiede im Rang der Menschen idealtypisch dazu führt, dem Mindernen zwar unter Umständen mit Distanz und mit Herablassung zu begegnen, sich an ihm aber niemals aus Willkür oder aus einem Ressentiment gegen andere, derer man nicht so einfach habhaft werden kann, zu vergreifen.
Adel ist eine innerweltliche Kategorie. Die im obigen Sinne adeligen Menschen sind Kinder dieser Welt. Charakteristisch für diese alle ist der Umstand, dass sich ihr Verhaftetsein in der Gattung als wenig problematisch darstellt; in diesem Sinne trifft der erste Teil der obigen Definition des Adels, ihr Eingebundensein und ihr individuelles Abtauchen in Kollektiven nämlich, auf alle Kinder dieser Welt zu. Als solche stehen die Adeligen, wie alle anderen Taktmenschen in einem grundlegenden Gegensatz zu den Prieserlingen aller Zeiten und Landschaften.

Mit den Jüngern, die Jesus um sich versammelt hat, wie auch mit ähnlichen Gestalten in der Geschichte der Menschheit verbindet die Besten der Welt jedoch ihre Qualität, ihre herausragende Stellung in ihrer jeweiligen Sphäre des Welterlebens.
Wie vom Adel der Welt verlangt wird, die Gesetzmäßigkeiten des Lebens würdig zu repräsenieren und sie in gewisser Weise auch zu überhöhen, indem, aus Sicht der Priesterlinge gesprochen, dem Alles aus freien Stücken das Selbst geopfert wird und im ewigen Buckeln und Treten nach oben die Würde gewahrt wird und man sich nach unten aller sadistischen Anwandlungen, aller Grausamkeiten, aus einer Form des Mitgefühls heraus (die recht eindrucksvoll von Nietzsche in „Zur Genealogie der Moral“ geschildert wurde) enthält, so wird vom Adel des Lichts, vom Adel des Selbst verlangt, die Prinzipien der Priesterlichkeit, die Prinzipien der Spannung in besonderer Dichte und Reinheit zu repräsentieren.

Das eigentliche Prinzip der Priesterlichkeit ist die Freiheit. Diese richtet sich gegen das Verhaftetsein in der Gattung, das alles Lebendige beherrscht und leitet, dessen sich der Mensch als einizige Kreatur bewusst ist, dem er aber niemals entfliehen kann. Den Priesterling zeichnet also eine negative Qualität aus. Der Adel des Lichts, der Adel der Freiheit hat dieses Nein gegenüber der Welt aus Notwendigkeit stärker ausgeprägt.
In Umkehrung des ersten Teiles der obigen Definition zeichnet den Prieser-Adeligen der Anspruch auf Integrität der Grenzen des Selbst und eine angestrebte Emanzipation von genetischen und sozialen Gegebenheiten aus. Ganz ähnlich, wie dem Welt-Adeligen jedoch ist ihm im Umgang mit den kleineren Priesterlingen, oder im Umgang mit den Meisten, die, wie alle Menschen, priesterliche Anteile in sich haben, jedes Großtun, das seinen Ursprung immer in der eigenen Minderwertigkeit hat, fremd.

Die Ignoranz den Dingen der Welt gegenüber, die sich aus dem mangelnden Geschick für eben diese Dinge speist, kommt im ersten Abschnitt des heutigen Evangeliums zum Ausdruck. Der Schatz, also der Reichtum (durchaus auch an Fähigkeiten und Qualitäten und damit im übertragenen Sinn auch der Adel) der Priesterlinge, an dem idealtypischerweise (ist man nicht sich selbst entfremdet) auch ihr Herz hängt, liegt nicht in der Welt, nicht im „von Ohngefähr“ im Umgang mit sich und mit anderen oder in den Genen, wie beim Welt-Adel, sondern im Konzept des freien Einzelnen, das ein Aufstand gegen das Selbstverständnis der Welt ist.
Doch andererseits verpflichtet auch der Priester-Adel. Und zwar zur Sorge um die anderen Selbste und zur ständigen Überprüfung der eigenen Redlichkeit im Sinne des priesterlichen Ethos. Und weil die Freiheit im wesentlichen nur ein Anspruch ist, fordert dies ständige Wachsamkeit.


18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 12;13-21

In jener Zeit bat einer aus der Volksmenge Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen.
Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht?
Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, daß ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluß lebt.
Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte.
Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll.
Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen.
Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iß und trink, und freu dich des Lebens!
Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?
So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

+ + +

Nichts liegt Jesus ferner, als seine Autorität unter den Seinen bei einem Konflikt in die Waagschale zu werfen, der das Feld seiner Autorität nicht berührt.
Denn seine Haltung, die von manchen der Seinen als moralische Überlegenheit missgedeutet wird, bezieht ihre Stärke in erster Linie daraus, das Treiben der Welt als etwas zu erleben, das einem nichts angeht und an dem man, soweit als möglich, nicht wesentlich teilnimmt. Es stünde dem Jesus von Nazareth eben nicht gut an, würde er sich auf Erden zum Richter über die Dinge der Welt machen. Es wäre die Verpflanzung seines Reiches, das nicht von dieser Welt ist, in eben diese Welt. Dadurch wäre es in seiner Substanz bedroht, denn es ist hauptsächlich aus seiner Distanz zur Welt heraus. Es ist das Instrument der vom Priesterling in uns allen angestrebten Emanzipation von unserer Verhaftung in der Gattung.

Überhaupt ist die Haltung sogenannter moralischer Überlegenheit, sofern sie sich anmaßt, innerweltlich zu gelten, wie sie eben hier von Jesus verlangt wird, aus Sicht der Priesterlinge und in Hinblick auf die von ihnen angestrebte Freiheit von der Welt, ein Ärgernis. Dahingehend nämlich, dass damit potenziell die Gewaltverhätnisse, die innerweltlich richtig und falsch scheiden, eine außerweltliche, dem Anspruch nach überweltliche Unterfütterung erhalten.

Auch wird im heutigen Evangelium innerweltliche Sicherheit als Illusion entlarvt.
Sprunghaft ist das Geschick in der Welt, das Glück, das hier mit Gott (oder göttlichem Willen, göttlicher Vorsehung usw.) identifiziert wird.
Diese Identifikation macht aber nur dann Sinn, wenn man die Welt als Gott unter- und zugeordnet vorstellt.
Insofern zeigt sich darin die vollendete priesterliche Sicht, deren Emanzipationsbestrebungen in den Vorstellungen über Gott ihre Überhöhung und ihre Vollendung finden. – Dort (und nur dort) ist die Verhaftung des Menschen samt seines inneren Gottes im Leben, in der Welt geradezu umgekehrt.
Zu viel! Es würde schon reichen, wären sie aufgehoben.
In jedem Fall bleibt weltliche Sicherheit Illusion. Das Glück (im Sinne des Geschicks in der Welt), als Ausdruck der Tyrannis des Lebens, besitzt (bis auf kleine, ständig bedrohte Bezirke der Freiheit) uns, nicht wir es.


17. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 11;1-13

Jesus betete einmal an einem Ort; und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.
Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.
Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen.
Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.
Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote;
denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten!,
wird dann etwa der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben?
Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.
Darum sage ich euch: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet.
Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.
Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet,
oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet?
Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.

+ + +

An erster Stelle im Gebet des Herrn steht nicht die Bitte um die Alltäglichkeiten, die uns jeden Tag an diese Erde fesseln. Die Heiligung des Namens Gottes steht als Prolog und als Programm am Anfang des Vaterunsers.

Es wurde hier schon manches Mal besprochen (unter anderem hier, da und dort), wie sehr die Gottesvorstellungen der Juden und Christen eine Überhöhung und Vergöttlichung dessen darstellen, was ich den inneren Gott nenne. Gemeint ist der Anteil im Menschen, der abseits aller Notwendigkeiten steht, zu denen nicht nur die bloße Selbsterhalung (der Gattung, nicht des einzelnen Menschen nämlich), also Nahrungsaufnahme, die Geschlechtlichkeit und das Soziale gehören, sondern im weiteren Sinne auch alles, was auf diese mittelbar aufbaut, wie beispielesweise das Politische (wobei gerade hier durchaus auch Elemenete des inneren Gottes eingemischt sein können). Gemeint ist damit aber das, was der Mensch außerhalb seiner Verhaftung in der Gattung ist oder, viel wahrscheinlicher, permanent sich abmüht zu sein, ohne es auf Grund eben jener Verhaftung in der Gattung jemals sein zu können: ein freies Wesen, ein vernünftiges Wesen, ein Gesondertes; die jüdisch-christliche Tradition symbolisiert – so glaube ich zumindest – diesen Anspruch in der von ihr behaupteten Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Damit verbunden ist die Geringschätzung der oben erwähnten Notwenigkeiten der Selbsterhaltung, die, übersetzt in ihre Bedeutung für den Einzelnen, von den Kindern der Welt, von denjenigen also, deren glückliche Veranlagung sie nicht im selben Ausmaße zwingt, ihren inneren Gott zu kultivieren, beipielsweise das große Geschick, die Pflicht, das Amt heißen. Sie werden zum Minimalprogramm: zum täglichen Brot, das nichts anderes ist, als die Indienststellung der Selbsterhaltung unter den inneren Gott. Denn: selbstverständlich ist auch der freie Einzelne, dessen Vergöttlichung der jüdisch-christliche Gott ist, verhaftet in der Gattung. Nur: in der Wendung vom „täglichen Brot“ verliert sie die Heiligung und Überhöhung, die ihr die Kinder der Welt zuteil werden lassen und wird dem inneren Gott nachgeordnet.

Es ist diese Geringschätzung, die an der Stelle Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet zum Ausdruck kommt. Die Kinder des Lichts, die sich, trotz oder gerade wegen ihrer Defizite in ihrer Lebenstüchtigkeit, als Auserwählte Gottes fühlen, lehnen sich gegen ihr Verhaftetsein in der Gattung auf, indem sie die Huldigung der Tyrannis des Lebens, die Huldigung ihres Verhaftetseins in der Gattung in Form der Huldigung des Geschickes, der Pflicht und des Amtes verweigern.

Hierzu habe ich schon im Zusammenhang mit der Geschichte von Maria und Marta einiges geschrieben.


16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 10;38-42

Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf.
Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.
Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überläßt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!
Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.
Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.

+ + +

Das porro unum est necessarium, das Eine, das den Priesterling von den Sorgen der Welt befreien soll, zumindest seinem Anspruch nach, das, was den Vielen als anrüchig, als vermessen erscheint, weil es meint, schlechthin Gegebenes ignorieren zu können, war schon vor einiger Zeit im Zusammenhang mit der Geschichte um das Schwesterpaar aus Betanien Thema hier im Predigtdienst.

Die Geringschätzung den Geschicken der Marta in der paraktischen Welt gegenüber, die sich im im Evangelium des Sonntags geschilderten sozialen Rahmen trotz ihrer lächerlichen Kleinbürgerlichkeit (wenn dieser Anachronismus erlaubt ist) nicht wesentlich von denen der Großen der Welt unterscheiden, ist eine Grundlage des Christentums – nebenbei: eine aus Gründen der fortgesetzten Kontaminierung des organisierten Christentums durch die Welt chronisch unterschätzte, peinlichst verschwiegene solche.

Doch eines nach dem anderen:
Warum unterscheidet sich die kleine, hausbackene Geschäftigkeit der Marta nicht wesentlich von dem Spiel der Großen um Einfluß, Reichtum, Macht?
Ich glaube, die Antwort ist, dass beides vom Menschen verlangt, dass er sich an ein bereits Gegebenes, an ein aus dem Fluß des Lebens sich zwingend Ergebendes anschmiegen muss; dass er sich diesem unterordnen und auf Gedeih und Verderb ausliefern muss.
Wie Marta sich in ihrer Sorge um ihren Gast an die gewachsenen Konventionen ihrer Umgebung hält, ihnen eher dient als ihrem Gast, der seinerseits an Konventionen gebunden wäre, so muss der sogenannte Große dieser Welt die Spielregeln der Welt beherrschen, muss sich – ebenso wie Marta – den Gegebenheiten unterwerfen, um überhaupt „groß“ zu werden. Wie Marta empört ist über die Ignoranz ihrer Schwester, so ist später der Große der Welt, Pilatus, empört über die Ignoranz jenes Jesus von Nazareth, der sich um die Regeln des Spiels nicht einmal soweit schert, als er sie ablehnen oder bekämpfen würde. Es ist in beiden Fällen die Empörung über den Spielverderber, der sich, aus Sicht des Pflichterfüllers und des Geschickten in der Welt einen ihm nicht zustehenden Vorteil verschafft.
Ihr Instinkt täuscht sie nicht, wenn sie den Beteuerungen der Marias und der Jesusse aller Zeiten nicht trauen, die ständig versichern, am Spiel, auch am Gwinn den es verheißt, nicht teilhaben zu wollen. Nur erschöpft sich der von den Priesterlingen, von den Anhängern einer beschauenden Lebensführung angestrebte Vorteil nicht im angemaßten Titel eines Königs oder, entsprechend kleiner, in einem arbeitsfreien Nachmittag auf Kosten der fleißigen Schwester. Das alles wäre noch in der Welt verhaftet, wäre nur ein Teil von ihr und ihren Zwängen.
Das beschauliche Sein will sich selbst der ständigen Prüfung auf Kompatibilität mit den Determinismen des Lebens entziehen. Das Leben selbst, der erste der Tyrannen, vernichtet das unangepasste, das unbotmäßige Individuum. Im Versuch, sich der Knute des tyrannischen Lebens zu entziehen, liegt die eigentliche Anmaßung derjenigen, die neben der vita activa die vita contemplativa als eine ebenso ehrbare Art der Lebensführung etablieren wollen. Dass gerade die aus der Sicht der Welt verunglückten Exemplare der Gattung Mensch, die Tschadalas, wie Nietzsche sie nennt, diesen Ehrgeiz verspüren, ist für die „Großen“, und für ihre überragende Stimme in unserer Zeit, jenen eben erwähnten Nietzsche nämlich, gerade Ausweis ihrer Mindertwertigkeit. Edel im Sinne der Welt ist der Instinkt für das Oben und Unten, noch mehr aber die Unterordnung unter diesen Instinkt. Der Instinkthass der Martas und Pilatusse wird den Anhängern einer beschauenden Lebensführung immer sicher sein. Sie hassen den Anspruch auf Vereinzelung und Freiheit in den Marias und den Jesussen, sie hassen in ihnen Gott.

Als beste Waffe des Einzelnen in seinem Aufstand gegen das Leben erwies sich übrigens die Kultur.
Da unterscheidet sich allerdings die Marta vom Pilatus: Sie beruft sich auf die Gastfreundschaft, die Teil des sozialen Gesetzes, also apollinische Fessel für das dionysischen Beißen und Tottrampeln, für die bloße Macht ist; er beruft sich auf die bloße Macht selbst.


15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 10;25-37

Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?
Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.
Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.
Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?
Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.
Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.
Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.
Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,
ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.
Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.
Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?
Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

+ + +

Das Verhältnis zwischen Gottes- und Nächstenliebe wurde bereits hier erörtert.

Worauf es heute ankommt, ist das Verhältnis zwischen Denken und gutem Handeln im Sinne des inneren Gottes.
Eine problematische Fragestellung, geht man davon aus, dass der Spannungsmensch eben per se kein Täter, sondern ein Denker ist.
Und doch ist es letztendlich nicht die Existenz als Priester, als Levit, also als geborener Spannungsmensch, als ein Repräsentant einer Art Tschandala-Aristokratie – als bloßer Würdenträger kommt der Priester, nach der hier im Laufe der Zeit gegebenen Definition ohnehin nicht in Frage – die quasi zwingend gutes Handeln im Sinne der Botschaft Christi bedingen würde.
Was das Handeln betrifft, so entscheidet hier nicht der Grad der Bewusstheit der Priesterlichkeit im einzelnen Menschen und nicht in welchem Grade es dem inneren Gott des Menschen gelang, sich von seiner inneren Pflanze zu emanzipieren. Es scheint, als wäre das Handeln ein eigenes, abgesondertes Feld des Konfliktes zwischen Pflanze und Gott im Menschen; konkret zwischen Handeln im Sinne der Gattung und Handeln im Sinne der Unabhängigkeit und Freiheit, die dem Menschen auf Grund seiner Gottebenbildlichkeit zukommt.

Der handelnde Samariter folgt in seinem Handeln, ebenso wie die beiden Figuren vor ihm, einem Impuls, der seinem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist. Richtiges Handeln, sofern es wirklich durch diesen nicht-bewussten Impuls bedingt ist, muss also nicht bewusst in die Wege geleitet, also sozusagen erkünstelt, sondern muss erlert werden.
Dass die Frage nach der Orthopraxie im Alltag von einem hohen Grad an Emotionalität begleitet wird, spricht möglicherweise auch für die These ihrer Herkunft aus dem Nicht-Bewussten, aus der Taktwelt, aus dem Dionysischen. Das bedeutet aber auch, dass der Mensch in seinem Handeln im geringerem Maße frei, also im geringeren Maße seiner eigenen Willkür unterworfen ist, als in seinem Denken.
Das Handeln ist ja ein Tun und der Täter ist eben Täter auf Grund seiner Instinktsicherheit und seines ungetrübten, unproblematischen und unschuldigen Verhaftetseins in der Gattung. Und doch steht im Tun des Samariters nicht die Gattung, sondern der Einzelne im Vordegrund.
Es ist also anzunehmen, dass es eine Orthopraxie des Spannungsmenschen gibt. Es ist weiters anzunehmen, dass sie, als ein Tun, in keinem direkten Verhältnis zur Spannung selbst steht.

Oder aber ganz anders (und so, wie Spengler den Spannungsmenschen auffasste): Das Tun des Spannungsmenschen ist durch seine Orthopraxie dem Denken unterworfen, die innere Pflanze dem inneren Gott. Das wäre wohl eine Definition von Ethik. Die Annahme, dass diese schönen Wahrheit in der Wirklichkeit vorhanden wäre, halte ich allerdings für einen frommen Wunsch.


14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 10;1-12 u. 17-20

Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte.
Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.
Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.
Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs!
Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus!
Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren.
Bleibt in diesem Haus, eßt und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes!
Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so eßt, was man euch vorsetzt.
Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe.
Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann stellt euch auf die Straße und ruft:
Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe.
Ich sage euch: Sodom wird es an jenem Tag nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt.
Die Zweiundsiebzig kehrten zurück und berichteten voll Freude: Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen.
Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.
Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können.
Doch freut euch nicht darüber, daß euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind.

+ + +

Wie die Lämmer unter die Wölfe geschickt zu werden, das bedeutet, sein Leben in der Welt zu meistern, als einer, der diese Welt nicht versteht, der auch – und das ist wichtig – keine Anstalten macht, dieses Verständnis sich anzueignen, um am Spiel der Welt zu einem späteren Zeitpunkt zu partizipieren.
Der Ausspruch mit den Lämmern und Wölfen findet sich auch an anderer Stelle, nämlich im Matthäusevangelium, er wird dort begleitet von dem Nachsatz: [...] seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! (Mt. 10;16).

Es braucht Klugheit, ein Lamm unter Wölfen zu bleiben.
Einerseits geschieht dem Lamm in der Welt. Es ist in diesem Sinne Objekt. Doch nicht nur in diesem Sinne: Das Lamm (der Priesterling ist gemeint) kann sich nicht in den Notwendigkeiten der Welt auflösen, was den Täter, wie wir gesehen haben, erst dazu befähigt, Täter zu sein, es bleibt ein nach außen abgeschlossenes Einzelnes, seine Integrität bleibt – wenn auch oft nur dem Anspruch nach – gewahrt. Das Lamm ist also auch in diesem zweiten Sinne Objekt.
Klug ist das Lamm, das Opfer, wenn es auch in der Gemeinschaft mit den Wölfen – die nur Teil des Rudels, die nicht Objekt sind, deren Stärke, deren Raubtierhaftigkeit auch genau daraus resultiert – wenn es auch in dieser Gemeinschaft nicht vergisst, dass es nicht Wolf ist, sondern Lamm bleibt.

Also, ihr unbedarften, weltfremden Lämmer, seid klug! Vergesst nicht, dass ihr Lämmer seid, wenn ihr über die Länder zieht! Und ihr werdet ziehen, denn auch wenn ihr nicht wollt, ihr seid in der Welt.

Missionsbefehl!
Wie überhebt sich der Priesterling, wenn er meint, die Welt zu seiner Wahrheit bekehren zu müssen!
Niemals, niemals wirst du Täter, wirst du ein Wolf sein!
Meine Lämmer, ihr die ihr meinesgleichen seid! Ihr seid hier nur zu Gast, ihr habt hier letztendlich, so ihr in eurer Eigenschaft als Priesterlinge angesprochen seid, so eurer innerer Gott gemeint ist, kein Heimatrecht, weil ihr in der Welt keine Heimat habt.

Nicht von der Mission ist hier die Rede, nicht vom Wahn, die Wölfe zu Lämmern machen zu wollen, sondern vom Verhalten in der Fremde, die für uns überall ist.
Bleibt also gute Gäste. Doch schlägt euch Feindschaft entgegen, so dreht euch um und geht. Gäste haben nur so lange Verpflichtungen gegenbüber ihren Gastgebern, wie diese sich als gute Gastgeber verhalten. Sie haben kein Recht, euch wie ihresgleichen zu richten.
Und nichts sollt ihr schuldig bleiben, nichts unberechtigt in Anspruch nehmen, nicht einmal den Staub an euren Kleidern, an euren Füßen, denn ihr seid nur Gäste, ihr habt keinen Anspruch.
Und wenn es euch in einem Teil der Welt vergellt wird zu bleiben, dann geht, denn ihr seid Gäste, ihr habt keine Verpflichtungen.

Dass im ständigen Werden und Vergehen ein Sodom, ein Gomorra auf das andere folgt, für jede Stadt, in jedem Land, dass will der Priesterling in uns allen nicht glauben. Das Ende der Zeiten ist ein frommer Wunsch, eine Wahrheit, die für die Wirklichkeit keine Relevanz besitzt. Das Ende der Zeiten steht außerhalb der Zeiten – wie der Priesterling.

Wie großartig wäre es, würde den Lämmern die sie umgebenden feindlichen Kräfte der Gattung, die Geister, die den halben Gott Mensch ständig heimsuchen, gehorchen.
Wie oft bildeten sich die Schamanen, die Medizinmänner, die Priester aller Kulte, die Wissenschaftler aller Disziplinen, die Denker, die keine Täter waren, die Lämmer aller Zeiten ein, dass sie sich diese Geister dienstbar gemacht hätten, oder, noch ein bisschen verblendeter, belämmerter: dass diese Dämonen der großen Hure Welt die guten, heilenden Helferlein einer gütigen Mutter Natur wären? Und mit welchen Ergebnissen?
Sich seiner Zugehörigkeit zu den Wenigen zu besinnen, zu den wenigen Auserwählten von mir aus – das ist nur menschlich, heißt sich darauf zu besinnen, dass einem als Priesterling das Spiel mit der Macht nicht gut ansteht.
Doch die Versuchung ist groß, die Versuchung, die Welt verbessern zu wollen. Utopismus war und ist die Kardinalsünde der Spannungsmenschen, mindestens in den letzten zweihundert Jahren.


13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 9;51-62

Als die Zeit herankam, in der er (in den Himmel) aufgenommen werden sollte, entschloß sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen.
Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen.
Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war.
Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, daß Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?
Da wandte er sich um und wies sie zurecht.
Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf.
Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.
Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.
Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Laß mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben.
Jesus sagte zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!
Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber laß mich von meiner Familie Abschied nehmen.
Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

+ + +

Die Freiheit der Priesterlinge, derjenigen, die sich anmaßen frei sein zu wollen, ist eine dreifache:

Sie ist einmal eine Freiheit, die aus der Unstetheit, aus der fehlenden Sicherheit und aus der Ohnmacht sich speist. Insofern ist die Verweigerung einer Unterkunft für Jesus und die Seinen durch die Menschen in Samaria nur die Rückseite der Medaille der Freiheit der Spannungsmenschen im allgemeinen, der Freiheit Christi als deren reinste Ausprägung im besonderen. Auch die Ohnmacht des Jakobus und Johannes – denn nichts anderes als Ausdruck der Ohnmacht ist der Rachedurst, die Wut, die sich aus immer und immer wieder sich wiederholenden ähnlichen Erfahrungen speisen, die also Ressentiment sind – auch diese Ohnmacht ist quasi der Negativabdruck der Freiheit des Priesterlinges, die eben eine negative Freiheit, eine Freiheit von etwas ist. Das bedeutet: in dem selben Maße, in dem sich der Priesterling frei machen kann von den Zwängen seiner Gattung, schwindet seine Macht, die, auf ihre Essenz reduziert, nur Ausdruck seiner Anpassung seiner Unterwerfung unter die Zwänge ist, die eben jene Gattung ihren einzelnen Vertretern auferlegt. Die Priesterlinge spielen nicht mehr mit.

Dass man nicht weiß, wo Jesus zu finden, wo er festzunageln ist in der Welt, ist die zweite Form der Freiheit, wie sie uns im heutigen Evangelium begegnet. Denn die Orte, die die Menschen ihre Heimat nennen im sozialen, im politischen Sinne gar, die verschiedenen, die feindlichen Lager, zu denen die verschiedenen Menschen ihre Zuflucht nehmen, sind nur Wellen und Strudel an der Oberfläche der tiefen, unergründlichen Wasser des Lebens. Oder anders: das Verflüssigende, das das Einzelne im Alles Auflösende, das Dionysische, dem alles nur-Lebendige, alles ursprünglich-Soziale, auch alles Politische, sofern damit die Frage der Herrschaft gemeint ist, angehört, kann nur scheinbar gesondert, apollinisch sein. Die Identitäten, die sich aus der Zuweisung einer Heimat ergeben, sind nur scheinbar. Freiheit – oder angestrebte Freiheit – von diesen Identitäten eignet den Kindern Apolls, den Gesonderten, den Sonderlingen, deren reinste Form Christus darstellt.

Und drittens, vor allem aus der zweiten Freiheit wachsend, strebt der Priesterling nach einer Existenz, die nicht (mehr) von dieser Welt ist. Es zählen weder familiäre, noch soziale Bindung, es gibt keine Pflicht mehr, sondern nur noch die Verantwortung des freien Einzelnen für sein Tun.
Das ist die Negation der Welt wie sie ist. Es ist ein Anspruch, ein frommer Wunsch; denn auch der Priesterling ist Teil dieser Welt. Freiheit ist nicht in Wirklichkeit, sondern höchstens in Wahrheit; also nicht in der Welt, sondern im Denken über die Welt, das ihr Sinn geben will, das sie berechenbar, also kontrollierbar machen will, das damit den Menschen aus der Umklammerung des puren Lebens, der puren Animalität, des Instinktes befreien will – da es ihrer nicht fähig ist – und umgekehrt danach trachtet, das Leben der menschlichen Freiheit zu unterwerfen.


12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 9;18-24

Jesus betete einmal in der Einsamkeit, und die Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute?
Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.
Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Messias Gottes.
Doch er verbot ihnen streng, es jemand weiterzusagen.
Und er fügte hinzu: Der Menschensohn muß vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er wird getötet werden, aber am dritten Tag wird er auferstehen.
Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.

+ + +

Die Selbstverleugnung als christliche Tugend: Stehen ihre Forderungen nicht im krassen Widerpruch zu der hier offensiv verfochtenen Behauptung, die Botschaft Christi wäre eine Botschaft der exzessiven Ichlastigkeit? Wobei dieses Ich, als ein vollkommen Gesondertes, als ein vollkommen Freies, nur ein anderes Wort für den göttlichen Funken im Menschen, für seinen inneren Gott wäre, der wiederum seine Überhöhung im jüdisch-christlichen Gott finden würde. Ist das hier nicht oft genug Thema gewesen?

Schauen wir uns diese Selbstverleugnung doch im obigen Kontext etwas genauer an und entscheiden dann:
Folgt nicht unmittelbar nach der Forderung nach Selbstverleugnung die Forderung zur Nachfolge Christi, die hier noch dazu symbolisiert wird durch das Kreuz?
„Gut“, wird man sagen, „aber was ändert das?“
Die Haltung Jesu zu den Autoritäten, seien es nun geistige oder weltliche Autoritäten, also seine Ignoranz ihnen gegenüber – die keine aktive Ablehnung, kein Bekämpfen derselben war, denn: wer bekämpft, der erkennt an – diese Haltung ist die eines qua Zugehörigkeit zur Gattung und – mittelbar dadurch bedingt – auch qua gesellschaftlicher Position sklavisch Ausgelieferten an die Welt, der diesem Ausgeliefertsein, das ein schlechthin gegebenes sein muss, solange er noch Leben, er noch Pflanze in sich hat, entfliehen will. Es ist die Haltung eines Weltfremden, eines Menschen, der in seinem Leben Spott und in seinem Sterben Häme auf sich zieht, oder – um den armen Nietzsche (schon) wieder zu zitieren – die Haltung eines Idioten.
Diese Haltung brachte Jesus das Kreuz ein.
Die Nachfolge Christi, die ja umittelbar mit dem Symbol des Kreuzes zusammenhängt, ist eine Torheit für die Heiden, wie Paulus schreibt.

Was soll in diesem Zusammenhang die Selbstverleugnung?
Sie ist – folgt man meinen Gedankengängen; und diese, ich betone es nochmals, greifen das Evangelium nur als Katalysator für ihre Entwicklung auf, maßen sich also nicht an, die Heilige Schrift auszulegen – wenn sie im Zusammenhang zur Nachfolge Christi stehen will, nicht als die Verleugnung des Selbst im Sinne des freien, von der Welt dem Anspruch nach unabhängigen und abgegrenzten Ich, dessen also, was ich den inneren Gott nenne, aufzufassen, sondern als den permanenten Aufstand gegen die schlechthin gegebene Abhängigkeit dieses Ichs von der Gattung, von der Welt.
Oder anders: Das „Selbst“, das durch die von Christus von seinen Jüngern eingeforderte Selbstverleugnung verleugnet wird, ist die innere Pflanze.


11. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 7;36-50 u. 8;1-3

Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch.
Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, daß er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl.
und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küßte sie und salbte sie mit dem Öl.
Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müßte er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren läßt; er wüßte, dass sie eine Sünderin ist.
Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister!
(Jesus sagte:) Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig.
Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?
Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht.
Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet.
Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuß gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküßt.
Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt.
Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.
Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben.
Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt?
Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!
In der folgenden Zeit wanderte er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn,
außerdem einige Frauen, die er von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt hatte: Maria Magdalene, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren,
Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen.

+ + +

Die Geschichte der Begegnung Jesu mit einer in der einen oder anderen Form liederlichen Frau findet sich nicht nur bei Lukas, sondern auch in den anderen drei Evangelien.

Sie haben, neben der ungefähren Rahmenhandlung, noch ein Gemeinsames: die Zeugen dieser Ereignisse zwischen einer Ausgestoßenen und Jesus empören sich an zwei Tabubrüchen. Nicht nur, dass Jesus durch die Berührung einer Sünderin in den Augen der gläubigen Juden unrein wurde und sich erst einer rituellen Reinigung unterziehen hätte müssen, um am gemeinsamen Mahl teilzunehmen; alle vier Evangelien berichten auch von der besonderen – in den Augen der Anwesenden ungehörigen – Ehrerbietung, die die Sünderin Jesus zuteil werden ließ und die er nicht nur nicht verhinderte, sondern im nachfolgenden Gespräch mit den umherstehenden frommen Juden, die sich vor den Kopf gestoßen fühlten, auch noch rechtfertigte.
Das Selbstverständnis Jesu, sein Anspruch, als Sohn Gottes das Gesetz zu erfüllen, also letztendlich über ihm zu stehen, sein Herr zu sein, kommt in beiden Tabubrüchen zum Ausdruck. Diese freie, anarchische und aus Sicht der ihn umgebenden Gesellschaft anmaßende Haltung zu den Regeln des Zusammenlebens wird Jesus letztendlich das Leben kosten.

Welchen emanzipatorischen Charakter das jüdische Gesetz hatte, wurde bereits beschrieben. Wie das mit der Tendenz zu seiner Nichtbeachtung bei Christus zusammengeht?
Es ist die Abkehr von der gesellschaftlichen Konvention, der der Einzelne auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, es ist diese Emanzipation des Einzelnen vom Gesetz, die Jesus dazu berechtigt, sich nicht als sein Überwinder, sondern als sein Erfüller zu verstehen.
Das scheint nur auf den ersten Blick paradox.
Die Konvention, die das gesellschaftliche Zusammenleben so streng reglementiert, ist nämlich wiederum nur die Abkehr vom und die Überwinderin des Diktats der bloßen Gattung, des alles Vereinzelte verflüssigenden Urzustandes, da sie – apollinisch wie sie ist – durch Definition von Schuld und Strafe den Einzelnen erst aus dem grenzenlosen, bewusstlosen und damit schuldlosen Alles hebt.
Die Vollendung des inneren Gottes, der nicht anderes als das Ich ist, in Christus kann auf die Krücken des Gesetzes verzichten. Das hat schon Nietzsche so gesehen, nannte den antisozialen Nihilisten Jesus deshalb einen Idioten. Die feinen Herrschaften der jüdischen Gesellschaft, die wohl, wie jede feine Gesellschaft, einen ausgeprägten Sinn für Hierarchien und Tabus hatte, beurteilte den Nazaräner vermutlich ähnlich. Doch die frommen Juden waren Gefangene ihres eigenen emanzipatorischen Instrumentariums, waren Gefangene des Gesetzes.

Ordnet man dem Dionysischen das Weibliche, dem Apollinischen das Männliche zu, wie ich es im Anschluss an Camille Paglia tue, wie es auch die jüdische Propheten und das jüdische Gesetz taten, als sie die orientalischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgottheitengottheiten in einem Atemzug mit den das Individuum buchstäblich vernichtenden Praktiken des Menschen-, insbesondere aber des Kinderopfers im Baalskult nannten und all diesen Vorstellungen JHWH, den Gott des Gesetzes, den Beharrer auf die persönliche Hinwendung zu ihm aus freien Stücken, den Gott der persönlichen Ansprache an die Seinen, den Vatergott entgegenstellten, der, unabhängig von der Welt, in erster Linie ist, so bekommt der Bericht des Evangelisten über die Ereignisse im Haus des Pharisäers Simon, wie auch der über den weiblichen Anhang Jesu in Hinblick auf die Nichtigket des Gesetzes durch seine Erfüllung in Christus eine gewisse Brisanz.
Vielleicht heißt das: Der defensive Charakter des Gesetzes gegenüber dem Dionysischen wird durch Christus ersetzt durch die Verheißung der offensiven Überwindung des Verhaftetseins des Menschen im chthonischen Alles, in der großen Mutter; damit geht auch der Übergang von der Unterdrückung des Chthonischen, des „Weiblichen“ in Form der Unterdrückung der Frau in die Überwindung desselben einher, was nichts anderes als die Emanzipation auch der Frau als Einzelwesen bedeutet.
Mit solchen Überlegungen kann man sich allerdings auch noch heute den Mund verbrennen, wenn auch aus anderen Günden als zur Zeit Jesu.

Die Auferstehung Christi und ihre Bedeutung macht für mich nur als Überwindung eben dieses Chthonischen Sinn.
Doch was machen wir, die wir letztendlich im Dionysischen verhaftet bleiben? Nur, dass man mich nicht falsch versteht: ganz egal, ob wir Männchen oder Weibchen sind.


10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 7;11-17

Einige Zeit später ging er in eine Stadt namens Naiin; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm.
Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie.
Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht!
Dann ging er zu der Bahre hin und faßte sie an. Die Träger blieben stehen, und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!
Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück.
Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen.
Und die Kunde davon verbreitete sich überall in Judäa und im ganzen Gebiet ringsum.

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Die Behauptung, die Wundermacht Jesu sei die Grundlage seiner Popularität bei den Meisten, wurde im Rahmen des Predigtdienstes bereits mehrmals aufgestellt; beispielsweise hier und hier. Dabei übernimmt das Wunder die Funktion des Ausweises der Göttlichkeit, oder, wie bei vielen anderen heiligen Männern und Frauen vor und nach Jesus, ja, wie bei Jesus selbst, sofern das Bild des Islam – oder eben die Empfindung der Menge, die der Evangelist beschreibt, gemeint ist, des Ausweises der göttlichen Erwählung, der göttlichen Sendung, des göttlichen Segens usw.

Das Wunder; was versteht man darunter? Und was in diesem, vom Evangelisten Lukas geschilderten Fall? Wie ist die gängige Deutung der Meisten?
Ist es die zeitweise Aufhebung der Gesetzmäßigkeiten der Materie („hin is' hin“) in der Materie (dem Körper des Jungen), oft auch durch die Materie (durch körperliche Tätigkeiten wie Handauflegen usw.4), so bleibt diese Wundertätigkeit den Gesetzmäßigkeiten der Welt verhaftet. Denn sie bleibt immer auf diese Gesetzmäßigkeiten bezogen und sie kann nur duch sie ihren Ausdruck finden, auch wenn dieser Ausdruck (also die zeitweiße Überwindung der Zwänge, denen die Materie unterworfen ist) ein negativer ist.
Da die Wundermacht in diesem System aber Ausdruck der Göttlichkeit ist, bleibt auch die Göttlichkeit an diese Welt gefesselt. Hierin liegt aus Sicht desjenigen, der die Botschaft Christi in erster Linie als Anspruch auf Emanzipation von der Welt versteht, der sprichwörtliche Hund begraben:
Der Gott der Wundertätigkeit, der Gott der Meisten, ist ein weltlicher Gott. Dieses Gottesbild ermöglichte die unzähligen Massenbekehrungen unter den naturwüchsigen, dem inneren Empfinden nach an das Heldentum, nicht an die Priesterlichkeit angelehnten barbarischen Heiden des Nordens. Es ermöglichte aber auch die Hinwendung des römischen Kaisers, dessen Amt die Überhöhung des Weltprinzips ist, zum vermeinlichen Urheber seines Schlachtenglückes, zu seinem vermeintlich wundertätigen Retters aus einer militärischen Notlage – mit schwerwiegenden Folgen für die Botschaft Christi. Christus als Rechtfertigung für die Ordnung der Welt, für den Staat, für unzählige Kriege, für das instinkthafte Oben und Unten.


ad 4: Man wird – möglicherweise mit Recht – einwenden, dass die körperliche Tätigkeit (das Handauflegen, das Bestreichen der blinden Augen mit Speichel usw.) nur Ausdruck der göttlichen Macht ist, die in der obigen Passage des Evangeliums ihren passenderen und vollkommen imateriellen Audruck im Befehl Jesu findet. Dagegen möchte ich wiederum, mich beispielsweise auf Elias Canetti berufend, behaupten, dass jeder Ausdruck der Macht – und der Befehl, wie auch die beschriebenen Handlungen sind solche Ausdrücke – seine Grundlage in der (in den realen Machtverhätnissen begründeten) Todesdrohung hat. Die Macht über Leben und Tod ist materiell, der (imaterielle) Befehl ist ihr Symptom.


9. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 7;1-10

Als Jesus diese Rede vor dem Volk beendet hatte, ging er nach Kafarnaum hinein.
Ein Hauptmann hatte einen Diener, der todkrank war und den er sehr schätzte.
Als der Hauptmann von Jesus hörte, schickte er einige von den jüdischen Ältesten zu ihm mit der Bitte, zu kommen und seinen Diener zu retten.
Sie gingen zu Jesus und baten ihn inständig. Sie sagten: Er verdient es, daß du seine Bitte erfüllst;
denn er liebt unser Volk und hat uns die Synagoge gebaut.
Da ging Jesus mit ihnen. Als er nicht mehr weit von dem Haus entfernt war, schickte der Hauptmann Freunde und ließ ihm sagen: Herr, bemüh dich nicht! Denn ich bin es nicht wert, daß du mein Haus betrittst.
Deshalb habe ich mich auch nicht für würdig gehalten, selbst zu dir zu kommen. Sprich nur ein Wort, dann muß mein Diener gesund werden.
Auch ich muß Befehlen gehorchen, und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.
Jesus war erstaunt über ihn, als er das hörte. Und er wandte sich um und sagte zu den Leuten, die ihm folgten: Ich sage euch: Nicht einmal in Israel habe ich einen solchen Glauben gefunden.
Und als die Männer, die der Hauptmann geschickt hatte, in das Haus zurückkehrten, stellten sie fest, daß der Diener gesund war.

+ + +

Der Hauptmann: ein Gerechter, der uns Priesterlinge liebt, aber keiner von uns.

Es ist der Respekt vor den edelsten Kindern dieser Welt, der die Meister des entgegengesetzten Pols des Mensch-seins, des Neins zur Welt, die jüdischen Priester nämlich, dazu bewegt, für den römischen Hauptmann, den Vertreter desjenigen Volkes, für das Pilatus exemplarisch steht, Partei zu ergreifen.
Die, die sich fremd sind, die, die sich auch immer fremd bleiben müssen, können doch, gerade dann, wenn sie innerhalb ihrer Form des Mensch-seins Format besitzen, immer noch im Fremden auch seine Größe würdigen.
Nietzsche, als ein Großer der Welt, hatte diese Fähigkeit – abseits aller Polemik. Er, der Apologet und Verherrlicher der Gesetzmäßigkeiten der Welt, in Form gebracht beispielsweise im römischen Staat, war ein Bewunderer des Judentums. Gerade auch in seinem „Antichrist“ findet sich viel Bewunderung – und vielfältig geäußertes Unverständnis – für die vollendete Priesternatur des Judentums, als dessen Zuspitzung und dadurch Überwindung bei Nietzsche Jesus von Nazareth erscheint.

Wie Nietzsche, so ist auch der römische Hauptmann ein Liebkind, ein Musterknabe der Welt – letzterer wohl wirklich und nicht nur im Geist und auf dem Papier wie jener. Auch in seinen Vorstellungen über den Charakter des Göttlichen hängt der Hauptmann den natürlichen Hierarchien der Welt an: Wohlgeratene befehlen den weniger Wohlgeratenen; Gott, der höchste Vollendung des Lebens ist, hat unumschränkte Befehlsgewalt über alle Kräfte des Lebens, der Natur wie der Übernatur, die nur ein Spiegelbild und die Überhöhung der ersteren ist.
Die Gottesvorstellungen der Takt- und Spannungsmenschen divergieren eben.

Offenbar bemisst sich der Grad der Offenheit für das, was Christus bedeutet – der Glaube an ihn, wenn man so will – nach etwas anderem, als der Grad der Priesterlichkeit, das heißt: der Defektbehaftetheit, der Notwendigkeit des Nein-sagens. Und auch wenn der Hauptmann nicht wie ein Priesterling glaubt, auch wenn er, als Kind der Welt, nicht das Zeug zum Jünger Christi hat, so ist sein Glaube doch groß. Größer als der Glaube der – auf Grund ihres Naturells – ewig skeptischen Kinder des Lichts um Jesus.
Nirgends sieht man so intensive Gläubigkeit, solche Hingabe an die Sache Gottes, als unter denen, die nicht ahnen können, wo Gott wohnt.
Denn in ihrer Hingabe, in ihrer blinden, teifen Gläubigkeit, ist Selbstaufgabe. Der Gott der Juden und Christen ist jedoch ein Gott der freien Selbste.

Nein, der Hauptmann ist keiner von uns, doch kein böses Wort über ihn, man würde ihm unrecht tun – er ist ein Gerechter.


Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr C)/Joh. 16;12-15

Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.
Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.
Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.
Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

+ + +

Dass dieser Geist, von dem hier ein weiteres Mal die Rede ist, von den Jüngern in ihnen selbst zu suchen ist, davon haben wir bereits vorige Woche gehört.
Der Heilige Geist, ident mit dem inneren Gott der Menschen, ist auch ident mit dem jüdisch-christlichen Gott und ident mit Christus. Er ist die Vergegenwärtigung Christi in seinen Jüngern, nachdem sie ihm in der Welt nicht mehr ansichtig werden können. Ich habe es geschrieben: Erst nachdem Jesus als wirkliche, als bereits verwirklichte Heilsfigur weg ist, entwickeln seine Jünger ihr ganzes Potenzial als Kinder des Lichts.
Das heißt: Gott als ein Positiv, als etwas, das ganz konkretes Sein hat, das damit aber auch den Gesetzen der Welt unterworfen ist, wie die Kreuzigung Jesu eindrucksvoll zeigte, kann nie die ganze Fülle Gottes bezeichnen. Auch und insbesondere in Hinblick darauf, dass damit der Grad der Entwicklung des inneren Gottes des einzelnen Menschen gemeint ist – denn dieser „innere Gott“ ist ja ident mit dem jüdisch-christlichen Gott und mit Christus.
Erst, als die Jünger Gott nicht mehr ansichtig werden konnten, als er sozusagen zu etwas Negativem wurde, zu einem, der nicht den Gesetzen dieser Welt unterworfen ist, zum Auferstandenen, zum in den Himmel leibhaftig entrückten Christus nämlich, konnten sie ihm und seiner Botschaft gerecht werden. Bleiben die Jünger am Positiven haften, wie sie es zwangsläufig getan haben, als Christus – also Gott – noch physisch unter ihnen präsent war, so können sie die Fülle der göttlichen Wahrheit nicht tragen.
Anders ausgedrückt: Man muss Gott im nicht-Präsenten, im der-Welt-Enthobenen, im Nichts suchen.


Pfingstsonntag (Lesejahr C)/Joh. 14;15-16[17] u. 14;[22]23b-26

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.
Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll.
[Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.]
[Judas – nicht der Judas Iskariot – fragte ihn: Herr, warum willst du dich nur uns offenbaren und nicht der Welt?
Jesus antwortete ihm:] Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.
Wer mich nicht liebt, hält an meinen Worten nicht fest. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat.
Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin.
Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

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Vor einem Jahr, zu Pfingsten, ging es darum, warum es erst des Verschwindens Christi aus der direkten Anschauung der Jünger bedurfte, um eben diese Jünger dazu zu bewegen, ihre eigene Widerständigkeit gegen die Welt voll entwickeln zu können. Diese selbstständige Widerständigkeit ist der Beistand der bleibt, ist der Heilige Geist.
Soweit also zum Verhältnis der Anwesenheit Christi unter den Seinen durch den Heiligen Geist zu seiner tatsächlichen Entrückung – man suche Gott in sich.

Der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht.
Die Wahrheit: dieses Wort erinnert doch unter anderem an die Frage, die die Welt und ihre Herrlichkeit – personifiziert in Pilatus – an Gott kurz vor seinem Tod stellt: Was ist Wahrheit?

Warum richtet sich die Botschaft Christi, die für die Seinen eine universale Wahrheit ist, nur an einen Haufen „Auserwählter“, die, bei genauerer Betrachtung, allesamt verkrachte Existenzen, lebensuntüchtige Sonderlinge sind? So fragt jener Judas.
Es ist die empörte Frage des handelnden Propheten, des politisierenden Philosophen, des Weltverbesserers, des Utopisten, an den, der sich vom Elend abwendet. Die, die sie fragen, verkennen ihre eigene Weltabgewandtheit und Lebensuntüchtigkeit, die sich schon in ihrem Glauben an eine höhere, vom Leben unabhängige Wahrheit offenbart. Sie sind die tragischen Opfer der Geschichte – und sie sind tragische Täter, denn sie verstehen sich nicht aufs Tun.

Christus lieben zu können, das heißt, Christus – und das, was er bedeutet – notwendig zu haben. Die Welt um uns und die Welt in uns, unsere innere Pflanze nämlich, ist sich selbst genug, ist zu rund, zu unbewusst, zu gesund, um Christus notwendig zu haben. Sie stellt die Frage des Pilatus.

Der Beistand, der Geist Gottes in uns Priesterlingen, bewahre uns vor den Verlockungen der Großen Hure Welt und ihrem Vehikel, dem siebenköpfigen Drachen, der, in der allegorischen Sprache der Offenbarung des Johannes, für den Staat, für die Politik steht.
Die Utopisten unter uns sind ihren Verlockungen erlegen.


7. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 17;20-26

Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.
Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast.
Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind,
ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, daß du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.
Vater, ich will, daß alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt.
Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und sie haben erkannt, daß du mich gesandt hast.
Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin.

+ + +

Man ignoriere zunächst alle Assoziationen, die einem in den Sinn kommen, wenn man hört, dass alle eins sein sollen:
Die Beziehung Jesu zu seinem inneren Gott, zu seinem Vater, wie er ihn nennt, soll Vorbild sein für die Beziehung seiner Jünger zu ihm.
Christus, als vollendetster Priesterling, als derjenige, der als einziger dazu fähig war, seinen inneren Gott in Reinform auszuprägen, und der Vater sind eins. Das heißt, im ständigen Widerstreit von Pflanze und Gott, der das Menschsein ausmacht, hat, im Falle Jesu, die Gottheit endgültig die Oberhand über die Pflanze gewonnen.
Für die Jünger bedeutet das, dass man in der Nachfolge Christi – die immer nur bloßes Abbild der Reinform sein kann, die Christus bedeutet; die immer nur, wie es Nietzsche sinngemäß in der Zweiten Unzeitgemäßen schreibt, eine Kopie auf billigem Papier und mit groben Lettern sein kann – dass man in dieser Nachfolge eine Gottheit in sich kultiviert, deren klarste Ausprägung in Christus als reinste Widerständigkeit gegen die Welt mit dem Gott der Juden und Christen ident ist. Der innere Gott Jesu und seine verschlackten Abbilder in seinen Jüngern – abzüglich eben dieser Schlacken – sind Gott.

Ich habe vor zwei Wochen über das Ich und über das Du geschrieben. Da habe ich gemeint, dass das eigentliche Du als Projektion des Ich in den Mitmenschen aufzufassen ist.
Bedenken wir nun, dass uns als erstes (wie ich unterstellte) das Bild einer festgefügten, geschlossenen Gemeinschaft in den Sinn kam, als wir von der allumfassenden Einheit der Jünger Christi lasen:
Ein Kreis von Menschen, eine Gemeinschaft von mir aus, in dessen Zentrum das Ich steht – und nicht etwa ein beliebiges, sondern das absolute Ich, Gott nämlich, der mit dem inneren Gott des Menschen ident ist – kann kein festgefügtes, organisches Ganzes sein, dessen Einzelteile der Tendenz nach sich auflösen und hinter die Sonderung, die die Gottebenbildlichkeit des Menschen ausmacht, zurückfallen müssen.
Im Gegenteil: Das Ich, damit aber Christus und Gott-Vater, ist das Wesen dieser Einheit. Die Einheit der wahren Christen untereinander besteht in der Dominanz, die sie – dem Anspruch nach – dem eigenen Ich einräumen. Sie suchen ihr Ich in den Anderen wiederzufinden. Das führt diesen ganz speziellen Menschenschlag zusammen.


6. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 14;23-29

Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.
Wer mich nicht liebt, hält an meinen Worten nicht fest. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat.
Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin.
Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.
Ihr habt gehört, daß ich zu euch sagte: Ich gehe fort und komme wieder zu euch zurück. Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.
Jetzt schon habe ich es euch gesagt, bevor es geschieht, damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt.

+ + +

„Wer mich liebt“, das heißt: wer mich überhaupt lieben kann; das heißt: für wen ich kein Ärgernis bin, für wen ich im Gegenteil ein Ärgernis für die Mächtigen, die Vielen, die Edlen bin, wie derjenige selbst es sein muss. Die Liebe zu Christus ist die Liebe zum eigenen inneren Gott.
Dem entsprechend bedeutet „dem Willen des Vaters zu gehorchen“ die Verwirklichung dessen, was als innere Disposition zur Emanzipation von der Welt in allen Menschen, vor allem aber in den Wenigen, in den Anderen, in uns Priesterlingen schlummert.

Und was hat es nach obiger Definition zu bedeuten, wenn Jesus an der Liebe seiner Jünger zu ihm zweifelt, als er ihren Widerstand gegen seinen bevorstehenden, als selbstgewählt empfundenen Ausgang aus dem Leben spürt?
Fürchten die Jünger den Tod Christi?
Fürchten sie vielleicht die Macht und Herrlichkeit der Welt, die Jesus töten wird, ihn nach ihren ewigen Gesetz bestrafen wird?
Wenn ja, welcher Art ist diese Furcht?
Ich meine damit: fürchten sie sich vor den Mächten dieser Welt, wie man sich vor einem Feind fürchtet, vor einem, dem man die Gewalt, die er ausübt, nicht zuerkennt, oder fürchten sie den Staat, wie man nach jüdischer Tradition besser Gott fürchten sollte, als achtenswerte Instanz, zu der man innerlich gehört und die zu einem innerlich gehört nämlich?

Liegt der Akzent auf der zweiten „Furcht“, so ist sie Abkehr vom inneren Bedürfnis nach Sonderung und Freiheit von der Welt, das die Jünger Christi ursprünglich erst zu seinen Jüngern machte, sie alle Fesselungen, alle Verpflichtungen überwinden und sie Christus nachfolgen ließ. Denn Gott, als Aufstand gegen das Weltgesetz, als der erste von denen, die nicht Wir, nicht Gattung, sondern Ich sagen, konkurriert mit dem Herren der Welt um die Seelen der Menschen. Das ist der Dualismus von Takt und Spannung, von Pflanze und Gott im Menschen.

Wir alle, auch wir Priesterlinge, sind viel Pflanze und nur wenig Gott. In unseren persönlichen Katastrophen kann uns das Gefühl der höhreren Berechtigung eben dieser Katastrophen überfallen – das ist unser Verbundensein mit der Gattung, unser Anhängen an die Zoë, der uns uns selbst verleugnen macht. Das negiert uns Tschandalas; und dennoch drängt uns unsere innere Pflanze dazu, denn die Selbstverleugnung der Anderen, der Priesterlinge ist für die Welt gesund, lebensbejahend.
Die Zoë selbst negiert unsere Sonderung; doch die Sonderung ist unser Aufstand gegen unsere Nihilierung als Einzelwesen. Wir Tschandalas, die wir zugleich die besten und die schlechtesten Menschen sind – denn unsere Defekte zwingen uns zu unseren Leistungen auf unseren Gebieten, verlieren, wenn schon nicht unser persönliches Leben, so doch unsere Stärke, verlieren das, was groß an uns ist, wenn wir uns fürchten vor der Herrlichkeit der Welt, wie wir – und nur wir Verunglückten – uns fürchten sollen vor Gott.

Was da noch kommen soll für Jesus: sein Sieg – wer von den beschränkten Menschen in seinem Umfeld konnte mit so etwas rechnen?


5. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 13;31-33a u. 34-35

Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht.
Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen.
Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.

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Die Kreuzigung Jesu heißt der Evangelist Johannes seine Verherrlichung, oft auch seine Erhöhung.
Und dieser Umstand ist wichtig, wenn wir den Text des heutigen Evangeliums betrachten.
In der Kreuzigung verherrlicht sich der jüdisch-christliche Gott im Menschen Jesus. Das ist das Wesen des Christentums: der Gott am Kreuz; das Wesen der Spannung, die von der Welt verachtet und gedemütigt wird, die gleichzeitig ihr Gegenpol und ihre Überwinderin ist.

Es war den Jüngern Christi zu allen Zeiten unmöglich, den Gegensatz zwischen Welt und Gott vollständig zu erfassen, sich gleichzeitig mit solcher Radikalität für eine der Seiten – für die der Priesterlinge, für die ihre also – zu entscheiden, wie es Christus tat, der die Reinform des inneren Gottes des Menschen ist; dieser innere Gott wiederum ist ident mit dem jüdisch-christlichen Gott.
Er geht dorthin, wo der Sieg der Welt über die Gottheit zu einer Niederlage wird; er steht nach seiner Kreuzigung nämlich von den Toten auf und nihiliert damit die Gerechtigkeit der Welt, die ihn als Verbrecher an ihrem Gesetz hingerichtet hat.
Zu sehr Pflanze, zu wenig Gott waren alle Priesterlinge vor ihm und nach ihm, um seinen Weg gehen zu können.
Das ist das eine.

Was das Liebesgebot betrifft, so hat auch dies zumindest mittelbar etwas mit der Identität von Gott und innerem Gott des Menschen zu tun:
Unser Gott ist ein Gott der Sonderung. Nur insofern sich der Mensch als etwas vom Alles Abgelöstes begreift, kann er Gott erkennen; den Gott, der sich vom ewigen Weltgesetz bis in die letzte Konsequenz emanzipiert, der sich weigert, den Spruch der Welt über ihn – die Verurteilung durch Pilatus nämlich – als endgültig hinzunehmen.
Ohne diese göttliche Sonderung gibt es kein Ich.
Gott ist der Archetyp dieses Ichs.
Die Annahme des Vorhandenseins eines dem eigenen Ich strukturell ähnlichen Ichs in meinem Mitmenschen führt zur Konzeption des Du.
Man kann das so definierte Du gar nicht für selten genug halten. Es hat seinen Platz nicht im sozialen Leben des Menschen, denn dieses ist vor jeder Sonderung, ist ein Leben in Hinblick auf ein Alles, dem alle unterworfen sind, ist ein Leben in Hinblick auf die Gattung.
Die Liebe unter den Jüngern könnte nun (ich habe es schon einmal vermutet) nichts anderes als die Projektion des eigenen Ichs in das Ich des Nächsten sein.
Anders ausgedrückt: Mein innerer Gott, mein Ich, erkennt Gott, der das reine Ich ist, in meinen Mitmenschen wieder.
An ihrem Kennerblick für das Ich erkennt man die Priesterlinge, erkennt man auch und vor allem die Jünger Christi.


4. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 10;27-30

Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.
Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen.
Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.
Ich und der Vater sind eins.

+ + +

Folgen wir diesen drei von mir aufgestellten Behauptungen, so erschließt sich uns, wer die sogenannten Schafe des Herrn sind. Es sind die Prieserlinge. Es sind diejenigen, die Christus notwendig haben.

Doch abgesehen davon erschließt sich uns noch etwas anderes: Insofern der einzelne Mensch nicht durch die Zwänge der Gattung determiniert ist (wie unterschiedlich die einzelnen Stufen dieser Freiheit des Einzelnen gegenüber der Welt, die, bei Lichte betrachtet, immer nur eine Potenz ist, auf Grund der Intensität des Leidens am Leben auch sind – beim Prieserling wird sie zum dominanten Prinzip), ist er etwas Göttliches, dessen reinste Ausprägung in einem Menschen Christus ist. Dieser göttliche Funke, der sich im Aufstand gegen die Gesetzmäßigkeiten des Lebens manifestiert, ist es, der den Menschen von der Welt potenziell sondert – der ihn zum Menschen macht.
Der Vater Christi, dessen Söhne und Töchter, insofern ihr innerer Gott gemeint ist, alle Menschenkinder potenziell sind, ist, wie ich geschrieben habe, die Vergöttlichung der Göttlichkeit im Menschen.

Oder anders zusammengefasst:
Aus der vom Evangelisten behaupteten Einheit von JHWH, des jüdisch-christlichen Gottes, mit Christus erschließt sich dreierlei:
Erstens: Die Totalität der Göttlickeit im Menschen Jesus – der, was sein Verhaftetsein in der Gattung angeht, trotzdem immer noch eine innere Pflanze in sich trägt, also der Welt ausgeliefert bleibt.
Daraus abgeleitet zweitens: Die halbe Göttlichkeit des Menschen, oder: sein göttlicher Funke, insofern wir die Göttlichkeit des Chrisus als die Reinform des inneren Gottes des Menschen annhemen.
Und drittens: Die Bedeutung des Wortes Gott, als ein Symbol der ins Maximum, in die alleinige Dominanz entrückten Freiheit des Menschen gegenüber der Welt; als ein Symbol des Abgesondertseins vom Alles; als ein Archetyp des Ich.


3. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr C)/Joh. 21;1-19

Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise.
Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling), Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.
Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wußten nicht, daß es Jesus war.
Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es.
Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.
Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot - sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen - und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.
Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot.
Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.
Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht.
Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und eßt! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war.
Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.
Dies war schon das dritte Mal, daß Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.
Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!
Zum zweitenmal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!
Zum drittenmal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum drittenmal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, daß ich dich liebhabe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!
Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.
Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!

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Der Petrus ist, wir erinnern uns, vom Herrn Jesus Christus als Menschenfischer installiert worden.
Die beiden Teile des heutigen Evengeliums (also die Szene auf dem See und der Dialog mit Petrus) gehören beide zu dieser Thematik.

Im Dialog des auferstandenen Jesus mit Petrus scheint sich das gleichnishafte Bild des Menschenfischers in größerer Klarheit darzustellen: Petrus ist der erste der Jünger, der Verwalter der Gemeinde. Das interessiet mich weniger.

Schauen wir statt dessen auf den ersten Teil, auf das Bild mit den vollen Netzen:
Wie das Netz des Petrus voll ist bis zum Rand mit allen möglichen Fischen und wie es dadurch zur Belastung für ihn wird, so wird auch die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Fische, die man, vermittels eines Modells, einer Krücke, auch als eine Zwiespältigkeit auffassen könnte (siehe unten), für die biederen Fischer im Dienste Christi, die all zu menschlichen Hüter der Botschaft Christi, zum anarchischen Albtraum.
Oder, das Pferd von der anderen Seite aufgezogen:
Wie die schiere Menge der Fische im Netz eine Belastung ist für die Unversehrtheit des Netzes, für die Authentizität der Botschaft Christi, so ist auch der Christus der Vielen, der gleichzeitig ein Christus der Herrschenden ist, eine Belastung für das, was Christus eigentlich bedeutet.

Ich habe den Gedanken hier im Predigtdienst ausgeführt, dass das Christentum in seiner Geschichte zwei völlig unterschiedlichen Menschentypen (auch sich widersprechende Anteile innerhalb eines einzelnen Menschen) zur Überhöhung ihrer selbst diente: einerseits der rote Flamme der Liebe, die dieser Welt angehört, andererseits der blaue Flamme, dem heiligen Nein, die andere Namen für das sind, was ich als Gott bezeichne.
Je nach der Perspektive dessen, der sich als rechtmäßiger Verteidiger und Erbe des Christus empfindet, des jeweiligen Petrus also, macht entweder der Anteil an lebens- und herrschaftsbejahenden, das Christentum als Instrument der Herrlichkeit der Welt, der guten Sitten usw. begreifenden Vielen, oder der Aneil an Sektierern, Häretikern und Verweigerern, dieses Netz, in die sie – oberflächlich betrachtet – alle eingesperrt, zusammengefasst, verbunden, vergesellschaftet sind, für ihn schwer zu tragen. Er trägt es – das scheint schon dem Evengelisten ein Wunder zu sein.

Ich erwähne nicht, für welche der beiden Seiten ich optieren muss.
Für uns, die in uns die blaue Flamme spüren, drängt sich ein versöhnlicher Gedankengang auf. Nämlich, dass es:
erstens: auch eine Berechtigung in Christus hat, ihn als Opium, als Trostmittel, als im Wesen rote Flamme wahrzunehmen und in dieser Hinsicht an ihn zu glauben;
zweitens: es zum Schicksal derjenigen gehört, die sich die Institutionalisierung der christlichen Botschaft, die letztendlich eine Pervertierung ist, zur Aufgabe gamacht haben, an uns schwer zu tragen – immer, bis zum Ende aller Zeiten – immer.

Wie weit ich diesen Dualismus fasse, wie sehr er für mich für einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Pflanze und Gott, zwischen Dionys und Apoll, oder, um mit Spengler zu sprechen, zwischen Takt und Spannung, steht, das kann man, gaube ich, auf Grund des in den letzten anderthalb Jahren hier Geschriebenen ermessen.
Und zuletzt: dass es hier zu keiner Synthese kommen kann zwischen Ja und Nein im Menschen, steht fest; vielmehr spiegelt sich die Widersprüchlichkeit des Menschen in Jesus und in denen, die sich auf ihn berufen.
Ist die Zwei-Naturen-Lehre doch fundamental für das Credo des Christen? Spricht nicht, abgesehen davon, der Evangelist vom Menschensohn?


Palmsonntag (Lesejahr C)/Lk. 22;14-71 und 23;1-56 (Passionsgeschichte nach Lukas)

Das Evangelium am Palmsonntag des Lesejahres C ist die Passionsgeschichte nach Lukas. Nachdem dieser Text sehr lang ist, möchte ich, wie schon vor einem Jahr, ihn und das dazugehörige Kommentar über Anker ein bisschen besser erschließen. Hier geht es zum Beginn des Kommentars.
Der Evangelist berichtet uns von einem Rangstreit der Jünger Jesu. Was hier auffällt, ist, dass mit der Aufforderung zum Verzicht an der Teilnahme des Spieles mit der Macht, das ein grudlegender Lebensimpuls ist, was jenen Verzicht wiederum zu einer Form der Lebensverneinung macht, eine Aufwertung der Position der so von der Welt Entrückten gegenüber der Welt einhergeht. Auch die Sache mit den zwei Schwertern gehört mittelbar hierher. (zum Abschnitt des Kommentars; im Evangelium ist der Link am Ende des Abschnittes mit einer Fußnote ausgewiesen)
Es ist ein alter Hut: Zwei sich im Widerstreit befindliche Funktionen des selben Systems (seien es die „weltliche“ und „geistliche“ Macht im Mittelalter angesichts der verschiedensten Ketzerbewegungen – die allesamt näher an Christus waren als die institutionalisierte Religion, ob ihrer Bejahung der Welt, jemals sein konnte, jemals wird sein können; seien es beispielsweise die verfeindeten Nationalismen Frankreichs und Deutschlands angesichts der Commune; oder seien es, wie hier, die beiden Kinder der Welt Pilatus und Herodes, die sich unter dem Eindruck dessen, was Christus bedeutet ihrer Gemeinsamkeiten bewusst werden) erkennen ihre substanziellen Ähnlichkeit, besinnen sich des Kernes, auf den hin sie Funktionen sind, als etwas gänzlich anderes die Bildfläche betritt; etwas, das sie verneint. (zum Abschnitt des Kommentars; im Evangelium ist der Link am Ende des Abschnittes mit einer Fußnote ausgewiesen)
Betreff des Verrates des Judas Iskariot sei auf das Kommentar zum Gründonnerstag verwiesen.
Betreff der persönlichen Haltung des Jesus am Kreuz sei auf einen Abschnitt des Kommentars vom Palmsonntag (B) verwiesen.

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Als die Stunde gekommen war, begab er sich mit den Aposteln zu Tisch.
Und er sagte zu ihnen: Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen.
Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes.
Und er nahm den Kelch, sprach das Dankgebet und sagte: Nehmt den Wein, und verteilt ihn untereinander!
Denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt.
Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!
Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.
Doch seht, der Mann, der mich verrät und ausliefert, sitzt mit mir am Tisch.
Der Menschensohn muß zwar den Weg gehen, der ihm bestimmt ist. Aber weh dem Menschen, durch den er verraten wird.
Da fragte einer den andern, wer von ihnen das wohl sei, der so etwas tun werde.

Es entstand unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen wohl der Größte sei.
Da sagte Jesus: Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen.
Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende.
Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.
In allen meinen Prüfungen habt ihr bei mir ausgeharrt.
Darum vermache ich euch das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat:
Ihr sollt in meinem Reich mit mir an meinem Tisch essen und trinken, und ihr sollt auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.
Simon, Simon, der Satan hat verlangt, daß er euch wie Weizen sieben darf.
Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder.
Darauf sagte Petrus zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.
Jesus erwiderte: Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.
Dann sagte Jesus zu ihnen: Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe, habt ihr da etwa Not gelitten? Sie antworteten: Nein.
Da sagte er: Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen, und ebenso die Tasche. Wer aber kein Geld hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen.
Ich sage euch: An mir muß sich das Schriftwort erfüllen: Er wurde zu den Verbrechern gerechnet. Denn alles, was über mich gesagt ist, geht in Erfüllung.
Da sagten sie: Herr, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!1

Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es gewohnt war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm.
Als er dort war, sagte er zu ihnen: Betet darum, daß ihr nicht in Versuchung geratet!
Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete:
Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.
Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm (neue) Kraft.
Und er betete in seiner Angst noch inständiger, und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.
Nach dem Gebet stand er auf, ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend; denn sie waren vor Kummer erschöpft.
Da sagte er zu ihnen: Wie könnt ihr schlafen? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet.
Während er noch redete, kam eine Schar Männer; Judas, einer der Zwölf, ging ihnen voran. Er näherte sich Jesus, um ihn zu küssen.
Jesus aber sagte zu ihm: Judas, mit einem Kuß verrätst du den Menschensohn?
Als seine Begleiter merkten, was (ihm) drohte, fragten sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?
Und einer von ihnen schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm das rechte Ohr ab.
Jesus aber sagte: Hört auf damit! Und er berührte das Ohr und heilte den Mann.
Zu den Hohenpriestern aber, den Hauptleuten der Tempelwache und den Ältesten, die vor ihm standen, sagte Jesus: Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen.
Tag für Tag war ich bei euch im Tempel, und ihr habt nicht gewagt, gegen mich vorzugehen. Aber das ist eure Stunde, jetzt hat die Finsternis die Macht.
Darauf nahmen sie ihn fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus folgte von weitem.
Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet, und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen.
Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen.
Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht.
Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht!
Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer.
Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn.
Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Die Wächter trieben ihren Spott mit Jesus. Sie schlugen ihn,
verhüllten ihm das Gesicht und fragten ihn: Du bist doch ein Prophet! Sag uns: Wer hat dich geschlagen?
Und noch mit vielen anderen Lästerungen verhöhnten sie ihn.
Als es Tag wurde, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, also der Hohe Rat, und sie ließen Jesus vorführen.
Sie sagten zu ihm: Wenn du der Messias bist, dann sag es uns! Er antwortete ihnen: Auch wenn ich es euch sage – ihr glaubt mir ja doch nicht;
und wenn ich euch etwas frage, antwortet ihr nicht.
Von nun an wird der Menschensohn zur Rechten des allmächtigen Gottes sitzen.
Da sagten alle: Du bist also der Sohn Gottes. Er antwortete ihnen: Ihr sagt es – ich bin es.
Da riefen sie: Was brauchen wir noch Zeugenaussagen? Wir haben es selbst aus seinem eigenen Mund gehört.

Daraufhin erhob sich die ganze Versammlung, und man führte Jesus zu Pilatus.
Dort brachten sie ihre Anklage gegen ihn vor; sie sagten: Wir haben festgestellt, daß dieser Mensch unser Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuer zu zahlen, und behauptet, er sei der Messias und König.

Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es.
Da sagte Pilatus zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde nicht, daß dieser Mensch eines Verbrechens schuldig ist.
Sie aber blieben hartnäckig und sagten: Er wiegelt das Volk auf und verbreitet seine Lehre im ganzen jüdischen Land von Galiläa bis hierher.
Als Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mann ein Galiläer sei.
Und als er erfuhr, daß Jesus aus dem Gebiet des Herodes komme, ließ er ihn zu Herodes bringen, der in jenen Tagen ebenfalls in Jerusalem war.
Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah; schon lange hatte er sich gewünscht, mit ihm zusammenzutreffen, denn er hatte von ihm gehört. Nun hoffte er, ein Wunder von ihm zu sehen.
Er stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab ihm keine Antwort.
Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, die dabeistanden, erhoben schwere Beschuldigungen gegen ihn.
Herodes und seine Soldaten zeigten ihm offen ihre Verachtung. Er trieb seinen Spott mit Jesus, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen und schickte ihn so zu Pilatus zurück.
An diesem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; vorher waren sie Feinde gewesen.2

Pilatus rief die Hohenpriester und die anderen führenden Männer und das Volk zusammen
und sagte zu ihnen: Ihr habt mir diesen Menschen hergebracht und behauptet, er wiegle das Volk auf. Ich selbst habe ihn in eurer Gegenwart verhört und habe keine der Anklagen, die ihr gegen diesen Menschen vorgebracht habt, bestätigt gefunden,
auch Herodes nicht, denn er hat ihn zu uns zurückgeschickt. Ihr seht also: Er hat nichts getan, worauf die Todesstrafe steht.
Daher will ich ihn nur auspeitschen lassen, und dann werde ich ihn freilassen. [...]
Da schrien sie alle miteinander: Weg mit ihm; laß den Barabbas frei!
Dieser Mann war wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen Mordes ins Gefängnis geworfen worden.
Pilatus aber redete wieder auf sie ein, denn er wollte Jesus freilassen.
Doch sie schrien: Kreuzige ihn, kreuzige ihn!
Zum drittenmal sagte er zu ihnen: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich habe nichts feststellen können, wofür er den Tod verdient. Daher will ich ihn auspeitschen lassen, und dann werde ich ihn freilassen.
Sie aber schrien und forderten immer lauter, er solle Jesus kreuzigen lassen, und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch:
Pilatus entschied, daß ihre Forderung erfüllt werden solle.
Er ließ den Mann frei, der wegen Aufruhr und Mord im Gefängnis saß und den sie gefordert hatten. Jesus aber lieferte er ihnen aus, wie sie es verlangten.
Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage.
Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten.
Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder!
Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben.
Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu!
Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?
Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt.
Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links.
Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Dann warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich.
Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist.
Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig
und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!
Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden.
Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!
Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen.
Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.
Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.
Es war etwa um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach. Sie dauerte bis zur neunten Stunde.
Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riß mitten entzwei,
und Jesus rief laut: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus.
Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Das war wirklich ein gerechter Mensch.
Und alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen betroffen weg.
Alle seine Bekannten aber standen in einiger Entfernung (vom Kreuz), auch die Frauen, die ihm seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt waren und die alles mit ansahen.
Damals gehörte zu den Mitgliedern des Hohen Rates ein Mann namens Josef, der aus der jüdischen Stadt Arimathäa stammte. Er wartete auf das Reich Gottes und hatte dem, was die anderen beschlossen und taten, nicht zugestimmt, weil er gut und gerecht war.
Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.
Und er nahm ihn vom Kreuz, hüllte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch niemand bestattet worden war.
Das war am Rüsttag, kurz bevor der Sabbat anbrach.
Die Frauen, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, gaben ihm das Geleit und sahen zu, wie der Leichnam in das Grab gelegt wurde.
Dann kehrten sie heim und bereiteten wohlriechende Öle und Salben zu. Am Sabbat aber hielten sie die vom Gesetz vorgeschriebene Ruhe ein.

+ + +

Die Beziehung der Jünger zur Welt hat zwei Seiten:
Einerseits ist sie die von Gästen in einem fremden Land. Hierher gehört die Beschreibung des unsteten Lebens, des Akzepieren von realen Verhältnissen ohne sie als gerechtfertigt oder auch nur als für einen selbst gültig anzunehmen, des dankbaren Annehmens des durch die Welt geschenkten Lebensunterhalts, ob Nahrung, ob Obdach – immer in Hinblick auf ein gewolltes nicht-heimisch-Werden in der Welt, auf ein ständig zu erneuerndes Nein. Diese Seite wurde beschrieben im Kommentar zum sogenannten „Missionsbefehl“ des Jesus an seine Jünger. Sie fußt auf einem beiderseitigen für-sich-sein-Lassen von zwei seelisch vollkommen unterschiedlichen Menschentypen, deren gegenseitger Respekt sich nur in der Distanz ausdrücken kann.
Sicher: Es gab im Laufe der Geschichte viele Priesterlinge, die sich anmaßten die Welt verändern zu wollen – Ideologen, Schwärmer, Utopisten. So brachen sie das Gastrecht; so waren sie ungerecht, undankbar, schlecht. Doch man verkennt das Ungleichgewicht der Kräfte, man ahnt nichts von der Dynamik des Lebens, wenn man hier eine Gefahr für die Welt und ihr ewiges Gesetz wähnt. Diese Weltverbesserer förderten dialektisch das durch die Geschichte determinierte Programm ihrer Zeit. Doch anders herum, also als Versuch seitens der Großen, seitens auch der Vielen, die Priesterlinge wieder in den Schoß der Welt zu führen und ihr anmaßendes frei-sein-Wollen zu beenden – und nichts anderes suchte Pilatus in seiner Milde zu tun, als er den anmaßenden Jesus, der sich selbst ein König sein wollte, nur züchtigen, nicht kreuzigen lassen wollte; nichts anderes taten mit Erfolg die römischen Kaiser, als sie die junge Kirche an sich zu fesseln im Stande waren, eine Fesselung, die bis heute anhält – ist die Aufhebung der respektablen Distanz nicht nur die Regel, sie ist auch viel wirkmächtiger. Sie ist eine Anfechtung nicht nur von außen für die Priesterlinge, sondern auch von innen; denn: jedes Lebewesen ist verhaftet in der Gattung, ist ihr über kurz oder lang ausgeliefert.

Und hier wandelt sich das Recht des Fremdlings, dem sich jeder gute Gast freiwillig unterwirft, in Kriegsrecht.
Keine Sicherheit mehr, keine Wärme, keine Sesshaftigkeit. Der Winter ist weit, vergleicht man ihn mit der Unmittelbarkeit des nächsten Kampfes um das bloße sich-Behaupten der Eigenart. Der Mantel des Pilgers, des einsamen Wanderers in fremden Landen: verkauf ihn!; was jetzt dir droht ist nicht nur Kälte, ist nicht nur Distanz, ist nicht nur dein Anderssein, das dir ebenso weh tut, wie du es notwenig hast. Der meist stummen, verhaltenen sittlichen Empörung über deine Absonderung, über deinen Freiheitsanspruch, der Anmaßung ist und über deinen Individuationsanspruch, der Arroganz ist, folgt die Tat, folgt die Widerherstellung der Ordnung der Welt nach den Gesetzen des Lebens, folgt das Pogrom.

Und du und deinesgleichen flüchtet sich vielleicht zu denjenigen, die die Macht haben, dir zu helfen.
Und vielleicht tun sie es – was auch immer sie dazu bewegt.
Die vielgehassten und zu allen Zeiten verfolgten Juden (das Priestervolk schlechthin, der Same, aus dem Christus wurde; eure Väter im Geiste, ihr Priesterlinge aller Zeiten und Landschaften) flüchteten sich im Mittelalter zu den Fürsten. Und im Tausch für ihren Schutz halfen sie (durch Geld) beim Ausbau der staatlichen Macht. Und der Fürst tauschte die Vasallen, die freien Vertragspartner gegen Staatsdiener; und er tauschte den Bauern, den Zunftbruder, den Kirchenmann und am Ende den Juden gegen den Untertan. Und alle, Fürst und Untertan, waren dem Staate Diener. Der Segen des Staates – damit er auf euch alle komme, auch auf die Juden, lasst ihn wissen, wo ihr wohnt, was ihr tut, woran ihr glaubt; damit er Listen mache – damit er euch beizeiten helfe...

Zu viel rückwärts gewandte Prophetie? Vielleicht.

Doch kehren wir zum heutigen Evangelium zurück:
Dem Christus will das Bild mit dem Schwert nicht gelingen. Es ist etwas zusehr in die Sphäre der Welt hineinreichendes; etwas zu sehr durch Dinge bestimmtes, die sich seinem Einfluss (lies hier: dem Einfluss seines und unseres inneren Gottes) entziehen, die ihm fremd und feindlich sind.
Ich finde durchaus, dass das Beispiel mit den Juden, die sich in ihrer Todesangst an eine ihnen im Inneren fremde Macht kuscheln, in diesem Sinne treffend ist, auch möglicherweise in Hinblick auf das von den Jüngern missverstandene Bild mit den zwei Schwertern im heutigen Evangelium, so man es auf die Geschichte der Christenheit ummünzt, (um so mehr, da dessen Ursprung im Judentum liegt, mehr noch: dessen ursprüngliche Lehre das Judentum radikalisiert):
Kennt ihr das staatsrechtliche Konzept der Zwei-Schwerter-Theorie aus dem Mittelalter? Priester und König, Hand in Hand – Was für ein Trugbild! In der Christlichkeit hört die Herrlichkeit der Welt auf – das wird nie mehr als ein zur Verheißung geronnener frommer Wunsch sein. In der Herrlichkeit der Welt stirbt Gott am Kreuz – das ist unsere Lebensrealität.
Da sagten sie: Herr, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!

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Der Krieg und seine Helden; die Kämpfe um Macht und Einfluss, durchsetzt von Sex und Gewalt; die Krämpfe der Liebe als Spielfeld der (maskierten?) Macht, als gewalttätiges Spektakel; der Gefühlsüberschwang der Revolution und die Hitze des Blutes, welches dampft, wird es vergossen, welches kocht in den Adern des Blutvergießers: In der Sitte, in den politischen Institutionen, die beide durch diese Vorgänge geprägt werden und in den großen Männern, die angeblich die Geschichte machen, gewinnt das Leben Form.
Doch nichts sagt diese Form über das Lebens selbst, über das Flüssige, Wabernde, das allem Festen abhold ist.
Sie ist nur an der Oberfläche des Gewässers. Die bösen Wasser des Lebens sind unergründlich tief, dunkel. Was sich an der Wasserfläche kräuselt, Wirbel bildet, Strudel von Zeit zu Zeit, in denen der Einzelne versinkt, täuscht nur Struktur, täuscht nur Festigkeit vor.

Der Pilatus und der Herodes, das waren zwei Feinde – denn sie fischten im selben Teich.
Ihr Kampf, den sie führten in der Welt, nicht nur gegeneinander, war derselbe. Sie waren Kinder der Welt, treu ergeben ihren Gesetzmäßigkeiten, nichts aus sich selbst heraus. Auch ihre Feindschaft war nur – wie sie selbst – eine bloße Funktion des Lebens.
Durch eine Gefahr von außen, einen Fremdkörper, der auf einmal in ihre Welt trat, dessen ihnen entgegengesetzte Polung, dessen Ablehnung all dessen, wofür sie standen sie wohl irgendwie, trotz seiner offensichtlichen Verrücktheit, instinktiv erspürten, wurden sie sich ihrer tiefen Ähnlichkeit bewusst.
Die tiefen Wasser kämpften durch ihre beiden Instrumente Pilatus und Herodes gegen ihre Verneinung in Christus. Alles oberflächliche Gequengel (ja, ich meine, die Feindschaft zwischen den Kindern der Welt ist Gequengel, koste sie noch so viele Millionen Menschenleben; denn die Zahl gehört zum Reich des Apoll, zur Oberfläche, sie tangiert das Wesen der Welt nicht) trat dann zurück. In der von ihnen anvisierten Vernichtung des Jesus und seinesgleichen wurden die beiden verfeindeten Gewaltmenschen zu Freunden.
Das allerdings ist ein Vorgang, der sich zuvor schon unzählige Male ereignet hatte, der sich seit damals unzählige Male wiederholte.
Und immer ging unseren inneren Gott das gar nichts an.


5. Fastensonntag (Lesejahr C)/Joh. 8;1-11

Jesus aber ging zum Ölberg.
Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte
und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?
Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.
Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?
Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

+ + +

Beim Hören dieser Worte im Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche St. Egyd in Klagenfurt fragte ich mich unmittelbar, warum denn unser Herr beschloss, auf die Frage der Schriftgelehrten zuerst unhöflicherweise gar nicht und später äußerst ausweichend zu antworten und stattdessen ganz abwesend mit seinem Finger auf die Erde schrieb.

Ich fand bei meiner Recherche einen Beitrag in der Textsammlung eines Dominikaners zur „christlichen Spiritualität“, in dem er sich damit auseinandersetzt, was Jesus in den Sand schrieb und dabei auf eine passende Stelle beim Propheten Jeremia verweist.
Im Zusammenhang mit dieser ungewöhnlichen und befremdlichen Tat des Jesus halte ich die Frage nach dem Inhalt seines Geschreibsels für ähnlich vernachlässigbar, wie die publikusmwirksame Aufbereitung der Frage nach den möglicherweise naturwissenschaftlich begründbaren Ursachen der biblischen Plagen (erster, zweiter und dritter Teil): Es trifft nicht den Kern der Sache.

Dieses Bild: Jemand schreibt auf die Erde:
Heißt das nicht, jemand ist für sich, gleichwohl er sich auf der Straße, an einem Platz, an einem öffentlichen Ort befindet? Heißt das nicht, jemand macht einen öffentlichen Ort zu etwas Privatem, jemand entzieht sein Tun – und damit in gewisser Weise sich selbst – dem Zugriff der Welt?
Es war mein erster Gedanke, als ich diese Episode aus dem Johannesevangelium (die wahrscheinlich die meisten von uns kennen), vorgetragen von einem Priester mit entsprechend salbungsvoller Stimme, im Kirchenschiff wiederhallen hörte, die Worte des Evangelisten mit einer Anekdote über das Leben des Archimedes in Verbindung zu bringen, der da angeblich, vertieft in seine Studien, die er im Sand der Straßen von Syrakus skizzierte, den öffentlichen Ort in ähnlicher Weise wie Christus zu einem privaten machend, von den ihr Recht fordernden Mächten dieser Welt in weit unangenehmerer Weise angerührt wurde: Störe meine Kreise nicht! soll der Gute einem Soldaten zugerufen haben, als die römische Soldateska die belagerte Stadt einnahm, worauf ihn dieser, weltzugewandt und sittenstreng wie dem Klischee nach alle Römer nun einmal waren, erschlug (denn die Sitte – die Ordnung der Welt – stellt das Öffentliche über das Private, wie sie auch den Starken über den Schwachen stellt).
Die Juden – das Priestervolk schlechthin – sind Menschen des Wortes. Aus ihrer Mitte steht jener Jesus von Nazareth auf, der die Dinge dieser Welt, seien es die Fragen der Politik, die (immer anders, immer gleich) Herrschaft organisiert, oder sei es, wie hier, die rechtliche Praxis, die Profanierung des Gesetzes, dessen Erfüllung, wie andernorts gezeigt wurde, der Nihilismus des Christus ist, als ihn nicht betreffend behandelte, sie nicht zu seiner Sache machte.


4. Fastensonntag (Lesejahr C)/Lk. 15;1-3 u. 11-32

Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen.
Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
Ein Mann hatte zwei Söhne.
Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.
Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht.
Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.
Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um.
Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.
Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.
Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.
Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.
Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.
Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.
Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat.
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.
Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

+ + +

Komisch, irgendwie.

Der treu nach den Setzungen seines inneren Gottes (nichts anderes bedeutet das nach dem Willen des „Vaters“, – des Sonderers, des Überwinders der großen Mutter – Handeln) lebende Menschensohn, der Priesterling also, wird vom Leben nicht gerade begünstigt. Wie auch, würde er doch, wäre er ein geglücktes Exemplar der Gattung, ein Liebling des Lebens, niemals ein Priesterling, niemals ein Suchender nach dem Anderen, dem Nicht-Lebendigen, dem Ewigen, dem Göttlichen sein.
Folgt man diesem Gedanken, so müsste doch eigentlich der Mustersohn darben, leben wie ein Schwein. – Nicht?
Es ist nicht die Sache des Christen so wie ich ihn verstehe einen Zusammenhang von Gottergebenheit und gutem Leben zu konstruieren – im Gegenteil. Wie ist also dieses Gleichnis (abgesehen von seiner offensichtlichen und für das Glaubensleben sicher gewichtigeren Bedeutung als ein Sinnbild einerseits für die Barmherzigkeit Gottes und andererseits für die Möglichkeit der freiwilligen Umkehr auch des übelsten Verbrechers trotz seiner übelsten Prägung – also letztendlich für die Freiheit des Menschen) zu verstehen?

Vielleicht so:
Auch das Kind dieser Welt – insofern es nämlich Mensch, also dem Wesen nach ein Widerspruch von Pflanze und Gott, insofern es noch nicht nietzscheanischer Übermensch, also nur noch bloße Pflanze ist – trägt in sich den Keim der göttlichen Verneinung.
Es mag dem Leben frönen und sich selbst dabei verlieren, es mag voll Hingabe huren und in diesem Sinne lieben (eine moralische Spitzfindigkeit, ein Taschenspielertrick, unter anderem der institutionalisierten Religion, die beiden zu trennen um das eine ohne das andere rechtfertigen zu können), es mag seine Lust haben an dem Lebensprinzip, an der Macht, an instinkthafter Beherrschung und Selbstunterwerfung, an den vielen Facetten der (symbolischen) Tötung des Anderen durch die Gleichen, es mag vital, sozial, politisch, es mag, zusammengefasst, gesund sein, es kann an den Punkt kommen, an dem es all dies verwünscht, an dem es seine Zuflucht nimmt zur Sonderung, weil es muss – warum auch immer.
Hier hört das Glück auf und hier beginnt die Freiheit.

Die Priesterlinge kennen das. Sie kultivierten diese Haltung aus den verschiedensten Motiven. Sei es aus Freude daran, durch das Nein zum Herr im eigenen Haus zu werden; sei es aus der Erkenntnis heraus, dass das Treiben dieser Welt eitel ist; sei es aus dem Bedürfnis nach einer Instanz heraus, die über dem ewigen Fließen und Wabern des formlosen Alles steht und ihm möglicherweise Form und Sinn geben kann; der Priester verneint die Welt, weil er muss. Und es würde die quasi „natürlichen“ Kinder des Lichts als große Menschen ausweisen, wenn sie ihresgleichen in demjenigen erkennen würden, der von dem die Nase voll hat, das sie aus Freiheit, Neid und Heiligkeit aus einem inneren Bedürfnis heraus schon ihr Leben lang ablehnen.
Natürlich könnte man sich da schon fühlen wie der Mustersohn, der meint, durch die Finger zu sehen.


3. Fastensonntag (Lesejahr C)/Lk. 13;1-9

Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, so daß sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte.
Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, daß nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht?
Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.
Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, daß nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?
Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.
Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine.
Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?
Der Weingärtner erwiderte: Herr, laß ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen.
Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann laß ihn umhauen.

+ + +

Eine unausrottbare Durchseuchung des Göttlichen mit Lebendigem in praktisch allen religiösen Systemen ist der Glaube an das, was der evangelische Theologe Klaus Koch den Tun-Ergehen-Zusammenhang genannt hat. Also der Glaube an so eine Art unmittelbares „Karmading“, das dem Guten seine guten Taten als gutes Leben vergilt, dem Bösen (besser man sagt es nietzscheanisch: dem Schlechten) seine Niedertracht mit einem Leben in Unglück und Elend.
Unnötig zu schreiben, angesichts der Einleitung, dass ich dieses Prinzip im Bedürfnis nach Rechtfertigung von Herrschaft begründet sehe. Eine Rechtfertigung übrigens, derer die (wiederum ganz nietzscheanisch) geglückten Untertanen als der anderen Seite der Medaille des Lebensprinzips Macht Zugehörige ebenso innerlich bedürfen, wie die Herren der Welt. Sie beide sind nur als Teil des Ganzen zu denken, sind nichts aus sich selbst heraus.
Der Glaube an Lohn und Strafe für das eigene Verhalten bereits in dieser Welt ist äußerst attraktiv und unglaublich langlebig. Er tröstet und heilt; und genau hier liegt das Problem aus spezifisch jüdisch-christlicher Sicht:
Das Opium, die lähmende Droge, die die Vielen die Grausamkeiten rund um sie gelassen ertragen lässt, wirkt stabilisierend auf die Ordnung der Welt. Und zwar nicht etwa dahingehend, dass es nur die konkrete Form von Herrschaft in Gesellschaft und Staat, die immer nur ein Phänomen der Oberfläche, ein Wirbel im Strom der Geschichte sein kann, rechtfertigt (wie es traurigerweise die verschiedensten Vertreter der institutionalisierten Religion von Konfuzius bis zu den Autoren des CIC in ihren Gedankengebäuden ausgibig getan haben und damit dem Kaiser gaben, was eigentlich Gottes ist), sondern eine Ebene darunter das Weltgesetz von gleichzeitiger Beherrschung uns Selbstunterwerfung, den Willen zur Macht also, als von der Gottheit gewollt und geheiligt festlegt.
Doch der „innere Gott“ ist als Prinzip der Ausdruck der Verweigerung jenem Weltgesetz gegenüber; dahingehend, dass es den Einzelnen als frei, als gesondert und, damit zusammenhängend, als Abbild der Gottheit vorstellt.
Hier allerdings setzt auch der Glaube an den Tun-Ergehen-Zusammenhang an: Die freie Entscheidung des Menschen hätte Auswirkungen auf sein Leiden in der Welt. Es entsteht so der Eindruck, dass das Weltengesetz durch den freien Menschen beeinflussbar wäre. Das ist aus anarcho-konservativer Sicht eine doppelte Fälschung.
Erstens wird mittelbar die Identität von Gottheit und Welt behauptet; dahingehend nämlich, dass der Wille zur Macht, das Credo des Herren der Welt, ein göttliches Gesetz wäre, oder aber umgekehrt die Welt trotz ihrer Unvollkommenheit nach den Gesetzen der Gottheit funktionieren würde – beides läuft im Ergebnis auf das Selbe hinaus.
Doch: Gott ist der Aufstand der Tschandalas gegen das Leben als Prinzip. Er ist – wie sie – kein Teil des Ganzen, damit gesondert, dadurch aber frei; all-frei, um genau zu sein, wie er auch sonst ein Reintypus ist. Es kann aus Sicht der Anhänger Christi keine Identität von Gott und Welt geben.
Aus der Behauptung der Identität von Gott und Welt resultiert die oben (und in vielen anderen Beiträgen) erwähnte Umfälschung der den Einzelnen dem Anspruch nach vom Leben befreienden, jedoch auch fordernden und nur für wenige (nietzscheanisch gesprochen) Verunglückte attraktiven Botschaft Christi in eine Heilslehre für viele, die den himmlischen Frieden auf die Erde trägt, indem sie die Menschen (und nochmals: ganz egal, ob Herr oder Knecht) in blödes Schlachtvieh verwandelt, das das blutige Ende seinesgleichen auch noch als gut und gerecht, als göttlich sanktioniert erlebt.

Neben der ganz offensichtlichen Aussage des heutigen Evangeliums, dass der Mensch als unvollkommenes, sündiges Wesen (ich würde sagen: als halber Gott) nur Gnade, nicht Gerechtigkeit finden kann vor der Gottheit, wollte Jesus, glaube ich, wohl in etwa das sagen, was im obigen Absatz steht, als er die vom hehren Moralismus entstellten Gesichter der Leute sah, die ihm vom Massaker an den Galiläern berichteten und wohl auch davon sprachen, dass „jeder das bekomme, was er verdiene“, oder so.

Ein ganzes Buch in der Bibel, das Buch Ijob nämlich, beschäftigt sich mit der selben Problematik:
Am Ende erscheint der Geschlagene, der Entstellte, der Entrechtete, der außerhalb der Gesellschaftsordnung Stehende, kurz: der Schlechte als der vor Gott Gerechte. Das ist die Umkehr des Weltengesetzes. Das ist der eigentliche Ethos des Christentums.


2. Fastensonntag (Lesejahr C und Lesejahr A)/Lk. 9;28b-36 u. Mt. 17;1-9

Etwa acht Tage nach diesen Reden nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus beiseite und stieg mit ihnen auf einen Berg, um zu beten.
Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß.
Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija;
sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte.
Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen.
Als die beiden sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte.
Während er noch redete, kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie. Sie gerieten in die Wolke hinein und bekamen Angst.
Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.
Als aber die Stimme erklang, war Jesus wieder allein. Die Jünger schwiegen jedoch über das, was sie gesehen hatten, und erzählten in jenen Tagen niemand davon.


In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg.
Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.
Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus.
Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, daß wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.
Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.
Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden.
Da trat Jesus zu ihnen, faßte sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst!
Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus.
Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

+ + +

Am 2. Fastensonntag des Lesejahres B begegnete uns ein ganz ähnlicher Text (Mk. 9;2-10).
Die Episode mit der Verklärung Christi, gleichzeitig mit seiner metageschichtlichen Einordnung in das Prophetentum, in das Befreiungs- und Verneinungswerk des Verführers zu einem unsteten Leben abseits der „Fleischtöpfe Ägyptens“, des Mose also, einerseits und andererseits in das Leben eines Outlaws und Tempelstürmers, das des Elija nämlich, wird von allen drei Synoptikern überliefert (auch bei Mt. 17;1-8).
„Die Verklärung und die gleichzeitige Einordnung in ein metahistorisches System“ habe ich sinngemäß geschrieben. Damit meine ich, dass der Mensch Jesus durch die Vollendung des Habitus der jüdischen Propheten in ihm seine göttliche Qualität gewinnt; dass das Nein zur Weltenordnung, das die Neinsager aller Zeiten so notwenig haben, sie erst sensibel macht für eine von ihnen angenommene Realität abseits des alles Lebendige determinierenden Schlatzes des Lebens, für ein Reich der Ideen, des Geistes, der Seele usw; für ein Reich des Lichts sozusagen.
Wen nimmt das eigenartige Ansinnen der drei Apostel – dass sie den drei Über-Priesterlingen je eine Hütte bauen wollen meine ich – wen nimmt diese eigenartige Schnapsidee der drei Männer nicht wunder?
Im Text zum zweiten Fastensonntag des Lesejahrs B nahm ich an, dieses Bild wäre ein Symbol für den Konflikt zwischen Pflanze und Gott, zwischen etwas dem Leben auf Grund der eigenen Lebendigkeit Verfallenen und dem göttlichen Funken, deren Widerspruch das Menschsein ausmacht. Als Tribut an diese Welt möchte der Mensch – auch der Priesterling – sozusagen wissen, wo Gott wohnt.
Das ist die erste Deutung. Sie ist schlüssig in ihrer Problematisierung der Kurzschlüsse von priesterlicher Wahrheit zu taktbestimmter Wirklichkeit, wie sie uns allen in unserer grenzenlos praktischen Alltagsvernunft quasi passieren. Doch die Deutung ist insofern unschlüssig, als das Bedürfnis zu bauen – ob nun Hütten, Gesetze oder geistige Systeme – ein Bedürfnis der Kultur, nicht der Gattung ist. Man unterstellt auch in der Bautätigkeit der Formlosigkeit der Welt Beständigkeit und ihrem Treiben Kausalität.
Das zum Scheitern verurteilte Ansinnen des Petrus könnte in diesem Sinne als das Objektivierungsbedürfnis des Priesterlings verstanden werden, der eine Vision, eine Wahrheit verwirklichen will und erkennen muss, dass nicht er die Gattung, die Gattung jedoch ständig ihn bezwingen, zu Boden werfen kann. Das ist die zweite Deutung.

Was nun, wenn sich die Apostel, die allesamt, wie wir wissen, Männer waren, denen ihr Leben innerhalb der Gesellschaft nichts bedeutete und die es deswegen auch leicht hinter sich lassen konnten, so wohl, so heimisch fühlten in dieser befremdlichen, unwirklichen Atmosphäre von kaltem Licht und Visionen von längst Verstorbenen, dass sie sich an diesem Berg, in diesen Höhen häuslich niederlassen wollten?
Das Licht der Erkenntnis. Man kann nichts Lebendiges in seinem Wesen erkennen, insofern Erkenntnis, wie ich glaube, mit Distanz, mit einem außerhalb-Stehen einhergehen muss. Das Lebendige wird erfasst, indem man sich seiner Allmacht unterwirft, sich treiben lässt und zum Sklaven wird; indem man sein Selbst, seine Sonderung aufgibt und eins wird mit dem Alles.
Es ist symptomatisch für den Priesterling, für denjenigen von uns, oder für den Teil in uns, der frei sein wollen muss, dass er ein Defizit hat in Hinblick auf die Fähigkeit sich im Alles aufzulösen. Hier nimmt das Göttliche seinen Ausgang.
Die Nähe der Toten, die Nähe des Todes als Gegensatz zum Lebendigen begleitet das Licht der Erkenntnis. Wer erkennt, schaut auf Oberflächen; wer das Innere der Dinge erkennen will, wer analysiert, der kehrt und der macht das Innere zur Oberfläche, der tötet. Freiheit als Gegensatz zum Verhaftetsein in der Gattung, Erkenntnis und Tod als metaphysischer Gegensatz zu Sklaverei und Selbstauflösung dem ewigen Gesetz des Lebens gemäß gehören zusammen.
In ihrer speziellen Situation, vom Licht der Erkenntnis umflutet, in Gesellschaft der ewigen Gestalten, derer, die sich dem Gesetz des Lebens verweigern und die in diesem Sinne des Todes sind, der jüdischen Propheten als reinster Form des Typus des Priesterlings und des Christus als reinster Form des Typus des jüdischen Propheten nämlich, fühlt sich dieser seltsame Menschenschlag wohl, möchte in dieser eigenartigen Landschaft für immer heimisch werden.
Der Doktor Luther (und mit ihm die unzähligen Redakteure seiner Bibelübersetzung seit 1534) übersetzten (und interpretierten damit) einen Teil von Lk. 9;33 mit: Meister, hier ist für uns gut sein!
Das ist die dritte Deutung.


1. Fastensonntag (Lesejahr C)/Lk. 4;1-13

Erfüllt vom Heiligen Geist, verließ Jesus die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher,
und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger.
Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden.
Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot.
Da führte ihn der Teufel (auf einen Berg) hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde.
Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen, und ich gebe sie, wem ich will.
Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.
Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.
Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab;
denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten;
und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
Da antwortete ihm Jesus: Die Schrift sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.
Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab.

+ + +

Es war Dostojewski, der in einem Abschnitt seines Spätwerkes „Die Brüder Karamasow“ einen Vertreter der ewigen Ordnung der Welt, die sich leider zu oft auch „christlich“ maskiert (jener erwähnte Vertreter ist im Brotberuf Großinquisitor), über das heutige Evangelium sinieren ließ. Dieser Text sei vorab unbedingt zur Lektüre empfohlen.

Nach seiner Taufe, die als seine entschlossene Hinwendung zur Gottheit in ihm gedeutet weden kann, zieht es Jesus in die Einsamkeit. Denn nur in der Sonderung, in der bewussten Abkehr vom Aufgehobensein in Landschaft und Sippe, in der Verweigerung den alles durchdringenden Mächten des Lebens und ihren Ordnungen gegenüber, wie beispielsweise Gesellschaft und Staat, kann sich der innere Gott im Menschen, dem die Priesterlinge und allen voran der Idealtypus des Priesterlings, Jesus, so sehr bedürfen, entfalten – denn er ist schwach, er ist im Alltag verhaftet im Alles der Gattung, das auch über die einzelnen Vertreter der Gattung Mensch gebietet.

Die Wüste ist Sinnbild dieser Einsamkeit.
Und überall, wo ein Kind des Lichts ist, kann diese Wüste sein; denn sie ist in ihm, sie zeichnet ihn aus, ist seine Stärke.
Drei Mal im obigen Text, in dreierlei Weise bedroht nun die Welt dieses Refugium der Tschandalas, in denen sie frei sind, sich dem Lebensprinzip, dem Spiel von Ober sticht Unter, dem Willen zur Macht zu verweigern; sie, die sie die wahren Söhne der Freiheit, die sie Nihilisten sind – es sein müssen:

Erstens treibt sie der schiere Zwang, den das Leben auf sie als lebendige Wesen ausübt, zur Unterwerfung unter die Regeln des Spiels.
Man muss essen – man muss noch einiges mehr – und dieses Müssen treibt sie zum Verrat an sich selbst. Die Fähigkeiten der Kinder des Lichts, allesamt so wenig von dieser Welt wie die Wundermacht Christi, nur weniger publikumswirksam, diese Fähigkeiten, die aus der Verweigerung dem egenüber kommen, wie das Schaffen von Kulurerzeugnissen, das Bauen von geistigen Gebäuden, die Tendenz, die Welt ohne die Welt denken zu wollen, das meint: als Modell, als Theorie usw., die Abstraktion also, auch der grimmige Humor, der ein blitzender Dolch in schwacher Hand ist, werden zur Bedürfnisbefriedigung veräußert. Und mit ihnen verkauft der Tschandala auch seine Unabhängigkeit, besser: seinen Anspruch auf sie, seine Fiktion der eigenen Unabhängigkeit, wie es der Steine in Brot verwandelnde Christus getan hätte.

Zweitens verführt sie, nicht weniger als alles andere, die Herrlichkeit der Welt.
Es ist einfach, ein integeres Kind des Lichts zu bleiben, bleibt man Zeit seines Lebens ein kleiner, unbedeutender schrulliger Kauz. Höchstens wird man als Schmuck der Großen dieser Welt missbraucht, als Pausenclown, beispielsweise als „kritischer Intellektueller“, als einer, bei dem man sagt: „Auch solche muss es geben“.

Der Staat ist des Teufels.
Der Herr der Welt ist der Schöpfer der Staaten, als einer aufs äußerste sublimierten Form des Lebens, die die ursprüngliche Vitalität des Tottrampelns und der Selbstunterwerfung erfolgreich hinter der Maske der Räson, des Allgemeinwohls, zuletzt des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl – allesamt Singsangs, für die der Priesterling, der Spannungsmensch anfällig ist – immer auch in der einen oder anderen Form hinter einer behaupteten „Bändigung des Lebens“ verbirgt.
Was nun, du Kind Gottes, wenn du plötzlich nicht mehr der Underdog oder das Träumerlein bist, wenn sich dir die Gelegenheit bietet, deine Vorstellungen allgemein verbindlich durchzusetzen? Wirst du widerstehen können?
Lässt du dich darauf ein, verlässt du die Wüste um die Welt zu verändern, so lieferst du dich der Herrschaft eben dieser Welt aus.
No politics! In Christus und in den Seinen muss Wüste sein, sonst hören sie auf etwas zu bedeuten.

Drittens tritt der Versucher an sie heran durch die Provokation dessen, was ich in meinen Skizzen das Erzwingen-wollen genannt habe. Eng verbunden mit dem zweiten Punkt, mit der Verirrung des Priesterlings in die Sphäre des Staates, der Politik, beispielsweise durch eine Utopie, auch durch jene Verirrung vorausgesetzt, will der Tschandala sein Gedankengebäude in die Tat umsetzen, will ganz konkrete Ergebnisse erzielen – qua seiner oben erwähnten Fähigkeiten, die zu seinem inneren Gott gehören. Damit aber wendet er sich vom Gott der Juden und Christen ab, der all-frei ist, wie seine Jünger all-frei sein wollen. Ihn zwingen zu wollen ist Rückkehr zu den Göttern der großen, herrlichen Völker der Welt. Diese Götter sollten die Größe und Herrlichkeit der Welt rechtfertigen. Sie ließen sich beschwören, zwingen; waren damit Teil des Systems, nicht außerhalb der Welt, keine Wüste.

Dies sind die drei Versuche des Herren der Welt den Christus, der für alle Priesterlinge aller Zeiten steht, in seinen Schoß zurück zu führen.
In den Evangelien, der frohen Botschaft, scheitern sie.


5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C/Lk. 5;1-11

Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören.
Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus.
Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!
Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.
Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, daß ihre Netze zu reißen drohten.
Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, so daß sie fast untergingen.
Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder.
Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten;
ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.
Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

+ + +

Einmal mehr geht es im heutigen Evangelium um Distanz.
Sie ist notwendig für das Wirken Christi; ohne sie geht er, wie wir vorige Woche gesehen haben, im Gleichheitsterror der Gleichen unter.

Ein Boot, ein Stück sicheres Land – man kann darauf stehen, damit arbeiten, man kann es und man kann die eigenen Bewegungen auf ihm mehr oder weniger willkürlich lenken – wird zur Plattform göttlichen Wirkens inmitten des flüssigen, vor Leben (in diesem Fall versinnbildlicht in den vielen Fischen) wimmelnden Wassers, welches jede Form umfließt und überdeckt. Die Wogen des Urschlatzes, für den die Menge neben dem Wasser als zweites Sinnbild steht, bedrohen ständig das kleine, isolierte, vielleicht auch bloß fiktive Stück Freiheit auf dem Ozean des Lebens, dem gefluteten bottomless pit (Bob Marley, Redemption Song), dem Schoß der großen Mutter, der wir als lebendige Wesen ausgeliefert sind.

Doch nun kehrt sich das Verhältnis um:
Nicht mehr das wimmelnde Leben ist Herr über den einzelnen Menschen, der um seine Existenz kämpft, der nächtelang arbeitet und dennoch nichts erreicht, der der Gnade der Natur auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, sondern umgekehrt verheißt Christus, als Projektionsfläche für die Wünsche der Tschandalas, der Stiefkinder der Welt, die Beherrschung des Lebens durch den einzelnen Menschen, die Umkehr des Lebensgesetzes, in gewisser Weise die Rache der Schlechtweggekommenen, zustande gebracht durch die bewusste und gewollte Hinwendung hin zu ihm, damit die Freiheit des Menschen voraussetzend.
Volle Netze, reiche Beute für die vom Leben, von der Welt vergessenen, verachteten. Das ist die Umkehrung des Lebensprinzips.

Ich habe vor ungefähr einem Jahr darauf hingewiesen, dass es das Charakteristikum der ersten Jünger Christi war, ihr gesellschaftliches Eingebundensein, ihre Verankerung in Zeit und Sippe, als Gefängnis zu betrachten und sich davon lösen zu wollen.
Hier scheint es, als hätten sie nur auf eine Gelegenheit gewartet, alles stehen und liegen zu lassen und dem, was Anspruch auf sie als Teil desselben erhebt, frech den Rücken zu kehren. Dazu bedarf es des Zerbrechens der natürlichen Bindungen. Das passiert immer dann, wenn der Mensch auf den Gedanken kommt, frei sein zu wollen.


4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 4;21-30

Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.
Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs?
Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat!
Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.
Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam.
Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon.
Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.
Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut.
Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen.
Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.

+ + +

Des Volkes Stimme (– und nein, hier sollten keine Anführungszeichen stehen –) tönt recht laut in unseren Tagen. In der Stimme des Volkes schwingt immer die Androhung des Pogroms mit – das ist die vollendetste Form der Demokratie: die Auslöschung der Anderen durch die Gleichen.
Dem Volk sein Recht! und, weils zum obigen Text passt, Unser Geld für unsere Leut'!

Wie schäbig muss ein Mitglied eines Sozialverbandes sein, das sich, nachdem es einmal zu etwas gekommen ist, den Teufel um dieses Kollektiv schert? Wie emotional, empört müssen da die Menschen reagieren? Wie sehr müssen sie sich als eins fühlen, als Teil der Vielen? Und wie festigt schon allein das Gefühl ein Teil eines Ganzen zu sein die Überzeugung, die gemeinsame Steinigung eines Anderen, das Tottrampeln des Fremden durch die Menge, oder, wie hier, das dynamische Aus-der-Mitte-entfernen qua Beförderung in einen Abrund, wäre nicht nur legitim, sondern geradezu eine sittliche Pflicht?

Der Mensch ist ein soziales Tier. Diesen Satz liest man hier im Predigtdienst nicht zum ersten Mal.
Doch: so lange er nur sozial ist, nur sich als Teil eines Kollektives versteht, ist er eben nicht mehr als ein Tier. Das, was den Menschen zum Menschen macht, zum spannungsgeladenen Wesen, das ein Widerspruch ist zwischen Verhaftetsein in der Gattung und Freiheit, zwischen Pflanze und Gott, ist seine Vereinzelungsfähigkeit.
Außerdem: Was göttlich ist am Menschen, ist der Welt ein Gräuel.

Es ist ein grundlegener, in den Evangelien oftmals erwähnter Charakterzug des Jesus von Nazareth, dass er radikal mit seiner Zugehörigkeit zu Sippe und Landschaft bricht und sich selbst zu seiner Sache wird; Ich Hab' Mein' Sach' auf Nichts gestellt. (Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum; Vorwort), so drückte es Max Stirner vor gut 150 Jahren aus – und weiter: Mir geht nichts über Mich!
Ja! Das stößt diejenigen ab, die sich von Christus Ersatz für das ihnen vom Leben verweigerte Gefühl des Aufeghobenseins in der Gattung erhoffen. Erst recht stoßen sich diejenigen an diesem Eckstein, die Christi Botschaft zur Rechtfertigung der Ordnung der Welt missbrauchen.
Doch nein: „Euer Spiel, eure Sitte, eure Ordnung geht mich nichts an! Eher gehöre ich den Fremden, den Feinden, als ich euch gehöre!“; als eine solche Aussage könnte man das Tun Christi verstehen.

Ein der-Welt-den-Rücken-kehren ist göttlich. In seiner Radikalität, in seiner Unverfälschtheit, in seiner Vollständigkeit kann es nur dem Gott, dem Christus gelingen. Wie sehr wir Tschandalas uns auch von Sippe und Landschaft lösen möchten, wie sehr es uns dazu auf Grund unseres in uns liegenden Status als Andere, als Herdenfremde, als Schlechte, Unsittliche in den Augen der Welt dazu drängt – wir bleiben in der Hauptsache Teil der Gattung.
Unsere Freiheit ist höchstens halb.


3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Lk. 1;1-4 u. 4;14-21

Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat.
Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren.
Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben.
So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.
Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend.
Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.
So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen,
reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt:
Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
Dann schloß er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.
Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

+ + +

Nach der Leseordnung für den katholischen Gottesdienst werden diese zwei Passagen, die im Lukasevangelium immerhin durch die Berichte über die Weihnachtsgeschichte, den Stammbaum Jesu, seine Taufe durch Johannes den Täufer und seine anschließende Versuchung in der Wüste getrennt sind, am heutigen Sonntag im Evangelium so vorgetragen, als würde die eine unmittelbar auf die andere folgen. Das geschicht wohl mit einigem Recht:

Die ersten vier Verse im Lukasevangelium weisen den ganzen Text als einen an einen einzelnen, bestimmten Menschen gerichteten Langbrief aus, der ihm zur theologischen Unterweisung dienen sollte. Vor allem sollte durch ihn die Frage schlüssig beantwortet werden, was denn Christus nun bedeute.
In Hinblick auf diese Fragestellung erscheinen die folgenden Zeilen im heutigen Evangelium als knappe Zusammenfassung des Lebens und Wirkens Christi, so wie es für die Christen Bedeutung gewann.

Es geht, wenn man so will, um die Vollendung des alttestamentarischen Erbes in Christus:
Die Umkehrung aller bestehenden Verhältnisse, der fromme Wunsch der Lebensuntüchtigen oder der heiligen Männer, herbeigesehnt und verheißen von den Propheten, unter anderem von Jesaja, hat sich in Christus verwirklicht. Sie hat sich verwirklicht in vielerlei Hinsicht. Am eindringlichsten ist wohl die Unerhörtheit vom Gott am Kreuz; ein Bild, das selbst schon wieder eine Art Essenz dessen ist, was der jüdisch-christliche Gott bedeutet.
In diesen Zeilen ist die Botschaft Christi, das gesamte Evangelium, auf den Punkt gebracht. Bei der Zusammenstellung der Leseordnungen sollte dies vermutlich zum Ausdruck kommen – vielleicht nicht gerade in dieser Akzentuierung...


2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)/Joh. 2;1-11

Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei.
Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.
Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!
Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder faßte ungefähr hundert Liter.
Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand.
Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm.
Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wußte nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wußten es. Da ließ er den Bräutigam rufen
und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.
So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.

+ + +

Kann es sein, dass uns der Evangelist in der Geschichte von der Verwandlung von Wasser in Wein durch Jesus auf einer feucht-fröhlichen Hochzeit in einem Städtchen in Galiläa zwischen den Zeilen mitteilen will, dass hier Jesus gegen seine ursprüngliche Intention tätig wurde?
Eine sinnesfreudige Angelegenheit muss das gewesen sein, so eine Bauernhochzeit in der Provinz; laut, derb, rauschhaft.

Der Wein hat, wie in vielen anderen Kulten auch, im Ritual der katholischen Kirche einen ganz besonderen Stellenwert. Das ist, neben den Episoden im Neuen Testament mit denen die rituelle Verwendung begründet wird, wohl auch dem sinnesfreudigen heidnischen Erbe zuzuschreiben, das das institutionalisierte Christentum im Zusammenhang mit seiner quasi-staatlichen Etablierung in der Spätantike und seinem daraus resultierenden Bedürfnis, die Meisten auf einer emotionalen Ebene zu erreichen, sie zu berauschen um sie zu disziplinieren, angetreten hat.

Angenommen nun, meine Vermutung aus dem ersten Satz würde stimmen:
Camille Paglia deutete in ihrem Hauptwerk „Masken der Sexualität“ die Verehrung der Mutter Gottes als einen verchristlichten, verharmlosten und entschärften heidnischen Fruchtbarkeits- und Mutterkult. Die ursprünglichen Kulte um die große Mutter beinhalteten immer auch das Element der Rauschhaftigkeit und der Auslöschung der Integrität des Individuums (vgl. Kult der Kybele), waren, nietzscheanisch gesprochen, dem Reich des Dionysos zugeordnet. Auch im Marianismus der Systemkatholiken geht es in erster Linie um kindliche Hingabe an eine Mutterfigur. Dem gegenüber steht die jüdisch-christliche Vorstellung von der Potenz zur Vereinzelung als göttlichen Funken im Menschen und umgekehrt vom jüdisch-christlichen Gott als Vergöttlichung der Göttlichkeit im Menschen. Christus ist als Inkarnation dieses Gottes, um wieder nietzscheanisch zu werden, in vielen Bereichen eine Art Über-Apoll.

Es ist im heutigen Evangelium bezeichnenderweise die von großen Teilen der ganz, ganz Katholischen, meines Erachtens auf Grund ihres3 quasi-paganen Erbes, so verehrte Mutter Jesu, die, gegen die ursprüngliche Intention Christi, durchsetzt, dass die Gottheit dem sinnlich-Rauschhaften, hier konkretisiert in der trunkenen Feier zu Ehren der Geschlechtlichkeit, die eine Hochzeitsfeier wohl letztendlich vor allem ist, ihre Gnade erweist und es auf diesem Wege auf eine sakrale Ebene hebt.

Wenn wir die berauschende Wirkung des Weines betrachten, der der göttlichen Tat des Christus entspringt, so berühren wir die Frage nach der Tröstung durch das Christentum.
Die Tröstung der Vielen, die schon Dostojewski als die eigentliche Leistug des institutionalisierten Christentums erschien, ist das Andere im Christentum, das neben dem ihm grundlegenden Nein zur Welt steht. Diese zwei stehen natürlich im Widerspruch zueinander. Doch:
Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. (1. Kor. 12;4-6)
Die Freiheit und der Trost: Sie sind beide aus Christus. Auch wenn man ihn seit zweitausend Jahren nötigen muss, das Zweitere zu spenden. Der Über-Apoll mag nicht dem Dionysos dienen.

ad 3: Im Nachhinein betrachtet ist diese missverständliche grammatikalische Konstruktion (ihre Missverständlichkeit fiel mir erst einen Tag später auf) insofern stimmig, als sie sowohl auf das pagane Erbe in Ritual und Institutionen der Massenheilsanstalten, als auch auf jenes im Marienkult hinweist.


Taufe des Herrn (Lesejahr C)/Lk. 3;15-16 u. 21-22

Das Volk war voll Erwartung, und alle überlegten im stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei.
Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen. Und während er betete, öffnete sich der Himmel,
und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.

+ + +

Ich habe vor genau einem Jahr einige, wie ich finde, ganz gute Sätze zum Verhältnis des Johannes des Täufers zu Jesus geschrieben. Inhaltlich laufen sie darauf hinaus, dass es keinen substanziellen Unterschied zwischen dem Denken und Handeln des alttestamentarischen Propheten Johannes und dem des beinahe „vom Dasein befreiten Wachseins“, des Christus, des Gottessohnes gibt, sondern nur einen graduellen. Im Sinne der Radikalisierung des Judentums durch Christus kann man diesen Unterschied als eine unterschiedliche Intensität des Feuers auffassen, über das der Täufer redet.

Zum Feuer also:

Erstens: Das stärkere Feuer, dessen Synonym der „Heilige Geist“ ist, mit dem der Christus die Seinen anrühren wird, ließ die frühen Christen, diese Anarchisten aus Instinkt, in Zeiten der Verfolgung am Glauben an Jesus, der einer der ihren, der am meisten ihresgleichen war, festhalten. Es spendet Energie. In diesem Sinne ist es aber auch Licht für die „Kinder des Lichts“.
Es ist die leuchtend rote Flamme der Liebe und furchtlosen Treue der Märtyrer zur Botschaft Christi und damit zu ihrer Selbstheit gegen die Herrschaft, die eine Funktion des Lebens, des Pflanzenhaften ist. Es ist dem gegenüber aber auch Sicherheit und Wärme für die Meisten, für die, die ein Opium suchen und es in der institutionalisierten Religion finden. In diesem doppelten Sinne ist es ein Energiespender.
Es ist eine kalte, blaue Flamme, die die frühen Jünger Christi abgeklärt macht gegen die Gewalt, aber auch die Verlockungen der Welt, sie auf Distanz hält und sie sagen macht: „Das ist nicht meine Sache“; in diesem Sinne ist es Licht.
Auf diese zweifache Weise wirkt das Feuer Christi auf die Seinen, die Wenigen und die Meisten, die beide auf ihre Weise der Botschaft Christi bedürfen.

Zweitens: Die Auferstehung Christi nach seinem Tod am Kreuz, an die die Christen glauben, bedeutet – ich schreibe es bei jeder Gelegenheit – die Nihilierung der Macht des Lebens, dessen Funktion unter anderem die Herrschaft ist. Die Selbstverständlichkeit des „Ober sticht Unter“, die Zwangsläufigkeit des unrühmlichen Endes desjenigen, der sich der Ordnung verweigert, das begleitet wird vom Grölen des sich ereifernden Demos (denn: wenn es eine zoologisch determinierte Solidarität des Menschen gibt, dann muss sie der Gattung dienlich, lebensbejahend sein, also der Herrschaft gelten; deswegen brachten die Utopisten, die das Gegenteil behaupteten, aus Sicht der Einzelnen, Vereinzelten, so viel Unheil über die Menschheit – ihnen ins Stammbuch: Glück oder Freiheit, doch das ist eine andere Geschichte) ist plötzlich in Frage gestellt.
Das ist die verzehrende Gewalt des Feuers. Es wirkt auf die Welt und die ihren.

Beide Formen des Feuers, das mit Christus in die Welt kommt, befreien. Konkret befreien sie die Wenigen, die Lebensuntüchtigen, die Tschandalas, die an der Welt leiden und die Christus notwendig haben.
Wie bereits oben erwähnt halte ich das Feuer Christi und den Geist Gottes für ident.


Fest der Heilgen Familie (Lesejahr B/Lk. 2;22-40 u. Lesejahr C/Lk. 2;41-52)

Dann kam für sie der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen,
gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein.
Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.
In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm.
Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe.
Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war,
nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:
Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, / wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben das Heil gesehen, / das du vor allen Völkern bereitet hast,
ein Licht, das die Heiden erleuchtet, / und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden.
Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.
Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.
Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt;
nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.
In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.
Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.
Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit und seine Gnade ruhte auf ihm.

+ + +

Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem.
Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach.
Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne daß seine Eltern es merkten.
Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten.
Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.
Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.
Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.
Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen, und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.
Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?
Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte.
Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.
Jesus aber wuchs heran, und seine Weisheit nahm zu, und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.

+ + +

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Das Fest, zu dessen Anlass diese beiden Passagen aus dem Lukasevangelium im Gottesdienst feierlich verlesen werden, ist das Fest der Heiligen Familie.
Wenn man die beiden Texte betrachtet, fällt zu aller erst einmal auf, dass Jesus so etwas wie ein Störfaktor im kleinen Familienglück seiner Leute war. Das ist wichtig. Denn darin liegt auch schon ein Zug seines späteren Wirkens. Im Leben und Wirken des Jesus von Nazareth dreht sich eben nicht alles um eine ruhige Existenz, eingebettet in eine „Heilige Kleinfamilie“, sondern um einen Einzelnen, Vereinzelten, der sich von seinen Bindungen an Heimatstadt und Sippe radikal emanzipiert.
Doch sehen wir uns die Texte nun im einzelnen an:

Die zwei Alten, Treuen, Simeon und Hanna, die zwei Vorzeigeexemplare jüdischer Weltabgewandtheit, spüren nicht nur, dass dieses Kind einer der ihren, ein Weltfeind, ein Jude ist, sondern sie erkennen auch, dass er eine neue Qualität dieser grundsätzlichen Haltung gegen die Welt und ihre Herrlichkeit bedeutet.
Ein Kernsatz für das gesamte Wirken Christi: Er ist ein Zeichen, dem dort radikal widersprochen wird, wo die Welt und ihre Ordnung herrschen. Er selbst ist ein Widerspruch gegen diese Welt. – Wider den Staat, wider die Priesteraristokratie; er ist das große Nein.
Doch ist er nicht nur Gegner einer bestimmten Partei, sei sie politisch, wie die der Römer oder der Zeloten, sei sie religiös wie die der Pharisäer oder der Sadduzäer, sondern ein Feind der Herrschaft per se – vermittle sie sich nun qua Organisationsmodellen von Gesellschaft (sei sie also politisch) oder suche sie die Religion für ihre Zwecke in Dienst zu stellen.
Zu Fall werden die Feinde Jesu ironischerweise durch seine Kreuzigung gebracht, der, als Nihilierung der Gesetze der Welt, seine Auferstehung folgt. Ein Zeichen, ein Symbol für etwas wird Christus vor allem dadurch. Denn die Tschandalas und Priesterlinge, die Lebensuntüchtigen, die seine Botschaft notwendig haben, werden ihre Situation auf seinen Sieg in der Niederlage projizieren. Sie sind diejenigen, die durch ihn aufgerichtet werden. Diese Projektion wird Christentum heißen; genauer: das wahre Christentum.

Dass die nähere Verwandtschaft Jesu nur Beiwerk ist, dass sie als Gesamtheit, als Kollektiv nur Bedeutung durch den Einzelnen, eben durch Jesus hat, nicht etwa umgekehrt, wie es im Allgemeinen das Wesen der Gattung ist, wie es im Besonderen dem gesellschaftlichen Brauch in der Zeit und Weltgegend entsprach, in denen Jesus lebte und wirkte (wie es auch für den Evangelisten Lukas, der uns diese Episode überlieferte, selbstverständlich gewesen sein muss, als er uns am Beginn seines Berichtes über den Stammbaum Jesu unterrichtete und besonderen Wert auf die Herkunft Jesu aus dem Hause David legte), ist Teil der radikalen Umwertung der Werte durch das Wirken Jesu.
Schon hier zeichnet sich die spätere Geringschätzung, ja Verleugnung seiner Familie ab, die bis heute so viele Betweiber beiderlei Geschlechts bei ihrer Suche nach als Opium Verwertbarem in der Botschaft Christi tief irritiert.
Es geht um Selbstheit, um Sonderung. Damit geht es um die Gottheit. Der junge Jesus ist eben nicht primär Teil seiner Sippe vermittels derer er im weitesten Sinne auch Teil der Gattung ist – denn der Mensch ist ein soziales Wesen. Er ist frei in einem negativen Sinne – frei von...
Denn was ist das, was dem Vater gehört?
Der Vater ist einmal der persönliche jüdisch-christliche Gott, als dessen Sohn wir Christen den Jesus von Nazareth erkennen, dann ist es der innere Gott Jesu, also das, was ihn, wie alle Menschen, vom Ungesonderten abtrennt, vom Tier unterscheidet, ihn zum Menschen macht; diese beiden sind ident.
Das Reich des Vaters ist diese Sonderung. Nur dort wollte Jesus sein.

Was bedeutet es nun, wenn dagegen die institutionalisierte Religion (und – lassen wir doch die demokratischen, spätzivilisatorischen Vorurteile – mit ihr die Meisten) das Bild von der Heiligen Familie mit einem unschuldigen, harmlosen, goldgelockten Kind in ihrer Mitte hochhält?


4. Adventsonntag (Lesejahr C)/Lk. 1;39-45

Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.
Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.
Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt
und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.
Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.
Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

+ + +

Es unterstellt der Evangelist (allerdings ein Paar Zeilen weiter oben; Lk. 1;36) nicht ohne Grund eine Verwandtschaftsbezieheung zwischen den beiden Wundermüttern, die zwei innerlich so verwandten Söhnen das Leben schenken werden. Wie die Elisabeth gegenüber der Maria die weitaus ältere ist, so wird auch ihr Sohn Johannes der Täufer noch der alttestamentarischen Tradition angehören. Wie Johannes auf den Neuerer Christus in seinem späteren Wirken hinweisen wird, so weist er schon im Ungesonderten, Unbewussten, im Reich der Mutter auf dieses Neue, das seinerseits noch im Ungesonderten gefangen ist, hin.
Ein schöner Gedanke des Lukas: Ich meine die Idee des Hineindrängens des späteren Wirkens der beiden Männer, das sich, bei Johannes, verstärkt bei Jesus, gegen das Ungesonderte richten wird, in gerade dieses Ungesonderte; so als könnte der Geist über den Körper, das Männliche über das Weibliche, die Freiheit über die Sklaverei, der Einzelne über sein Verhaftetsein in der Gattung triumphieren. – Ein frommer Wunsch.

In diesem Zusammenhang ist vielleicht noch etwas anderes interessant:
Ich nannte die beiden Frauen „Wundermütter“. In der Tat spotten die jeweiligen Umstände der Mutterschaft der beiden jede auf ihre Weise den Gesetzmäßigkeiten der Natur.
In der plötzlichen Zeugungsfähigkeit des greisen Priesters (Zacharias), des Neinsagers von Beruf, dessen Naturabgewandheit sich im Alter in der Regel auch physisch manifestiert, der also letztendlich erst im Greisentum (und seiner Unfruchtbarkeit) in seinem Element ist, und in der Schwangerschaft der Greisin Elisabeth auf der einen Seite, in der „unbefleckten Empfängnis“ der Maria auf der anderen Seite, manifestiert sich die von den Anarchisten aus Instinkt, den Christen, erhoffte Aushebelung der Determinismen des Lebens, zeigt sich das Wunder.
Das anorganisch-Sterile ist das Heilige.

Die Elisabeth trifft es schon ganz gut, wenn sie herausstellt, dass die Maria sich entgegen vieler Widerstände erst die Bewusstwerdung ihrer Bestimmung, also dessen, was sie notwendig hatte, erkämpfen musste; das dies außerdem auch nicht selbstverständlich war.


3. Adventsonntag (Lesejahr C)/Lk. 3;10-18

Da fragten ihn die Leute: Was sollen wir also tun?
Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.
Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister, was sollen wir tun?
Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.
Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Mißhandelt niemand, erpreßt niemand, begnügt euch mit eurem Sold!
Das Volk war voll Erwartung, und alle überlegten im stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei.
Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.
Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk in seiner Predigt.

+ + +

In einem Sozialethiker seinen Messias zu erkennen, dazu gehört ein hohes Maß an Gewöhnlichkeit; auch ein platter Utopismus.
Natürlich bedeutet die Figur des Johannes des Täufers etwas ganz anderes. Doch bei dieser Textstelle, so scheint es, betont der Evangelist im Zusammenhang mit dem Einfluss, den der Täufer, Lukas' Bericht nach, auf die Vielen, auf „das Volk“ ausübt, die Morallehre des Johannes besonders.

Er lehrt eine minimalistische Ethik, die sich letztendlich, wie die des Christus, auf die Goldene Regel als ihren eigentlichen Kern zurückführen lässt. Für sich ist diese Goldene Regel fast nicht der Rede wert, ist in ihrer bekanntesten deutschen Übersetzung ein Merksätzchen für Grundschüler.
Sie ist von uns einzuordnen in das Gottes- und Menschenbild des Judentums und des Christentums. Sie ist diesem auch unterzuordnen, damit wir nicht der spätzivilisatorischen Versuchung des Sozialfetischismus, des wichtigesten Wegbereiters des Totalitarismus erliegen.
Die Goldene Regel dreht sich um den freien, vereinzelten Menschen – ganz entgegen menschlicher Erfahrungen in der Welt, auch allen Gesetzen menschlicher Lebendigkeit zuwider – denn der Mensch ist ein soziales Wesen. Dieser freie, vereinzelte Mensch setzt, indem er sein Selbst als etwas vom Rest abgelöstes und als autonom erlebt, indem er des Weiteren das Selbst seines Gegenübers als dem seinen ähnlich annimmt, indem er also im Du ein anderes abgelöstes und autonomes Ich erlebt, aus sich selbst heraus die Regeln für sein Verhalten gegenüber den anderen Einzelnen und für das Verhalten der anderen Einzelnen gegenüber ihm. Das Soziale oder gar das Politische wird dabei nicht berührt.

Durch die von den Juden und Christen angenommene Vereinzelungsfähigkeit des Menschen, durch seine Ichlichkeit, hat er Anteil an der Gottheit. Denn Gott ist absolute Freiheit, ist das vom Dasein befreite Wachsein. Die minimalistsiche Ethik Christi (und die seiner alttestamentarischen Vorgänger, deren letzter der Täufer war) gewinnt nur Bedeutung in Hinblick auf die Gottähnlichkeit des Menschen.


2. Adventsonntag (Lesejahr C)/Lk. 3;1-6

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene;
Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias.
Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.
(So erfüllte sich,) was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!
Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.
Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.

+ + +

Zur Person Johannes des Täufers, des letzten alttestamentarischen Propheten, habe ich, unter anderem am 2. Adventsonntag (B), also ziemlich genau vor einem Jahr, einiges geschrieben.

Wie schon im damaligen Evangelium (Mk. 1;2), so steht auch diesen Sonntag, neben der Figur des Johannes des Täufers, die messianische Verheißung des Propheten Jesaja im Mittelpunkt.
Der Ebner der Straßen, der Wegbereiter Christi, wird vom Evangelisten mit Johannes identifiziert. Johannes wiederum steht für den Kern des Judentums, dessen Radikalisierung die Botschaft Christi ist.
Eine vollkommen andere Qualität bekommt das sowohl bei Markus, als auch bei Lukas zu findende Zitat des Proheten Jesaja über die für die Kinder Gottes, deren reinster Typus Jesus ist, geebneten Straßen, hört man die erste Lesung dieses Sonntags aus dem Buch Baruch:

Angesichts der Verlorenheit der Kinder Gottes in der Welt (in der konkreten historischen Situation ist das Volk Israel mutmaßlich im erzwungenen Exil in Babylon, das, wie Rom, ein Synonym für die Herrlichkeit der Welt ist) verheißt der Autor den Selbstgefälligen, den Unverbesserlichen, den Standhaften, den Wenigen, denen, die nicht von ihrem inneren Gott lassen können, den Sieg über die Welt und ihre ewigen Gesetze. Die anmaßende Verheißung für die ob ihrer selbstgewählten Isolation verachteten, für die, die das große Spiel nicht mitspielen wollen und können, lautet: Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir [gemeint ist Zion, das wiederum für einen Zustand der Dominanz Gottes über die Welt am Ende der Zeiten steht], ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte. Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, so dass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann. (Bar. 5;6-7)

Der Autor dieser Sätze nahm in seiner Prophetie vorweg, was für die Christen durch ihren Glauben an Tod und Auferstehung Christi verwirklicht wurde: Die Überwindung der Determinismen, denen der Mensch unterworfen ist, deren auch Jesus unterworfen war. Denn wir alle sind „viel Pflanze und nur wenig Gott“; das meint: wir alle sind ausgeliefert an das Leben.
Wie die Berge und Täler in ihrer schieren Größe, die sie dem bescheidenen Einfluss des Menschen entzieht, etwas schlechterdings Gegebenes sind, so ist auch der staatliche Apparat, denen sich Jesus gegenübersieht und der seine Existenz beenden, mehr noch, der ihn durch die Demütigung der Kreuzigung verdammen, der ihn vollkommen nihilieren will, eine Tatsache.
Wie der Eindruck, dass Berge und Täler zugunsten eines Grüppchens von Barbaren aus der äußersten Peripherie der Welt aufhören zu sein, so zerschlägt auch die Vorstellung vom Gott am Kreuz, in weiterer Folge von der Auferstehung und Verherrlichung eines, gemessen an den Maßstäben der Welt, unbedeutenden Aufrührers, den Glauben an die Unbedingtheit der ewigen Gesetze der Geschichte und des Lebens.
Advent ist für die Wenigen die Zelebration der Hoffnung auf die Verwirklichung der Infragestellung jeder natürlichen, instinktmäßigen Ordnung; ist die Vorbereitung auf die Ankunft Gottes; ist Hoffnung auf Freiheit.


1. Adventsonntag (Lesejahr C)/Lk. 21;25-28 u. 34-36

Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres.
Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen.
Wenn (all) das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.
Nehmt euch in acht, daß Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und daß jener Tag euch nicht plötzlich überrascht,
(so) wie (man in) eine Falle (gerät); denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.
Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.

+ + +

Im Advent bereiten sich die Christen auf das Kommen Christi vor.
Wie die Geburt Jesu, des inneren Gottes in Reinform, nichts Versöhnliches mit der Welt, kein Idyll bedeutete, so steht auch bei seiner von seinen Jüngern erhofften Wiederkunft der Sieg über die Welt, der bereits durch sein Leiden und seine Auferstehung begonnen wurde und den er, als Stellvertreter aller Tschandalas, aller Priesterlinge, aller Anarchisten aus Instinkt, am Ende der Zeiten vollenden wird, im Vordergrund. Denn seine Gottheit ist deren Hader mit der Welt, letztendlich deren Lebensuntüchtigkeit in höherer, geläuterter Form.
Das Gesetz des Lebens wird gebrochen werden. Das steht, oft ausgesprochen, noch öfter unausgesprochen, als Leitgedanke über der Weltsicht der frühen Christen und derer, die ihr Erbe fortsetzten.

Ich habe vor zwei Wochen behauptet, dass sich, bedingt durch die Degeneration des Christentums zu einer Religion der Meisten und der Herausbildung mehrerer Massenheilsanstalten, die für sich in Anspruch nehmen, die Botschaft Christi zu verwalten, schon sehr bald in der Kirchengeschichte sozusagen die offizielle Sicht auf die Wiederkunft Christi und damit einhergehend auf die Nihilierung der Macht der Welt grundlegend veränderte. Aus Hoffnung wurde Angst – und zwar im selben Ausmaß, in dem sich die Massenheilsanstalten an die Gesetzmäßigkeiten der Welt anpassten, Herrschaft durch die Botschaft Christi rechtfertigen wollten, sich dem Staat andienten, usw.

Ich glaube es war Adolf Holl der in einem seiner Bücher, ich denke es war „Falls ich Papst werden sollte“ (Auszüge), sinngemäß geschrieben hat, dass der Kern christlichen Denkens die Frist ist, dass ein christliches Denken ohne dem Bewusstsein der Endlichkeit der Welt, auch der eigenen Endlichkeit, insofern man Teil der Gattung, der Welt ist, sinnentleert bleibt.
Man könnte dieses Postulat Holls auch nietzscheanisch deuten, dahingehend nämlich, dass Christentum immer Ausdruck der Hoffnung der Schlechtweggekommenen, der Anarchisten aus Instinkt auf den Untergang der Herrlichkeit der Welt ist; dass Christentum die höchste Form des Nihilismus ist.

Die Herren der Welt sind nichts aus sich selbst.
Dem entsprechend, quasi aus der Negation heraus, gehörte es immer zum Ethos der wahren Christen und ihresgleichen, die Idee der eigenen Freiheit zu kultivieren. Hierzu zählt beispielsweise die Vorstellung von der Schuldfähigkeit des Menschen, die aus seinem freien Willen und seiner Entscheidungsfreheit resultiert.
Zur Freiheit gehört die Wachheit; auch das Gesondertsein von der Welt, das für den wahren Christen ohnehin zu den Grunderfahrungen seiner Existenz zählt. Der Rausch mit seiner Auflösung der Sonderung, der Begrenztheit der Objekte, verhindert auch die Wachheit. Deswegen entsprechen sich die Wachheit und das Gesondertsein. Deswegen ist Abgetrenntsein und Freiheit eins. Darum ergeht in so vielen Passagen des Evangeliums die Forderung Christi an die seinen: Wacht!


Christkönigssonntag (Lesejahr B)/Joh. 18;33b-37

Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?
Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?
Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?
Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.
Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.

+ + +

Nein, Pilatus und die Seinen sind keine Juden.

Diesen Sonntag begeht die katholische Kirche das Fest Christkönig. Abgesehen davon, dass es, als auf den letzten Sonntag vor dem ersten Advent fallend, das Ende des Kirchenjahres markiert, ihm also auch in rein chronologischer Hinsicht etwas Zuspitzendes eignet, ist es ein Fest der Macht Christi; des Sieges Christi über die Welt am Ende der Zeiten (man vergleiche hierzu das Kommentar zum Christkönigsevangelium (A) von vor einem Jahr), an den die wahren Christen als die Anarchisten aus Instinkt glauben wollen müssen, so sie nicht bereit sind, sich selbst in der einen oder anderen Form zu nihilieren.

Es ist hier schon viel über die gegensätzlichen Gestalten Pilatus und Christus geschrieben worden; auch darüber, inwieweit ihr jeweiliges Verhalten für die zwei unterschiedlichen Arten der Weltbetrachtung, einerseits die der Kinder dieser Welt, andererseits die der Kinder des Lichts, symbolisch steht. Diese zwei Gestalten sind die Personifizierung der gegensätzlichen Pole des Menschseins – die „Pflanze“, der „Gott“.
Denn, um es noch einmal kurz zu wiederholen, Pilatus ist, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner vielen weltlichen Würden, nur eine Funktion der weltlichen Macht. Hinter Pilatus steht der Kaiser; hinter der Macht des Kaisers steht etwas Höheres, Unpersönliches – Vielleicht „der Staat“, vielleicht „das Schicksal“, der „gute Stern“. Ganz egal was es ist: Die Herrlichkeit des Pilatus, wie die des Kaisers, ist nicht begründet in ihrer Person.

Wie vollkommen anders ist nun das Verhalten Christi angesichts seiner Infragestellung durch die Welt und ihre Ordnung!
Ein König, trotz Fesseln und Schmähung, trotz vollkommener Ohnmacht.
Denn Jesu Königtum kommt aus der Stärke seines inneren Gottes, dessen reinste Verkörperung Christus ist.
Der Gott der Juden und Christen ist, um es ein weiteres Mal zu schreiben, die Vergöttlichung der Göttlichkeit im Menschen. Der Mensch, insofern er sich von den Zwängen dieser Welt befreien will, ist das Abbild Gottes.
Die Freiheit der Kinder Gottes ist der rote Faden, der sich durch das Alte Testament als der Geschichte des Volkes Gottes innerhalb einer feindlichen Welt zieht. Die Episoden über die Verführung zur präkeren Freiheit durch Mose, über den Kampf und das Sterben der Propheten und über die Hoffnung auf Erlösung von den Zwängen des Lebens finden ihre Fortsetzung und ihre Vollendung in den Evangelien.
Christentum ist radikalisiertes Judentum.

Es war ein Ausweis der Größe der Figur des Pilatus, ein Ausdruck seiner Feinfühligkeit hinsichtlich dessen, was er und seine Macht, was, dem gegenüber, Christus bedeutete, als er, gegen Widerstände, eine Aufschrift am Kreuz anbringen ließ, die die Schuld des Gekreuzigten vor der Welt angab: Der König der Juden.


33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 13;24-32

Aber in jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen;
die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen.
Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.
Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, daß der Sommer nahe ist.
Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, daß das Ende vor der Tür steht.
Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.
Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.

+ + +

Die Veränderung in der Beurteilung des Endes der Welt, der Auflösung aller Ordnung, aller Gesetzmäßigkeit der Welt, ist ein Gradmesser für das, was ich als Pervertierung der Botschaft Christi bezeichnet habe.
Die frühen Christen, in ihrer unmittelbaren zeitlichen Nähe zum Wirken Jesu, in ihrer direkten Anschauung dessen, was dieses Wirken bedeutet, aber auch in ihrer ständigen Opposition zu Staat und Gesellschaft, von denen sie als Fremdkörper, als etwas, das anders riecht als das eigene Nest, gehasst wurden, sehnten dieses Ende, diese Außerkraftsetzung der ewigen Ordnung der Welt, des Oben und Unten herbei.
Das Moment der unmittelbaren Bewusstheit der Nähe Christi und seiner Botschaft setzte sich über die Jahrhunderte in den vielen Ketzerbewegungen aller christlichen Länder fort.

Dem gegenüber steht das institutionalisierte Christentum, sein Akzent auf die Vielen, auf Lebensbewältigung, auf die Rechtfertigung des Lebens und seiner Ordnung; damit Verbunden sein Akzent auf den Ritus, seine Nähe zur Macht. Es steht für Glück, nicht für Freiheit. Es steht für jene Macht, die durch die Wiederkunft Christi, durch seinen endgültigen Sieg über die Welt, der sich schon in seiner Auferstehung vorgezeichnet hat, endgültig vernichtet wird.

Durch den Kalender der ollen Maya und seine apokalyptische Deutung bedingt, sickert uns in diesen Wochen, begleitet von einer spezifisch westlich-spätzivilisatorischen, man könnte auch sagen spätkapitalistischen, massenkulturellen Verwertung, eine, wenn auch nicht ganz ernst gemeinte, Weltuntergangsstimmung ins Bewusstsein.
Wie bei der Umweltproblematik, wie bei der Überbevökerung, wie bei der Angst vor dem nuklearen Holocaust, wie bei den Ängsten, die die beiden symbolischen Jahre 1000 und 2000 nach Christus begleiteten, geht es hier um Angst. Angst vor dem Ende der Welt.

Die Beteiligung der Kirchen in den letzten Jahrhunderten an der Kultivierung dieser Angst zeigt ihre grundsätzliche Abkehr von der eigentlichen Botschaft Christi:
Dass die Herrlichkeit der Welt, also etwas, das den wahren Christen, den Anarchisten aus Instinkt, in seiner Existenz bedroht, aufhört zu sein, war für eben diese niemals ein Grund zur Furcht, war vielmehr Hoffung.


32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 12;38-44

Er lehrte sie und sagte: Nehmt euch in acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt,
und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben.
Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber um so härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.
Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel.
Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein.
Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern.
Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluß hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.

+ + +

Das Problem der institutionalisierten Religion und des Widerspruchs, der durch sie in das Christentum kam, war hier schon oft Thema.
Er lässt sich vielleicht schlüssig in einem Satz ausdrücken:
Wer nach Zeichen weltlicher Macht, nach langen Gewändern, Ehrenplätzen usw. strebt, hat Christus insofern verlassen, verraten, als er sich selbst dem ewigen Gesetz der Welt, des Lebens, dem Ober und Unter, nachgeordnet fühlt und sich ihm freiwillig unterwirft. Denn das Abbild Gottes soll, wie Gott, frei sein.

Was nun die Armut der frommen Witwe betrifft:
Natürlich können wir dieses Gleichnis bildlich nehmen, können von der stillen, demütigen Wohltätigkeit schwärmen, die so viele Betweiber (beiden Geschlechts) auszeichnet; hier ist Größe. Man kann sie nicht ermessen, sie versteckt sich in der Kleinheit, beinahe hätte ich Niedrigkeit geschrieben – nun, das steht mir nicht zu.
Wir sind keine Theologen, für uns ist dieser Text ein Katalysator für unsere Gedanken. Fassen wir dieses Gleichnis also ruhig etwas metaphorischer auf; bemühen wir von mir aus auch ein wenig weit hergeholten Vergleiche:
Fassen wir ins Auge, dass die Kinder dieser Welt in der Regel weder das Bedürfnis noch die Fähigkeit dazu haben, Anarchisten aus Instinkt, Christen zu sein (weil ihnen, ich kann diesen Gedanken gar nicht oft genug wiederholen, die Lebensuntüchtigkeit fehlt, um Kinder des Lichts zu werden). Anerkennen wir, dass sie trotzdem, als Menschen, das Potenzial zu Kindern Gottes, zu am Leben Erkrankten und deswegen zum Bedürfnis nach und zur Fähigkeit zur Emanzipation von den Zwängen des Lebens haben.

Und wieder drehe ich, der gute Nietzsche würde mich dafür verdammen, die Wertigkeit des Lebens um; mache ich aus an sich Starken, Gesunden, Barbaren, die halt hin und wieder eine schwache Stunde haben, Arme im Geiste, die doch von Zeit zu Zeit Gott erahnen.
Christ!


30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 10;46-52

Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
Sobald er hörte, daß es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!
Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!
Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.
Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.
Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.
Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

+ + +

Das wiederhergestellte Augenlicht des Mannes aus der Umgebung von Jericho kann man auch als Symbol für seine wiederhergestellte Erkenntnisfähigkeit deuten.

Man kann, wie gesagt.
Wie bei den meisten Episoden, die so augenscheinlich von den Wohltaten Christi an der Menge berichten und in denen sich, bemüht man nicht eher unorthodoxe, ungewöhnliche, vielleicht sogar schwer nachvollziehbare Deutungen, wie ich es tue, das Bild eines liebenswerten, in seiner „Heiligkeit“ jedoch auch zutiefst harmlosen, in seiner Güte nicht ganz ernst zu nehmenden freundlichen Gurus aufdrängt, fällt es mir auch beim heutigen Evangelium schwer, es im Sinn meines Anspruches (der da ist: es als Katalysator für die Entwicklung meiner Gedanken, die ich zuerst in meinen Skizzen dargelegt habe, zu benutzen) gerecht zu werden.
Gleichzeitig ist mir natürlich vollkommen bewusst, dass es gerade diese, augenscheinlich vor ekelhafter kleiner Gemütlichkeit, vor betäubender Nestwärme nur so strotzenden Stellen im Evangelium sind, die sich bei den Betweibern beiden Geschlechts (besonders üble Exemplare finden sich, meiner persönlichen Erfahrung nach, im marianisch vergifteten, erzkonservativen Teil des katholischen Klerus) der größten Beliebtheit erfreuen.
Ich habe schon oft darauf hingewiesen, dass, wiederum meinem persönlichen Eindruck nach, institutionalisiertes Christentum dazu tendiert, die Botschaft Christi zum Opium, zum Schmerz- und Rauschmittel zu machen, das in erster Linie sozialdisziplinierende Wirkung hat und darum dem anarchischen Kern der christlichen Botschaft entgegensteht.

Bleiben wir also, um damit sicher zu stellen, dass ich meinem Anspruch auch dieses Mal gerecht werden kann, bei den ungewöhnlichen, unorthodoxen Deutungen:
Versuchen wir das Bild des liebenswerten Gurus (der, nebenbei gesagt, natürlich genau so wenig von dieser Welt ist, wie mein Christus), des langhaarigen Mannes im weiten Leinengewand, in uns nicht übermächtig werden zu lassen – denn eine der schärfsten Waffen der Welt und ihrer Kinder ist es, Aufrührer zu Gutmenschen umzufälschen, sie dadurch zu neutralisieren und darüber hinaus vor den eigenen Karren zu spannen.
Im Text zum Evangelium des Heiligen Abends (also vor knapp einem Jahr) gelang mir der, meines Erachtens nach, gute Satz, dass heute nicht die Unschuld in der Krippe liege, sondern die Freiheit. Wenn wir (in meinem Sinn) von Christus reden, sollten wir uns den verschütteten, doch immer wieder an die Oberfläche drängenden anarchischen Inhalt des Christentums vergegenwärtigen.

Sehen wir nun im Weiteren nicht nur Christus durch die Brille der Freiheit, aus der Perspektive des Anarchisten, sondern auch die Menschen, die seiner Botschaft bedürfen, die ihm deswegen aus freinen Stücken nachfolgen, beispielsweise indem wir betonen, dass sie sich aller gesellschaftlichen Verpflichtungen ledig wähnten mit dem Augenblick, da sie der Botschaft Christi glauben schenkten (wie in den Evangelien immer wieder berichtet) und sie sich dadurch von den Ideologien der Welt, die, immer anders, immer gleich, im Laufe der Geschichte in ihren verschiedensten Ausformungen doch immer nur Herrschaft rechtfertigten, emanzipierten und sich darüer hinaus fähig glaubten, abseits dieser Ideologien eine von ihnen vorgestellte Wahrheit zu erkennen, so können wir den Bogen zum ersten Satz dieses Textes spannen.

Der Blinde entledigt sich seines schweren Mantels, macht sich frei von... Nun, von was?
Er läuft auf Christus zu. Er lässt die Menge hinter sich. Er kann wieder sehen.
Wie ihm doch die Menge zuerst dafür gram ist, dass er sich frei machen will. Wie sehr ihn die selbe Menge dazu ermuntert, auf Christus zuzutreten, nachdem ihr Guru, ihr Führer ihn gerufen hat.
Hier ist er wieder, der Gegensatz zwischen dem Einzelnen, der Christus notwendig hat und den Meisten, die ein Opium notwendig haben; der Gegensatz zwischen dem, der weiß, dass er blind ist und doch aus Instinkt sehen wollen muss und denjenigen Blinden, die sich sehend wähnen, weil sie so viele sind und sich ihre Sehfähigkeit selbst ständig bestätigen; die Widersprüchlichkeit von Freiheitsbedürfnis und dem Bedürfnis nach Glück.

Wie gesagt ist das eine ungewöhnliche Deutung.


29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 10;35-45

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, daß du uns eine Bitte erfüllst.
Er antwortete: Was soll ich für euch tun?
Sie sagten zu ihm: Laß in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.
Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?
Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde.
Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind.
Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.
Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, daß die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen.
Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,
und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.
Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

+ + +

Wir werden im Evangelium des heutigen Sonntags mit einem ganz grundsätzlichen, gleichzeitig aber zu allen Zeiten weitest verbreiteten Irrtum in Bezug auf den Charakter der Macht Christi und damit auch der Macht des Gottes der Juden und Christen konfrontiert:
Christi Reich ist, wie man hier schon so oft lesen konnte, nicht von dieser Welt. Seine Macht, die, nach christlicher Auffassung, eine göttliche ist, rührt vielmehr daher, dass er sich den Zwängen des Lebens erfolgreich verweigern und letztendlich über sie siegen kann.

Dem naheliegenden Schluss vertrauend, dass Macht immer weltliche, also politische, soziale, sexuelle, dem Leben zugewandte Macht meint, erwarten sich Jakobus und Johannes Wohlleben von einer Position der Nähe zur Gottheit.
Doch, wie ebenfalls schon oft ausgeführt, ist die den Gegensatzpaaren Welt und Gott und Takt und Spannung enstprechende Alternative für die Lebenspraxis des einzelnen Menschen Glück (und Aufgehobensein, letztendlich Auslöschung des Selbst im dionysischen Alles) oder Freiheit (und ständige Opposition zur Gattung um ihn und in ihm).
Die besondere Nähe zur Gottheit bedeutet, seinen inneren Gott erflogreich vor den ständigen Anfechtungen seiner inneren Pflanze schützen zu wollen, schützen zu müssen. Damit geht aber auch einher, sich die Welt zum Feind zu Machen und sich ihrer geballten Macht, die es immerhin vermochte einen Gott ans Kreuz zu schlagen, auszuliefern.

Die Beiden wussten also wirklich nicht, was sie sich da wünschten. Doch nachdem sie durch die Erfahrung von Tod und Auferstehung Christi gegangen waren, entwickelte sich ihr Wunsch nach Emanzipation von den Zwängen des Lebens, der sie ja auch schon dazu bewegte, sich Christus anzuschließen, weiter. Folgerichtig entwicklete sich beim einen dieses Notwendig-haben zum Sieg über das Einschüchterungsinstrumentarium des Staates im Martyrium, beim anderen, der kirchlichen Überlieferung nach, zum Verfassen eines literarischen Werkes, das den endgültigen Sieg der Wenigen, die der Integrität ihres inneren Gottes in solchem Maße bedürfen, dass sie allen Drohungen und Verlockungen der Welt widerstehen, über die Trias des Lebens, über das Tier (Verhaftetsein des Menschen im Kreatürlichen), die Hure (Geschlechtlichkeit als kraftvollster Ausdruck der Zwänge des Lebens) und den siebenköpfigen Drachen (Symbol für Gesellschaft und Staat im Allgemeinen, für das römische Reich im Besonderen), zum Thema hat. Jakobus wurde Märtyrer, Johannes verfasste seine „Offenbarung“, die, inmitten der schwersten Verfolgung durch die Staatsmacht, die Vernichtung aller den inneren Gott in Frage stellenden Kräfte prophezeite.


28. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 10;17-30

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.
Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!
Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.
Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!
Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.
Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!
Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen!
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden?
Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.
Da sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.
Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat,
wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.

+ + +

Was für ein guter Mensch!
Er lebt nach den Geboten. Er tut seine Pflicht.

Abgesehen davon, dass es wahrscheinlich den Wenigsten bisher gelungen ist, dem ethischen Anspruch in allen Situationen auch die tatsächliche Handlung folgen zu lassen, ist der gute Mensch aus dem heutigen Evangelium wohl vergleichbar den vielen aufrechten Christen aller Jahrhunderte, denen die Einhaltung der Vorschriften, die ihre Religion ihnen setzte, oder zumindest der Versuch sie einzuhalten, eine heilige Pflicht war.

Die Welt der Vorschriften von religiösem Rang ist ein sicherer Hafen – und obwohl wir alle uns abmühen sollen, abmühen müssen, um den von uns selbst als richtig erkannten oder als notwendig akzeptierten ethischen Ansprüchen zu entsprechen, die in der Regel wie Leuchtfeuer die Richtung unseres Lebensweges grob umreißen, ist gerade deshalb die Vorstellung von ihnen als der eigentliche Kern der Botschaft Christi ein typisches Kennzeichen für das, was ich schon so oft (unter anderem hier) das Christentum der Meisten genannt habe; die Degeneration der christlichen Botschaft der Auflehnung gegen die Zwänge des Lebens zu einer Rechtfertigungsideologie des Bestehenden.

Porro unum est necessarium.
Alle Regelchen und Gebötchen, so wertvoll sie im Einzelnen auch sein mögen, verblassen in ihrer Bedeutung vor einer einzigen Frage:
Habe ich Christus notwendig?
Der Kern ist: Ich muss nicht nur bereit sein, um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker [zu] verlassen, sondern das Bedürfnis es zu tun muss der eigentliche Antrieb meiner Hinwendung zu Christus sein.
Um meinetwillen, das heißt: meinem inneren Gott zuliebe; das heißt: weil meine Stellung zu meiner inneren Pflanze, mein Verhältnis zum Leben problematisch ist.

Könnte die Gestalt des Reichen ein Sinnbild für den vom Glück begünstigten, runden, freundlichen, harmlosen, für den guten Menschen sein, ein Symbol für das Wohlgerathene, Stolze, Übermüthige, [für] die Schönheit vor Allem (Nietzsche. Antichrist; § 51"), das zusehr Kind dieser Welt ist, um Christus notwendig zu haben?
Anders ausgedrückt: Hat denn jemand, der schon erlöst ist, die Erlösung nötig?

Wir erfahren im Verlauf des Textes, dass sich der gute Mensch betrübt von Christus abwendet. Was hat er sich nur erwartet?


27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 10;2-16

Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen.
Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben?
Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen.
Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.
Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen.
Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen,
und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.
Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.
Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber.
Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entläßt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch.
Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entläßt und einen anderen heiratet.
Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab.
Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Laßt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.
Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.
Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.

+ + +

Ein Fleisch sollen sie sein.
Jesus beschreibt hier die Gesetzmäßigkeiten des Lebens. Der einzelne Mensch löscht sich in dem Maße aus, in dem er sich den ihm durch das Leben auferlegten Zwängen unterwirft.
Es gibt keine stärkere Äußerung des Lebens als die Sexualität. Das ist anzuerkennen. Doch die Kultur versuchte seit jeher die Macht der Gattung durch die Institution der Ehe abzuschwächen. Nicht mehr ein Fleisch sind die zwei nun, sondern zwei Individuen, die sich, frei nach der schärfsten mir bekannten Formulierung betreff diese Institution, die aus einem hohen Zeitalter des Individuums stammt, vertraglich zwecks gegenseitigem Gebrauch der Geschlechtsorgane aneinander binden. In diesem Lichte ist auch das von den Pharisäern und von Jesus erwähnte jüdische Gebot zu sehen. Es galt, die Macht des Lebens über den Menschen zu beschneiden. Das bedeutet oft genug, seine Triebe zu kanalisieren.

Denn die Monogamie ist, wie wir wohl alle aus unserem nähernen Gesichtskreis, vielleicht auch aus unserer persönlichen Erfahrung heraus wissen, eine Forderung der Kultur, keine Realität des Lebens bei unserer Gattung.
Und hier wird die Zwiespältigkeit des Satzes vom einen Fleisch erkennbar:
Einerseits meint er, wie oben erwähnt, die Macht des Lebens und die Auslöschung des Individuums durch die Gattung. Angesichts der Intensität des Sexualtriebes erscheint auch die Forderung der Kultur (wie im obigen Halbzitat aus Kants Metaphysik der Sitten) nach Kanalisierung dieses Triebes als eine Donquichotterie und tendenziell als lächerlich. Wenn Herzlosigkeit Abwendung vom Leben und, damit einhergehend, Ausbau persönlicher Freiheit durch verstandesmäßige Erschließung des Triebes bedeutet, so waren die alten Juden, die sich vor der Allmacht der Gattung retten wollten, durchaus herzlos.
Andererseits scheint uns hier, wie im gesamten Wirken Christi, dass das alte jüdische Gesetz keineswegs aufgehoben, sondern eher noch verstärkt wird – durch das unbedingte Scheidungsverbot nämlich. Ein Fleisch wird hier zum Bekenntnis zur Monogamie – was nichts anderes als ein Bekenntnis zur Kultur, zur Auflehnung gegen das Leben, letztendlich zur Widernatur ist.
Es ist nicht möglich, diesen Widerspruch aufzulösen.

Im Anschluss an Köpfe wie Rousseau, dem Großvater des Totalitarismus, glaubt die nachbürgerliche Moderne an die Identität von Freiheit des Einzelnen und Freiheit der Gattung. Sexuelle Befreiung, ein Widerspruch in sich, ist ein weiterer Ausdruck (und nicht der unbedeutendste) der Vernichtung der Integrität des Individuums durch die reine Gattung und die sublimierte gattung (Gesellschaft, Staat) im 20. Jahrhundert.

Die Rede von den Kindern und ihrer Unschuld, die eben vor allem in ihrer durch keine Bewusstheit getrübten lebensnahen Grausamkeit besteht, gehört dem selben Widerspruch an.


26. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 9;38-43, 45 u. 47-48

Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt.
Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden.
Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.
Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.
Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.
Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer.
Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden.
Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden,
wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.

+ + +

Wer unrund, problematisch genug ist, sich von der Welt ab und deiner Botschaft – in welch' verfälschter oder verwässerter Form auch immer – zuzuwenden, der kann nicht dein Feind sein, Christus.

Und wie viele haben dich im Laufe der Jahrhunderte schon für sich reklamiert!
Und wie oft wurden sie von denjenigen, die in deinem Namen mit der Welt paktierten, zu Irrlehrern gestempelt und verfolgt!

Irrlehrer?
Es ist ja gerade umgekehrt: Gerade an den äußersten Rändern dessen, was Christentum genannt wird, bei den Häretikern und Sektierern, sieht man klar und unverfälscht auf deine Botschaft. Während die Massenheilsanstalten oft genug zu Gunsten der großen Zahl und der Ordnung der Welt den Kern deiner Botschaft in beinahe undurchdringliches Heidentum packten, indem sie Weihrauchgerüche und Riten um den Logos gruppierten, um dich damit auch für diejenigen interessant zu machen, die deine Botschaft gar nicht notwendig haben. Sie versinnlichten, verkörperlichten deine Botschaft der Freiheit des Einzelnen von den Determinismen des Lebens – sie drehten sie damit um, pervertierten sie.
Sie machten dich, so sie Staat und soziale Ordnung mit und in deinem Namen zu rechtfertigen suchten, zu einem Knecht der Hure Babylon.

Die Gattung in uns zwingt uns. Er vergewaltigt unsere Freiheit, die Gottheit in uns.
Unter der Herrschaft des Lebens, im Normal- und Urzustand also, sind wir nicht Souverän über Hand und Auge. Sie sind, wie wir selbst zum größten Teil, dem Diktat der großen Mutter, der Tyrannei des Lebens unterworfen.
Und du rufst: Befreit euch! Werdet Herren über euch selbst! Brecht die Macht des Lebens über euch! Wenn ihr euch Hand und Auge schon nicht unterwerfen könnt, unterwerft doch euch niemals ihnen!

Das haben all' diejenigen, die im Laufe der Jahrhunderte zu dir gehört haben, auch so empfunden.
In deinem Namen, der Freiheit ist, also auch in deinem Sinne, haben sie gewirkt. Und sie haben für ihr Wirken für die Freiheit bezahlt – teuer.
Doch das alles ist besser als...
Was genau treibt die Christen an?


25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 9;30-37

Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, daß jemand davon erfuhr;
denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.
Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen.
Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?
Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei.
Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.
Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:
Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.

+ + +

Das Spiel der Macht gleicht einer zweiseitigen Medaille:
Eine Seite ist die freiwillige Unterwerfung unter das Starke. Die andere Seite ist das bedingungslose sich-Untertan-machen des augenscheinlich Schwachen.
Als elementarer Ausdruck des Lebens ist dieses Spiel Teil der Lebensrealität von uns allen.

Das Evangelium des heutigen Sonntags zerfällt thematisch in zwei Teile. Sie entsprechen den erwähnten zwei Seiten des Spieles der Macht:
Zuerst versteht man nicht, was Jesus sagen will. Der Selbstunterwerfungstrieb in den Jüngern verhindert jedoch, dieses Unverständnis zu artikulieren. Das Wort des Anführers kann niemals zur Disposition stehen.

Im zweiten Teil des Textes erfahren wir vom Rangstreit der Jünger. Dieser ist ein Ausdruck der anderen Seite des Spieles der Macht:
Aus der Macht, die durch den Anführer wirkt, erwächst die Hierarchie. Der größte der Jünger ist derjenige, über den sich die Macht, die durch den Anführer wirkt, auf die subalternen Jünger vermittelt. Er ist – ganz wichtig – ebenso wie der Anführer selbst, nichts aus sich selbst heraus, sondern immer nur Funktion der Macht und damit des Lebens.
Anders, von christlicher Warte aus ausgedrückt:
Unterwerfung unter die Determinismen des Lebens und Verrat an sich selbst sind die beständigen Voraussetzungen der Ausübung von Macht über Andere.

Diese Mechanismen will Christus überwinden. Er kämpft einen Kampf gegen Windmühlen – einen Kampf gegen das Leben selbst.
Die Machtabstinenz, die Christus in dieser Episode seinen Jüngern nach den oben beschriebenen Begebenheiten anrät, ist eine Form der Askese – Sie ist praktischer Nihilismus, der die Zwänge des Lebens partiell zu umgehen in der Lage ist. Mehr ist nicht möglich.

Der Aufruf Christi zur Machtabstinenz verhallte im Laufe der Jahrhunderte meist ungehört – und die masochistische Freude an der Selbstunterwerfung unter die Obrigkeit hatte bestimmt nicht weniger Anteil an diesem Scheitern, als das Verlangen, innerhalb der Hierarchie etwas zu gelten.


24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 8;27-35

Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen?
Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten.
Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias!
Doch er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen.
Dann begann er, sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen.
Und er redete ganz offen darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe.
Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.
Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.

+ + +

Ist Christus den alttestamentarischen Propheten vergleichbar?

In gewisser Hinsicht ist er das natürlich. Wie schon oft erwähnt, hat er seine Vorläufer in den Propheten, deren Botschaft er radikalisiert. Die Gesetze und religiösen Vorschriften des jüdischen Volkes, deren Bedeutung ich vor ein paar Wochen in meinem Sinn interpretiert habe, hebt er durch seine Botschaft keineswegs auf. Er radikalisiert sie im Gegenteil durch ihr Ablösen aus dem bloß Äußerlichen. Er vollendet sie, wie Paulus schreibt. Der Christus, der Messias, wie Simon Petrus sagt, führt in seiner Botschaft die jüdische Überlieferung und die alttestamentarischen Propheten auf ihren Kern zurück und verstärkt diesen.
Diese Radikalisierung ist das grundsätzlich Neue an seiner Botschaft.
Das mit ihm etwas Neues beginnt ist eine Erkenntnis, die vorerst wohl nur wenigen im Umfeld Jesu gekommen ist.

Christus radikalisiert die alttestamentarischen Propheten auch in Hinblick auf ihr Leiden an der und durch die Welt.
Er wird den Mächtigen der Welt ausgeliefert werden, wird durch sie zu Tode kommen – kein Beweis göttlicher Macht, kein Wunder, wird dies verhindern, denn sein Reich ist nicht von dieser Welt. Seine vollständige Abkehr von der Welt wird sich auch dahingehend äußern, dass er nichts auf die Anklagen seiner Feinde erwidern wird.
Dieser Verzeicht stellt, wie hier schon oft bemerkt wurde, den Gipfel seiner Verweigerung, seines Nihilismus dar. – Die Herrlichkeit der Welt ist seine Sache nicht.
Es ist dieses sich-selbst-bis-zum-Ende-treu-bleiben, das der Simon Petrus noch lange nicht als zentralen Inhalt der christlichen Botschaft erkennen wird. Im Zweifelsfall, meint er, soll sich Christus der Welt unterordnen, um sein Leben zu retten. Eine, quasi, sich selbst verleugnende Treue zu sich selbst bleibt den Meisten, für die Petrus als das nach der Überlieferung erste Oberhaupt des institutionalisierten Christentums, der Kirche als Massenheilsanstalt, symbolisch steht, unverstädnlich. Bei Petrus selbst sollte sich dies erst unmittelbar vor dem Kreuzestod Jesu ändern.

Jede Faser unserer „inneren Pflanze“ wehrt sich gegen die Ablösung des Menschen von der ihn determinierenden Natur. Wenn er schon nicht, nach Art der edelsten Pflanze mit menschlichem Antlitz, des besten „Kindes dieser Welt“, des nietzscheanischen Übermenschen nämlich, sein Schicksal freudig bejahen will – christlich gesprochen: wenn er sich nicht sklavisch der Welt unterwerfen will – so soll er sich wenisgtens „nach der Decke strecken“, wie es der bauernschlaue Volksmund ausdrückt.

Weiche von mir!
Du „innere Pflanze“, du Wille zum Dasein“, du „Wille zur Macht“, du Triebfeder allen irdischen Handelns, du Prinzip des Lebens, Vade retro!
Das ist die Radikalität Christi, der den Einzelnen als Abbild Gottes von seinem Verhaftetsein in der Gattung befreien will.
Die „innere Pflanze“, als das Dominierende im menschlichen Sein, steht der christlichen Treue zu sich selbst im Weg. Sie zu bekämpfen meint Christus hier mit „Selbstverleugnung“.
Weiche von mir! Du willst, was die „innere Pflanze“ in uns allen will. Weiche von mir Alltagsvernunft! Weiche von mir, du gesellschaftliche Ordnung! Weiche von mir, Staat! Weiche von mir, Satan, du Herr der Welt!


23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 7;31-37

Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.
Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.
Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich!
Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden.
Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.
Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, daß die Tauben hören und die Stummen sprechen.

+ + +

Der, der weder hören, noch sich artikulieren kann, geht in der Menge auf und muss erst von ihr gesondert werden, um als Einzelner in Erscheinung treten zu können.

Sich nicht frei äußern zu können oder zu wollen, also als Einzelner stumm zu bleiben, ist in diesem Gleichnis gleichbedeutend mit der Unfähigkeit die Botschaft Christi zu hören und zu verstehen. Gefangen in der Menge und ihren Vorstellungen muss der Taubstumme erst dazu gebracht werden einen Sinn für die eigene Berufung zum freien Sprechen zu entwickeln. Das bedeutet zugleich auch auf Christi Botschaft zu hören.
Effata! meint auch: Mach dich frei! Frei von der Welt und ihren Zwängen und frei für die Wahrheit, die abseits der Tatsachen und der Ideologien, die sie zu verteidigen suchen, liegt.
Nicht umsonst fand das Effata!, das Jesus spricht, Eingang in das Ritual, das die Taufe begleitet. In der Taufe, in der seit jeher der Christ im Wasser untertaucht und wieder auftaucht, stirbt er für die Welt und wird durch Christus wiedergeboren, wie es Paulus sinngemäß schreibt.

Jesus seufzt, ehe er dieses Effata! ausspricht.
Es ist nicht einfach, das Leben eines Anarchisten aus Instinkt, eines Christen zu führen. Es bedeutet für den, der berufen ist, sich seiner Lebensuntüchtigkeit bewusst zu werden. Einerseits heißt dies zu wissen, dass man nach den Spielregeln dieser Welt nur Sklave sein kann und dass man, so man sich zu befreien sucht, diese Welt immer gegen sich haben wird; dass man ein Kämpfer gegen die ewige Ordnung sein muss um Selbst zu bleiben. Andererseits bedeutet es, dass man sich über das eigene Ausgeliefertsein an die Welt keine Illusionen macht; also einsieht, dass man die Welt nicht ändern kann. Wer dies dennoch versucht, unterwirft sich ihr und verliert seine Freiheit.
Das ist kein Weg für jeden – und der, der jetzt versteht und davon sprechen kann war als Unverständiger und Stummer in der Menge vielleicht glücklicher. Doch erlaube ich mir die Frage: wäre für so einen Spannungsmenschen das Glück im Aufgehobensein in der Welt nicht eine Lüge? Und, um es nochmals zu sagen, pflanzenhaftes Glück ist nicht alles und der Mensch ist mehr als eine bloße Funktion des Lebens – in diesem Sinne ist er mehr als seine „Natur“.


22. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 7;1-8 u. 14-15 u. 21-23

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf.
Sie sahen, daß einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt.
Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage:
Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,
Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.
All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.

+ + +

Das ‚zur Erde Gehörige‘, [...] das Dionysische ist kein Frühstück im Freien; es geht vielmehr um die chthonischen Realitäten, denen Apollon [der Widerpart des Dionysos] ausweicht: das blinde Mahlen der unterirdischen Gewalten, den endlosen, langsamen Sog, Schlamm und Morast. Es ist die unmenschliche Grausamkeit der Biologie und Geologie, die Darwinsche Verschwendung und Blutrünstigkeit, der Schmutz und die Fäulnis [...]. (Camille Paglia: Die Masken der Sexualität. S 17)
Der Judaismus, der Glaube, dem das Christentum entsprang, ist die machtvollste aller Protestbewegungen gegen die Natur. (Camille Paglia: Die Masken der Sexualität. S 20)

Indem die Juden, kraft ihrer, durch göttliche Offenbarung auf Grund ihrer Auserwähltheit auf sie gekommenen Gesetze, weite Bereiche der gattungsmäßigen Realitäten menschlichen Lebens dämonisierten, stärkten sie den „göttlichen Funken“ im Menschen, seine Freiheit, seine Autonomie.
Denn die göttliche „halbe Freiheit“ des Menschen wird ständig bedroht durch eben diese, die Biographie des Einzelnen zum überwiegenden Teil determinierenden, Realitäten des Lebens.
Mit ihrer sakralen Ablehnung vieler grundlegender, gerade auch geschlechtlicher, Körperfunktionen versuchten sich die Juden von den allgegenwärtigen Zwängen des Lebens so weit als möglich zu emanzipieren.

Durch die Betonung der Wichtigkeit der richtigen Ausführung von Handlungen, um „Unreinheit“ zu vermeiden, schwächte sich allerdings das Verständnis für den Ursprung der die Göttlichkeit im Menschen bedrohenden „Unreinheit“ in der Natur des Menschen, meint: im durch die Gattung determinierten Teil des Menschen, seiner „inneren Pflanze“, ab.

Wie in anderen Bereichen auch radikalisiert Christus durch sein Auftreten im Evangelium des heutigen Sonntags das Judentum:
Alle niederen Impulse des allgemeinen Lebensprinzips, des „Willens zur Macht“, wie Habgier, Bosheit, Hinterlist, die den einzelnen Menschen allerdings durch ihren Leidenschaftscharakter, der Auslieferung verlangt, unfrei machen, zum Sklaven des Lebens machen, und in der Unvernunft gipfeln, kommen aus dem einzelnen Menschen selbst, kommen aus seinem Verhaftetsein in der Gattung.

Wie schon so oft macht sich Jesus mit seiner rücksichtslosen Kritik an den Eliten der institutionalisierten Religion und ihren überkommenen Wertvorstellungen viele Feinde.
Doch er ist weit davon entfernt, mit den eigentlichen Grundlagen der jüdischen Religion zu brechen. Im Gegenteil: er radikalisiert in Richtung Verneinung des Lebens, in Richtung Nihilismus. Oder, wie Paulus sagt: er hebt nicht auf, er vollendet.


21. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;60-69

Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?
Jesus erkannte, daß seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß?
Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?
Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.
Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wußte nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.
Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.
Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.
Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

+ + +

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen; trennen sich die „guten“ und „anständigen“ Menschen von den wahren Christen, den Anarchisten aus Instinkt.

Denn für die Vielen, die aus verschiedensten Gründen zu Jüngern Christi wurden, ohne seiner wirklich in Ganzheit zu bedürfen, sind die drastischen Bilder vom Fleisch und Blut Christi als eine Speise und ein Trank, die Jesus unmittelbar davor (im Evangelium des vorigen Sonntags) in seiner Rede heraufbeschwört, eine Unanständigkeit, ein Tabubruch.
Nicht genug damit, dass Jesus immer wieder im Laufe seines dreijährigen Auftretens durchblicken ließ, dass er sich vollkommen darüber im Klaren war, dass ihn die Mächtigen dieser Welt töten werden. Nicht genug damit, dass er immer wieder durchblicken ließ, dass er nicht vor hat, in den Augenblicken seines größten Ausgeliefertseins sich vor ihnen zu rechtfertigen oder auch nur ihre Macht anzuerkennen, um sein Leben zu retten. Nicht genug damit, dass er, bar jeder kleinen Alltagsvernunft, alles daran setzt, sein physisches Sein durch ihre Hand beendet zu wissen, um sie und wofür sie stehen damit zu besiegen.
Dieser Prediger spricht auch noch davon, sein Fleisch und sein Blut für seine Jünger zu opfern und versucht damit seine Hinrichtung als Verbrecher und die Auslöschung seines Körpers in die Sphäre des Religiösen zu rücken. Darüber hinaus, und das ist den Meisten wohl endgültig zu viel, will er seinen geschundenen Leib und sein vergossenes Blut als Speise für seine Jünger verstanden wissen.
Es ist dies die letzte Konsequenz eines nihilistischen Impuleses gegen die Körperlichkeit als soches (und damit gegen die Grundlage aller weltlichen Macht und aller gattungsmäßigen Determinismen).

Seitens der zufälligen Jünger und der Jünger aus Irrtum wird man sich nun klar darüber, dass man sich unter diesem Jesus doch etwas ganz anderes vorgestellt hat.
Die ehrlichen und besseren unter diesen Kindern der Welt, die sich irrtümlich zu den Kindern des Lichtes gezählt haben, ziehen sich von der Nachfolge Christi zurück. Das ist wohl gut so.
Bei Jesus bleiben, neben seinen wirklichen Jüngern aus Notwendigkeit, die Lauen in jeder Hinsicht. Es bleiben aber auch die Ignoranten; unter ihnen jener Judas, der Jesus verraten wird, der bis zum Schluss nichts von der wahren Botschaft Christi verstehen wird, der stattdessen moralisch, politisch, sozial ist.
Für die Überzeugten indessen bleibt keine Alternative zu Christus: Sie haben ihn notwendig.


20. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;51-58

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt.
Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?
Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht eßt und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.
Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag.
Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank.
Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm.
Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich ißt, durch mich leben.
Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot ißt, wird leben in Ewigkeit.

+ + +

Ich möchte das Evangelium des heutigen Sonntags, wie ich es immer tue, als „Katalysator“ für die Entwicklung meiner Gedanken, die ich in Grundzügen in den „Skizzen“ erstmals formuliert habe, verwenden. Ein Katalysator beschleunigt einen Prozess, ohne selbst daran an Substanz zu verlieren. Ich betone das diesmal deswegen besonders, weil die heutige Passage des Evangeliums in direkter Beziehung zur Eucharestiefeier in der Römisch-Katholischen Messe steht. Mir liegt es fern, an den Kern der Heiligen Messe rühren zu wollen. Ebensowenig vermindere oder verzehre ich mit meinen Ausführungen den Gehalt der Heilige Schrift, an deren Inspiriertheit ich glaube.

Zweierlei fällt mir zu dieser Textstelle ein:

Erstens:
Als Christus sich am Ende seiner physischen Präsenz in der Welt aus freiem Willen in die Hände seiner Feinde begab, um mit seinem Leiden und seiner Auferstehung den Sieg der Welt über ihn in eine Niederlage zu verwandeln, inspirierte er seine Jünger damit dazu, nach einer kurzen Phase der Verunsicherung, den Anfechtungen der Welt in seinem Sinne entgegen zu treten:
Opposition ist Mitarbeit. (Ernst Jünger. Eumeswil) – Was die Autoritäten des römischen Staates und des institutionalisierten Judentums im Umgang mit Jesus wirklich verstörte und unsicher machte, war seine Verweigerung, sich zu rechtfertigen. Man warf ihm Verstöße gegen die staatliche Ordnung und gegen religiöse Tabus vor. Doch ging ihn, wie er schon geraume Zeit vorher einmal bemerkte, das alles nichts an. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Dass sich dieser kleine Tischlersohn und Wanderprediger nicht vor den Großen der Welt (die in Wirklichkeit die Sklaven der Welt waren) verteidigte, war nichts anderes, als die Nichtanerkennung des ewigen Weltengesetzes: „Ober sticht unter“, war die Manifestation dessen, was göttlich ist am Menschen – seiner Freiheit. Wie sich übrigens auch im Ertragen der Konsequenzen dieser Entscheidung, bis hin zur Verweigerung der Benebelung des Geistes zu Gunsten einer Schmerzlinderung durch den mit Wein und Myrrhe getränkten Schwamm am Kreuz, diese göttliche Freiheit manifestierte.
Das Beispiel Jesu machte Schule: Unzählige Christen starben in den nächsten Jahrhunderten den Märtyrertod und befremdeten mit der oben geschilderten Haltung diejenigen, vor denen sie, nach dem Gesetz der Welt, kriechen, die sie um Gande anflehen sollten.
Das geschundene Fleisch und das vergossene Blut Jesu speiste den durch ihre Haltung zur Vollendung gekommenen „inneren Gott“ der Märtyrer.

Zweitens:
Der Hunger nach dem, wofür Christus steht, ist eine Ausnahme. Mehr noch: Er ist ein Ärgernis.
Vielleicht steht die vom Evangelisten Johannes geschilderte Empörung der Menschen über den offensichtlichen Tabubruch Jesu, das Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?, symbolisch für das Unverständnis der Meisten, der Unproblematischen, der Kinder der Welt, gegen diejenigen, die Christus, die Freiheit, die Gottheit notwendig haben.
Christus stillt einen Hunger, den die Welt nicht geben kann.
Die Freiheit und Bindungslosigkeit der Christenmenschen, die aus ihrer Zugehörigkeit zu einem Reich resultiert, das nicht von dieser Welt ist und in dem nicht die Herrlichkeit der Welt und ihre Sitte und weder das Starke oder das Schöne, noch die Vielen, sondern der jüdisch-christliche Gott, der Einzelne und Einzige, der die vergöttlichte Göttlichkeit im Menschen ist, regiert, ist allen Fleißigen und Anständigen unerträglich. Wer zu Christus gehört, gehört sich selbst; genauer: gehört dem Teil an ihm, der nicht durch das Leben determiniert ist – seinem göttlichen Funken. Damit lässt sich kein Staat machen.


19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;41-51

Da murrten die Juden gegen ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.
Und sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen?
Jesus sagte zu ihnen: Murrt nicht!
Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt; und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag.
Bei den Propheten heißt es: Und alle werden Schüler Gottes sein. Jeder, der auf den Vater hört und seine Lehre annimmt, wird zu mir kommen.
Niemand hat den Vater gesehen außer dem, der von Gott ist; nur er hat den Vater gesehen.
Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben.
Ich bin das Brot des Lebens.
Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.
So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon ißt, wird er nicht sterben.
Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt.

+ + +

Du bist nichts Besonderes; du bist einer von uns. Warum sollten wir dir nachlaufen?
Das hörten wir die Menge in Galiläa zu ihrem Landsmann Jesus in den letzten Sonntagsevangelien mehrmals sagen (vor allem sei auf den 14. Sonntag im Jahreskreis (B) verwiesen).
Doch die Herkunft, das Erbe, die gattungsmäßigen und sozialen Determinismen scheren Jesus wenig. Es liegt ihm gar nichts daran, die Meisten für sich zu gewinnen, indem er die augenscheinliche Tatsache leugnete, dass er eben nicht von außerhalb, quasi als englische oder dämonische Kraft, als reines Geistwesen auf die Welt herabgestiegen ist, sondern als Sohn des Josef und der Maria in Nazareth unter aller Augen aufgewachsen ist und Freud – und vor allem Leid der menschlichen irdischen Existenz mit seinen Mitmenschen bis zu seinem Ende geteilt hat.

Einerseits ist Christi Lehre nur ein Angebot an diejenigen, die ihn und seine Botschaft notwenig haben – auch die Missionstätigkeit, mit der er seine Jünger beauftragt, ist in diesem Sinne zu verstehen. Dazu noch eine Hilfestellung an diese Menschen, um sich ihrer Verschiedenheit gegenüber der Welt, gegenüber den Meisten, den Taktseelen, bewusst zu werden und darüber hinaus sich selbst nicht für die Infragestellung ihrer Existenz durch die Welt verantwortlich zu machen. Es liegt ihm also nichts an der Menge.
Andererseits speist sich die Göttlichkeit Christi nicht aus Magie und Wunder, nicht aus übermenschlichen Kräften oder gar aus der Apotheose einer Funktion des Lebens, wie bei den Göttern des griechisch-römischen Pantheons, sondern aus dem, was ich den inneren Gott genannt habe; aus seiner Fähigkeit, sein „Wachsein vom Dasein zu befreien“; aus seiner Fähigkeit zur Vereinzelung, die er, nach einem der klügsten Kinder der Welt, auf Grund seiner krankhafte[n] Reizbarkeit des Tastsinnes (Nietzsche. Der Antichrist. §29) und seines daraus resultierenden Instinkt-Haß[es] gegen jede Realität notwendig hat.
Seine Göttlichkeit beruht auf der Reinheit und Dominanz dieses göttlichen Funkens in ihm. Seine Wahrheit steht den Tatsachen der Welt entgegen. Und wir Christen glauben, dass diese seine Wahrheit über diese Tatsachen gesiegt hat – in seiner Auferstehung nämlich, die die in immer verschiedenen Kleidern erscheinende, in ihrem Grunde ewig gleiche Ordnung der Welt, hier konkret die Macht des römischen Staates und die daraus resultierende Rechtmäßigkeit seiner Justiz, seiner Gerechtigkeit, nihiliert hat.

Deswegen ficht Jesus die Kritik der Menge nicht an.
Nur durch diese innere Göttlichkeit, durch das große Nein zur Welt und zum Leben, kommt man zum jüdisch-christlichen Gott, zum Vater, zum Eigner und Einzigen, der auch seine Kinder so will.
Die Meisten haben das nicht notwendig, weil sie sich in der Welt aufgehoben wissen (im doppelten Sinne, einmal als Wärme und Sicherheit, dann als Tendenz zur Sebstauslöschung im Kollektiv, beides weiblich, mütterlich).
„Kinder Gottes“, „Kinder des Lichts“ – ihrer sind wenige. Doch auf sie kommt es Christus an. Der Rest hat höchstens Erlösung, nicht Befreiung notwendig.


18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;24-35

Als die Leute sahen, daß weder Jesus noch seine Jünger dort waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach Kafarnaum und suchten Jesus.
Als sie ihn am anderen Ufer des Sees fanden, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hierher gekommen?
Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.
Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird. Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt.
Da fragten sie ihn: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?
Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat.
Sie entgegneten ihm: Welches Zeichen tust du, damit wir es sehen und dir glauben? Was tust du?
Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.
Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.
Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!
Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

+ + +

Zeichen und Bilder allzu unmittelbar verstehen zu wollen ist menschlich.
Die Menschen suchen, nach der wundersamen Brotvermehrung, von der uns das Evangelium des vorigen Sonntags berichtete, die Nähe Christi.
Ein Zeichen, ein Wunder vollbringt dieser Mensch und darum setzt man alle Hoffnung auf ihn. Doch er denkt gar nicht daran, für alle immer verfügbar zu sein, ein Wundermann auf Knopfdruck zu sein, jemand, von dem man auch etwas hat, ein Mann für das Volk zu sein, also die Hoffnung der Meisten zu erfüllen. Nach der Sache mit den fünf Broten und den sieben Fischen zieht er sich in die Einsamkeit zurück, er flüchtet.

Doch er spricht von sich als dem Erlöser, dem Messias. Da ist es nur ganz natürlich, dass die Menschen über ihn zum naheliegendsten Schluss kommen: der Erlöser des jüdischen Volkes ist eine politische Figur, ein Revolutionär, eine lichte Herrschergestalt. Im Evangelium des vorigen Sonntags fürchtet Jesus, die Menge würde ihn wider Willen zum Herrscher, zum König machen. Da ist er weg. Man muss ihn suchen.
Als man ihn findet, reagiert er unerwartet barsch: Er schiebt die Hoffnungen des Volkes zur Seite.
Nicht Anweisungen will er den Menschen mit auf den Weg geben, nicht Befehle gibt er, nicht Konzepte für gutes Leben liefert er.
Christus stellt den Anspruch an seine Jünger, an ihn zu glauben, nicht etwa auf Grund seiner Zeichen und Wunder, die niemals etwas für sich bedeuten, sondern aus einer inneren Notwendigkeit der Jünger heraus.
Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird.
Könnte Jesus damals am Ufer des Sees Galiläa vielleicht gemeint haben:

Ihr glaubt nur an mich, weil ich euch zu Essen gab. Ihr banalen, gewöhnlichen Figuren.
Was? Ihr wollt zwingende Argumente, Beweise, Zeichen?
Nein! Entweder werdet ihr euch aus euch selbst darüber im Klaren, dass ihr mich notwendig habt, oder ihr habt nicht mich, sondern jemanden anderen notwendig. Einen, der sich auf die Dinge der Welt versteht, der euch, wie üblich im Politischen, im Bereich von Herr und Knecht, im Bereich der Geschichte, zuerst zu Revolutionären, dann zu Sklaven macht, der sich selbst zuerst zum Befreier, dann zum Herren macht und dem ihr, die Meisten, immer gerne folgt, denn ihr seht euch nach körperlicher und geistiger Gesichertheit, nach Brot und Sklaverei; vor allem dann, wenn ihr die Dinge der Welt gerne religiös verbrämt sehen wollt.
Wie die Israeliten murrten und drauf und dran waren ihren Gott, d. i. ihre Freiheit zu verraten, nur weil die Wüste der Welt ihnen wegen ihrer Empörung gegen die Mächtigen der Welt die Nahrung verweigerte, so stellt ihr meine Legitimität in Frage und verlagt nach einem Herrscher, der euch als König in den Kampf gegen eure römischen Unterdrücker führt; der den Teufel mit Belzebub austreibt. Ich habe auf dem Grunde meines Wesens so wenig Königtum, so wenig Sicherheit, so wenig Sklaverei für euch, wie der Gott eurer Väter in der Wüste dem Volk aus Steinen Brote machte. Er machte nicht Brot dieser Welt, sondern Brot vom Himmel, wie es in der Schrift heißt:

Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron.
Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch in Ägypten durch die Hand des Herrn gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.
Da sprach der Herr zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht.
Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sag ihnen: Am Abend werdet ihr Fleisch zu essen haben, am Morgen werdet ihr satt sein von Brot, und ihr werdet erkennen, daß ich der Herr, euer Gott, bin.
Am Abend kamen die Wachteln und bedeckten das Lager. Am Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager.
Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde.
Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wußten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der Herr euch zu essen gibt.
(Ex. 16;2-4 u. 12-15)

Ob dieses Gebilde im gewöhnlichen, in eurem Sinn satt machte, sage ich nicht, weil es nicht wichtig ist. Es war Brot nicht von dieser Welt. Es sättigte ein Hungergefühl, das nur Wenige verspüren.
Ich bin icht von dieser Welt, auch wenn ich in dieser Welt bin. Den Hunger nach mir, der nicht von dieser Welt ist, spüren ebenfalls nur wenige. Ich stille einen Hunger, den die Welt nicht geben kann. Doch wer nach lebensnahen Ratschlägen, nach Halt und Orientierung sucht, der ist bei mir falsch. Ich gehöre nicht mehr zum Leben. – Könnte er das gemeint haben?

Und promt folgt der Beweis des Unverständnisses der Meisten:
Ein paar Sätze später (Joh. 6;42) hält die Menge Jesus für einen der ihren: der Sohn des Josef und der Maria.
Natürlich: wer Jesus in Hinblick auf seine Teilhaftigkeit an der Welt beurteilt, kann ihn nur als vermessen ablehnen, kann ihn nur als Feind ans Kreuz schlagen.


17. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 6;1-15

Danach ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.
Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
Als Jesus aufblickte und sah, daß so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?
Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er selbst wußte, was er tun wollte.
Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.
Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:
Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!
Jesus sagte: Laßt die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.
Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, soviel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen.
Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übriggebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.
Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Stücken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.
Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
Da erkannte Jesus, daß sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

+ + +

Im Gras sitzen und essen.
Speise die Menschen, vollbringe ein Wunder, von dem die Menge auch etwas hat, und die Menge wird dich zu ihrem Herrscher machen wollen.

Schon seit mehreren Wochen (hier, da, dort und damals) tritt uns in den Sonntagsevangelien immer wieder der Jesus der Meisten, der Wunderheiler, der Sattmacher, der sich in lebensnahen Gleichnissen ausdrückende Lehrer des Volkes, entgegen. Hier zeigt sich, wie bereits mehrmals ausgeführt, allen voran zum Evangelium vom 5. Ostersonntag (Lesejahr B), die Tradition der Kirche als Massenheilsanstalt, als Opium, als stabilisierender Faktor innerhalb der Welt.
Das ist die eine Seite der Medaille und Christus selbst begründet durch sein Handeln in den Evangelien diese Traditionslinie des institutionalisierten Christentums. Dieses halbe Heidentum mit seinen Heiligenviten, mit seiner Verehrung einer christlich kaschierten Erd- und Muttergottheit, Marias, die in ihren Erscheinungen inmitten idyllischer Landschaften alles rechtfertigt, was ist und zu der gerade die unsicher gewordenen Vertreter des Apparates Kirche in Scharen ihre Zuflucht nehmen, mit seinem Ritus, der verzaubert, bedient die Bedürfnisse der Meisten, es erlöst, doch es befreit nicht.

Doch in all den Begebenheiten, von denen die oben erwähnten Passagen im Evangelium berichten, tritt auch der Charakter des eigentlichen Christentums als eine Haltung der Lebensuntüchtigen, der Wenigen, der Welt gegenüber zu Tage.
Christus will vor allem allein sein. Doch Mitleid treibt ihn immer wieder weg von der reinen Verweigerung und Weltflucht und hin zu den Meisten. Allerdings immer nur bis zu einem bestimmten Punkt.
Als diesmal die Situation auf Grund des mangelnden Verständnisses der Menge für die grundsätzliche Verweigerung Christi der Sphäre des Taktes, der Welt gegenüber zu entgleiten droht und Jesus befürchtet, als politischer Revolutionär missverstanden zu werden, kehrt er allen und allem den Rücken und zieht sich in die Berge zurück. Jesus ist, auf Grund der vollen Bewusstheit seinen inneren Gott, Christus, betreffend, vollkommen alleine.
Sein Leben ist kein Fest.


16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 6;30-34

Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.
Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.
Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.
Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an.
Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

+ + +

Wie strengt doch dieses Leben in ständigem Widerspruch zur Welt an!
Vorigen Sonntag erfuhren wir im Evangelium, was es bedeutet ein Christ zu sein. In der Welt zu sein und trotzdem nicht Teil der Welt zu sein nämlich. Wir erfuhren, dass man mit Abweisung, mit Unverständnis rechnen muss, will man die Botschaft Christi nicht verwässern und verfälschen, nur, um sie unter die Leute zu bringen.
Nicht der Misserfolg in der sogenannten Mission, die ja nur eine Einladung an diejenigen sein kann, die Christus notwendig haben, nicht etwa an jedermann, ist Gradmesser des Lebens der Anhänger Christi in der Welt (sie schütteln den Staub von ihren Füßen, gerade so, als ob nicht sie der Welt ausgeliefert wären, sondern die Welt ihnen), sondern die eigene Authentizität und das Herausschälen und Großmachen des göttlichen Funkens in denjenigen, die lebensuntüchtig, problematisch, geistig, priesterlich genug sind zum Christen.
Was für ein ständiger Kampf und Krampf gegen die Welt außerhalb von ihnen und gegen die Welt in ihnen.
Bei ihrem Meister, beim vollendetsten, beim ersten Christen, Jesus, können sie verschnaufen und neue Kraft tanken. Ja, man konnte noch Gott physisch ansichtig werden damals, man konnte der Welt physisch flüchten ohne die eigene Existenz beenden zu müssen. Doch die Welt holte die Jünger auch damals ein. Die anderen Erlösungsbedürftigen, die, die keine Befreiung, sondern ein Opium wünschen, suchen auch Gott. Auch sie finden ihn in Christus. Nur mit der Ruhe ist es nun vorbei – bleibt es vorbei. Denn was jetzt kommt ist Mitleid mit den Schafen ohne Hirten, ist Lehre, Richtung, Dogma – ist Kirche.

Dieses Zweite ist eine Realität, die Christus im Evangelium anerkennt.
Musste er? Wir wahren Christen müssen. Wie eingangs erwähnt, sind wir in der Welt.
Wir sind aber nicht Teil dieser Welt. Sein in Christus ist prekär. Wir fahren in einer Nussschale über todbringende Wasser und wenn wir ankommen merken wir, dass unser Tun sein Ziel nicht erreicht hat.


15. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 6;7-13

Er rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben,
und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,
kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.
Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlaßt.
Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.
Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf.
Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.

+ + +

Wir Christen sind Wanderer in einem fremden Land.
Die Jünger Christi sind unstete Gesellen, die in der Welt nirgends eine Heimat finden können. Die riechen überall anders, als das Nest.
Doch anders, als die alttestamentarischen Propheten, der letzte von ihnen war Johannes der Täufer, über den ich schon so viel geschrieben habe (zuletzt hier, außerdem noch hier, da, dort, damals, zu Christkönig (A), am 2. und 3. Adventsonntag (B), außerdem noch da und da, am 4. Sonntag im Jahreskreis (B) und am 1. Fastensonntag (B)), müssen sie nicht physisch ein Leben in der Wüste führen.
Ihr Nein ist, durch das Beispiel Christi, durch seine Gnade, so gefestigt, dass sie unter den Völkern, den Kindern dieser Welt, leben, manchmal sogar wirken können. Die sogenannte Missionstätigkeit kann im Sinne Christi wohl nur ein Angebot an diejenigen Menschen sein, deren Defekte im Sinne des Lebens (Freiheitsdrang, Eigenheit, das sich-nicht-in-der-Menge-auslöschen-wollen) dazu führen, dass sie Christus notwendig haben.
Doch wer Christus nicht notwendig hat, wer ein Kind dieser Welt, ein versklavender Sklave, ein glücklicher, moralisch integerer Blockwart ist und seine ewige Ordnung durch die wahren Christen, die Anarchisten aus Instinkt, bedroht sieht, wird von den Jüngern Christi nicht behelligt. Das wäre doch einmal eine brauchbare Anregung für unsere Großkirchen.
Die Dutzendmenschen hole [...] der Teufel und die Statistik (Nietzsche. Zweite Unzeitgemäße).
Schüttelt den Staub von euren Füßen.


14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 6;1-5

Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn.
Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!
Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.
Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.
Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.

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Einer von uns!
Die Dutzendmenschen vom Fleckchen Land, das auch dem jungen Jesus von Nazareth Heimat war, bevor er damit brach und sich frei machte von allen Zwängen der Welt, seinem inneren Gott, Christus gehorchend, sprechen diesen Satz aus und von der Göttlichkeit Christi bleibt nur noch wenig übrig.
Die Herkunft aus einer Landschaft, das Hervorgehen eines Individuums aus den Erbanlagen, den genetischen Zwängen, von Mutter und Vater, die eingeschliffenen Verhaltensregeln innerhalb einer organisch gewachsenen Gruppe; all das ist Richtschnur für die Meisten und bietet Halt. Doch dieses Band zu trennen, die göttliche Seite des Menschen, den Einzelnen, zu befreien, dafür zog Jesus aus. Dass man ihn jetzt nur ihn seiner Determiniertheit, als jemanden, der in einer bestimmten Landschaft groß wurde, in einer bestimmten Familie, gemeinsam mit bestimmten Geschwistern aufwuchs, erkennt, macht es ihm unmöglich, frei zu sein, das bedeutet: seiner Gottheit gerecht zu werden.
Sobald er das versucht, beginnt man ihn abzulehnen, als jemanden, der über das ihm vom Leben zugeteilte Los hinauswächst. Das ist die schwerste Sünde in den Augen der Dutzendmenschen: die Abweichung, damit verbunden: das sich über die Anderen erheben wollen.
Hier wirkt der Gegensatz von Welt und Gott. Gott endet in der Welt am Kreuz. Hier erscheint die Gottheit im Menschen als das, was sie ist: eine Unbotmäßigkeit des Sklaven seinem Herren, dem Leben, gegenüber; ein Aufstand.


13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 5;21-43

Jesus fuhr im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,
kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen
und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.
Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.
Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt.
Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.
Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand.
Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.
Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, daß sie von ihrem Leiden geheilt war.
Im selben Augenblick fühlte Jesus, daß eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?
Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?
Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.
Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wußte, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.
Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?
Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur!
Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten,
trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.
Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag.
Er faßte das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.
Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

+ + +

Wunder auf Wunder.
Damit vermag Jesus die Menge zu überzeugen. Damit wollen die Evangelien Menschen für den christlichen Glauben gewinnen, das Bedürfnis der Masse nach Schau, Rausch, Magie bedienend. Das ist auch der tiefere Sinn des Rituals im Gottesdienst der katholischen Kirche als Massenheilsanstalt.
Doch, wie schon so oft erwähnt (unter anderem hier, da, dort), ist wahres Christentum nicht die Befriedigung der Gier der Menge nach Wundern, auch nicht das Bedienen ihres Verlangens nach Erträglichkeit des Daseins, gar nach Sinn im Leben, das nur für sich selbst Sinn ist und dem Einzelnen keinen Wert zumisst.

Die arme Frau, die schon alles versucht hat, um wieder gesund, wieder rein zu werden, denn nach den gesellschaftlichen Regeln der Zeit und der Kultur, in der sie lebte, war sie unrein, läuft einem weiteren Wunderheiler nach und anerkennt nicht, ganz anders, als der Besessene, der sich selbst befreit, dass ihre Befreiung von der Unreinheit, die die Welt in ihr sieht, nur durch ihre Emanzipation von den Wertvorstellungen der Welt, oder aber durch ihren Tod möglich ist. Sie setzt sich nicht bewusst mit ihrer Befreiung auseinander, wie der Aussätzige, der Christus, als die äußere Entsprechung seines inneren Gottes, von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt, ihn anspricht, ihn, und damit den eigenen inneren Gott, zum Herren über seine innere Pflanze, seine inneren Determinismen als Aussätziger machen will, sondern sie glaubt an Magie, meint, es reiche, sein Gewand zu berühren, um geheilt zu werden.
Vergleicht man den Aussätzigen mit der armen Frau, dann steht beim einen das Wort, bei der anderen die Handlung im Vordergrund; beim einen die „Freiheit der Kinder Gottes“, bei der anderen das Ritual; beim einen Geist, bei der anderen Körper.
Beiden, dem Aussätzigen und der armen Frau, hilft Christus bei der Bewältigung ihres jeweiligen Lebens. Doch die Erlösung der Frau ist eine andere, als die des Aussätzigen, der sich selbst befreit. Es ist die Erlösung, die eine Massenheilsanstalt anbieten kann. Es ist keine Befreiung.

Diejenigen, die Jesus ins Vertrauen zieht, die er, wie wir beispielsweise vor zwei Wochen gesehen haben, hinter seine Gleichnisse blicken lässt, waren immer wenige. Die jubelnde Menge ist nicht zugegen, als Jesus das kleine Mädchen vor ihrem Untergang rettet. Nur drei seiner Jünger sollen vom eigentlichen Charakter der Befreiung der Tochter des Synagogenvorstehers erfahren. Den Rest soll doch, in Gottes Namen, nebst der sogenannten von Gott eingesetzten Obrigkeit, die Kirchenstatistik holen.


12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 4;35-41

Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.
Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn.
Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann.
Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?
Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein.
Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?
Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?

+ + +

Die Jünger Christi, die, noch nicht geläutert durch die Ereignisse um und nach Ostern, noch nicht durch Notwendigkeit gebunden an Christi Botschaft, sondern durch Loyalität gebunden an einen Freund, noch allzu sehr Teil dieser Welt sind, noch allzu sehr zu den Meisten gehören, kleben am bloßen Wunder wie die Menge es schon so oft vor ihnen tat.
Christus ist Herr über die Naturgewalten. Doch das ist nicht so wichtig.
Wie bereits erwähnt, sind auch Gesellschaft und Staat Naturgewalten, da sie sublimiertes Leben sind.
Christus liefert sich diesen Gewalten, die seinem Wesen entgegenstehen, aus. Sie gehen ihn nichts an. Die Tatsache, dass er durch den römischen Staat hingerichtet wird, den Tod eines Sklaven stirbt, ist nur insofern von Bedeutung für ihn und für das, wofür er steht, als diese Ereignisse Voraussetzung sind zu seiner Auferstehung, durch die er alle Ordnung der Welt nihiliert.

Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?
Christus, dieser innere Gott in Reinform, hat die Furcht überwunden. Nein es kümmert ihn nicht. Er schläft.

Die Menge, die nach Wundern schreit, weiß nichts vom Nihilismus des wahren Christen.
Christus ist ein Maximum an Freiheit, ein Idealbild. Er ist der menschgewordene Gott, nicht halb und impotent, wie die Gottheit in uns, sondern ganz und gar.
Die Natur, die Welt und ihre Gewalt bedroht gerade uns lebensuntüchtige Priesterlinge, uns Anarchisten aus Instinkt, und Christen. Unsere Antwort auf diese Bedrohung soll die Antwort Christi sein: Ein Emanzipieren von den uns umgebenden Determinismen, ein „Es-geht-mich-nichts-an“. Doch es kann nur so halb und schwach sein wie unsere Gottheit.


Hochfest der Geburt Johannes des Täufers (24. Juni)/Lk. 1; 57-66 und 80

Für Elisabeth kam die Zeit der Niederkunft, und sie brachte einen Sohn zur Welt.
Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.
Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben.
Seine Mutter aber widersprach ihnen und sagte: Nein, er soll Johannes heißen.
Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt.
Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle.
Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb zum Erstaunen aller darauf: Sein Name ist Johannes.
Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen, und er redete und pries Gott.
Und alle, die in jener Gegend wohnten, erschraken, und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa.
Alle, die davon hörten, machten sich Gedanken darüber und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn es war deutlich, daß die Hand des Herrn mit ihm war.
Das Kind wuchs heran, und sein Geist wurde stark. Und Johannes lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er den Auftrag erhielt, in Israel aufzutreten.

+ + +

Der Täufer ist der letzte in der langen Reihe der alttestamentarischen Propheten vor Christus.
Aus dieser Gruppe erwächst er und ihr ist er, in den Augen der „Kinder des Lichts“, die sich von den gesellschaftlichen Konventionen lossagen und frei sein wollen müssen, im viel stärkerem Ausmaß zugehörig und verwandt, als seinen genetischen Ahnen, von denen er Physis, gesellschaftlichen Rand, die Determinismen des Lebens erbt.
Der Täufer wird sich gegen diese Determinismen stellen, in einer Radikalität, die auch vielen seiner Vorgänger zu eigen war.

Dem greisen Zacharias, seinem Vater, einem Tempelpriester, verkündete ein Bote Gottes (Lk. 1;5-25), dass sich der Täufer aller Rauschhaftigkeit der Welt verweigern wird. Kein Aufgehobensein in Familie und Gesellschaft, keine Sinngebung durch Pflicht, keine Schmeicheleien an die Herrschenden, schon gar kein Aufgehen in den Vorstellungen der Menge, nur Heuschrecken und wilder Honig, die Wüste als Heimat, das ist Johannes der Täufer.
Dem braven Tempelpriester verschlägt es die Sprache.
Ist er entsetzt, stumm vor Empörung über die Verachtung aller Ordnung?
Oder ist sein Stummwerden Ausdruck seiner Gefangenschaft im System, die er erst überwindet, als er sich von seinen Zwängen frei macht und das, was sein Sohn sein, wird auch für sich anerkennt?

Man hat mir gesagt, der Name Zacharias bedeute Gott erinnert sich, der Name Johannes hingegen bedeute Gott erbarmt sich. Aus einer bloßen Erinnerung des jüdischen Gottes, der eine Irritation der Menschen und ihres Alltags durch ihren inneren Gott entspricht, wird ein Wichtigwerden, eine tragende Rolle Gottes im weiteren Geschehen. Johannes zuerst, dann Christus.
Und der greise Priester, der lange gefangen war in den Zwängen des Lebens, gewinnt wieder Macht über sich selbst. Das, was göttlich ist an ihm und an allen Menschen, kann sich wieder artikulieren – entgegen allen Konventionen.


11. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 4;26-34

Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät;
dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie.
Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.
Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben?
Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät.
Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so daß in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten.
Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.

+ + +

Wer sät Samen auf seinen Acker?
Ist es Gott? Wenn ja, dann ist dieses erste Gleichnis ein Sinnbild für die Ferne Gottes von der Welt. Denn der Sämann weiß nicht, wie es zu Stande kommt, dass dieses winzig kleine Körnchen, die Göttlichkeit am Menschen, das Himmelreich, das von ihm in eine feindliche Umgebung (bei Matthäus, der im Kapitel 13; Vers 1-32 ebenfalls diese zwei Gleichnisse überliefert, verhindern widrige Umstände das Aufkeimen eines großen Teiles der Saat) eingepflanzt wurde, plötzlich keimt und in weiterer Folge Frucht bringt. Gott, als äußere Instanz, als etwas außerhalb des Treibens der Welt, mischt sich nicht ein. Doch der jüdisch-christliche Gott ist, wie vor zwei Wochen beschrieben, außerdem, wohl noch mehr als der Sämann, das ausgesäte Korn, auf das sich die Vögel stürzen, das die Dornen ersticken, das auf Felsen nicht wurzeln kann.
Es liegt dem Evangelisten daran, den Boden, auf dem das Korn Frucht bringen kann, als den eigentlich gesunden Boden darzustellen. Doch das ist die Sicht desjenigen, der, im Sinne des Sieges Christi über die Welt vermittels seiner Kreuzigung, der Auflösung aller Ordnung durch die Unerhörtheit eines Gottes am Kreuz, im christlichen Sinne also, durch die Umwertung der Tatsachen im Sinne seiner Wahrheiten, Rache am ihn in seinem Dasein in Frage stellenden Prinzip des Lebens nehmen will.

Es ist wohl nur die, aus Sicht dieser Welt, letztendlich aus gattungsmäßiger Sicht, problematische Existenz, die es notwendig hat, ihre, ihrem ganzem Sein als Gattungswesen, als ein durch Instinkt determiniertes Lebendiges, entgegengesetzte, kleine, nichtige Göttlichkeit zu hegen und pflegen, bis sie letztendlich groß wird, Frucht bringt.
Der Anachrchist aus Instinkt, der Christ, ist Hüter des Sämlings, ist aber auch das Feld, welches die Entwicklung der Gottheit in ihm – aus Unfruchtbarkeit die Segnungen der Welt betreffend – ermöglicht.

Doch vielleicht ist das alles nicht wahr. Vielleicht bin auch ich unfähig hinter das Gleichnis zu blicken.
Es sind immer nur die Wenigen, denen Christus seine Wahrheiten in Klartext auseinandersetzt, aus Gnade (oder, legt man den Maßstab der Welt an, den beispielsweise Nietzsche so meisterhaft führte, weil sie krank, lebensuntüchtig genug dazu sind). Das steht am Ende des heutigen Evangeliums.


10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 3;20-35

Jesus ging in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, daß er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten.
Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.
Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.
Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben?
Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben.
Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben.
Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst im Streit liegt, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen.
Es kann aber auch keiner in das Haus eines starken Mannes einbrechen und ihm den Hausrat rauben, wenn er den Mann nicht vorher fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern.
Amen, das sage ich euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen;
wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften.
Sie hatten nämlich gesagt: Er ist von einem unreinen Geist besessen.
Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen.
Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir.
Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?
Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder.
Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

+ + +

Von Sinnen.
Der Geist des sich Emanzipierens vom Leben, wie er sich in den Evangelien immer wieder äußert und als Heiliger Geist bezeichnet wird, erscheint den Kindern dieser Welt befremdlich.
Für die jüdischen Schriftgelehrten jedoch, selber als Priesterlinge im ständigen Kampf gegen den Geist dieser Welt, nur anders, die ihre Autorität und die jüdischen Priesterwerte als den Taktwerten der aristokratischen Welt der sie umgebenden Großreiche grundsätzlich entgegenstehend verstehen, kann das in Frage stellen ihrer Werte nur dem Reich des Bösen zugehörig sein.

Den Aufstand gegen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse mit politischen und gesellschaftlichen Mitteln zu führen, das ist das gängige Rezept der Revolutionäre aller Zeiten und Landschaften.
Natürlich ist es für die jüdischen Priesterlinge naheliegend, Jesus als in dieser revolutionären Traditionslinie stehend zu sehen und ihm deswegen vorzuwerfen, er erliege, im Versuch politische und gesellschaftliche Umstände zum Besseren zu wenden, der Korruption der Welt.
Sie sehen in Jesus, weil er ihre (durchaus weltlichen) Privilegien in Frage stellt, einen Revolutionär. Doch gerade das ist Jesus (wie schon ganz früh im Predigtdienst besprochen) nicht.

Keine Revolution, so sie politisch und gesellschaftlich ist, kann die Axt jemals an die Wurzel allen Übels legen, nämlich an das Gesellschaftliche und Politische, letztendlich an das Leben selbst.
Der Revolutionär treibt den Teufel mit Belzebub aus.

Christentum ist anders. Im Nihilismus, in der Verneinung aller Welt, im wahren Christentum, hören selbst die elementarsten aller durch das Leben bedingten Determinismen auf: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?


Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr B)/Mt. 28;16-20

Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte.
Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel.
Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.
Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,
und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

+ + +

Im heutigen Evangelium stehen die beiden Elemente, die die Kirchengeschichte zu einer tragischen Geschichte machen, in unmittelbarer Nähe zueinander geschrieben. Das ist das erste Thema dieses kurzen Kommentares.

Einmal erteilt Christus hier den Seinen den Auftrag, alle Welt zu Christen zu machen. Dass das Matthäusevangelum ein paar Kapitel vorher (Mt. 10;5-15) die Zahl derjenigen, die dem Christentum, als einem radikalisierten Judentum, bedürftig sind, auf Wenige (nämlich auf die verlorenen Schafe des Hauses IsraelMt. 10;6) limitiert und daher auch den „Missionsauftrag“ der Jünger auf die Befreiung der Wenigen (Wenn ihr in eine Stadt oder ein Dorf kommt, erkundigt euch, wer es wert ist, euch aufzunehmen; bei ihm bleibt, bis ihr den Ort wieder verlasst. Wenn ihr in ein Haus kommt, dann wünscht ihm Frieden. Wenn das Haus es wer ist, soll der Frieden, den ihr ihm wünscht, bei ihm einkehren. Ist das Haus es aber nicht wert, dann soll der Friede zu euch zurückkehren.Mt. 10;6) aus den Determinismen des Lebens durch das Aufzeigen einer Alternative außerhalb von Staat und Gesellschaft durch gutes Beispiel (Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt.Mt. 10;7-10) beschränkt, muss hier gerade dem aufallen, der sich selbst als Anarchisten sieht. Ebenso die Position dieses Schriftwortes am Ende des Evangeliums. So, als wäre es durch einen späteren Schüler hinzugefügt worden (eine Schlussfolgerung, zu der nicht ich mich anmaße zu kommen, sondern verschiedenste Exegeten auf Grund textkritischer Forschung, zu der ich nichts schreiben kann) Doch die ganze Schrift ist von Gott inspiriert.
Die Kirche der Vielen, wie sie jahrhundertelang historische Realität war, ist eine Kirche des magischen Rituals, der Fesselung der Sinne, des „Weihrauchgeruchs“. Das macht ihre Liturgie schön und bilderreich und es tröstet die Gläubigen. Die Kehrseite des Rituals und des seelischen Trostes durch die Kirche (die beide auch auf mich sehr anziehend wirken) aber ist die Pervertierung des Christentums zu einer Rechtfertigungsideologie der Ordnung der Welt. Noch böser, als die bloße Heiligung der Macht, ist der Rausch, das Glück der Sklaven, das Opium, zu dem die Lehre von der Freiheit der Kinder Gottes durch die, recht bald in ihrer Geschichte einsetzende, Verwandlung der Kirche in eine Massenheilsanstalt, degeneriert ist.
In einem von mir kürzlich verfassten kurzen Artikel beschreibe ich meine Fassungslosigkeit, angesichts der Lektüre des „Großinquisitors“, eines Textes Dostojewskis, in dem ich die meisten der von mir im Predigtdienst geäußerten Gedanken in viel klarerer und schönerer Sprache (und das, obwohl ich nur eine Übersetzung lesen konnte, da ich des Russischen nicht mächtig bin) wiederfand. Dieser Text sei, vor allem zum obigen Thema, wärmstens empfohlen.

Das zweite, den Widerspruch zwischen dem Christentum der Wenigen und der Kirche der Vielen oder, wenn man so will, die Kirchengeschichte, betreffende, Element ist der Zweifel einiger Jünger, von dem uns der Evangelist berichtet.
Der Zweifel des Thomas, der Christus erst unmittelbar ansichtig werden musste, das heißt: für den die Erzählungen seiner Mitjünger, die Glaubenssätze, erst dann Wert erhielten, als sie durch sein persönliches Welterleben bestätigt wurden, ist eine Äußerung der Wachheit, die sich der Rauschhaftigkeit der Welt und des Teiles der Kirche, der dieser Welt durch seine Rauschhaftigkeit angehört, entzieht.
Der Ketzer, der vermeintliche „Wahrheit“, die nur Rechtfertigung der „Tatsache“ ist, negiert, gab zu allen Zeiten den besseren, den wacheren Christen ab.

Dies ist der Dreifaltigkeitssonntag. Die Personalität Gottes und seine Identität mit dem inneren Gott Jesu, Christus, sowie mit dem Geist der Überwindung der Furcht, der die Jünger nach fünfzig Tagen der Angst beseelte und sie nie wieder verließ, ist das zweite große Thema des Evangelums dieses Sonntags
Der Gott der Christen und Juden ist die vergöttlichte Göttlichkeit im Menschen.
Ja. Auch der Mensch ist ein Tier. Er ist in seiner Existenz in der ihn umgebenden Welt gefesselt an die Welt und ihren Gesetzen unterworfen. Er wird geboren, er stirbt, er lebt. Sowenig ein Tier in seiner Fesselung an die Gesetze des Lebens, in seiner Instinktgebundenheit, etwas anderes als ein Vertreter seiner Gattung ist, ist der Mensch als Lebewesen, als ein Teil der Welt, ein selbsständiges und freies Selbst. Das meine ich mit „innerer Pflanze

Doch, um ein mir gerade nahe liegendes Beispiel anzuführen, der Umstand, dass ich mir hier, vor meinem Computer, einem Gerät, das elektrischen Strom, etwas, das in der äußeren Welt erfassbar für die uns vom Leben zugedachten Sinnesorgane, nur als Naturgewalt vorkommt, zur Ausführung von Rechenoperationen, also von etwas, das von der äußeren Welt vollkommen abgelöst nur in den Köpfen der Menschen existiert, benutzt, bewusst anmaßen kann (und wiederum letztendlich nicht in der äußeren Welt), mich gegen die Determinismen des Lebens aufzulehnen, zeigt (zumindest für mich recht schlüssig), dass der Mensch, wenn auch nur ganz schwach, ganz unerheblich in der äußeren Welt, noch etwas anderes ist als „innere Pflanze“.
Wie ich in einem meiner ersten Kommentare angemerkt habe, ist für mich der jüdisch-christliche Gott einzigartig in der Geschichte des Menschen. Dahingehend nämlich, dass alle heidnischen Götter, insbesondere die Götterwelt des mittleren Ostens zur Entstehungszeit des JHWH-Glaubens, nur der Rechtfertigung weltlicher Machtverhältnisse dienten. Sie konnten bezirzt, gebannt, gezwungen werden. Doch der Gott der Christen und Juden ist aus sich selbst heraus und für sich selbst. Er ist frei. Freiheit ist die herausragende Eigenschaft Gottes vor der Welt.
Diese Freiheit ist in Christus, wie mehrmals, oft, fast jedesmal im Predigtdienst dargestellt. Christus und die Seinen (leztendlich die Priesterlinge aller Zeiten und Landschaften) sind Verführer zur Freheit. Oder, wie Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“ sinngemäß feststellte; die Metaphysiker verführen die Lebensuntüchtigen, die Tschadalas zur Auflehnung, ihr Sirenengesang ist: Mensch, du bist mehr.


Man ist selten originell, man ist meist ungebildet

Seit Oktober schreibe ich nun am Predigtdienst, benutze das jeweilige Evangelium des Sonntags als Katalysator für meine Gedanken.
Mein Christentum, es stellt sich für mich immer mehr als der eigentliche Grund meiner anarchistischen Gesinnung heraus, ist nicht Halt und Sinngebung innerhalb der Welt für mich. Das wäre, wie ich bereits mehrmals geschrieben habe, ein regelrechtes Umdrehen, eine Pervertierung der christlichen Botschaft, die in ihrem Kern, der ist Freiheit, den Gesetzen des Lebens und der Welt entgegensteht. Denn das Leben in uns ist Pflanze, nicht frei.
Die Kinder Gottes sind göttlich. Insofern der Mensch frei, Selbst, Person, ist, ist er ein Kind Gottes.
Das führte mich dann zur Formulierung jener Alternative, vor der der Mensch für mich steht: Glück oder Freiheit.

Weil ich mich heute für ein Referat mit der Rechtsphilosophie Kants herumschlagen musste (in diesen Dingen übrigens teilweise ein ekelerregend totalitärer Kopf, der gute Kant), stolperte ich über ein Büchlein, das, von Norbert Hoerster herausgegeben, den Anspruch hat, dem „staatsphilosophischen Anfänger“ einen ersten Überblick über die klassischen Texte der politischen Philosophie zu bieten. Zu diesem Zwecke stellt Hoerster dem Leser eine Sammlung von Texten von Plato bis John Stuart Mill zur Verfügung.
Den Abschluss des Buches bildet ein Text von Dostojewski (im Buch sinnigerweise „Der Widerstreit zwischen Freiheit und Glück“ genannt) aus seinem Werk Die Brüder Karamasow: Der Großinquisitor.

In diesem Text (ich empfehle ihn jedem, dem auch nur ein Beitrag im Predigtdienst gefallen hat) beschreibt Dostojewski den Widerspruch von christlicher Botschaft und der Tendenz aller institutionalisierten Religion, zu einer Rechtfertigungsideologie der Determinismen des Lebens zu verkommen. Gleichzeitig entlarvt er den Ethos aller gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung, den Geist dieser Welt also, als das aus christlicher Sicht Böse, den Teufel.
Christus kommt ins Spanien des 16. Jahrhunderts, wird als Ketzer verhaftet und findet sich vor einem Großinquisitor wieder, der ihn der Störung der Ruhe der Welt, der Infragestellung des pflanzenhaften Glückes der Meisten, der Verführung zur Freiheit überführt.
Der trendige Antiklerikale glaube nur nicht, hier würde nur ein Großinquisitor sprechen. Hier spricht Spenglers Takt. Hier sprechen Pilatus und Napoleon, hier sprechen Nazis und Kommunisten, auch so mancher Demokrat. Hier spricht das gesamte 20. Jahrhundert und das, was uns in Zukunft an Termitenstaat noch blüht. Die Kirche, die jeder radikale Etatismus der letzten 200 Jahre als gesellschaftlichen Faktor ausschalten wollte, ist hier noch eher Verbündeter der Wenigen, die die Freiheit des Einzelnen hochhalten.

Ich habe in diesem Text nicht nur fast alle Ideen, die ich im Zusammenhang mit den jeweiligen Sonntagsevangelien geäußert habe, wiedergefunden, sondern auch noch solche entdeckt, auf die ich möglicherweise im Laufe der Zeit hätte kommen können.
Nicht nur dem ungefähren Inhalt nach, nein, sogar dem Wortlaut nach. Nur in einer viel stärkeren, eindringlicheren, schöneren Sprache, und das, obwohl ich nur eine Übersetzung lesen konnte.
Unterschiede gibt es lediglich in der Frage der Genese des Freiheitsdranges der Wenigen: Dostojewski geht von außergewöhnlicher Stärke aus, ich kann in den wenigen wahren Christen, zu denen ich mich letztendlich auch zähle, wohl in Anlehnung an Nietzsche, nur die Lebensuntüchtigkeit sehen, die sie zur Selbstheit wie zur Kultur drängt, die beide lebensfeindlich sind.

Wie dem auch sei: Ich frage mich ernsthaft, ob ich dieses Projekt überhaupt fortsetzen soll. Mal sehen.


Pfingstsonntag (Lesejahr B)/Joh. 15;26-27 u. 16;[4b-11]12-15

Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen.
Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid.
[Das habe ich euch nicht gleich zu Anfang gesagt; denn ich war ja bei euch.
Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du?
Vielmehr ist euer Herz von Trauer erfüllt, weil ich euch das gesagt habe.
Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.
Und wenn er kommt, wird er die Welt überführen (und aufdecken), was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist;
Sünde: dass sie nicht an mich glauben;
Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht;
Gericht: dass der Herrscher dieser Welt gerichtet ist.]
Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.
Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.
Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.
Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

+ + +

Jesus ist weg.
Das ist, nach den Worten des heutigen Evangeliums, die Voraussetzung für das Erscheinen des Heiligen Geistes; des Beistandes, der aus den schwachen, ängstlichen Jüngern, die Christus, wie beispielsweise Petrus, beim ersten Anzeichen von Ablehnung durch die Welt, verraten, aus den Priesterlingen, die die Notwendigkeit ihrer Abkehr von der Welt zwar unmittelbar erkannten, als Christus sie rief, aber immer noch, als Menschen verhaftet blieben im Leben und seinen Spielregeln (zu denen auch gehört, dass das Infragegestelltwerden durch die Welt einen heftigen Impuls zur Selbstverleugnung im Infragegestelltwerdenden auslöst, der dann, beispielsweise, hysterisch antwortet Ich kenne diesen Menschen nichtMk. 14;71), kompromisslose Verteidiger ihrer Wahrheit machte, die Christus, und damit ihren „innerer Gott“, also dasjenige, was sie einst ihren Platz in der Welt und ihr gesichertes, festgelegtes gesellschaftliches Sein hinter sich lassen ließ, ohne sich auch nur umzudrehen (wie Lots Weib, das sich dadurch jede Chance auf Freiheit nahm und zur Salzsäule erstarrte, denn die Welt und das Leben hypnotisieren, machen berauscht, schläfern die Gottheit in uns ein) gegen jeden Angriff mit allen ihnen zur Verfügung stehenden intellektuellen Mitteln verteidigten, dabei so erfolgreich waren, dass den Autoritäten nichts anderes übrig blieb, als sie zur Ruhe der Welt zu töten.
Wären sie nicht in einer feindlichen Welt auf sich alleine gestellt, sondern wären ihrer Gottheit, der Gottheit, in der Person Jesu und seines Christus nämlich, jeden Tag ansichtig geworden, sie hätten nicht die geistige Schärfe entwickelt, nicht den Mut, nicht die innere Stärke, nicht die Fähigkeit zur Überwindung der Furcht, die die wahren Christen zu allen Zeiten auszeichnet.
Feuerzungen, so steht es in der Apostelgeschichte, kommen über sie, als sie entscheiden, dass sie sich jetzt lange genug vor der Welt versteckt hatten und dem vermeintlichen Triumph der Welt, dem Tod Gottes, am Karfreitag, nicht nur intern, wie am Ostersonntag, sondern für alle sichtbar, den Triumph der Gottheit, die Verwirklichung der Freiheit der Kinder Gottes, entgegensetzten und begannen, sich um ihre sittliche Fragwürdigkeit in den Augen der Welt und der Kinder der Welt (Sind sie nun verrückt, oder doch nur besoffen? so fragte man sich in Jerusalem) nicht mehr zu scheren.

Diese vier Sätze, drei davon in Bandwurmformat, schrieb ich gestern in mein kleines Notizbüchlein.
Texte, die man mit dem Kugelschreiber auf Papier bringt, anstatt sie 1:1 in die EDV zu hämmern, sind sprachlich, stilistisch, inhaltlich anders. Ob prophetische Rede, eine Gabe des Heiligen Geistes, leichter über das Medium des Kugelschreibers schriftlich zu vermitteln ist, ist eine völlig andere Frage.
Sicherlich ist jedoch für das Verständnis des obigen Textabschnittes die Geistesgabe der Auslegung von Zungenrede (die für den Außenstehenden eher wie eine Fieberfantasie klingt) von Vorteil.
Spaß beiseite: Eine Haltung gegenüber der Welt, wie sie die ersten Christen an den Tag legten, ohne Feindseligkeit, dafür mit dem Bewusstsein, niemals und unter keinen Umständen dazu zu gehören, setzt wirkliche (also innere, unaffektierte, recht klare) Notwendigkeit voraus. Etwas also, dessen keineswegs jeder, der möchte, fähig ist. Weswegen man diese intern vielleicht auch als Gaben bezeichnete.


7. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Joh. 11;[9]11b-19

[Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir.
Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.]
Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.
Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt.
Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.
Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehaßt, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Ich bitte nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrst.
Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.
Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.
Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.

+ + +

Der Gott der Juden, der „Ich bin“, ist, wie bereits im Kommentar zum vorigen Sonntag beschrieben, die reine Personalität.
Personalität, Selbstheit, als das den Menschen von allen anderen Wesen in der Welt Unterscheidende, ist göttlich. Jesus Christus ist die Verkörperung der Gottheit im Menschen bei gleichzeitiger fast vollständiger Zurückdrängung der inneren Pflanzenhaftigkeit, dessen also, was der Selbstheit an Instinkthaftigkeit, Bewusstlosigkeit, Selbstverständlichkeit, kurz: an Determiniertheit entgegensteht.

Als nun Christus im Zwiegespräch mit seinem Vater für all diejenigen betet, deren „innerer Gott“ in ihnen nicht dominant ist, wie Christus in Jesus, sondern, was das Menschsein auszeichnet, schwach und im ständigen Widerspruch zur „inneren Pflanze“, und die es notwenig haben, ihre ständig bedrohte Göttlichkeit vom Leben zu emanzipieren, betont er bei dieser Gelegenheit zweierlei:
Erstens findet er sein Ich in den Dus seiner Jünger wieder. Er identifiziert die Selbstheit, die „Freiheit der Kinder Gottes“, mit seiner Göttlichkeit und kann deswegen sagen: in ihnen bin ich verherrlicht.
Zweitens erkennt er aber ihr Verhaftetsein im Leben und damit das grundsätzliche Infragegestelltwerden ihrer Eigenart, ihrer Selbstheit, durch die Welt.

Die Heiligung der Gottheit verwirklicht der wahre Christ in der Veredelung seines Selbst.
Deswegen bittet Christus seinen Vater nicht um ein Wunder. Nicht für sich, nicht für die Seinen.
Beim Evangelisten Johannes wird aus den Ereignissen rund um die Kreuzigung, die Jesus in den anderen Evangelien mit Furcht erfüllen, die „Erhöhung“ des Christus. Dem entsprechend verlangt Jesus bei Johannes von seinem Vater auch keine Schonung, kein „aus der Welt nehmen“, der Seinen.
Sie sollen ihr Selbst an den Widerständen, am Hass der Welt, veredeln. Sie sollen ihre Freiheit, ihre Göttlichkeit, soweit ihnen als schwachen Menschen überhaupt möglich, erkämpfen.


6. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Joh. 15;9-17

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!
Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.
Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.
Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.
Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

+ + +

Der Vater ist nicht austauschbarer Götze, nicht ausschließlich Rechtfertiger der Ordnung, für Jesus und die Seinen, sondern ein Ideal, eine höhere Form von Person.
Christus ist die Fleischwerdung dieses Gottes der Freiheit und Unabhängigkeit von der Welt, des Gottes, der sich nicht zwingen lässt, dieses Urtypus der Selbstbestimmtheit.

Sein Leben hinzugeben für seine Freunde ist ein Akt der Liebe, ist das Höchste, was die Liebe leisten kann.
Doch welcher Art ist diese Liebe?
Christus, Vorbild in diesen Dingen, nennt seine Jünger, allesamt durch und durch schwache Menschen, nicht Knechte, wie man es von einem höheren, vollendeteren Wesen erwarten würde, sonden Freunde. Damit stellt er sie in gewisser Weise auf die gleiche Stufe wie sich selbst.
Es ist das, was den Menschen vom ihm umgebenden Leben, von der Welt, abhebt, sein göttlicher Funke, was von Christus als ihm (halb) gleichberechtigt annerkannt wird.
Personalität, Freiheit, auch Freiheit sich selbst und Christus zu verleugnen, wie es Petrus tat, um dennoch am Ende vor der Welt zu bestehen, zeichnet den Christen vor den Völkern, den Gojim, zeichnet ihn vor aller Welt aus.

Entsprechend verlangt auch das (an anderer Stelle behandelte) doppelte Liebesgebot, also das Gebot, sowohl Gott, als auch den Nächsten zu lieben, ein Erkennen des göttlichen Lichtes, das man an sich selbst fördert, schützt, verehrt, notwendig hat, liebt, im Nächsten; ein Wiederfinden des Ich im Du.
Das steht im krassen Widerspruch zu kollektivistischen Ideen von der Liebe als einer höheren Form der Selbstauslöschung, wie sie z.B. von Erich Fromm vertreten worden sind.

Wer liebt, der erkennt Gott; in sich, wie in den Anderen.
Eine innere Notwendigkeit, letztlich eine Lebensuntüchtigkeit, treibt den wahren Christen zu dieser Liebe, wie zur Idee der Freiheit, der Göttlichkeit im Allgemeinen.
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.


5. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Joh. 15;1-8

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.
Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.
Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe.
Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.
Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.
Mein Vater wird dadurch verherrlicht, daß ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.

+ + +

Wein.

Die katholische Kirche konnte sich aus mehreren Gründen im Laufe der Geschichte gegen alle anderen sich auf Christus berufenden Glaubensrichtungen, wenn schon nicht moralisch, oder besser: in Hinblick auf ihre Integrität, so doch gesellschaftlich, politisch, durchsetzen: sie paktierte mit der Welt, vor allem mit ihr in der Form des Staates, der Politik, und lieferte sich und das institutionalisierte Christentum dadurch an die bösen Wasser des Flusses der Geschichte aus. Sie pervertierte das Christentum, dieses radikalisierte Judentum, das die Vollendung der Apotheose des Widerstandes gegen die Welt in der Form der Menschwerdung Gottes, des realen Hierseins der Gottheit, Christi, in der Person Jesu zur Grundlage hat, in weiten Teilen zu einer Rechtfertigungsideologie des Treibens der Welt.
Doch am nachhaltigsten wirkte sich auf ihren, wenn nicht zweifelhaften, so doch in seiner Ambivalenz fragwürdigen, Erfolg über die Jahrhunderte der gelungene Versuch aus, mit der Übernahme heidnischer (das ist: die Umstände des Seins rechtfertigender, die Gesetze des Lebens, das Blut, den Rausch, das sich-eins-Fühlen bejahender, damit aber das freie Individuum, das im einen Gott, im Einzigen, seine Überhöhung findet, verneinender) Traditionen die Massen in ihren Bann zu ziehen.
Es ist die sinnliche Praxis im katholischen Gottesdienst, (das bedeutet auch: bis zu einem gewissen Grad das „Magische“) die ein tiefsitzendes Bedürfnis der Meisten nach rauschhafter Vernebelung, nach „innerem Frieden“ bedient. Damit aber wird die Gruppe der wenigen „Auserwählten“, die Christus notwendig haben, zur Massenheilsanstalt für die Meisten, zur katholischen Kirche, damit aber zum „Opium des Volkes“, zu einem Schmerzmittel. Sie wird für die „Kinder Gottes“ zu einem Hindernis in ihrem Kampf um Freiheit.

Doch zur Ambivalenz der „Volkskirche“ gehört auch, dass sie uns, durch ihre Konzessionen an die Welt, mit eingängigen und doch tiefen Symbolen und Bildern zum Wesen Christi, damit auch zum Wesen unseres „inneren Gottes“ beschenkt.
Ein solches Symbol ist der Messwein, der zur Gabenbereitung mit einem Tropfen Wasser verschnitten wird.
Dieser Vorgang symbolisiert die Natur Christi, die neben dem Göttlichen (dem Wein nämlich) auch noch die Kreatürlichkeit, die Lebendigkeit des Menschen Jesus einschließt (sie ist symbolisiert durch das Wasser). In der Person Jesu konnte sich, wie anderswo schon erwähnt, sein „innerer Gott“, Christus, von seiner Gebundenheit an die Erde, von der Determiniertheit seiner „inneren Pflanze“ emanzipiren. Im Kelch, der später, nach der Wandlung nämlich, das Blut Christi fassen wird, findet sich, neben dem vernachlässigbaren, aber immer präsenten, immer drohenden, Tropfen Lebendigkeit, Wasser, eine viel größere Menge Wein.

Um Wein und um Göttlichkeit geht es auch im Gleichnis des heutigen Evangeliums.
Anteil zu haben am Christus (das ist: am „inneren Gott“ in seiner stärksten, sogar, in der Welt so nie dagewesenen, siegreichen Form) bedeutet nicht seine Ichlichkeit auszulöschen in irgend einem rauschhaften Aufgehobensein in ewiger Bewusstlosigkeit, also das, was sich die Meisten unter Seligkeit vorstellen, sondern, seine (halbe) Göttlichkeit, damit seine teilweise Abgelöstheit von der Welt, nicht zu verleugnen, sondern, im Gegenteil, zu pflegen, damit sie wachsen kann und Frucht bringen kann. Ihre Frucht ist die Freiheit der „Kinder Gottes“.
Der Sieg des Christus, des Wortes, des λόγος über die Welt, über die Pflanze, verheißt den wahren Christen, wenn schon nicht Erfolg, so doch Integrität, ein sich-selbst-bewahren-Können, in ihrem Kampf um Freiheit in einer feindlichen Welt.
Doch wer sich korrumpieren lässt, wer vom Weg der Selbstheit abgeht, der mag zwar von dieser Welt für seinen Verrat an sich selbst belohnt werden, seine Göttlichkeit, seine Fähigkeit Frucht, Wein hervorzubringen büßt er aber ein. Er erschwert damit auch die Bedingungen des Kampfes derer, die Christus notwendig haben, der „Kinder des Lichts“, um Freiheit, um Würde. Ein frommer Wunsch dieser Menschen, dass er im ewigen Feuer brenne.

Die „Freiheit der Kinder Gottes“ ist die Freiheit des Teiles in uns, der den einzelnen Menschen (abseits der Gattung, den Zwängen des Lebens) zum Individuum macht. Es ist die Freiheit des Selbst, das mit einem abwägenden Willen, mit der Möglichkeit zur Willkür im Denken und Handeln, mit der Fähigkeit zur freien Entscheidung ausgestattet ist. Freiheit ist auch Abgetrenntsein.
Im Rausch, im Reich des Dionysos, gibt es kein Ich und kein Du, nur ein Wir; Aufgehobensein, Pflanzenhaftigkeit. Die Alternative ist: Glück oder Freiheit.
Dieser Wein, der die Gottheit symbolisiert; muss er nicht, statt Rausch zu erzeugen, wach und frisch machen?
Es handelt sich wohl um Essig. Doch das macht nichts: Freiheit hat ihren Preis und selbst die Aussicht, die Hoffnung auf sie, ist diesen Preis wert.


4. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Joh. 10;11-18

Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.
Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, läßt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht,
weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.
Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,
wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.
Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.
Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen.
Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

+ + +

Die Selbstheit des Christus.
Der gute Hirte, dem etwas an seiner Herde liegt, ist ein Eigner, kein Sklave, der nur seine Pflicht gegenüber der Obrigkeit erfüllt.
Warum sollte der Sklave für die Erhaltung der Macht, die ihn unterdrückt, auch nur einen Finger rühren. Er tut gut daran, seinen Herren zu verraten.
Die Welt kann nur versklaven; und der ist ein freier Sklave, der ihrer Macht, ihren Determinismen, wenn er kann, in den Rücken fällt.

Doch der, der sich, seinem Selbst, gerecht ist, hat keinen Grund, seinen Besitz zu verraten und hat die Freiheit, nicht als ein von seinem Herrn in den Kampf Gepresster, sondern als Streiter für seine ureigenen Rechte sein Leben zu verlieren.
Er verliert es, weil er sich den Wölfen, das ist: der Gewalt der Welt, nicht unterwerfen will.
Sein Eigentum an sich selbst bedeutet ihm mehr, als seine bloße körperliche Existenz.

Christus, der von den Toten auferstehen wird, hat die Bindung an die alte Mutter Erde, hat sein Unterworfensein unter die Gesetze des Lebens überwunden. Er kann, ohne Furcht, sein Leben geben, um es wieder zu verlangen.

Im heutigen Evangelium geht es um Freiheit.
Die (halbe) Freiheit des Christenmenschen, des „Spannungsmenschen“ als des impotenten Gottes, vervollständigt sich im Mythos vom Christus zur ganzen Freiheit, zur Gottheit.


3. Sonntag in der Osterzeit (Lesejahr B)/Lk. 24;35-48

Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.
Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.
Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum laßt ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen?
Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Faßt mich doch an, und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.
Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier?
Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch;
er nahm es und aß es vor ihren Augen.
Dann sprach er zu ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Alles muß in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist.
Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift.
Er sagte zu ihnen: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen,
und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden.
Ihr seid Zeugen dafür.

+ + +

Die Ausweise der Authentizität Christi und seiner Göttlichkeit sind die Zeichen seiner Folterungen durch die Welt.
Sie sind gleichzeitig Zeichen seines Sieges über die Gerechtigkeit der Welt und die Determinismen, denen alles unterworfen ist, was lebendig ist. Dieser, bereits letzten Sonntag thematisierte, „doppelte Sieg“ des Christus über die Welt, des „inneren Gottes“ über das pflanzenhafte Sein im Menschen Jesus, ist das fast-nicht-Begreifbare, das Unerhörte; ist der Mythos des von den „Tschandalas“ aller Zeiten und Landstriche herbeigesehnte Moments der Rache der „Spannungsmenschen“ an den immer gleichen und unergründlichen, versklavenden Gesetzen des Lebens; am Leben selbst.

Doch ganz abgesehen davon stehen sie auch noch für die Menschlichkeit Jesu. Sie stehen für das „Verhaftetsein“ der Göttlichkeit des Menschen im Leben, für die ständige Unterwerfung der Gottheit unter das Leben in dieser Welt.
Denn Gottes Sohn, vor allen Zeiten gezeugt, nicht geschaffen, ewig, Richter über die Welt am Ende der Zeiten, also außerhalb der Welt, kann innerhalb der Welt, den Spielregeln des Lebens folgend, nur den Tod eines Ausgestoßenen, eines Sklaven, eines Aufrühers, eines „Tschandalas“ sterben.

Die Gottheit ist im Menschen.
Sie ist fremd in der Welt und klein innerhalb der Spielregeln des Lebens.
Sie ist Selbstheit, Autonomie, Freiheit. Sie ist das Sein in der ersten Person:
Ich bin.


Weißer Sonntag/Joh. 20;19-31

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen.
Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.
Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!
Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan.
Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

+ + +

Durch seine Auferstehung nihilierte Christus die Wirkmächtigkeit der Justiz der Herrschenden. Der den „Kindern des Lichts“ verheißene Sieg des „inneren Gottes“, der in der Welt, in der Realität, den Tatsachen nach, ständig um sein Überleben und seine „halbe Freiheit“ gegenüber den biologischen und sozialen Bedingungen [...] [der] Existenz [des Menschen] kämpfen muss, symbolisiert in der Auferstehung Christi, führt nicht nur die Sterblichkeit des Einzelnen ad absurdum, sondern auch die Dominanz der „Kinder dieser Welt“. Christus verneint in seiner Auferstehung also gleich zwei ewige Tatsachen, zwei Naturgesetze.
Diejenigen der Jünger, der Wenigen, die die Emanzipation ihres „inneren Gottes“ von den Tatsachen, den Zwängen der Welt, notwendig hatten und Christus deswegen gefolgt sind, die sich, unmittelbar nach dem vermeintlichen Sieg der Ordnung, des Staates, der Welt, über einen nihilistischen Aufrührer, nach der Demütigung und endgültigen Niederlage ihres Meisters, seinem Tod am Kreuz also, voller Furcht und in Erwartng ihrer baldigsten Auslöschung in ein gemeinsames Versteck verkrochen und die Türen fest versperrten, war das Wiedersehen mit ihrem Meister, mit Christus, eine Überwindung der Furcht und damit eine Erlösung.
Die „frohe Botschaft“ vom Leben und Wirken Jesu, der sich der Notwendigkeit seiner Abgrenzung von der Welt, seiner Göttlichkeit also, stellt und die Konsequenzen, die aus dieser Abgrenzung und Verneinung folgen, trägt, gipfelt in der Geschichte von der Auferstehung Christi. „Frohe Botschaft“, das ist die gelungene Emanzipation des Einzelnen von der Welt in ihm und um ihn, die Verheißung des ersehnten Sieges des „inneren Gottes“ über alles Pflanzenhafte, alles Lebendige, über die Welt.
Die Jünger, die beim ersten Erscheinen Christi nach seinem Tod anwesend waren erlebten diesen Sieg unmittelbar.

In der kirchlichen Tradition wird der heutige Sonntag auch „Kleinostern“ genannt.
Thomas, dem einzigen der Zwölf, der beim ersten Erscheinen Christi im Kreis der Apostel nicht anwesend war, wird die Unmittelbarkeit der Anschauung des Sieges Christi nicht zuteil. Er kann nicht glauben. Wer könnte auch so etwas nicht sehen und doch glauben, ohne vollkommen frei von allen Bindungen an die Welt, ohne im landläufigen Sinne verückt oder ein Gott oder „selig“ zu sein?
Wie die meisten der „Priesterlinge“, der „Spannungsmenschen“, die die Kultivierung ihres „inneren Gottes“ und den Versuch des Zurechtstutzens ihrer „inneren Pflanze“ notwenig haben, muss Thomas erst erkennen, dass es neben den ewigen Gesetzen der Welt, die so jemanden wie ihn immer in Frage stellen, noch die Realität des Christus gibt.
Erst als Thomas dieser zweiten Realität selbst ansichtig wird, als er die Nihilierung der Gerechtigkeit der Welt, die Nihilierung der Demütigung der Göttlichkeit am Kreuz also, erlebt, um sie weiß, kann er beginnen, ein seiner Priesternatur entsprechendes Leben zu führen.
Jede Erkenntnis der eigenen Priesterlichkeit, jede Entdeckung der eigenen (halben) Freiheit durch einen Spannungsmenschen, jede Entscheidung einer der Wenigen sich selbst gerecht zu werden ist ein kleiner Sieg der Gottheit, ein kleines Ostern.


Karfreitag/Joh. 18;1-40 und 19;1-42

Das Evangelium des Karfreitags ist die Leidensgeschichte Jesu nach Johannes.
Wie schon am Palmsonntag (Lesejahr B), möchte ich das Evangelium über Anker ein wenig besser erschließen.
Der Evangelist berichtet zuerst von der Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane und leitet dann über zum Verhör Jesu durch die jüdischen Autoritäten und dem dreimaligen Verrat durch Petrus (den ich bereits in einer Passage des Kommentars zum Evangelium des Palmsonntags (B) behandelt habe).
Dann folgt der relativ lange Abschnitt über das Verhör und die Verurteilung durch Pilatus. Christus vor Pilatus, schon von Spengler als eine Schlüsselszene für das Verständnis seines Gegensatzes von „Takt“ und „Spannung“ beschrieben, wurde schon am Palmsonntag (Lesejahr B) kurz kommentiert. Wie damals versprochen, werde ich mich heute etwas ausführlicher diesem Thema widmen (am Ende des Abschnittes im Text des Evangeliums verweist eine Fußnote auf den Abschnitt des Kommentars).
Der nachfolgende Abschnitt im Text des Evangeliums beschäftigt sich mit Jesu Tod am Kreuz. Während ich mich in einer entsprechenden Passage im Kommentar des Palmsonntags (Lesejahr B) mit dem Leiden und dem Tod am Kreuz in Bezug auf den Menschen Jesus beschäftigt habe, möchte ich heute, wie damals angekündigt, ein paar kurze Sätze zur Bedeutung des Kreuzes im Konflikt zwischen Christus und seiner Umwelt, zwischen Gott und Welt, zu Papier bringen. Es geht um den Sieg der Welt, um den Tod Gottes (am Ende des Abschnittes im Text des Evangeliums verweist eine Fußnote auf den Abschnitt des Kommentars).
Im letzten Textabschnitt des heutigen Evangeliums wird über die Bestattung Jesu berichtet.

+ + +

Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus, auf die andere Seite des Baches Kidron. Dort war ein Garten; in den ging er mit seinen Jüngern hinein.
Auch Judas, der Verräter, der ihn auslieferte, kannte den Ort, weil Jesus dort oft mit seinen Jüngern zusammengekommen war.
Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und der Pharisäer, und sie kamen dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen.
Jesus, der alles wußte, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr?
Sie antworteten ihm: Jesus von Nazaret. Er sagte zu ihnen: Ich bin es. Auch Judas, der Verräter, stand bei ihnen.
Als er zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und stürzten zu Boden.
Er fragte sie noch einmal: Wen sucht ihr? Sie sagten: Jesus von Nazaret.
Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, daß ich es bin. Wenn ihr mich sucht, dann laßt diese gehen!
So sollte sich das Wort erfüllen, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.
Simon Petrus aber, der ein Schwert bei sich hatte, zog es, schlug nach dem Diener des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab; der Diener hieß Malchus.
Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide! Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat - soll ich ihn nicht trinken?

Die Soldaten, ihre Befehlshaber und die Gerichtsdiener der Juden nahmen Jesus fest, fesselten ihn
und führten ihn zuerst zu Hannas; er war nämlich der Schwiegervater des Kajaphas, der in jenem Jahr Hohepriester war.
Kajaphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte: Es ist besser, daß ein einziger Mensch für das Volk stirbt.
Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Dieser Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Hof des hohepriesterlichen Palastes.
Petrus aber blieb draußen am Tor stehen. Da kam der andere Jünger, der Bekannte des Hohenpriesters, heraus; er sprach mit der Pförtnerin und führte Petrus hinein.
Da sagte die Pförtnerin zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er antwortete: Nein.
Die Diener und die Knechte hatten sich ein Kohlenfeuer angezündet und standen dabei, um sich zu wärmen; denn es war kalt. Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.
Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.
Jesus antwortete ihm: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im geheimen gesprochen.
Warum fragst du mich? Frag doch die, die mich gehört haben, was ich zu ihnen gesagt habe; sie wissen, was ich geredet habe.
Auf diese Antwort hin schlug einer von den Knechten, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sagte: Redest du so mit dem Hohenpriester?
Jesus entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?
Danach schickte ihn Hannas gefesselt zum Hohenpriester Kajaphas.
Simon Petrus aber stand (am Feuer) und wärmte sich. Sie sagten zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern? Er leugnete und sagte: Nein.
Einer von den Dienern des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte, sagte: Habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen?
Wieder leugnete Petrus, und gleich darauf krähte ein Hahn.

Von Kajaphas brachten sie Jesus zum Prätorium; es war früh am Morgen. Sie selbst gingen nicht in das Gebäude hinein, um nicht unrein zu werden, sondern das Paschalamm essen zu können.
Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Menschen?
Sie antworteten ihm: Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert.
Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn doch, und richtet ihn nach eurem Gesetz! Die Juden antworteten ihm: Uns ist es nicht gestattet, jemand hinzurichten.
So sollte sich das Wort Jesu erfüllen, mit dem er angedeutet hatte, auf welche Weise er sterben werde.
Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?
Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?
Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?
Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.
Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.
Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.
Ihr seid gewohnt, daß ich euch am Paschafest einen Gefangenen freilasse. Wollt ihr also, daß ich euch den König der Juden freilasse?
Da schrien sie wieder: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Straßenräuber.
Darauf ließ Pilatus Jesus geißeln.
Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um.
Sie stellten sich vor ihn hin und sagten: Heil dir, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht.
Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, daß ich keinen Grund finde, ihn zu verurteilen.
Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, da ist der Mensch!
Als die Hohenpriester und ihre Diener ihn sahen, schrien sie: Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm! Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn, und kreuzigt ihn! Denn ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.
Die Juden entgegneten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muß er sterben, weil er sich als Sohn Gottes ausgegeben hat.
Als Pilatus das hörte, wurde er noch ängstlicher.
Er ging wieder in das Prätorium hinein und fragte Jesus: Woher stammst du? Jesus aber gab ihm keine Antwort.
Da sagte Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht, dich zu kreuzigen?
Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre; darum liegt größere Schuld bei dem, der mich dir ausgeliefert hat.
Daraufhin wollte Pilatus ihn freilassen, aber die Juden schrien: Wenn du ihn freiläßt, bist du kein Freund des Kaisers; jeder, der sich als König ausgibt, lehnt sich gegen den Kaiser auf.
Auf diese Worte hin ließ Pilatus Jesus herausführen, und er setzte sich auf den Richterstuhl an dem Platz, der Lithostrotos, auf hebräisch Gabbata, heißt.
Es war am Rüsttag des Paschafestes, ungefähr um die sechste Stunde. Pilatus sagte zu den Juden: Da ist euer König!
Sie aber schrien: Weg mit ihm, kreuzige ihn! Pilatus aber sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser.1

Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf hebräisch Golgota heißt.
Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus.
Pilatus ließ auch ein Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden.
Dieses Schild lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefaßt.
Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern daß er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.
Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.
Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen. Sie nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war.
Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus.
Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.
Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn!
Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wußte, daß nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet.
Ein Gefäß mit Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund.
Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.2

Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen und ihre Leichen dann abnehmen; denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag.
Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war.
Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht,
sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus.
Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, daß er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt.
Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.
Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.
Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden nur heimlich. Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es. Also kam er und nahm den Leichnam ab.
Es kam auch Nikodemus, der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund.
Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.
An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war.
Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.

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Christus vor Pilatus.
Die Geschichte vom Sonderling aus der äußersten Peripherie der zivilisieren Welt, der, angesichts der Herrlichkeit römischer Herrschaft, einer Herrschaft, die in den Köpfen der damaligen Menschen ident mit der universalen Ordnung der Welt war, angesichts des universalen Anspruchs weltlicher Macht, verkörpert in Pilatus, selbst angesichts seines eigenen totalen Ausgeliefertseins an diese Mächte, geradezu verstockt nicht und nicht von seiner Behauptung ließ, er wäre ein König, ist, gesetzt, man würde sie zum ersten Mal hören, schon etwas sehr Eigenartiges.

Alle Welt sieht auf Pilatus und die Insignien seiner Macht, auf seine Macht selbst und hält ihn und mit ihm die ganze staatliche Herrlichkeit, hier römischer Ausprägung, für selbstherrlich, für frei; in jedem Fall für freier, als den kleinen Prediger, den Aufrührer, den Pilatus vor sich hat und dessen Beweggründe für sein trotziges, für sein geradezu freches Verhalten der „Mann von Welt“ nicht erkennen kann. Jesus ist für Pilatus möglicherweise ein Verrückter, wahrscheinlich hält er ihn jedoch einfach für harmlos.
Umgekehrt ist die Herrlichkeit des Pilatus und alles, wofür er exemplarisch steht, für Christus in seiner Bedingtheit durch die äußeren Umstände sklavisch. Pilatus ist für unseren „inneren Gott“ nur eine Funktion, eine austauschbare Größe innerhalb der Geschichte (zu der sich das Leben im Laufe der Entwicklung des Menschen sublimiert hat). Für Christus ist nur im Verzicht auf alle Zusammenarbeit mit der Welt wahre Freiheit.

Vielleicht stehen auch die Rollen- und Ortswechsel des Pilatus, nämlich immer dann, wenn er von der selbstsicheren Position des „Mannes von Welt“, des Staatsmannes und Würdenträgers, in die Rolle eines ängstlichen Fremden wechselt, der die Gesetzmäßigkeiten, nach denen seine Umgebung funktioniert, nur mit Unverständnis und Furcht zur Kenntnis nehmen kann, immer dann also, wenn er aus der Sicherheit seines Palastes, seines Amtssitzes, seiner vertrauten Welt, in die Realität Christi und der jüdischen Priester tritt, symbolisch für die, zuerst von Oswald Spengler ausformulierte, Unvereibarkeit von „Takt und Spannung“.
Die jüdischen Priester kennen das Welterleben Christi, so wie Christus von den Dingen, die die jüdischen Intellektuellen bewegen, weiß. Sie bekämpfen sich auf Grund einer unterschiedlichen Auffassung (oder eines unterschiedlichen Grades der Reinheit, Abgelöstheit von der Welt) von Wahrheit.
Der römische Staat, das Spiel von Selbst- und Fremdunterwerfung, der Schein, die Herrlichkeit der Welt. Hier fühlt sich Pilatus zu Hause. Es sind „Tatsachen“. Sie sind. Es sind keine „Wahrheiten“.
Was ist Wahrheit?

Dieser Jesus stellt, so könnte man es, wenn man ihm nicht gut gesinnt wäre (und die jüdische Priesteraristokratie war Jesus nicht gut gesinnt), auslegen, die Autorität des Kaisers mit seinen weltfremden Äußerungen über sein Königtum in Frage.
Dieser Tatsache kann Pilatus nicht den Gehorsam verweigern.
Deswegen die Verurteilung Christi. Denn die Ordnung, in der Pilatus oder der Kaiser in Rom oder von mir aus auch Iuppiter Optimus Maximus, wie gesagt, nur eine Funktion, austauschbar sind, ist total, ist die Welt.
Und die Welt will über Jesus, auch wenn er für sie nur ein Träumer, ein Verrückter, ein harmloser „Idiot“ ist, siegen.

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Auf Golgota meinte die Welt ein weiteres Mal über all das zu siegen, was ihr nicht sklavisch ergeben sein kann.
Der Tod Christi ist der Tod eines Aufrührers; gar der eines unbotmäßigen Sklaven. Gott ist Auflehnung gegen die Welt.

Der Tod Christi hatte sich bis zu Golgota schon oft ereignet. Er ereignete sich nach Golgota noch unzählige Male.
Jeder Sieg einer bedingungslos von den Meisten als richtig erspürten Ordnung, einer Ordnung, die voller Emotion, die voller Empörung gegen ihre Feinde verteidigt wird, über eben diese Feinde, ist der Mord an einem Teil des Menschen, der abgelöst von der Welt und ihren Zwängen sein will, ist der Mord am göttlichen Funken im Menschen. Die Wiederherstellung der Ordnung im Sinne der Gesetzmäßigkeiten der Welt, nach dem Geschmacke der Meisten ist Gottesmord.

Der störende Mitarbeiter ist endlich aus der Firma gemobbt.
Der Kriminelle heuchelt endlich Anpassung an die Gesellschaft, indem er leere Worthülsen gedankenlos reproduziert. Er ist somit resozialisiert.
Endlich nimmst du Vernunft an! (Jetzt denkst du so wie wir alle.)
Die Attraktivität von Sekten und Psychogruppen scheint insgesamt abzunehmen.
Ein gesellschaftlicher Grundkonsens in dieser Frage darf vorausgesetzt werden.
Es gibt eine Leitkultur.
Alt, aber noch aktiv; jung und leistungswillig.
Das sollte in der Gruppe erarbeitet werden.
Die allgemeine Gewaltbereitschaft scheint, auf Grund der Tätigkeit von Streetworkern und anderen Sozialarbeitern, abgenommen zu haben.
Die Gespräche am Runden Tisch führten im Ergebnis zu einer Regierungsbeteilingung der Rebellen.
We are the people.
Wir Österreicher, wir Sozialdemokraten; wir Katholiken; wir Arbeitnehmer; wir Schwule und Lesben; wir Gotschuchener. Wir sind wir.
Wir. Nicht Du. Nicht Ich.
Wir.

Auf der Schädelhöhe, die auf hebräisch Golgota heißt, wird ein Aufrührer, ein „Neinsager“, jemand, der sich nicht anpassen wollte und sich selbst aus der Gemeinschaft auschloss, ein „Individuum“ und „Subjekt“ (beides bis heute Schimpfwörter in der Welt der Fleißigen und Anständigen) getötet. Die Ordnung ist wieder hergestellt und Ruhe tritt ein.
Gott ist tot.

Schon so oft ist er gestorben.
Immer dann, wenn sich jemand dem Wir verweigert, weil er muss, ist Gott auf einmal da. Immer dann, wenn der einzelne Mensch seinen Widerstand gegen die Welt aufgibt, oder wenn er gebrochen wird, stirbt Gott ein weiteres Mal.
Seine häufigen Tode sind ein untrügliches Zeichen für die Ewigkeit seines Seins.


Gründonnerstag/Joh. 13;1-15

Es war vor dem Paschafest. Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.
Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern.
Jesus, der wußte, daß ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und daß er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte,
stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch.
Dann goß er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war.
Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen?
Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen.
Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.
Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.
Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle.
Er wußte nämlich, wer ihn verraten würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe?
Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.
Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen.
Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

+ + +

In der Nächstenliebe der Christen kommt, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, die Verehrung dessen zum Ausdruck, was am Menschen nicht durch die äußeren Zwänge der biologischen und sozialen Bedingungen seiner Existenz determiniert ist.
Der von mir so genannte „innere Gott“, als Gegensatz zur von mir so genannten „inneren Pflanze“, also als Gegensatz zu eben diesen oben beschriebenen Bedingungen, ist die potenzielle „halbe Freiheit“ des Menschen gegenüber der Welt; sein göttlicher Funke; das was ihm zum Abbild Gottes macht.
Christus ist dieser „innere Gott“ in Reinform. Der Mensch Jesus ist jemand, der die besondere Hervorhebung und Entwicklung seines „inneren Gottes“ gegenüber den Determinismen des Lebens wie selten jemand aus sich heraus notwendig hat, weil er, wie es Nietzsche in seinem „Antichristen“ aus Sicht der Welt formuliert, ein „Idiot“, ein Realitätsverweigerer, oder, wie ich es formuliere, ein „Spannungsmensch“ ist.
Beide Bezeichnungen bedeuten, dass Jesus, aus einem Defizit, einer Lebensuntüchtigkeit heraus, diejenigen Anteile seines Menschseins, die ihm zum Einzelnen, zum Individuum machen, das, aus sich heraus und nicht eingebunden in das Kollektiv, sich selbst Grund und Ziel seines Denkens und Handelns sein will, seinen „inneren Gott“ also, soweit als nur irgend möglich von seinem Dasein als Teil dieser Welt, von seiner Lebendigkeit, emanzipieren muss.

Die Berufung der Jünger Christi war für sie ein Bewusstwerden der in ihrer Natur liegenden Notwendigkeit, ihr Selbst von den Zwängen des Lebens so weit als möglich zu befreien.
Jesus sah in den Brüchen seiner Jünger mit ihren vorhergegangenen Leben einen Abglanz seines Christus. Er liebte den „inneren Gott“ seiner Jünger, weil er Christus, und das, was er (Christus) mit ihm machte liebte. Und er liebte sein Selbst in den Anderen so sehr, dass es ihm nicht zur Schande, sondern zur Ehre gereichte, an den Selbsten der Apostel einen Sklavendienst zu verrichten. Denn das Waschen der Füße der Gäste vor einem jüdischen Gastmahl war die Aufgabe von Sklaven.

Die Jünger, die, da sie noch im viel stärkeren Ausmaß als der Gott- und Menschensohn Teil dieser Welt sind, in dieser Handlung Jesu eine Verminderung nicht seines Selbst, sondern seines Ranges sehen, begreifen noch nicht. Doch, so die Verheißung Christi, sie werden begreifen.
Anteil zu haben am Göttlichen treibt sie, den Respekt vor dem Rang, der zum Ganzen gehört, zu verlieren und sich der Liebe zur Person, zu Gott im Anderen und in sich selbst, bewusst zu werden. Gerade Petrus wird, so die Überlieferung, Anteil haben an Christus. Er wird, wie jener, für die Notwendigkeit seiner Andersartigkeit, die für die Welt „eine Torheit und ein Ärgernis“ ist, einen schmerzhaften Tod sterben.

Judas war ein moralischer Mensch.
Während der Ereignisse in Betanien (eine Frau, der Evangelist Johannes identifiziert sie mit Maria, der Schwester Marthas, salbte Jesu Haupt, ja sogar seine Füße mit einem teuren Öl, das vorzugsweise für den sakralen Gebrauch bestimmt war) machte Judas sowohl der Frau als auch Jesus heftigste Vorwürfe.
Man hätte, anstatt solche Werte an ein Individuum zu verschwenden, das Öl verkaufen und den Erlös der Gemeinschaft zukommen lassen sollen.
Judas war nicht nur moralisch, er war auch jemand mit ausgeprägtem Gemeinsinn und einem Hang fürs Praktische.
Beide, der Moralist und der Praktiker, sind nur schwer mit dem Neinsager, dem „Idioten“, mit Jesus und Seinesgleichen, zu versöhnen. Denn Jesus geht es um seinen Christus und seine Entsprechungen im Wesen seiner von ihm geliebten Jünger.
Dem „politischen Menschen“ geht es nicht um die Person, um das Selbst bei sich und bei den Anderen, sondern um die Gemeinschaft, das Kollektiv, die große Zahl.
Dass die Judasse aller Landschaften und Zeiten von ihren Jesusen zuerst, wohl auf Grund eines Missverständnisses betreffend der Moral, die für die „Spannungsmenschen“ eine Sache des Du und Ich, für die politischen Praktiker eine Sache des Wir ist, angezogen, später diese von ihnen jedoch allesamt auf die eine oder andere Weise verraten wurden, ist eine Deutungsmöglichkeit des Widerspruchs zwischen dem Wollen weltanschaulicher Vordenker und dem späteren Handeln der politischen Praktiker, die sich auf sie berufen.
Zugegebenermaßen war Marx kein Jesus, doch Lenin war ein Judas – und nicht der Einzige im „interessanten“, im schrecklichen 20. Jahrhundert.


Palmsonntag (Lesejahr B)/Mk. 14;1-72 und 15;1-47 (Passionsgeschichte nach Markus)

Das Evangelium am Palmsonntag des Lesejahres B ist die Passionsgeschichte nach Markus. Nachdem dieser Text sehr lang ist, möchte ich ihn und das dazugehörige Kommentar über Anker ein bisschen besser erschließen: Hier geht es zum Beginn des Kommentars.
Zunächst einmal erzählt der Evangelist von einer Begebenheit in Betanien. Im Haus eines Jüngers stößt Christus seine Gutmenschenanhängerschaft vor den Kopf. (zum Abschnitt des Kommentars; im Evangelium ist der Link am Ende des Abschnittes mit einer Fußnote ausgewiesen)
Mit den Ereignissen rund um den Verrat des Judas Iskariot und das letzte Abendmahl wird sich der Predigtdienst am Gründonnerstag beschäftigen.
Das Gebet am Ölberg, die Gefangennahme, die Feigeit und Schwäche des ersten der Christen (der Verrat der Priesternaturen an sich selbst begleitet das Christentum seit zwei Jahrtausenden) wird hier behandelt (im Evangelium ist der Link am Ende des Abschnittes mit einer Fußnote ausgewiesen).
Christus vor Pilatus wird von mir am Karfreitag behandelt. (genau hier)
Zum Kreuzestod Christi werde ich in Bezug auf die persönliche Haltung des „Spannungsmenschen Jesus“ im Kommentar des Palmsonntags (im Evangelium ist der Link am Ende des Abschnittes mit einer Fußnote ausgewiesen), in Bezug auf den vermeintlichen Sieg der Welt und den Tod Gottes im Kommentar zum Karfreitagsevangelium ein paar Gedanken äußern.

+ + +

Es war zwei Tage vor dem Pascha und dem Fest der Ungesäuerten Brote. Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen, um ihn zu töten.
Sie sagten aber: Ja nicht am Fest, damit es im Volk keinen Aufruhr gibt.

Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goß das Öl über sein Haar.
Einige aber wurden unwillig und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung?
Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie machten der Frau heftige Vorwürfe.
Jesus aber sagte: Hört auf! Warum laßt ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
Denn die Armen habt ihr immer bei euch, und ihr könnt ihnen Gutes tun, so oft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer.
Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt.
Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat.1

Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging zu den Hohenpriestern. Er wollte Jesus an sie ausliefern.
Als sie das hörten, freuten sie sich und versprachen, ihm Geld dafür zu geben. Von da an suchte er nach einer günstigen Gelegenheit, ihn auszuliefern.
Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Paschalamm schlachtete, sagten die Jünger zu Jesus: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?
Da schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm,
bis er in ein Haus hineingeht; dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister läßt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann?
Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoß zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor!
Die Jünger machten sich auf den Weg und kamen in die Stadt. Sie fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
Als es Abend wurde, kam Jesus mit den Zwölf.
Während sie nun bei Tisch waren und aßen, sagte er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern, einer von denen, die zusammen mit mir essen.
Da wurden sie traurig, und einer nach dem andern fragte ihn: Doch nicht etwa ich?
Er sagte zu ihnen: Einer von euch Zwölf, der mit mir aus derselben Schüssel ißt.
Der Menschensohn muß zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib.
Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern, und sie tranken alle daraus.
Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.
Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.

Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.
Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet alle (an mir) Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe zerstreuen.
Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.
Da sagte Petrus zu ihm: Auch wenn alle (an dir) Anstoß nehmen - ich nicht!
Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Noch heute nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
Petrus aber beteuerte: Und wenn ich mit dir sterben müßte - ich werde dich nie verleugnen. Das gleiche sagten auch alle anderen.
Sie kamen zu einem Grundstück, das Getsemani heißt, und er sagte zu seinen Jüngern: Setzt euch und wartet hier, während ich bete.
Und er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst,
und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht!
Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, daß die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe.
Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll geschehen).
Und er ging zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Simon, du schläfst? Konntest du nicht einmal eine Stunde wach bleiben?
Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
Und er ging wieder weg und betete mit den gleichen Worten.
Als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend, denn die Augen waren ihnen zugefallen; und sie wußten nicht, was sie ihm antworten sollten.
Und er kam zum drittenmal und sagte zu ihnen: Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Es ist genug. Die Stunde ist gekommen; jetzt wird der Menschensohn den Sündern ausgeliefert.
Steht auf, wir wollen gehen! Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da.
Noch während er redete, kam Judas, einer der Zwölf, mit einer Schar von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren; sie waren von den Hohenpriestern, den Schriftgelehrten und den Ältesten geschickt worden.
Der Verräter hatte mit ihnen ein Zeichen vereinbart und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es. Nehmt ihn fest, führt ihn ab, und laßt ihn nicht entkommen.
Und als er kam, ging er sogleich auf Jesus zu und sagte: Rabbi! Und er küßte ihn.
Da ergriffen sie ihn und nahmen ihn fest.
Einer von denen, die dabeistanden, zog das Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab.
Da sagte Jesus zu ihnen: Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen.
Tag für Tag war ich bei euch im Tempel und lehrte, und ihr habt mich nicht verhaftet; aber (das ist geschehen), damit die Schrift in Erfüllung geht.
Da verließen ihn alle und flohen.
Ein junger Mann aber, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, wollte ihm nachgehen. Da packten sie ihn;
er aber ließ das Tuch fallen und lief nackt davon.
Darauf führten sie Jesus zum Hohenpriester, und es versammelten sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten.
Petrus aber war Jesus von weitem bis in den Hof des hohepriesterlichen Palastes gefolgt; nun saß er dort bei den Dienern und wärmte sich am Feuer.
Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können; sie fanden aber nichts.
Viele machten zwar falsche Aussagen über ihn, aber die Aussagen stimmten nicht überein.
Einige der falschen Zeugen, die gegen ihn auftraten, behaupteten:
Wir haben ihn sagen hören: Ich werde diesen von Menschen erbauten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen errichten, der nicht von Menschenhand gemacht ist.
Aber auch in diesem Fall stimmten die Aussagen nicht überein.
Da stand der Hohepriester auf, trat in die Mitte und fragte Jesus: Willst du denn nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen?
Er aber schwieg und gab keine Antwort. Da wandte sich der Hohepriester nochmals an ihn und fragte: Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?
Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.
Da zerriß der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen?
Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist schuldig und muß sterben.
Und einige spuckten ihn an, verhüllten sein Gesicht, schlugen ihn und riefen: Zeig, daß du ein Prophet bist! Auch die Diener schlugen ihn ins Gesicht.
Als Petrus unten im Hof war, kam eine von den Mägden des Hohenpriesters.
Sie sah, wie Petrus sich wärmte, blickte ihn an und sagte: Auch du warst mit diesem Jesus aus Nazaret zusammen.
Doch er leugnete es und sagte: Ich weiß nicht und verstehe nicht, wovon du redest. Dann ging er in den Vorhof hinaus.
Als die Magd ihn dort bemerkte, sagte sie zu denen, die dabeistanden, noch einmal: Der gehört zu ihnen.
Er aber leugnete es wieder ab. Wenig später sagten die Leute, die dort standen, von neuem zu Petrus: Du gehörst wirklich zu ihnen; du bist doch auch ein Galiläer.
Da fing er an zu fluchen und schwor: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet.
Gleich darauf krähte der Hahn zum zweitenmal, und Petrus erinnerte sich, daß Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er begann zu weinen.2

Gleich in der Frühe fassten die Hohenpriester, die Ältesten und die Schriftgelehrten, also der ganze Hohe Rat, über Jesus einen Beschluss: Sie ließen ihn fesseln und abführen und lieferten ihn Pilatus aus.
Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es.
Die Hohenpriester brachten viele Anklagen gegen ihn vor.
Da wandte sich Pilatus wieder an ihn und fragte: Willst du denn nichts dazu sagen? Sieh doch, wie viele Anklagen sie gegen dich vorbringen.
Jesus aber gab keine Antwort mehr, so dass Pilatus sich wunderte.
Jeweils zum Fest ließ Pilatus einen Gefangenen frei, den sie sich ausbitten durften.
Damals saß gerade ein Mann namens Barabbas im Gefängnis, zusammen mit anderen Aufrührern, die bei einem Aufstand einen Mord begangen hatten.
Die Volksmenge zog (zu Pilatus) hinauf und bat, ihnen die gleiche Gunst zu gewähren wie sonst.
Pilatus fragte sie: Wollt ihr, dass ich den König der Juden freilasse?
Er merkte nämlich, dass die Hohenpriester nur aus Neid Jesus an ihn ausgeliefert hatten.
Die Hohenpriester aber wiegelten die Menge auf, lieber die Freilassung des Barabbas zu fordern.
Pilatus wandte sich von neuem an sie und fragte: Was soll ich dann mit dem tun, den ihr den König der Juden nennt?
Da schrien sie: Kreuzige ihn!
Pilatus entgegnete: Was hat er denn für ein Verbrechen begangen? Sie schrien noch lauter: Kreuzige ihn!
Darauf ließ Pilatus, um die Menge zufrieden zu stellen, Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.

Die Soldaten führten ihn in den Palast hinein, das heißt in das Prätorium, und riefen die ganze Kohorte zusammen.
Dann legten sie ihm einen Purpurmantel um und flochten einen Dornenkranz; den setzten sie ihm auf
und grüßten ihn: Heil dir, König der Juden!
Sie schlugen ihm mit einem Stock auf den Kopf und spuckten ihn an, knieten vor ihm nieder und huldigten ihm.
Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Purpurmantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen.
Einen Mann, der gerade vom Feld kam, Simon von Zyrene, den Vater des Alexander und des Rufus, zwangen sie, sein Kreuz zu tragen.
Und sie brachten Jesus an einen Ort namens Golgota, das heißt übersetzt: Schädelhöhe.
Dort reichten sie ihm Wein, der mit Myrrhe gewürzt war; er aber nahm ihn nicht.
Dann kreuzigten sie ihn. Sie warfen das Los und verteilten seine Kleider unter sich und gaben jedem, was ihm zufiel.
Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.
Und eine Aufschrift (auf einer Tafel) gab seine Schuld an: Der König der Juden.
Zusammen mit ihm kreuzigten sie zwei Räuber, den einen rechts von ihm, den andern links.
Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und riefen: Ach, du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen?
Hilf dir doch selbst und steig herab vom Kreuz!
Auch die Hohenpriester und die Schriftgelehrten verhöhnten ihn und sagten zueinander: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen.
Der Messias, der König von Israel! Er soll doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben. Auch die beiden Männer, die mit ihm zusammen gekreuzigt wurden, beschimpften ihn.
Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde.
Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloï, Eloï, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Hört, er ruft nach Elija!
Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: Lasst uns doch sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt.
Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.
Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei.
Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.
Auch einige Frauen sahen von weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome;
sie waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. Noch viele andere Frauen waren dabei, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren.
Da es Rüsttag war, der Tag vor dem Sabbat, und es schon Abend wurde,
ging Josef von Arimathäa, ein vornehmer Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete, zu Pilatus und wagte es, um den Leichnam Jesu zu bitten.
Pilatus war überrascht, als er hörte, dass Jesus schon tot sei. Er ließ den Hauptmann kommen und fragte ihn, ob Jesus bereits gestorben sei.
Als der Hauptmann ihm das bestätigte, überließ er Josef den Leichnam.
Josef kaufte ein Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes.
Maria aus Magdala aber und Maria, die Mutter des Joses, beobachteten, wohin der Leichnam gelegt wurde.3

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Als Jesus, sechs Tage vor seinem Tod, in ein Haus in Betanien einkehrte, geschah etwas, das dem Empfinden der rührigen Weltverbesserer im Umfeld Christi zutiefst zuwider laufen musste:
Eine Frau, beim Evangelisten Johannes, der diese Geschichte ebenfalls überliefert (Joh. 12;1-7) wird sie mit Maria, der Schwester der Martha, identifiziert, verschwendet riesige Mengen eines kostbaren Öles, das eigentlich nur bei sakralen Handlungen zum Einsatz kommt, an der konkreten Person Jesu. Bei Markus salbt sie ihm nur das Haupt, bei Johannes selbst noch die Füße.

Die Schwestern Maria und Martha erscheinen an anderer Stelle (Lk. 10;38-42) als die jeweilige Verkörperung des Kerns der Botschaft Christi bzw. deren Korruption und Missbrauch als Instrument der Sozialdisziplinierung.
Als nämlich Christus (bei Lukas) einmal in das Haus der beiden Frauen einkehrt, beginnt die fleißige und anständige, auf die Konventionen der Gesellschaft peinlichst achtende Martha dem Gast, der ja, auch in ihren Augen, etwas ganz Besonderes war, nach allen Regeln der Kunst zu bewirten. Doch über der vielen Arbeit kommt sie gar nicht auf den Gedanken, ihm zuzuhören. Es kommt ihr nicht etwa auf seine „Wahrheiten“, also auf seine Botschaft, die vom Leben abgelöst und daher „ewig“ ist, an, sondern auf die fehlerfreie Ausführung aller gegebenen Handlungen in der physischen Welt. Maria hingegen setzt sich zu Füßen Christi und öffnet sich für seine wahre Botschaft.
Mein Königreich ist nicht von dieser Welt
Während es Martha, auf Grund ihres Naturelles, dazu drängt, wie es der große „Taktphilosoph“ Nietzsche sagt, tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheines zu glauben (Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft) und sie damit, ganz im Gegensatz zur irrigen Annahme Nietzsches, für die Meisten aller Kulturen und Zeiten steht, saugt Maria begierig die alle erspürten Werturteile und damit alle Rechtfertigung der weltlichen Ordnung negierende Botschaft Christi ein.
Wenn Martha nun Maria, ob ihrer Trägheit, ihrer Verträumtheit, ihrer Ignoranz und Frechheit gegenüber dem, „was sich gehört“ Vorwürfe macht, dann darf sie bei den sittlichen Menschen aller Kulturen und Epochen auf Beifall hoffen. Vollends verstört ist sie nun, als Christus ihr zuruft:
Porro unum est necessarium (Lk. 10;42). Notwendig ist nur das Eine, nämlich die Verherrlichung Gottes im eigenen Selbst; für die Welt, wie Paulus sagt, ein Ärgernis, oder eine Torheit.
„Die Welt“ geht die Christin Maria aber nichts mehr an.

Als nun Jesus sechs Tage vor seinem Tod wieder zu Gast bei den Schwestern ist, geschieht etwas mindestens ebenso Skandalöses, noch dazu vor den versammelten Jüngern, einem großen Publikum:
Als Maria mit ihrem Schälchen voller Nardenöl auf Jesus zutrat und ihm diese kostbare Flüssigkeit über das Haupt goss, verherrlichte sie Christus, seinen „inneren Gott“.
Die Empörung, die der Evangelist Markus beschreibt, nämlich die Empörung über die Verschwendung einer so kostbaren Substanz, eines solchen Wertes, für nur einen Menschen, für das Individuum, bekommt im Bericht des Evangelisten Johannes ein Gesicht.
Das empörte Gesicht des Judas Iskariot, desjenigen, der Christus an die Welt verraten wird, und sein sittlicher Einwand, man hätte den Erlös aus dem Verkauf des Öles für karitative Zwecke verwenden können und die Entrüstung der Martha über ihre Schwester fußen auf der selben inneren Haltung: Der Einzelne hat nicht das Recht, sich über die Determinismen der Welt zu erheben. Was zählt ist das Kollektiv, die Gemeinde, die große Zahl. Die Idee der Individualität ist im Bereich des „Taktes“, also der Welt, der Geschichte, des Lebens, eine Anmaßung.

Jener „Taktphilosoph“ drückte diese Haltung, ebenfalls äußerst empört, in seinem Spätwerk „Der Antichrist“ in Bezug auf die ersten Christen, die damals noch unkorrumpiert von Staat und Institution waren, folgendermaßen aus:
‚Eins ist not‘ ... Daß jeder als ‚unsterbliche Seele‘ mit jedem gleichen Rang hat, daß in der Gesamtheit aller Wesen das ‚Heil‘ jedes einzelnen eine ewige Wichtigkeit in Anspruch nehmen darf, daß kleine Mucker und Dreiviertels-Verrückte sich einbilden dürfen, daß um ihretwillen die Gesetze der Natur beständig durchbrochen werden, - eine solche Steigerung jeder Art Selbstsucht ins Unendliche, ins Unverschämte kann man nicht mit genug Verachtung brandmarken. Und doch verdankt das Christentum dieser erbarmungswürdigen Schmeichelei vor der Personal-Eitelkeit seinen Sieg, - gerade alles Mißratene, Aufständisch-Gesinnte, Schlecht-weg-gekommene, den ganzen Auswurf und Abhub der Menschheit hat es damit zu sich überredet. Das ‚Heil der Seele‘ - auf deutsch: ‚die Welt dreht sich um mich‘ (Nietzsche: Der Antichrist. §43.)
Und alles, was Nietzsche, natürlich aus der Sicht der Welt, hier über das Christentum sagt, trifft zu. Alles, bis auf den historischen „Sieg“ des Christentums über die antike Welt, den er konstatiert. Denn die Anpassung der christlichen Botschaft an die Zwänge der Welt zum Zweck der Bekehrung der Massen war Korruption. Die Massen haben wahres Christentum nicht nötig.
Gerade die „Selbstsucht“, diese, überall anders völlig undenkbare Annahme, es gäbe ein „Selbst“, ist der Kern des christlichen Gottesdienstes. Das Selbst ist göttlich. Und Gott ist Auflehnung gegen die Welt.

+ + +

Petrus, der Fels, gilt als erster Anführer der frühen Christenheit. Insbesondere der Papst, als Anführer der „katholischen“, ihrem Selbstverständnis nach „allumfassenden“, also der Tendenz und dem Ziel nach „alle Welt“ bekehrenden und danach einschließenden, Kirche, beruft sich auf den Berufsfischer Simon, den Christus zum „Felsen“ und zum „Menschenfischer“ adelte.

In der Stunde größter Angst, als der Mensch Jesus in Hinblick auf die Aufgabe seines „inneren Gottes“, Christus, „Blut schwitze“, wie der Evangelist Lukas (Lk. 22;44) berichtet, wurde ihm eines plötzlich klar:
Wer nicht wie er, Jesus, von der unzweifelhaften Notwendigkeit getrieben ist, seinen „inneren Gott“, sein individuelles Selbst, von den Zwängen des Lebens zu emanzipieren – immer aus einem Defizit heraus, oder, um den oben erwähnten „Taktphilosophen“ wieder einmal zu Wort kommen zu lassen, um die Sicht eines ausergewöhnlichen „Kindes dieser Welt“ auf die Psychologie eines Menschen, der zum wahren Christentum fähig ist, auf ein „Kind des Lichtes“ also, darzulegen: Wir kennen einen Zustand krankhafter Reizbarket des Tastsinns, der dann vor jeder Berührung, vor jedem Anfassen eines festen Gegenstandes zurückschaudert. Man übersetze sich einen solchen physiologischen habitus in seine letzte Logik - als Instinkt-Haß gegen jede Realität, [...] als Zu-Hause-sein in einer Welt, an die keine Art Realität mehr rührt, einer bloß noch ‚inneren‘ Welt, einer ‚wahren‘ Welt, einer ‚ewigen‘ Welt ... ‚Das Reich Gottes ist in euch‘ ... (Der Antichrist. §29) – der mag zwar, wie die besten „Kinder dieser Welt“ es immer waren, dem geliebten Menschen und seiner Botschaft gegenüber loyal sein, sofern ihre Nähe gespürt, ihre Sittlichkeit und menschliche Größe auch von den Meisten der umgebenden Menschen als solche empfunden wird, doch, da er die Notwendigkeit der Verneinung im Denken und Handlen des Menschen Jesus nicht in selber Intensität an sich fühlt, wird diese Loyalität schwinden, wenn man dem geschätzen Menschen und seiner Botschaft nicht mehr ansichtig ist, zumal in einer dieser Botschaft feindlichen Umgebung.

Ihre werdet alle (an mir) Anstoß nehmen.
Wie natürlich ist da die Reaktion der Freunde Jesu, allen voran die des Petrus, des Felsen, die allesamt bei Christus ausharren wollen.
Es ist ja nicht so, dass Petrus – sein späterer Verrat wird bei allen vier Evangelisten exemplarisch herausgestellt, er steht für das (vorläufige) Unverständins aller Jünger für das, was Jesus antreibt – beim ersten Anzeichen von Gefahr aus opportunistischen Gründen zu den Feinden seiner großen Liebe, für die er einst sein bisheriges Leben, seine gesichterte Existenz, hinter sich ließ, überläuft:
Bei Johannes (Joh. 18;10) wird derjenige, der, um Jesus zu vertiedigen, das Schwert zieht und einem Diener des Hohepriesters das Ohr abhebt, mit Simon Petrus identifiziert.
Noch sind sie alle beisammen und, was noch wichtiger ist, Jesus, Christus zum Angreifen, ist mitten unter ihnen. Die Botschaft, die sie einstmals berührte und dazu bewog, alles stehen und liegen zu lassen, nämlich die Emanzipation des Selbst von den Zwängen der Welt, ist in ihrem Gesichtsfeld und damit ständig präsent.
Doch als die Jünger zerstreut waren, als die Welt ihren vermeintlichen Sieg über Christus erringt, packt Petrus nicht nur die Angst, sondern wohl auch der Zweifel.
„Niemand mag Verlierer“, das ist – wie alle Plattitüden – eine treffende Bemerkung über das Leben. Denn es gibt nichts Gegensätzlicheres als die vernunftmäßige Wahrheit des Priesterlings und die Wirklichkeit des Lebens.
Und so ärgert sich Petrus, angesichts des Spottes und der Vorwürfe der Welt, über seine früheren Bindungen an den, dem jetzt weltliche Gerechtigkeit wiederfahren soll.
Erst eine Erinnerung, der Hahn, lässt ihn wieder an seine Lebensliebe denken. Er beginnt zu weinen, weil er sie verraten hat. Noch immer ist die Triebfeder seines Handelns Loyalität, nicht Notwendigkeit.
Das muss sich im Laufe der Jahre bis zu seinem Tod geändert haben. Denn aus einer Loyalität, die schon der Belastungsprobe einer Trennung und eines Liebesentzuges durch die Umwelt nicht standhält, ässt sich niemand kreuzigen.
Oder ist am Ende für die Vielen der Tod vielleicht sogar erträglicher, als die Verachtung durch die Welt?

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Die Überwindung der Furcht.
Noch ein paar Stunden vor seinem Tod fürchtete sich Jesus so sehr, dass er, wie Lukas schreibt, „Blut schwitze“. Alle Jünger verließen ihn, sie verrieten ihn. Seine Feinde misshandelten ihn von seiner Verhaftung an seelisch und körperlich.
Gleichzeitig bauten sie ihm jedoch goldene Brücken, ein Vorgang, der sich bei vielen Märtyrern, die Jesus nachfolgten, wiederholte.
Er hätte ja nur abschwören, sich selbst verraten müssen. Abgeschwächt vor dem hohen Rat, deren Mitglieder, als Juden, als an ewigen Wahrheiten interessierte Priesterlinge, ähnlich tickten wie Jesus, deswegen auch nicht so verständnislos vor seinem Nein, seinem „hier steh ich, ich kann nicht anders“ standen. In voller Ausprägung vor Pilatus, als Vertreter des Kaisers, des Staates, der weltlichen Ordnung, des Lebens, des „Taktes“. Dieser Mensch, Pilatus, nicht Jesus, stand völlig verdutzt vor einem Phänomen, das vollkommen außerhalb seiner Vorstellungswelt lag:
Dieser Mensch, jetzt, den sprichwörtlichen Traditionen entsprechend, Jesus, nicht Pilatus, stellte sich und seine Wahrheit nicht einmal über, nein, neben die Macht der Könige und des Kaisers. Usupatoren und Revolutionäre gab es ja immer schon, und wenn sie Erfolg hatten, waren nun eben sie die Mächtigen der Erde. Doch dieser Mensch, und mit ihm alle „Spannungsmenschen“ jedes Zeitalters, hielt sich, trotz seines Elends, nicht nur für einen König, sondern sagte, Mein Königreich ist nicht von dieser Welt. Die Welt und ihre Herrlichkeit hatte gar keinen Wert mehr für ihn.
Die Macht über Leben und Tod über die Pilatus verfügte, mit der er Jesus auch drohte, war nicht seine Macht. Sie, und der römische Würdenträger mit ihr, war nur Werkzeug der bösen Wasser des Flusses der Geschichte. Pilatus blieb keine Wahl, als Jesus kreuzigen zu lassen. Denn gegen die ewig gleichen Regeln des Lebens darf niemand verstoßen. Christus ließ Pilatus keine Wahl. Jesus wollte nicht von seiner Freiheit gegenüber der Welt lassen. Als die Welt sein Selbst, seinen „inneren Gott“ in Frage stellte („Was ist Wahrheit?“), konnte er die Furcht überwinden.
Stärke aus dem Nein. Ecce homo!

Die Haltung Jesu zu seinem Leiden ist, wie auch sein ganzes Leben, geprägt von der inneren Notwendigkeit, sein eigenes Selbst zu veredeln und gleichzeitig zu verherrlichen.
Die Kreuzigung war nicht nur eine außerst demütigende Strafe, mit ihr sollte der Sieg des Staates über diejenigen, die ihn in Frage stellten, zum Ausdruck gebracht werden, sondern sie war auch außergewöhnlich schmerzhaft, das Sterben am Kreuz dauerte außergewöhnlich lange.
Der Evangelist berichtet von Wein, der mit Myrrhe gewürzt war (Mk. 15;23), den man Jesus anbot. Myrrhe ist, unter anderem, auch ein starkes Schmerzmittel, zumal in Verbindung mit Alkohol.
Es ist ein schönes Symbol für das, worin sich der Sieg Christi über die Welt im Leiden Jesu vorbereitet, wenn Markus berichtet, dass der Geschundene, nach einer Folternacht, auf die nun viel schlimmeres Leid folgt, auf diese Erleichterung, auf dieses Opium in der Bewältigung dessen, wozu ihn sein „innerer Gott“ drängt, verzichtet.

Für denjenigen, den seine Natur dazu treibt, sein Selbst zu veredeln und von den Zwängen des Lebens zu emanzipieren, ist alle Bewältigung der Widersprüche und Krämpfe, die sich aus dem Dualismus von Pflanze und Gott im Menschen ergeben, durch ein „Opium“, eine Flucht, ein Auflösen der Widersprüchlichkeiten ein Verrat an sich selbst.
Ein Weiteres: Rausch- und Schmerzmittel vernebeln den Verstand. Die Selbstheit der „Priesternaturen“ ist ohne ein Bewusstsein, das sich als abgegrenzt vom Rest erlebt nicht denkbar. Die Morphinisten des Geistes, Priesterlinge, die keine sein wollen, streben zurück zur pflanzenhaften Existenz, zum Aufgehobensein in der Welt. Das ist für Jesus keine Option. Er muss voll erfassen, muss selbst bleiben, bis zum Ende.

Die Juden und ihr Gott, der seine Kinder so frei und abgelöst von der Welt will, wie er es selbst ist, waren in der damaligen Welt einzigartig. Priester und Propheten, zuvor „Richter“, nur über einen sehr kurzen Zeitraum Könige, waren die Anführer und Wertesetzer dieses Volkes.
Jedesmal, wenn die Einflüsse der Welt, der edlen und großen Völker, deren Götter die herrschenden Verhältnisse abzusegnen hatten, zu stark wurden, standen von Gott gesandte Nihilisten, die Propheten, auf, um gegen die Welt zu predigen und von ihr getötet zu werden. Der letzte von ihnen vor Chrisus war Johannes der Täufer.
Wie bereits mehrmals im Predigtdienst beschrieben (nämlich hier und hier, dort, damals, zu Christkönig (A), am 2. und 3. Adventsonntag (B), außerdem noch da und da, am 4. Sonntag im Jahreskreis (B) und am 1. Fastensonntag (B)), gibt es eine Kontinuität von den alten Propheten zu Christus. Und nicht nur das; Christus stellt das Nein dieser Männer auf eine neue Stufe, ist quasi das formvollendete Nein, das Ziel und die Krönung dessen, was an Prophetensein möglich ist.
Um nun zum vierten und letzten Mal (zum dritten Mal seinen „Antichristen“) in diesem recht umfangreichen Kommentar Nietzsche zu zitieren, den großen „Taktphilosophen“, der die Dinge aus Sicht der Welt beleuchtet; diesmal in Bezug auf die Wurzeln des Christentums im Judentum:
Auf einem dergestalt falschen Boden, wo jede Natur, jeder Natur-Wert, jede Realität die tiefsten Instinkte der herrschenden Klasse [da täuscht sich, so glaube ich zumindest, der große Lebens- und Weltverherrlicher. Die Propheten, als die eigentlich jüdische Erscheinung in der jüdischen Gesellschaft, lebten ihre inneren Notwendigkeiten immer gegen die Herrscher, auch wenn die Herrscher Priester waren] wider sich hatte, wuchs das Christentum auf, eine Todfeinschafts-Form gegen die Realität [lies: die Strukturen der Welt], die bisher nicht übertroffen worden ist. Das ‚heilige Volk‘, das für alle Dinge nur Priester-Werte, nur Priester-Worte übrig hatte, und mit einer Schluß-Folgerichtigkeit, die Furcht einflößen kann [z.B. dem Pilatus], alles, was sonst noch an Macht auf Erden bestand, als ‚unheilig‘, als ‚Welt‘, als ‚Sünde‘ von sich abgetrennt hatte – dieses Volk brachte für seinen Instinkt eine letzte Formel hervor, die logisch war bis zur Selbstverneinung: es verneinte, als Christentum, noch die letzte Form der Realität, das ‚heilige Volk‘, das ‚Volk der Auserwählten‘, die jüdische Realität selbst. (Der Antichrist. §27)
Die Aufschrift am Kreuz gibt die Schuld Jesu, der von seinem „inneren Gott“, Christus, nicht lassen wollte, vor der Welt an:
Der König der Juden.
Seine Freiheit, seine Veredelung des eigenen Selbst, sein angestrebtes Abgelöstsein von der Welt und ihren Zwängen; all das lässt den, der Augen hat zu sehen, ausrufen:
Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn. (Mk. 15;39)


5. Fastensonntag (Lesejahr B)/Joh. 12;20-33

Auch einige Griechen waren anwesend - sie gehörten zu den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten.
Sie traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen.
Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus.
Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht wird.
Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.
Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.
Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.
Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen.
Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen.
Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet.
Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch.
Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden.
Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.
Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

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Wieder einmal will die Menge den vermeintlichen Wunderheiler Jesus hautnah erleben.
Wie schon gehabt verweigert sich Christus dem Bedürfnis der Masse nach religiöser Verzückung, nach den „breiten Gebetsriemen“. Denn dieses „Verzücken“ lenkt vom eigentlichen, nur für die Wenigen nachvollziehbaren Charakter der christlichen Botschaft ab.

Es ist kein großes Fest, diese Verherrlichung Gottes im Wirken und Wollen Christi, im Schicksal des Menschen Jesus.
Das Leben, es ist für die „Kinder der Welt“ die einizige vorstellbare Realität, wird für Christus zum bloßen Instrument der Verherrlichung des Vaters. Damit wird es aber zum Instrument der Verherrlichung des „inneren Gottes“ der „Kinder des Lichts“, zur Verherrlichung ihres eigenen Selbst.
Das Weizenkorn, das ist die „innere Pflanze“ vom Standpunkt des „inneren Gottes“ aus gesehen, kann zur Veredelung des eigenen Selbst ruhig sterben.

Die Erhöhung, das ist die Kreuzigung.
Die Auferstehung, das ist der Sieg über die Welt, ist ohne Kreuzigung nicht zu denken.
Der Herrscher der Welt, in Gestalt des „Taktmenschen“ Pilatus, wird sein Urteil über Christus sprechen. Doch dieses Urteil und seine Vollstreckung werden nicht, wie bei allen Propheten Gottes vor Christus, zum Tod des „inneren Gottes“ und damit zur Wiederherstellung der Ruhe führen, sondern zur Wiederauferstehung, zum Sieg der Empörung gegen die Sklaverei, gegen die Welt, gegen das Leben.
Noch deutet Jesus sein Schicksal nur an, ahnt es, stellt es sich vor und beginnt die Furcht zu überwinden. Und doch können die Vielen nicht anders als erschreckt zu fragen: „Hat es gedonnert?“.


4. Fastensonntag (Lesejahr B)/Joh. 3;14-21

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden,
damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat.
Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.
Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.
Jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.
Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, daß seine Taten in Gott vollbracht sind.

+ + +

Die in Vers 14 angesprochene Stelle im Buch Numeri lautet:
Die Israeliten brachen vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Schilfmeer ein, um Edom zu umgehen. Unterwegs aber verlor das Volk den Mut,
es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser. Dieser elenden Nahrung sind wir überdrüssig.
Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen und viele Israeliten starben.
Die Leute kamen zu Mose und sagten: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den Herrn und gegen dich aufgelehnt. Bete zum Herrn, dass er uns von den Schlangen befreit. Da betete Mose für das Volk.
Der Herr antwortete Mose: Mach dir eine Schlange und häng sie an einer Fahnenstange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.
Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.
(Num. 21;4-9)

Als das Volk Israel während seiner Wanderung aus seinem materiell gesicherten Sklavendasein im reichen Land Ägypten in Richtung „gelobtes Land“ durch eine von den Segnungen der Kultur freie, dem Leben feindliche Wüste zog, begann die Mehrheit der Wenigen, der „Auserwählten“, der „Priesternaturen“ über ihr Schicksal zu murren. Sie hätten es wohl vorgezogen, ihre besondere Beziehung zu ihrem (inneren) Gott, ihre stets prekäre „halbe Freiheit“ wieder gegen das Aufgehobensein, gegen die gesicherten Verhältnisse ihrer Sklaverei einzutauschen.
Dieser Verrat der Priesternaturen an ihrem Selbst, den der Lauf der Welt, die große „Tatsache“, in der Regel belohnt, wird im Buch der göttlichen „Wahrheiten“, der Bibel, bestraft. Gott sendet „Giftschlangen“, die die sich an ihrem Selbst versündigenden Priesternaturen beißen, ihnen weh tun, sie töten. Wer den inneren Drang zu Freiheit und Individualität trotz äußerer Korruption durch die Wohltaten der Welt nicht zum Schweigen bringen kann, weiß, was die Kinder Israels damals quälte.
Moses, der Befreier aus der Sklaverei, der Verführer zu einem prekären Leben in der Wüste, zu einem unsteten Leben auf Wanderschaft in irgend ein „gelobtes Land“, will sich und die Seinen retten. Er zeigt den Auserwählten, was ihnen droht. Es sind Schmerzen, Bisse, die physische Auslöschung, derer die Priesternaturen gewahr werden sollen. Das Risiko des Hereinbrechens solcher Dinge ist unvermeidbar für jedes „Kind Gottes“.
Diese Qualen stellt er auf eine höhere Stufe indem er sie „erhöht“, ihnen die Alltäglichkeit und Zufälligkeit, das ist ihre „Lebendigkeit“, nimmt und ihnen Sinn, das ist „Ewigkeit“, gibt. Das ist kein Leiden um des Leidens willen. Die Priesternaturen geben ihr Selbst nicht preis. Sie sehen auf die Schlange und besiegen damit die Welt. Ihr „innere Gott“ bleibt am Leben.

Der Tod am Kreuz, und den meint Christus, wenn er davon spricht, dass er erhöht werden muss, um den Sieg über die Welt erringen zu können, um die Regeln des Lebens durch seine Auferstehung zu nihilieren, ist die Rache der Herrschenden an unbotmäßigen Knechten. Das Kreuz steht für die Verachtung des Lebens für all diejenigen, die sich ihm nicht unterwerfen wollen, die nicht buckeln und treten, die nicht totbeißen und freiwillig totgebissen werden wollen. Es steht für den Tod Gottes, denn Gott ist Auflehnung gegen die Welt.
Erkennen zu können, was die Welt, das Leben, das Universum von den Priesternaturen will, ihren Tod nämlich, und dennoch seine Priesterlichkeit gegen alle Anfeindungen zu verteidigen, das ist, was die „Erhöhung“ Christi für die Seinen zu leisten vermag.


3. Fastensonntag (Lesejahr B)/Joh. 2;13-25

Das Paschafest der Juden war nahe, und Jesus zog nach Jerusalem hinauf.
Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen.
Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um.
Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!
Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.
Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen läßt du uns sehen als Beweis, daß du dies tun darfst?
Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.
Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten?
Er aber meinte den Tempel seines Leibes.
Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, daß er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.
Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, als sie die Zeichen sahen, die er tat.
Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle
und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wußte, was im Menschen ist.

+ + +

Obwohl das Johannesevangelium die „Tempelreinigung“, also die klare Positionierung Christi gegen den Tempelbetrieb, gegen die institutionalisierte Religion, gegen die Pervertierung des Glaubens der Juden durch die Welt, an den Anfang seiner Erzählung über das Leben Christi stellt, fand dieses Ereignis wohl eher in der letzten Lebenswoche Jesu statt. Das berichten zumindest die anderen drei Evangelien.
Innerhalb dieser Woche schärft Jesus sein Profil gegenüber der Welt, entwickelt seinen „inneren Gott“, Christus, zu jener Stärke, die ihn, für uns Christen, letztendlich über die Welt und ihr vernichtendes Urteil (Ans Kreuz mit ihm!Mt. 27;22) triumphieren lässt.

Die Reinigung des Göttlichen vom Lebendigen, vom Krämergeist, wobei: es könnte auch vom feinen Gefühl für Machthierarchien, vom Bedürfnis nach dem feierlichen Schauspiel, von seinem Missbrauch als Rechtfertigungsideologie für die bestehende Ordnung befreit werden, löste blankes Entsetzen und moralische Empörung aus; würde beides auch heute auslösen.
Wie bereits vor ein paar Wochen beschrieben, entspricht das äußerliche Reinemachen im Tempel der innerlichen Emanzipation des „inneren Gottes“ vom Leben.

Dem entsprechend wird aus dem pompösen Gefängnis Gottes, seine einzelnen Steine heißen unter anderem: „höhere Ordnung“, „zwei Schwerter“, „von Gottes Gnaden“, „Ruhe der Welt“, „Altar und Thron“, wird aus dem Tempel, der, wenn es nach Christus geht, nicht mehr zählt, der „verklärte Leib“ Christi. Ein Leib, der nicht mehr die Göttlichkeit dominiert und tendenziell versklavt (also weltlich, „fleischlich“, „lebendig“ ist), sondern die innere Göttlichkeit untersteicht.
Nach drei Tagen Umbruch, vom vermeintlichen Sieg der Welt über Gott an, wird Christus neu erstehen und sich, abgelöst vom „Lebendigen“, vollendet haben.

Die volle Radikalität seiner Botschaft behielt Christus damals wohlweißlich für sich. Er kennt uns alle.
Unsere „innere Pflanze“ ist so dominant in unserem Leben, dass es uns letztendlich unmöglich ist, mit allen „Geldwechslern“, mit allen sklavischen „Lebendigkeiten“, mit jedem Weihrauchgeruch innerhalb unseres geistigen und religiösen Seins zu brechen. Doch wir „Priesternaturen“ müssen versuchen damit zu brechen, nicht aus einem hehren Ideal heraus...


2. Fastensonntag (Lesejahr B)/Mk. 9;2-10

Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt;
seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann.
Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus.
Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.
Er wußte nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen.
Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.
Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus.
Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.
Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.

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Jesus hatte viele Jünger.
Einem zu allen Zeiten weit verbreiteten Bedürfnis entsprechend, missverstehen viele Menschen Christus damals wie heute als einen Wunderheiler, als jemanden, der ihnen ihre alltäglichen Sorgen und Nöte abnimmt, oder ihnen hilft, sie „demütig“ zu tragen.
Vielleicht erklärt dieses Missverständnis die Breitenwirkung, die „das Christentum“ in weiterer Folge erreichen konnte. Doch durch die Breitenwirksamkeit des Missverständnisses über Christus wurde der Grundstein für den Missbrauch der christlichen Botschaft zur ideologischen Unterfütterung bestehender Herrschaftsverhältnisse gelegt.
Angesichts dessen, dass Gott Auflehnung gegen die Welt ist, ist jede Rechtfertigung all ihrer Erscheinungsformen um uns und in uns (diese sind: der Staat, die Gesellschaft, das Lebens als Ganzes) durch die vermeintlich „christliche“ Botschaft eine Umkehrung, eine Pervertierung dessen, wofür Christus steht.
Jesus als Nothelfer, als Opium misszudeuten, das kann vielleicht auch heißen, Christus zu lästern.

Christus nimmt nur drei Jünger aus dem Kreis der Vielen mit, um ihnen zu zeigen, dass er noch viel mehr ist, als das, wofür ihn die große Masse hält.
Christus ist göttlich. Und als Gott ist er von einer Beschaffenheit, die sich dem Verständnis derjenigen, die nur wissen „was sich gehört“, was Richtschnur im Leben in der Gemeinschaft ist, entzieht. In dieser Welt, in der die Göttlichkeit nur als Rechtfertigung der Herrschaft akzeptiert wird, in der sich diese Herrschaft wiederum letztendlich über die Biologie, damit bevorzugt über das Stoffliche definiert, ist die Frage „wo Gott wohnt“ eine praktische Frage.
Der Evangelist führt uns das ironisch vor Augen, indem er die drei auserwählten Jünger Christi, die durch die Stärke ihres „inneren Gottes“ sehr wohl wissen, was da vor ihren Augen vor sich geht, verlegen vom Bau dreier Hütten plappern lässt. Im Menschen ist die „Göttlichkeit“ vermischt mit seinem Verhaftetsein im „Pflanzenhaften“.

Diese Vermischung von Pflanze und Gott und die Unbedingtheit der Pflanzenhaftigkeit, des Lebens in ihm, die Bedingtheit seiner Göttlichkeit, die aufhört, wenn das Leben aufhört, ist für die meisten Menschen, darunter die vielen Jünger Jesu, die in ihm nur einen Rechtfertiger der Strukturen der Welt sehen, kein Problem. Ihre Pflanzenhaftigkeit dominiert ihre Göttlichkeit. Ihr „Fleisch“ bedient sich ihres „Geistes“.
Anders unsere drei Auserwählten: Die Fähigkeit, Christi Göttlichkeit zu erkennen, geht mit dem Bedürfnis einher, ihren „inneren Gott“ vor dem Zugriff ihrer „inneren Pflanze“ zu schützen.
Es ist die eigene Schwäche innerhalb der Welt und ihrer Strukturen, die Bedrohung durch das Leben, die die Emanzipation unseres „inneren Gottes“ vom Zugriff des Lebens begünstigt. Aus der Sicht des Lebens ist „Göttlichkeit“, Freiheit, Selbstheit ein Defekt; Lebensuntüchtigkeit.
Christus und seine wahre Botschaft ist die Antwort für Wenige, weil nur Wenige diese Antwort nötig haben.


1. Fastensonntag (Lesejahr B)/Mk. 1;12-15

Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste.
Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.
Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes
und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

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Zum Auftakt der Fastenzeit berichtet das heutige Evangelium von der vierzigtägigen Flucht Jesu aus der Welt, die am Beginn des öffentlichen Wirkens Christi steht.
Nachdem Jesus durch die Begegnung mit Johannes dem Täufer aus der Sicherheit seiner bisherigen Existenz gerissen wurde (immerhin war er die ersten rund dreißig Jahre seines Lebens nicht sonderlich aufgefallen, lebte das Leben eines Zimmermanns und Rabbiners), trieb ihn der Geist, also sein „innerer Gott“, Christus, in die Wüste.
Dem Bewusstwerden der eigenen „Priesterlichkeit“, also, aus der Sicht des Lebens und der Welt, letztendlich eines Defektes, wie es Jesus durch die Berührung mit dem alttestamentarischen Prophetentum des Johannes widerfuhr, folgt die Notwendigkeit, sich vom Treiben dieser Welt abzusondern, weil es als sklavisch und letztendlich auch als existenzbedrohend wahrgenommen wird.
Dieses „in die Wüste gehen“, wie es den „Priesternaturen“ aller Kulturen und Zeiten bekannt war, wie es vor allem von den Kindern des jüdischen Gottes, der Auflehnung gegen die Welt, der vom Dasein abgelöstes Wachsein ist, zur Bewusstwerdung ihrer Göttlichkeit, ihrer Individualität und zur Abgrenzung derselben gegenüber dem vereinnahmenden, das Ich im Wir auflösenden Treibens der Welt, perfektioniert wurde, ist die intensive Begegnung mit sich selbst.

Wüste symbolisiert äußere Leere und innere Weiten, symbolisiert den klaren Blick nach innen, der durch kein Bei- und Zierwerk verstellt wird.
Es ist ein Irrtum, dieses nach-innen-gewendet-Sein als etwas der gattungsmäßigen, lebendigen, weltlichen, „taktvollen“ Seite im Menschen Angenehmes zu betrachten.
Bevor Jesus zum Christus wird, bevor er seinem Selbst voll gerecht werden kann, hungert er in der Wüste nach menschlicher Nähe, dürstet nach Anerkennung, wie alle Priesternaturen. Denn im Menschen ist die Selbstbestimmung und Freiheit, seine „Göttlichkeit“ nur schwach ausgeprägt, ist gefesselt an die biologischen und sozialen Bedingungen [...] [seiner] Existenz. Das Verlangen, seine Freiheit, seine Selbstheit auf Druck der gattungsmäßigen Determinismen, der Herrschaft beispielsweise, zu Gunsten eines glücklichen aufgehoben-Seins im Kollektiv zu verraten, das Verlangen des Fleisches also, ist die Versuchung, der Jesus, der wir „Priesternaturen“ widerstehen müssen, wenn wir uns selbst gerecht werden wollen.
Bei Matthäus, der die im heutigen Evangelium erzählte Episode im Leben Christi auch schildert, ist diese Versuchung durch „den Satan“ etwas umfangreicher beschrieben als bei Markus: er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest (Mt. 4;8-9).
Aller Erfolg in der Welt, alle politische und gesellschaftliche Macht, alles „gute Leben“ ist erkauft mit persönlicher Unfreiheit. Den „Kindern dieser Welt“ mag das nicht so erscheinen, den „Kindern des Lichts“, deren eigenes Selbst als Abglanz Gottes im Mittelpunkt ihres Lebens steht, oder besser: die, trotz aller Determinismen versuchen, ihr eigenes Selbst in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen, ist ein Hungerleben in der Wüste lieber, als ein Leben als satte Sklaven in den Zentren der Macht.

Nachdem alles überstanden war, nachdem Christus zurückging in die Welt, ohne jemals wieder in ihr zu leben, begann er Ärgernis und Hoffnung für die ihn umgebenden Menschen zu werden. Christus macht Mut zum Wüstengang. Überall wo der Geist Christi ist, ist Wüste. Doch denen, welche von seinem Geist erfüllt sind, ist sie nicht Bedrohung, sondern, trotz ihrer Gefahren, Befreiung.


7. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 2;1-12

Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, daß er (wieder) zu Hause war.
Und es versammelten sich so viele Menschen, daß nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort.
Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen.
Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab.
Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!
Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im stillen:
Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?
Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen?
Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh umher?
Ihr sollt aber erkennen, daß der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten:
Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!
Der Mann stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.

+ + +

Wie schon im Evangelium des vorigen Sonntags berichtet der Evangelist auch diesmal von der Heilung eines Kranken.
So wie die Heilung des Aussätzigen, von der wir am vorigen Sonntag gehört haben, keineswegs ausschließlich als Wundergeschichte rund um das Wirken eines Gurus zu sehen ist, zeigt sich auch in dieser Passage, dass Christus nicht als Wunderheiler, als Problemlöser von außen verstanden werden kann. Auch wenn gerade das „Wunder“ dazu führt, dass die Mehrheit der Anwesenden von der Gottessendung Christi überzeugt wird.

Viel wichtiger als die Masse, die, durch Ideologie bedingt, ebenso authentisch empört Ans Kreuz mit ihm! (Mt. 27;22) brüllen kann, wie sie, angesichts des körperlichen Sichtbarwerdens einer inneren Selbstbefreiung von gattungsmäßigen Determinismen, des „Wunders“ also, das die Sicht auf die Selbstbefreiung verstellt, dazu gebracht werden kann, von der „Göttlichkeit“ Christi überzeugt zu werden, sind die Einwände der Schriftgelehrten gegen die „Vollmacht“ von der Christus spricht.

Doch eines nach dem anderen.
Warum ist die Heilung des Lahmen eine Selbstbefreiung?
Am Beginn des „Heilungsprozesses“ steht die „Vergebung der Sünden“. Sünde ist Gottesferne. Der „innere Gott “ der „Priesternaturen“ verlangt sein Recht. Wer als einer, dessen Wesen ihn, auf Grund seiner mangelnden Integrationsfähigkeit in die Ströme des Lebens, zur Entwicklung eines von der Welt abgelösten Seins, zur Individualität und Freiheit drängt, eben dieses Wesen unterdrückt und sein Heil in der Auflösung seines Ichs im Wir sucht, nur weil es sozial erwünscht, oder einfach naheliegend ist, „versündigt“ sich an seinem inneren Gott. Das Wesen dieses Menschen liegt darnieder, weil er sich an sich selbst versündigt hat. Wer lahm ist, der ist im höchsten Maße unfrei.
Christus ist der Befreier aus dieser Form der Sünde, weil seine Botschaft für diejenigen, die als Priesternaturen vom Totalanspruch der Welt auch auf ihre Existenz überzeugt waren, eine Alternative, eine völlig andere Sicht auf ihre eigene Existenz eröffnet. Freiheit ist das Vorhandensein von Alternativen.
Der Lahme kann deswegen wieder gehen, ist deswegen nicht mehr niedergedrückt und ohnmächtig, weil er die Kraft hat, mit den allgegenwärtigen Ideologien und den Werturteilen, die sein Wesen niederdrücken müssen, weil sie eben dieses Wesen permanent in Frage stellen, radikal zu brechen.

Die Einwände der Schriftgelehrten sind die Einwände des korrumpierten, von der Hure Babylon, der Welt, verführten religiösen Establishments zu allen Zeiten.
Für die Welt und das Leben ist es der Gipfel der Blasphemie, die Göttlichkeit nicht in ihren ewig gleichen Gesetzen von Selbst- und Fremdunterwerfung und dem kollektiven Wollen und Handeln zu suchen, das aus ihnen erwächst, sondern im göttlichen Funken der ständig prekären Individualität und Freiheit des Einzelnen zu erblicken. Ihr Gott ist nicht der Gott Christi.
Die „Vollmacht“ zur Vertilgung der Grund- und Hauptsünde der „Priesternaturen“, nämlich des Verrates an sich selbst, nimmt sich Christus, nimmt sich auch der geheilte Lahme heraus.


6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 1;40-45

Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, daß ich rein werde.
Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein!
Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war rein.
Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein:
Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein.
Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, so daß sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

+ + +

Ich will es [...]!

Christus und der Aussätzige.
In der ersten Lesung des heutigen Sonntages erfahren wir etwas von der Lebensrealität derjenigen, die, zu Zeit Jesu auf Grund einer Krankheit, eines „physiologischen Übelstandes“, nach gültigem Recht außerhalb der Gesellschaft standen: Der Aussätzige, der von diesem Übel betroffen ist, soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein! (Lev. 13;45)
Die offensichtlichste Funktion dieser Vorschrift ist: die Ausbreitung der hochansteckenden Krankheit zu beschränken und damit im ganz unmetaphorischen Sinn Staat und Gesellschaft vor der Bedrohung einer Epidemie zu schützen.
Darüber hinaus könnte man den „Aussatz“, diese offensichtliche Andersartigkeit und entstellende Hässlichkeit, als ein Bild für die Wahrnehmung der „Priesternaturen“, derjenigen, die ihre mangelnde Integrationsfähigkeit in die Gesellschaft, in das „Raubtierrudel“, durch die Hinwendung zu ihrem eigenen Selbst und die Entwicklung ihrer Individualität und dem Ideal der Freiheit zu kompensieren suchen, durch die Welt deuten.
Aus anarcho-konservativ-nihilistischer Sicht ist Christus die Vollendung dieses Menschentypes. Und alle (wirklichen) Christen sind in diesem zweiten, metaphorischen Sinn Aussätzige.
Das Gesetz zum Schutz der Gesellschaft durch Abstoßung der ihre Ordnung gefährdenden Elemente hat absoluten Charakter. Das Buch Levitikus, aus dem obiges Zitat stammt, ist eine Sammlung von Gesetzen und Verhaltensregeln, von schriftgewordener weltlicher Macht, die sich auf eine göttliche Ordnung der Dinge beruft.
Doch der Gott, der Herrschaft rechtfertigt, ist nicht unser, ist nicht der christliche Gott. Unser Gott ist Auflehnung gegen die Welt.

Christus bricht dieses Gesetz bewusst, indem er dem Aussätzigen die Hand reicht und ihn, kraft seines Willens, vom Aussatz, das heißt von der auch für ihn verbindlichen Sicht der Welt auf seine Existenz befreit.
Dieses Ich will es [...]! ist der Schlüssel zum Verständnis der völligen Verschiedneartigkeit der Sichtweisen auf den Menschen, einerseits der Welt, der „inneren Pflanze“, andererseits der Priesternatur, des „inneren Gottes“.
Hier geht es um ein Höchstmaß an Anpassung an das Rudel und damit um die Leistungsfähigkeit des Kollektives, um ein Aufgehobensein in den gattungsmäßigen Determinismen und damit um Wärme und Glück für all diejenigen, die in diesem Spiel mitzuspielen von ihrer Natur gedrängt werden und die dazu fähig sind.
Dort geht es, aus dem Bestreben heraus in einer feindlichen Welt nicht unterzugehen, um ein Höchstmaß an Unabhängigkeit von einem dem Einzelnen feindlich gesinnten Kollektiv, um Freiheit. Deswegen will Christus abseits der Ordnung der Dinge. In Christus gelingt der Ablösungsprozess des „inneren Gottes“ von seinen gattungsmäßigen Bedingungen. Damit ist er der fleischgewordene (innere) Gott.

Keineswegs jedoch will Christus auf die äußerlichsten Effekte seiner Freiheitslehre, auf seine „Wunder“, also beispielsweise auf die Heilung des durch die Welt infrage gestellten Individuums von seinem Selbsthass, von der Anwendung der ihm feindlichen Wertvorstellungen auf sich selbst, auf die Heilung vom „Aussatz“, reduziert werden. Deswegen flüchtet er vor der Menge und ihrem missbräuchlichen Umgang mit der christlichen Botschaft.
Christus ist kein Wunderheiler, kein Guru. Zu seinem „inneren Gott“ zu stehen erfordert Opfer und ist keine Lebenserleichterung im Sinne der Verwirklichung eines „guten Lebens“. Christus ist kein Opium. Der Weg Christi ist ein intensives sich-gerecht-Werden – wenn es sein muss bis zum Tod am Kreuz.


5. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 1;29-39

Sie verließen die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes gleich in das Haus des Simon und Andreas.
Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie,
und er ging zu ihr, faßte sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie.
Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt,
und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wußten, wer er war.
In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,
und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.
Er antwortete: Laßt uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.

+ + +

Wie schon vorigen Sonntag berichtet uns auch das heutige Evangelium vom frühen Wirken Jesu in seiner Heimat Galiläa. Mit seinen verqueren religiösen und sozialen Verhältnissen war dieses von einheimischen Herrschern im Namen Roms regierte Gebiet sogar noch für die Juden, die, ob ihrer eigenwilligen Verweigerung gegenüber der hellenistisch-römischen Weltkultur, selbst als rückständiger, barbarischer Menschenschlag galten, Peripherie. Galiläa ist damit der äußerste Rand der Peripherie der antiken Welt.

Nur hier, in den Außenbezirken des Lebens, an der Schattenseite des Meru, kann das Bedürfnis entstehen, Gott nicht als eine Macht, die die Ordnung der Welt garantiert, nicht als eine Macht, von der die Großen der Welt abstammen, nicht als Rechtfertigung der Herrschaft aufzufassen, sondern ihn als einen Heiler und einen Befreier von genau diesen Gegebenheiten erkennen zu wollen.
Und Christus wird diesem Bedürfnis gerecht. Es ist der Einzelne und seine Innenwelt, versinnbildlicht im eigenen Haus, nicht der Staat und seine Institutionen, der der Wirkungsbereich dieses Gottes ist.
Das „Fieber“, das die alte Frau ans Bett fesselt, fassen wir es ruhig als das Symptom eines dem-Leben-nicht-gewachsen-sein auf, verschwindet augenblicklich, als Christus ihre individuelle Existenz heiligt, indem er in ihr selbst wirkt.

Wenn der Evangelist nun berichtet, dass die geheilte Frau im Anschluss für ihren Gast sorgt, so kann man, gesetzt man folgt meiner obigen Deutung, zweierlei daraus ableiten:
Einerseits setzt das „Sorgen“ für Christus, nachdem er mich geheilt hat, zwar den unmittelbaren kausalen Zusammenhang dieser beiden Ereignisse voraus, nicht jedoch zwingend eine chronologische Aufeinanderfolge.
Unser „innerer Gott“ kämpft in uns einen ständigen Kampf ums Überleben. Der Mensch ist nun einmal zum überwiegenden Teil eingebettet in die Gesetzmäßigkeiten des Lebens, er ist der Gattung und allem was auf sie fußt unterworfen. Das bedeutet auch, dass vieles in seiner Existenz seiner willkürlichen Entscheidung zwischen Alternativen entzogen ist. Der Mensch ist unter normalen Umständen nicht nur unfrei, er empfindet diese Unfreiheit, auf Grund der Wärme und Geborgenheit, die ihm das Aufgehobensein in den Realitäten der (sublimierten) Gattung, in Gesellschaft und Staat nämlich, vermittelt, nicht als Bürde.
Erst durch die fehlende Integrationsfähigkeit in das Raubtierrudel ensteht das Bedürfnis, die andere, schwächere Seite im Menschen, seine Individualität, seine Selbstbestimmung, seine „Göttlichkeit“ als Gegengewicht zur (nun nicht mehr als beschützende, sondern als versklavende, totale, fremde Macht empfundenen) Gattung zu entwicklen.
Nietzsche drückte obigen Sachverhalt einmal so aus: Bei allen sogenannten ‚schönen Seelen‘ giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem Grunde [...]. (Nietzsche: Ecce Homo)
Die „Sorge“ um unseren inneren Gott, versinnbildlicht in Christus, heilt uns; meint: wappnet uns gegen die Anfechtungen des Lebens.
Andererseits bedeutet dieses „Sorgen“, diese Hinwendung zum inneren Gott vor allem eine Aufwertung der eigenen Person.
Die Drohung des Rudels, uns totzubeißen, verursacht, dank der Entstehung einer weiteren Ebene der Weltbetrachtung abseits der Gattung, der Ebene des individuell-geistig-Göttlichen nämlich, keine Schuldgefühle gegenüber der Welt mehr. Das „Fieber“ verschwindet und man kann Kraft gewinnen, den Anfeindungen der Welt im Kampf, nicht in der Unterwerfung oder Selbstauslöschung, zu begegnen.

Alle suchen dich.
Christus will gesucht und gefunden sein. Eine Hinwendung zum inneren Gott erfordert den bewussten Bruch mit allgemeingültigen Vorstellungen und Normen.


4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 1;21-28

Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.
Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.
In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:
Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.
Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlaß ihn!
Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.
Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.

+ + +

Vollmacht, Befreiung. Freiheit.

Gegen die hohle Phrasologie der Schriftgelehrten und ihre Rechtfertigungsideologien der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse traten schon die Propheten des Alten Testamentes auf. Christus steht nicht nur in der Tradition dieser Propheten, er ist die Vollendung alttestamentarischen Prophetendaseins, er stellt es auf eine neue Stufe, schafft etwas Neues.
Das wird im „Predigtdienst“ oft thematisiert (bis jetzt hier, da, dort, damals, zu Christkönig (A), am 2. und 3. Adventsonntag (B), am vorvorletzten und am vorletzten Sonntag; also wirklich oft).
Christus redet niemandem nach dem Mund. Er schert sich nicht um politische Verhältnisse (So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!Mt. 22;21) oder soziale Tabus (Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen.Lk. 15;2).
Göttlichkeit ist ein anderes Wort für Freiheit.
Gott ist Freiheit. Christus ist die vollendete Göttlichkeit im Menschen, der sich von den Zwängen der „inneren Pflanze“, den genetischen und sozialen Determinismen des „Daseins“ befreiende „innere Gott“. Dieser innere Gott ist unsere Freiheit. Christus ist Befreier und Sinnbild unserer Freiheit.

Die Lobhudler der herrschenden Zustände (es gibt sie in allen gesellschaftlichen Institutionen, auch und gerade in der Kirche, zu allen Zeiten und die Zahl dieser unreinen Geister ist LegionMk. 5;9), konkret die im Evangelium angesprochenen Schriftgelehrten, sind die materiell existierende Version der versklavenden Dämonen, von denen Christus die Besessenen landauf, landab befreit.
Oder umgekehrt: Das Austreiben der bösen Geister aus dem gequälten Besessenen ist die innere, persönliche Entsprechung des Austreibens der Geldwechsler aus dem Tempel in der materiellen Welt.
Beide nämlich, sowohl der böse Geist, als auch der Geldwechsler als Sinnbild für institutionalisierte Religion, für das ganze religiös-politische System, verhindern nicht nur bloß durch die von ihnen ausgeübten Zwänge die Befreiung des Menschen, sondern führen ihn auch noch weg von seinem (inneren) Gott, seiner Freiheit.
Die Besessenen müssen Christus verhöhnen, ihn lästern. Die kaufenden und opfernden Tempelbesucher und die „guten Christenmenschen“ als ihre Erben müssen, von den Ideologien einer völlig antichristlichen Gesellschaftsordnung (jede Gesellschaftsordnung ist antichristlich) beherrscht, ihrer geistigen Sklaverei den Namen „Christentum“ geben und lästern Christus damit auch.
Es ist nicht nur die Unwissenheit der beiden Gruppen von Besessenen (und sofern wir Anteil haben an der Gesellschaft, am Staat, an der Geschichte, am Leben, sind wir allesamt fremdbestimmt, ideologieverblendet, „besessen“), die sie in Unfreiheit und damit im Zustand der Lästerung gegen ihren „inneren Gott“ verharren lässt, es ist auch ihr Bedürfnis nach Stabilität und Sicherheit, nach Aufgehobensein in der Gruppe, nach Wärme.

Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
Befreiung tut weh. Sie setzt den bewussten Bruch von allgemein gültigen Normen voraus. Das ist nicht billig und macht oft unglücklich. Doch es macht frei.
Gott unser Schöpfer, dessen Abglanz unser „innerer Gott“ ist, will uns frei.


3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 1;14-20

Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes
und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!
Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer.
Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.
Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her.
Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

+ + +

Porro unum est necessarium. (Lk. 10;42)
Aber nur eines ist notwendig
Wenn Christus ruft, lässt man die Netze fallen. Es ist dieses Sofort, dieses Sogleich, das im Evangelium des heutigen Sonntages unmittelbar ins Auge springt.
Das bisherige Leben dieser kleinen Fischer innerhalb der Welt, ihre Profession, ihr Brotberuf, ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft, ist für sie nicht Zentrum ihres Lebens. Die ersten Apostel die Christus nachfolgen sind allesamt „Priesternaturen“ die sich ihres Selbst bewusst sind. Ihre Anstrengungen in dieser Welt, in der sie leben müssen, sind nur Mittel zum Zweck, eine Lebensnotwendigkeit, die sie, da sie freie Menschen sein wollen, niemals in die ideologischen Himmel der „Pflicht“, des Berufsethos oder des Standesstolzes gehoben haben. Als sich die Möglichkeit bietet, ein Mehr an „Priesterlichkeit“, also an Freiheit von den Bedingungen ihres Lebens in der Welt zu erringen, als Christus und seine neue Verneinung in ihr Leben tritt, hält sie nichts mehr an der ihnen vom Leben zugewiesenen Stelle. Sie werfen alles hin. Sie kehren ihrem Beruf, in den sie, zur damaligen Zeit natürlich in viel stärkerem Maße als heute, hineingeboren wurden, ihrer gesellschaftlichen Einbindung also, sie kehren ihren Familien den Rücken, ohne auch nur einen Augenblick über die „Rechtmäßigkeit“ ihres Tuns nachzudenken. Sie zerbrechen damit das Joch der, ihnen durch ihr „Leben“, ihre Lebendigkeit, ihre innere Pflanze auferlegten, biologischen und sozialen Determinismen.

Diese Radikalität der Entscheidung hin zu einem seinem Selbst entsprechenden Leben ist natürlich auch für „Priesternaturen“ nicht die Regel. Sie ist ein Ideal, wie Jesus selbst das Ideal der vollen Verwirklichung und Entfaltung des „inneren Gottes„ im Menschen ist. Und (der innere) Gott, Christus selbst, ist „das vom Dasein befreite Wachsein“, das Ideal der Freiheit.
Die Gefahr, die dem Priester droht, ist sich selbst zu verkennen. Die „Menschenfischer“ hätten sich selbst auch über die herrschende Ideologie dahingehend konditionieren können, zu glauben, dass ihre Anstrengungen in der Welt, die sie zur Sicherstellung der Erhaltung ihres Lebens unternehmen, dass die „Lebensnotwenigkeiten“ gleichzeitig auch das Mittel zur Vollverwirklichung ihres Selbst darstellen.
Die biologischen und sozialen Determinismen, deren wir unterworfen sind und die Verwirklichung des individuellen Selbst mögen für die „Kinder dieser Welt“ wirklich eins sein. Für uns „Kinder des Lichts“ sind die beiden entgegengesetzte Größen.
Und diese Größen sind ungleich. Sich die Option für Christus, also gegen die Welt offenzuhalten, ist ein ständiger Kampf. Unsere Freiheit ist prekär, weil ihr Überleben in uns Menschen von den biologischen und sozialen Bedingungen unserer Existenz, also von unserer Unfreiheit abhängt.


2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Joh. 1;35-42

Am Tag darauf stand Johannes wieder dort, und zwei seiner Jünger standen bei ihm.
Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.
Jesus aber wandte sich um, und als er sah, daß sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du?
Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.
Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus).
Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus).

+ + +

Wer weiß, wo Gott wohnt?

Wie im Kommentar zum Evangelium der vorigen Woche beschrieben, ist das Querulantentum gesellschaftlicher Außenseiter, wie es zum Beispiel in den alttestamentarischen Propheten, deren letzter Vertreter Johannes der Täufer ist, zu Tage tritt, der Nährboden, aus dem sich das Ideal des Sieges des „inneren Gottes“ über die im Menschen ständig dominante „innere Pflanze“ herauskristallisiert, der Urschleim, aus dem sich Christus entwickelt.
Es ist angesichts dessen wohl auch nicht verwunderlich, dass die ersten „Nichtpropheten“, also die ersten, die neben Johannes dem Täufer die Größe Christi erkannten, zumindest zum Dunstkreis des Aussteigers, der sich, wie der Evangelist Markus berichtet von Heuschrecken und wildem Honig (Mk. 1;6) ernährte und ein Gewand aus Kamelhaar (Mk. 1;6) trug, also von der Zivilisation komplett entkoppelte, gehörten. Doch mit der neuen Universalität der Verneinung der Welt in Christus erweitert sich auch der Kreis der potenziellen „Propheten“.
Die drei ersten Jünger lebten nicht vollkommen abseits der Gesellschaft. Kommt her, folgt mir nach! (Mt. 4;19) heißt es bei einem anderen Evangelisten. Dafür war es ab nun nicht mehr zwingend erforderlich in materieller Hinsicht „in die Wüste zu gehen“.

Durch die Gleichgültigkeit gegenüber der Welt, wie sie zum Beispiel exemplarisch im Satz: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! (Mt. 22;21) zum Ausdruck kommt, wächst die Verneinung über das radikale Querulantentum hinaus.
Man muss deshalb nicht mehr mit der Welt brechen, weil sie einem nichts mehr angeht.

Da wohnt Gott.

Die drei Jünger, die Christus von sich aus erkannten, auch wenn sie des Anstoßes seitens eines erfahrenen Verneiners wie Johannes bedurften, gewannen in der Beantwortung der Eingangsfrage dieses Kommentares Sicherheit.
Einer von ihnen, übrigens in weiterer Folge durchaus von Zeit zu Zeit ein Zweifler, Opportunist und Feigling, am Ende aber ein „Standhafter“, ein Besieger des Lebens, ein Märtyrer, Simon, erhält die Verheißung, zu einem Felsen zu werden, an dem sich die bösen Wasser der Geschichte brechen.


Taufe des Herrn (Lesejahr B)/Mk. 1;7-11[12]

Er [Johannes der Täufer] verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.
Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.
Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, daß der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.
Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.
[Und sofort trieb der Geist ihn hinaus in die Öde.]2


ad 2: Der letzte Satz nach dem „Münchner Neuen Testament“, einer besonders wortgetreuen Übersetzung.

+ + +

In den letzten Wochen begegnete uns die Figur des Johannes des Täufers mehrmals (insbesondere hier und hier). Wir haben gesehen, dass er, als der letzte „alttestamentarische Prophet“, als einer, der noch mit Wasser tauft, einer, dessen „Nein“ zur Welt noch räumlich beschränkt ist, auf das Materielle beschränkt ist, hinweist, auf die universale Weltverneinung in Christus.
Doch Christus muss mit Wasser getauft werden. Christus muss bei den wütenden Männern in Kamelhaarkaftanen, die seit jeher alle scheiterten, in die Schule gehen. Der Gott, der das ultimative Symbol der Herrschaft der Welt, der Demütigung besiegter Sklaven, das Kreuz, durch seine Auferstehung zu einem Zeichen des Sieges über die ewige Ordnung der Dinge umwerten konnte (zumindest für uns), ist ein höherer Erbe, ist eine Folge des wütenden, ununiversalen, lokalen und persönlichen Querulantentums gesellschaftlicher Außenseiter.
Ohne den Geist des Johannes und seinesgleichen kein „Heiliger Geist“, kein unmittelbares Erleben einer Realität außerhalb der sklavischen, versklavenden Welt.

Wenn das Göttliche in uns, das uns, angesichts seines ständigen Infragegestelltwerdens durch die Welt um uns und durch die Welt in uns, in diese alttestamentarische Schule des Querulantentums drängt, einmal durch diese Schule gegangen ist, wenn es, sozusagen, mit Wasser getauft ist, wieder aus dem Wasser steigt, können wir offen werden für den Geist der universalen, siegreichen Verneinung, den Heiligen Geist.
Die Freien, die Kinder des Lichts, die Kinder Gottes, sind deswegen frei, weil sie Nein sagen können zum Treiben der Welt, weil sie zwischen Alternativen wählen können, weil sie den Mut haben, die Konsequenzen der Freiheit zu tragen, weil sie sogar noch durch das Kreuz zur ihrer Göttlichkeit gelangen können, weil sie sich nicht mehr fürchten.

Unmittelbar auf diese Befreiung folgt das Verlangen, sich abzugrenzen. Wer in die Wüste geht, hört auf ein Querulant zu sein.
Was den Querulanten vom „Kind Gottes“ unterscheidet:
Wem die Dinge der Welt Kopfzerbrechen bereiten, der hat sich noch nicht von der Welt emanzipiert.
Der Querulant ist ohne Welt nicht denkbar.
Das Kind Gottes, als ein vom Dasein befreites Wachsein, als ein Ideal, dem, in seiner Reinform, nur Christus gerecht wird, kann vom Treiben der Welt lassen, weil es keinen Anteil mehr an der Welt hat.


Epiphanie/Mt. 2;1-12

Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem
und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.
Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.
Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle.
Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten:
Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.
Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war.
Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige.
Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.
Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.
Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

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Die „Priesternaturen“, die Menschen also, in denen das Bedürfnis zum verstandesmäßigen Erfassen der Welt, zu Freiheit und zur Individualität, vorherrscht, in denen der „innere Gott“, so gut er eben kann, die „innere Pflanze“ in Schach hält, findet man nicht nur im „Volk Gottes“.
Im heutige Evangelium hören wir etwas von den „drei Weisen aus dem Morgenland“, derer sich die katholische Jungschar heute noch für caritative Zwecke bedient.

Sterndeuter waren Priester. Sterndeuter waren aber auch Wissenschaftler.
Mit den Mitteln der Wissenschaft ihrer Kultur und Zeit konnten sie erkennen, dass mit Christus etwas Großes geboren wurde.
Wie die meisten Menschen vermuteten sie dieses Große aber im Dunstkreis der „Großen“ der Welt.
Nichts lag also näher, als mit ihrem Wissen ins Zentrum der Macht zu gehen. Wie selbstverständlich erwarteten sie, dass der Glaube an ihre „Wahrheiten“, also an die Erkenntnisse, zu denen sie, auf Grund ihrer Rationalität oder ihres Kausalitätsdenkens, gekommen waren, von den „Tatmenschen“, den Machern, den Machtmenschen, den Politikern, geteilit würde.

Es gibt diese alte Frustration der sich selbst missverstehenden Priesternaturen in der Welt.
Der Kardinalfehler für ein Kind des Lichts (auch ein Sinnbild für Erkenntnis), das zwangsläufig kein Kind dieser Welt sein kann, ist es, an die Reformierbarkeit des Lebens zu glauben.
Wer mit den besten Absichten zu Herodes geht und ihm mitteilt, dass jetzt, aus wissenschaftlicher Sicht, die Zeit für einen neuen König reif wäre und gleichzeitig erwartet, der Herrscher, der Täter und Gewaltmensch, müsse, auf Grund der „Wahrheiten“, der Erkenntnisse, doch der selben Meinung sein, vergisst die „Tatsachen“. Herodes und mit ihm ganz Jerusalem erschraken. Herrschaft, die besteht, ist vor dem Leben geheiligt. Alles was ihr zuwider läuft, verdient in den Augen unserer „inneren Pflanze“ (die die meisten Menschen beherrscht) Verachtung und den Tod.
Ohne die „drei Weisen aus dem Morgenland“ kein Kindermord zu Betlehem.
Ohne die Ausarbeitung von Utopien durch „politische“, also sich selbst missverstehende, Priesternaturen (der bekannteste unter ihnen war Marx), würde, um ein altes chinesisches Sprichwort zu bemühen, das 20. Jahrhundert für den historisch Interessierten bei weitem nicht so eine „interessante Zeit“ sein.
Die Tragik der „Spannungsmenschen“, so benenne ich in den „Skizzen“, in Anlehnung an Oswald Spengler, alle Denker, Grübler, Nichttäter mit Hang zur persönlichen Freiheit, ist es, immer bedroht zu sein, von den Kräften der Welt, die unfrei machen, entgegen ihrem Willen benutzt zu werden.

Die unerfreulichen Entwicklungen innerhalb unserer Zivilisaton werden gerade durch die Menschen beschleunigt, die sich ihnen, aus verständlichen Gründen, entgegenstellen wollen.
Die Politik ist die Spielwiese des Herodes und seinesgleichen. Die Sterndeuter hätten gut daran getan, sich nicht auf fremdes Terrain zu wagen.


Fest des Hl. Stephanus/Mt. 10;[16]17-22

[Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben!]
Nehmt euch aber vor den Menschen in acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen.
Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt, damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt.
Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt.
Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.
Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken.
Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehaßt werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.

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Die letzten hundert Jahre sahen viele politische Systeme und allmächtige Staaten, die den Einzelnen so effektiv im Kollektiv aufzulösen im Stande waren, dass er Vater, Sohn und Bruder zu Gunsten eines pflanzenhaft-wohligen Aufgehobenseins opferte. Die Tendenz zum Totalitarismus ist ein Kennzeichen moderner Gesellschaften.
Um den modernen Menschen in gesellschaftlicher Hinsicht zu beschreiben, um auszudrücken, dass er es in seinem Leben, viel stärker, als die Menschen anderer Epochen, mit dem ultimativen Kollektiv, also mit der Masse zu tun hat, die alle anderen Bereiche des Sozialen immer stärker beherrscht, könnte man, in Umkehrung eines alten Sprichwortes, sagen: Ihm ist der Rock näher als das Hemd.
Der Totalanspruch des Kollektivs auf das Leben und die sozialen Bindungen des Einzelnen ist aber nichts grundsätzlich Neues. Er ist nur in seiner Radikalität und, eben, Totalität, besonders augenfällig.
Jede politische und gesellschaftliche Ordnung ist eine Reproduktion der natürlichen Instinkte einer Herde (oder eines Rudels) auf einer etwas anorganischeren Ebene. Alle Hierarchie und alles Auflösen des Einzelnen und seiner Freiheit (die im Menschen immer eine göttliche, das heißt: eine anorganisch-unkörperlich-geistige ist) im Kollektiv ist sublimierte Natur.

Neben dem angenehmen Gefühl des Aufgehobenseins in einem „Termitenbau“, in dem jeder seine natürliche Aufgabe hat und alles glücklich und blöd seine Pflicht erfüllt, neben dem Zuckerbrot, muss es auch noch ein Druckmittel, eine Peitsche geben, mit der man den Einzelnen auf Abwegen zurück ins selige Kollektiv zwingt.

Menschen fürchten den Tod. (Robert Harris: Aurora)
Die ganze Inszenierung der Macht, ob nun so monumental und penetrant, wie sie nur in totalitären Diktaturen möglich ist, oder von der Art, wie sie alle Systeme nutzen, repräsentiert zum Beispiel in einem Warteraum eines Amtes, einer Polizeistube oder einem Gerichtssaal, zielt darauf ab, einem Kritiker und Verweigerer zu demonstrieren, dass der Staat, die Gesellschaft, das Kollektiv souverän ist. Mehr noch: dass alle drei sein Souverän sind.
Souveränität bedeutet: Macht über Leben und Tod.

Auch die Furcht vor dem Tod kann sublimiert werden.
Sie heißt dann vielleicht „saurer Apfel“, vielleicht „da kann man halt nix machen“. Wenn die Entrückung der Furcht in ideologische Höhen schon besonders weit fortgeschritten ist, nennt man sie möglicherweise auch „Pflicht“, in der Krönung des zivilisatorisch bedingten Selbsthasses des Einzelnen wird aus ihr vielleicht sogar die „schwere, aber edle Pflicht“.
Aus dieser Furcht heraus wird dann sogar der Kritiker und Verweigerer zu einem guten Staatsbürger.
Die Feststellung, dass viele sogar den Tod in Kauf nehmen, nur um der Furcht vor dem Tod nicht ausgesetzt zu sein, verliert viel von ihrem paradoxen Klang, wenn man an die vielen „heldenhaften“ soldatischen Leistungen im Bruderkrieg zwischen den rot-braunen Zwillingen denkt. Das Durchhalten in aussichtslosen Lagen, obwohl man sich retten könnte, oder der Verschleiß von tausenden Menschenleben in Menschlichen Wellen, zu denen man die Soldaten nicht zwingen muss, zu denen sie sich, im Gegenteil, auch noch freiwillig melden, das alles ist der Furcht vor dem Tod geschuldet, die diese zwei Systeme, die modernsten, die wir bisher hatten, in Perfektion kultivierten.

Heute ist das Fest des Heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers.
Von ihm wird in der Apostelgeschichte berichtet, dass er die vielen Anschudigungen, die die Gemeinschaft, das Kollektiv, mit voller moralischer Empörung gegen ihn vorbrachte, mit Argumenten widerlegte.
Seine Gegner hetzten das Volk, die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, drangen auf ihn ein, packten ihn und schleppten ihn vor den Hohen Rat. Apg. 6;12) Sie bedienten sich also sowohl der ideologischen Werturteile des seligen Kollektivs, des Zuckerbrotes, als auch der Einschüchterung, der Peitsche. Sie waren das, was heute der Staat ist.
Doch Stephanus, und mit ihm alle Lebensverächter, die nach ihm kommen, lassen sich nicht einschüchtern. Er vertraut auf seine Individualität, seinen „inneren Gott“. Der „Geist des Vaters“ lässt ihn nicht nur „Zeugnis ablegen“ (von seiner Freiheit gegenüber dem Kollektiv nämlich), sondern auch die Furcht vor dem Tod vergessen.

Es ist der Blick auf eine andere Realität als die physische, die irdische, die der Welt und der Macht, die ihn zu einer solchen Furchtlosigkeit treibt.
Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. (Apg. 7;55-56)
Bereit zu sein, sein Leben wegzuwerfen, wenn die Freiheit bedroht ist, das kann der Welt nur als äußerster Narzissmus oder als Nihilismus erscheinen.
Die ersten Zeit nach Christus, die Zeit vor Konstantin und Theodosius, die Zeit des unkorrumpierten Christentums, sah eine Menge Märtyrer. Diese, für den spätantiken Staat, für jeden Staat, für jede Gesellschaft, anmaßenden Männer und Frauen waren wirklich frei. Die römischen Würdenträger waren verzweifelt. Man konnte sie zwar töten, aber nicht besiegen, demütigen und reintegrieren. Und nur darauf kommt es allen Kollektiven an.

Stephanus ist der erste dieser Nihilisten.
Wir feiern heute Freiheit und Autonomie des Einzelnen. Wir feiern den Triumph des freien Individuums, des „Gottes in uns“, über die Zwänge des Lebens.
Wir feiern die Macht über uns selbst und damit auch den Tod.

(Um denen Ehre zu geben, denen Ehre gebührt, möchte ich am Ende noch festhalten, dass das Kommantar zum heutigen Evangelium von den Ideen Ernst Jüngers, die er in seinem Essay „Der Waldgang“ ausführt hat, zum Teil wohl auch von Canettis „Masse und Macht“ beeinflusst ist. Beides sehr lesenswerte Werke.)


Geburt des Herrn/Joh. 1;1-18

Im Anfang war das Wort [der Logos], und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt.
Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes.
Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.
Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

+ + +

Am Fest der Geburt des Herrn lässt die Katholische Kirche den Verfasser des Johannesevangeliums, einen übrigens, dem man von Anfang an eine gewisse Nähe zur organisations- und staatsfeindlichen frühchristlichen Strömung der „Gnosis“ nachsagte, über das Sein Christi referieren.

Der Logos (λόγος) ist nach antiker Vorstellung weit mehr als das, was wir im Deutschen unter dem Begriff „Wort“ verstehen.
Das Wort, das verständlich und nachvollziehbar ist; die Idee dahinter, die auf Rationalität oder Kausalitätsdenken beruht; das allgemeine Prinzip, auf dem letztendlich beide fußen. Logos ist alles, was Sinn macht.
Die Welt zu verstehen, das will unser innerer Gott. Der Gott der Christen und Juden ist dieses Verstehen.
Christus, als fleischgewordener Gott, als „innerer Gott“ in der Gestalt eines Menschen und ohne „innere Pflanze“, hat Teil am Vater, ist Logos, war vor der Welt und wird nach der Welt sein. Er ist auch außerhalb der Welt.
In der Welt ist er kein Gott, sondern ein Gekreuzigter.
Das ist auch dem Evangelisten nicht entgangen. Denn das Licht in der Finsternis kann nicht von der Finsternis erfasst werden.

Wer die Welt auf einer verstandesmäßigen Ebene betrachtet, kann urteilen. Wer urteilen kann, kann sich auch entscheiden, selbst wenn die Alternativen nur ein Zustimmen oder ein Ablehnen sind. Rationalität, Kausalitätsdenken oder ein Prinzip bedeuten Freiheit.
Doch die Bereiche menschlichen Zusammenlebens, das sind: Gesellschaft, Politik, Staat, funktionieren keineswegs nach verstandesmäßig erfassbaren Regeln. Ihre Regeln sind sublimierte Natur; sind rationalisierte Instinkte; Biologie. Sie sind Teil der Welt und in der Welt ist kein Logos.
Oder anders: Die Welt kann in ihrer Komplexität nicht erkannt, nur erspürt werden.
Bei den Besten der Welt (keine kleinen Menschen, nur andere als wir) gibt es eine pflanzenhafte, letztendlich immer bewusstlose Bejahung der oben erwähnten unhinterfragbaren Spielregeln. Das sind die Mächtigen, die Schönen, die Starken, doch sie sind allesamt unfrei. Für uns, die wir gerne frei sind, ändert es nichts, dass sie glückliche Sklaven sind. Gutes Leben ist nicht alles.

Christus ist der Logos. Und weil Christus geboren wurde, heute nämlich, vielmehr noch, weil er später gekreuzigt wurde und auferstanden ist, also den unhinterfragbaren und heiligen Spielregeln der Welt ein Schnippchen geschlagen hat, wissen wir, dass der Logos „außerhalb“ der Welt, in uns Neinsagern nämlich, die sich auf Christus berufen, lebendig bleiben wird. In uns ist Freiheit.
Nachdem wir so frei sind, uns nicht mehr an alle Konventionen der Welt gebunden zu fühlen, nachdem wir uns nicht mehr unter die sublimierte Natur („das Fleisch“), die gesellschaftlichen Hierarchien mindestens um nichts weniger als die Sexualität, die, für moderne Leser so augenscheinlich, hier gemeint zu sein scheint, unterwerfen, dürfen wir hoffen, aus Gott geboren zu sein.
Das Bewusstsein, ein „Kind Gottes“ zu sein, war sicher für viele der wahren Christen im Lauf der Jahrhunderte der Felsen an dem sich die feindlichen Ströme des Lebens und die bösen Wasser des Flusses der Geschichte brachen.
Diese Verheißung, nämlich etwas Großes zu sein, obwohl man in der Welt zwansläufig nichts ist, ist die Hand, an der man sich selbst aus dem Sumpf zieht.
Dem Evangelisten gelingt mit Christus in diesem Text die Umkehr des ewigen Credos der Welt, das da lautet: Es ist nichts außer der Welt, weil die Welt nichts außerhalb ihrer selbst kennt.
Der Gott in uns kann sich deshalb immer wieder gegen die Welt behaupten, weil, für Christus, den Evangelisten und für uns, am Anfang nicht die sklavische, versklavende Welt war, sondern der Logos, unsere Freiheit.

Zu Johannes den Täufer, der im heutigen Evangelium ebenfalls vorkommt, siehe hier und hier.


Heiliger Abend/Lk. 2;1-14

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.
Dies geschah zum erstenmal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.
Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.
So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.
Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.
Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft,
und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.
Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr,
der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll:
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.
Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach:
Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.

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Vor ein paar konnten wir im Evangelium des Sonntags hören, wie Christus seinen Jüngern riet: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! (Mt. 22;15-21)
Auch im Evangelium der heutigen, der „Heiligen“ Nacht, gibt Josef, der Ziehvater Christi, der Gewalt des Herren der Welt, dem Cäsar Augustus, nach und lässt sich und seine Familie, schön brav nach gut-staatsbürgerlicher Art, in die Listen der Bürokratie des antiken Superstaates eintragen. Das liegt daran, dass ihm wohl, ähnlich wie uns heute, im Machtbereich eines Staates gewisse Zwänge nicht erspart blieben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als „dem Kaiser zu geben, was ihm gehört“.

Und dennoch:
Der Arm des Cäsar, des Staates, reicht weit, doch der Kaiser ist nicht allmächtig.
Was wusste so eine Apotheose von sinnlich erfassbarer Macht, von physisch-militärischer, von psychisch-ideologischer Gewalt, wie der (später) vergöttlichte Augustus von dem Umstand, dass es in einem äußerst peripheren Teil seines Reiches für eine sich schon seit Jahrhunderten ständig vom hellenistischen Weltgeist ausschließenden Mindertheit von äußerster Wichtigkeit ist, dass ein Kind, welches in ärmlichster Umgebung zwischen Hirten und Ochs und Esel in einem Stall geboren wird, in direkter Linie mit einem lokalen Herrscher von vor tausend Jahren verwandt ist. Das muss für Rom so etwas wie der sprichwörtliche Sack Reis gewesen sein, der in China umfällt.
Doch gerade in dieser Peripherie stieß die Macht der Herrscher der Welt an ihre Grenzen.
Wie sich der Jünger Christi nicht um die Angelegenheiten der Welt kümmern soll, weil sie ihn nichts angehen, weil ihm dafür das Gespür fehlt, so wird sich auch die Welt niemals vollkommen in die Angelegenheiten ihrer Gegner, der (wirklichen) Christen einmischen können. Die Gewaltherrscher aller Jahrhunderte (sei diese Gewalt nun militärischer oder ideologischer Natur, sei es am Ende sogar die Gewalt der großen Zahl) sind blind auf diesem Auge, weil es sich hier nicht um politische Macht handelt.
Christus, das versuche ich ständig zu zeigen, emanzipiert seine Jünger von ideologischen Zwängen. Wenn man auch gezwungen ist, in dieser Welt zu bleiben, dem Kaiser seinen Tribut zu zollen, weil man politisch nichts vermag, geistig kann man frei werden.

Jerusalem gegen Rom. In seiner Schrift „Zur Genealogie der Moral“ zeichnet Friedrich Nietzsche für die spätere Antike diesen grundsätzlichen Gegensatz nach.
Rom, das ist weltbejahende Macht; die Selbstherrlichkeit der Starken und Schönen.
Jerusalem, das ist für ihn der Versuch der Rache der Schwachen und Geknechteten an der Welt.
Christentum war für ihn das Gelingen dieser Rache.

Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.
Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.
Denn wie am Tag von Midian zerbrichst du das drückende Joch, das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock des Treibers.
Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
(Jes. 9;1-5)

Nietzsche war verblendet genug, in der sozialen und politischen Realität des Abendlandes seit dem frühen Mittelalter eine Manifestation christlicher Werte zu sehen. Doch das Christentum ist „nihilistischer“ als er glaubte. Es ist nicht Teil dieser Welt, es kann politisch, gesellschaftlich, „historisch“ nicht siegen. Deshalb nämlich, weil es Politik und Gesellschaft verneint, weil es seinen Anhängern ermöglicht, sich aus den Strömen der Geschichte herauszunehmen, sich zu verweigern.

Augustus, der sich selbst zu seinen Lebzeiten als Sohn eines Gottes, des vergöttlichten Cäsar nämlich, titulieren ließ und Christus, in seiner Identität mit dem „Vater“, der personifizierten Auflehnung gegen die Welt, sind die zwei herausragenden Vertreter von zwei Prinzipien, die ich, in Anlehnung an Oswald Spengler, „Takt und Spannung“ genannt habe.
Zwei Götter – der eine ist der Herr der Welt, der andere Christus – kämpfen um uns herum und in uns selbst um die Vorherrschaft.

Auch wenn Christus politisch und gesellschaftlich nicht siegen kann, so bietet er unserer immer bedrohten Freiheit, der Freiheit im Geiste, eine starke Stütze.
Eine Verheißung: Dieser Sack Reis kann zum werden. Darin liegt Hoffnung. Die Hoffnung, dass sich der eine oder andere Gewaltherrscher an ihm das Genick bricht.
Trotz Hirten und so: Heute liegt nicht die Unschuld in der Krippe, sondern die Freiheit.


4. Adventsonntag (Lesejahr B)/Lk. 1;26-38

Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa idns Nazaret
zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.
Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben.
Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.
Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.
Auch Elisabeth, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat.
Denn für Gott ist nichts unmöglich.
Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

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In unseren Alltäglichkeiten und ermüdenden Geschäften plätschert unser Leben träge vor sich hin. Das alles ist fad. Doch sind wir darin alle gleich und die Idee der „Pflichterfüllung“ als höchsten Wert gibt den meisten Menschen Halt in ihrem Leben.
Warum sollte das in einem antiken vorderasiatischen Mittelstandshaushalt anders gewesen sein als heute?
Die Evangelien stellen die Familie Jesu als besonders liebevoll, das Zusammenleben der Eheleute als besonders harmonisch heraus. Die gesellschaftliche Institution „Kirche“ wird, verstärkt in den letzten zwei Jahrhunderten, auch nicht müde, Josef, Maria und Jesus, die „Heilige Kleinfamilie“, zum Zwecke einer Stabilisierung der Machtverhältnisse propagandistisch auszuschlachten.
Was für eine beruhigende Vorstellung für den durchschnittlichen Kirchenläufigen unserer Tage: Christus wurde in einem Spießerhaushalt sozialisiert.

Doch mit wem es der „Herr“ gut meint, der darf sich auch als etwas Besonderes fühlen.
Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
Und die fleißige Hausfrau, verlobt, nicht verheiratet und allen damaligen sozialen Konverntionen ergeben, bekommt es mit der Angst zu tun. Denn der Stolz aller sozial Integrierten ist es eben nicht etwas Besonderes, etwas Begnadetes zu sein, sondern in ihrer Ähnlichkeit mit den Ähnlichen ihre besondere Moralität ausgedrückt zu sehen. Wenn man den Evangelisten glauben schenkt, dann war auch Maria so eine.
Aber eben nicht nur.

Denn es war ihre Entscheidung, anzunehmen, was man ihr offerierte.
Sie war eben nicht vor vollendete Tatsachen gestellt, nicht durch die Umstände gezwungen dieses zu tun, oder jenes zu lassen, wie es die sozial Integrierten nicht anders kennen können. Sie musste das, was sie so besonders machen würde (bis auf den heutigen Tag, man gehe in eine katholische Kirche und sehe sich um; Maria verdeckt heute leider all zu oft Christus), bewusst annehmen. Gleichzeitig musste sie riskieren, auf Grund der ihr erwiesenen Gnade, eine Ausgestoßene zu werden.
Die unbefleckte Empfängnis. Ob das ihre Nachbarn auch so gesehen haben?
Gnade ist Risiko.
Sie hat es getragen. Wahrscheinlich nicht, ohne mit sich selbst zu hadern.

Und hier ist wieder der ständige Gegensatz:
Auf der einen Seite: Glück, aufgehoben-Sein, Sicherheit, Harmonie, Wir, Pflanze.
Auf der anderen Seite: Gnade, Freiheit, Risiko, Konflikt, Ich, Gott.


3. Adventsonntag (Lesejahr B)/Joh. 1;6-8 u. 19-28

Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes.
Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.


Dies ist das Zeugnis des Johannes: Als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm sandten mit der Frage: Wer bist du?,
bekannte er und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Messias.
Sie fragten ihn: Was bist du dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein.
Da fragten sie ihn: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Auskunft geben. Was sagst du über dich selbst?
Er sagte: Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat.
Unter den Abgesandten waren auch Pharisäer.
Sie fragten Johannes: Warum taufst du dann, wenn du nicht der Messias bist, nicht Elija und nicht der Prophet?
Er antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt
und der nach mir kommt; ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren.
Dies geschah in Betanien, auf der anderen Seite des Jordan, wo Johannes taufte.

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Wie schon in Evangelium des vorigen Sonntags geht es heute um Johannes den Täufer.
Die „Stimme in der Wüste“, der einsame, ausgestoßene und, nicht zuletzt, sich selbst von der Welt absondernde Eremit, der sich, nach Markus, in ein Gewand aus Kamelhaar kleidet und sich von wildem Honig ernährt, steht exemplarisch für den alttestamentarischen Menschenschlag des Propheten.
Exemplarisch ist auch die Antwort des Täufers: Er ist nicht der Messias, er bereitet den Weg.
Alle Propheten des Alten Testamentes sind, in ihrer Ablehnung einzelner Missstände, in ihrem begrenzten Wirkungsbereich und dem begrenzten Zeithorizont ihrer Kritik am Establishment, nur die Ouvertüre zum Drama der universalen Weltverneinung in Christus.

Die Laufburschen der Tempelpolitik Jerusalems, des hellenistischen politischen Establishments und ihrer Beschützerin, Rom, in der Offenbarung des Johannes (sie wurde, nach altkirchlicher Tradition ebenfalls dem Evangelisten Johannes zugeschrieben) als die „Hure Babylon“ bezeichnet, die „ganze zivilisierte Welt“ also, wird sich nicht um Christus scheren, so wenig, wie sie sich um die alttestamentarischen Propheten geschert hat: Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.
Warum sollten sie auch.

Anders als die Cäsaren, wird Christus nicht glänzen, nicht prunken, sein Bild nicht auf Goldmünzen prägen lassen. Er wird am Kreuz sterben. Und er wird die Ordnung der Welt dadurch auf den Kopf stellen, dass er als jemand, der, für den antiken Menschen, den schimpflichsten aller Tode gestorben sein wird, von den Toten auferstehen wird und darüber hinaus, wie schrecklich für die Welt, ein Gott genannt werden wird. Ein Gott am Kreuz.
Ein paar Jahunderte später werden die „Hure Babylon“ und ihre Kinder, leider recht erfolgreich, versuchen, sich seiner für ihre Zwecke zu bedienen. Sie werden aus ihm einen Weltenherrscher machen, ihn unter einer Flut von Gold ersticken, versuchen, ihre Machtpolitik mit der Karikatur seiner Botschaft zu rechtfertigen. Damit werden sie, ohne es zu wollen, die prophetischen Worte des asozialen Querkopfes von jenseits des Jordans wieder und wieder bestätigen: Ihr kennt ihn nicht. Ihr werdet ihn nie kennen.


2. Adventsonntag (Lesejahr B)/Mk. 1;1-8

Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes:
Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen.
Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!
So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.
Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.
Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.
Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

+ + +

Johannes der Täufer ist ein charakteristisches Exemplar der jüdischen, später auch im Christentum anzutreffenden Spezies „Prophet“.
Der Evangelist schildert uns in schönen Bildern den Habitus dieses letzten alttestamentarischen Welt- und Herrschaftsverneiners: ein rauhes, unschönes und wohl auch kratzendes Gewand aus „Kamelhaaren“, nicht gerade einem edlen Stoff also, und eine Diät, die sogar auf die Segnungen der elementarsten Bedingung von Kultur und Herrschaft, der Landwirtschaft nämlich, verzichtet, symbolisiert eine radikale Weltabgewandheit, die eine Provokation für die Großen der Welt und ihre braven Anhänger darstellte. Dass sich, trotz einer gewissen kurzfristigen Popularität dieser Menschen, eine solche Subversivität immer rächt, zeigt die weitere Beschreibung des Lebensweges des Täufers bei Markus (Mk. 6;17-29).
Johannes nahm sich kein Blatt vor den Mund und musste dafür sterben. Er war in der Geschichte des „Volkes Gottes“, der Geschichte einer kleinen Gruppe von Leuten, die nicht von dieser Welt sind, nicht der erste, der für seine Überzeugung (die der Welt als Subversivität und Frechheit erschien) starb. Er war auch nicht der letzte; jede Zeit hat ihre Johannesse, ihre „Propheten“, auch wenn sie nicht immer Kamelhaarkaftane tragen und beschnitten sind.

Was uns direkt zu demjenigen führt, dessen Schuhe aufzuschnüren sich Johannes nicht wert wähnt.
Man könnte das heutige Evangelium und die sprachlichen Bilder, derer sich der Evangelist bedient (so dies in einer Übersetzung überhaupt möglich ist) folgendermaßen deuten:
Mit Christus beginnt eine Universalität der Weltverneinung, die sich nicht nur auf Kameelhaar und wilden Honig, auf Wasser, auf ein „in die Wüste gehen“ im physischen Sinn, also auf das Materielle beschränkt. Christus wird mit „Heiligem Geist“ taufen. Dieser Geist ist mächtig, wenn auch nicht „weltbewegend“ im Sinne von historisch relevant. Mit diesem Geist gelang es ihm und seinen Jüngern später nicht nur, die Qualen und die Demütigung, die für den aniken Menschen mit dem Tod am Kreuz, als einem „Holz der Schande“, verbunden waren auszuhalten und selbst im Angesicht dieser vollständigen Vernichtung kompromisslos zu ihrem „Nein“ zur Welt zu stehen, also nicht nur abzuwehren, sondern auch noch den Tod (ihres, des wahren) Gottes, den scheinbaren Triumph der Welt, in eine Niederlage selbiger zu verwandeln.
Wenn jemand, der in entehrendster Weise von den Mächtigen hingerichtet wird, von den Toten aufersteht, dann ist das ein Anschlag auf die ewigen Gesetze der Welt und des Lebens, die verlangen, das Starke zu verherrlichen, das Schwache zu vernichten.
Christus ist Johannes-, wirkliches Christentum ist alttestamentarisches Prophetentum zur Potenz.

Doch mächtig ist dieser Geist nur in der Verneinung. Als sich, etliche Zeit nach dem Tod und der Auferstehung Christi, die meisten „Christen“ den Strukturen der Welt, damals vor allem dem spätrömischen Zwangsstaat, anbiederten, stellten sie sich auf die Seite der Mächtigen und damit gegen den Geist Christi.
Wer von der Welt isst, stirbt. Oder wird von ihr aufgesogen und in ihre Strukturen integriert; was für Johannes und Christus wohl das selbe bedeutet hätte.


1. Adventsonntag (Lesejahr B)/Mk. 13;33-37

Seht euch also vor, und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.
Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.
Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.
Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

+ + +

Wach!

Immer, wenn Christus auf die letzten Dinge zu sprechen kommt, das ist, der chronologischen Anordnung nach, immer kurz vor seinem Tod, also kurz bevor dem kleinen Grüppchen seiner Anhänger die physische Anschauung des jüdisch-christlichen Gottes und seiner Botschaft auf unbestimmte Zeit entzogen wird und die „Kinder des Lichts“ in einer feindlichen Welt auf sich allein gestellt sind, fällt in irgend einem Gleichnis, auf irgend eine Art und Weise dieses Wort. Wach. Wachsam. Wachet. Wachsein.
Wachsein, das ist bei weitem mehr als Dasein. Es ist sogar, in gewisser Weise, seine Antipode.
Die Welt so anzuerkennen und gut zu heißen, wie sie ist, seine eigene Existenz einzufügen in die Ströme des Lebens, ohne sich der Seite in uns bewusst zu werden, die nach Unabhängigkeit von den äußeren Umständen giert, das ist bloßes Dasein. Es bedeutet auch, sein Ich auszulöschen. Dagegen lehnte sich der wahre jüdisch-christliche Geist seit jeher auf.

Insofern wir wach sind, reflektieren wir über unser Getrieben-sein durch die äußeren Umstände. Wir haben das Bedürfnis, uns, als freie Individuen, von diesen Umständen zu emanzipieren. Dass diese Emanzipation höchstens halb sein kann, dass wir uns nicht vollständig vom bloßen Dasein lösen können, ohne unser Wachsein mit zu beenden, das kann eine bittere Erfahrung sein.
Wir sind frei im Bewusstsein, im Geiste, bleiben aber gefesselt an die biologischen und sozialen Bedingungen unserer Existenz.

Und dennoch:
Unsere innere Zwiespältigkeit, halb bloßes Dasein, halb Wachsein zu sein, macht nicht nur unsere Tragik aus, sondern auch unser Mensch-sein.

Nichts ist charakteristischer für ein Leben im Sinne Christi, als seine Wachheit, seine geistige Unabhängigkeit von der Welt, anzuerkennen und zu pflegen. Das schmerzt oft. Außerdem ist es, für das Leben, für die Welt, eine Hybris. Und einzuschlafen wäre wohl oft der Schlüssel zum irdischen Glück.
Und hier die Kardinalfrage: Ist mein Wachsein, das ist mein Drag zur Selbstbestimmung und Freiheit (von der Welt), mein innerer „Spannungsmensch“, der Gott in mir, oder auch mein Narzissmus, meine Hybris, stärker als meine innere Pflanze?

Wach!


Christkönigssonntag (Lesejahr A)/Mt. 25; 31-46

Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.
Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.
Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.
Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen;
ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?
Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?
Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;
ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?
Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.
Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.

+ + +

Das heutige Evangelium bildet den Abschluss der großen Rede Christi über das Ende der Zeiten im Matthäusevangelium, deren andere Teile ( und Sonntag im Jahreskreis; Lesejahr A) uns in den Evangelien der letzten zwei Wochen teilweise begegnet sind.

Was für ein Kontrast: Der Menschensohn kommt als König wieder und setzt sich auf den Thron seiner Herrlichkeit. Und ein paar Zeilen weiter unten erfahren wir, dass dieser allmächtige König, der alle Völker richtet, ident ist mit dem Abschaum der menschlichen Gesellschaft.
Der jüdisch-christliche Geist ist der Geist der Auflehnung gegen die Welt. Wie die Propheten gegen alles Sturm liefen, was für die Welt Ausdruck von Größe war (vor allem das Königtum und die Herrschaft im Allgemeinen) und dafür von den ehrbaren Bürgern getötet wurden, so predigte auch der Nazaräner die Verneinung aller weltlichen Macht (übrigens ) und wurde dafür hingerichtet. Auch die Wiederkunft des halbnackten Mannes, der am Kreuz den Tod eines Sklaven starb, wird zum Affront gegen die geheiligte Vorstellung der Welt von einem allmächtigen König.

Das Schwache und Niedrige zu schützen, mag ja, oberflächlich betrachtet, nach zwei Jahrtausenden von Geschichte, deren Werkzeuge sich, anmaßenderweise, als christlich verstanden (in Wirklichkeit nur die jüdisch-christliche Terminologie zur ideologischen Unterfütterung von Herrschaft missbrauchten, also pervertierten), zum allgemeinen Lippenbekenntnis und romantischen Ideal geworden sein. Aber zur Kategorie des Lebens konnte so etwas niemals werden. Der Rudelinstinkt des Raubtiers, als das Grundgesetz sozialen Handelns, erlaubt keine Rücksichtnahme auf die Schwachen und Kranken; von denen, die sich gegen gesellschaftliche Konverntionen stellten und deswegen im Gefängnis sitzen, ganz zu schweigen. Sie werden totgebissen - und das in vollkommener, pflanzenhafter Unschuld.

In Christus wird alles Fleisch, was sich gegen diese Determinismen des Lebens auflehnt; sei es aus dem blankem Überlebenswillen des Schwächeren, oder aus dem Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung (für mich fällt das übrigens zusammen).
Dem entsprechend ist Christus, neben dem Erlöser, auch noch der große Vernichter der Strukturen der Welt. Hier ist wieder das Moment der .
Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Wer vermutet in der Hefe schon die Rettung der Welt?

Wer sich in unserer Zeit zu seiner Existenz als Spannungsmensch bekennt, wird oft Gelegenheit haben, die Welt des ‚Fünften Standes‘ hautnah zu erleben. Sehr viele Überschneidungen ergeben sich in unseren Biographien mit den Typen des Aussteigers, Arbeitsscheuen (im Sinne des bürgerlichen Arbeitsethos), gescheiterten Künstlers oder Literaten oder des asozialen Querkopfs. Wir sollten uns nicht abwenden, das wäre nicht aufrichtig, viele von ihnen sind ähnlich wie wir veranlagt. Ihre tendenzielle Ablehnung von Macht und Gesellschaft und ihren Konventionen könnte uns noch in einer Zeitspanne, weit länger als ein Menschenleben, sehr viel Trost spenden. Auch sie sind noch lange ‚Nein-Sager‘. Sie zu beobachten, sich manchmal als einer von ihnen zu fühlen, sie zur Renitenz aufzustacheln, das wäre ein schönes Trostpflaster für unsere Frustrationen in der Welt des Taktes. Nietzsche würde sagen, es wäre: unsere ‚Rache‘. Der große Taktphilosoph hat recht. Wir sollten uns dafür nicht schämen.


33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 25;14-30

Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an.
Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab.
Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu.
Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu.
Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.
Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.
Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen.
Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wußte, daß du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast;
weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.
Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewußt, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe.
Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.
Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!
Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluß haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.
Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.

+ + +

Mut, das zu nützen, damit zu arbeiten, was nichtirdische, himmlische Augen als Reichtum erkennen? Wahrscheinlich will der Evangelist genau das sagen.
Doch worin genau könnte dieser Reichtum bestehen?

Die „Talente“ (zur Zeit Christi und während der Niederschrift des Textes waren damit ausschließlich bestimmte Mengen an Geld gemeint, erst durch die Popularisierung des Textes erhielt das Wort „Talent“ seine heutige Bedeutung als eine unverdiente, angeborene Gabe, die es in weiterer Folge zu nutzen gilt), welche unser Gott seinen Kinden mit auf den Weg gibt, sind keine Verdienste. Sie können auch nicht im landläufigen Sinn erworben, ertrotzt, erstohlen werden. Sie sind einfach im einzelnen Menschen da.

Kann man voraussetzten, dass sie allgemein als Reichtum erkannt werden?
Die ersten zwei Diener des Herrn erkennen ihre „Talente“ als einen Reichtum, den sie, obwohl sie ihn nicht „verdienen“, nach eigenem Gutdünken verwalten und einsetzen, also als ihr Eigentum betrachten können. Sie rechtfertigen sich weder für diese Talente gegenüber der Welt, noch fürchten sie sie zu verlieren. Ihr Gott erntet, wo er nicht gesät; sammelt, wo er nicht ausgestreut hat. Sie, als seine Kinder machen es; besser: macht es genauso.
Hier müssen wir nochmals fragen, denn wir wissen es noch immer nicht: Was ist ein Talent? Worin genau liegt der Reichtum?

Vielleicht findet sich die Antwort beim letzten Diener, der sich so schrecklich vor seinem Talent fürchtet, dass er es vergräbt.
Wovor hat er Angst?
In erster Linie, ganz offensichtlich, den ihm anvertrauten Reichtum zu verlieren oder zu verfälschen, weil er glaubt, das würde ihm sein Herr niemals verzeihen. In dieser offensichtlichsten Deutung könnte man den Zauderer beispielsweise mit den Kirchenpolitikern identifizieren, die sich ideologische Rückzugsgefechte mit dem antiklerikalen „Zeitgeist“ liefern, weil sie um den gesellschaftlichen Einfluss einer Institution bangen. Ihr Irrtum in Bezug auf das Talent liegt in der Verwechslung von äußerer Form und Inhalt; anarcho-konservativ-nihilistisch gedeutet: darüber hinaus im mangelnden Bewusstsein dafür, dass ihr Gott nicht von dieser Welt ist.
Darüber hinaus aber liegt es nahe anzunehmen, dem Zauderer sei sein „Talent“ im Leben unangenehm, unbequem, hinderlich.
Hier kommen wir dem Kern des Problems wohl immer näher.
Ein Talent Silber war eine ganze Menge, nämlich sechsunddreißig Kilogramm, schillerndes, blendendes Metall, das Aufmerksamkeit auf sich zog, durch die Reflexion des Lichtes die Mitmenschen oft schmerzhaft anleuchtete und sehr schwer war, sofern man es nicht vergrub oder verschleuderte, einsperrte, oder in irgend einer anderen Form los wurde.
Man lebt also sicher bequemer, wohlgelittener, unbeschwerter, man kann sich sicher viel lebendiger fühlen, ohne ein „Talent“, das man ständig mit sich herumschleppen und das man an sich nicht verstecken kann. Und so verleugnet der nichtsnutzige Diener sein Talent vor der Welt. Er vergräbt es und es trägt keine Zinsen.
Für seine Selbstverleugnung wird er möglicherweise gestreichelt, doch: Wer als autonome Existenz innerhalb der Welt ‚wie sie ist’ nach einer immer wahren Idee sucht [und der ist diese Idee in Reinform], muss die pflanzenhalfte Welt des Taktes, der Macht meiden, nicht weniger, als der Teufel das Weihwasser meidet. Der Talenteverleugner wird sich selbst nicht gerecht. Das ist die Ur- und Grundsünde, die Mutter aller Sünden, derer sich ein Kind Gottes schuldig machen kann. Glaubt man dem Evangelisten, wird ihm das letztendlich nicht gut bekommen.

Was ist also ein Talent?
Vielleicht das Bedürfnis nach Freiheit, nach einer autonomen Existenz, nach einer antiideologischen, reflektierten Sicht auf die Dinge, nach Vereinzelung?
So, wie die Botschaft Christi für den Spannungsmenschen erscheint, ist diese zweite, weniger offensichtliche Deutung sicher nachvollziehbar:
Die Spannung ist das Talent!


32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 25;1-13

Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.
Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl,
die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit.
Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein.
Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!
Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht.
Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus.
Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht.
Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen.
Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf!
Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.
Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.

+ + +

Wie viele Menschen packt der grundlegende Ekel am Leben? Einige.
Wie viele Menschen möchten sich aus ehrlichem Herzen den Zwängen dieser Welt verweigern, einfach den Mut aufbringen, einmal laut und deutlich Nein zu sagen? Nicht viele? Richtig.
Aber dennoch mehr, als es letztendlich phasenweise auch tun. Die meisten finden zu ihrem Urvertrauen in die Welt und zur Fähigkeit ihr „Ich“ im entpersonalisierten „Wir“ aufzulösen zurück. Einige erlügen sich dieses Urvertrauen; Spannungsmenschen, Verweigerer, die keine sein wollen, die ihr „Ichproblem“ tendenziell mit dem Strick zu lösen geneigt sind.

Und was passiert nun mit denen, die den Mut aufgebracht haben Nein zu sagen?
Die Meisten brennen in ihrer Suche nach dem anderen Leben hell, heiß. Sie streben nach der Aufhebung ihrer Widersprüche in einer besseren Welt. Sie wollen die Welt verändern, aus den Angeln heben, eine Utopie umsetzten.
Sie weihen ihr Leben den großen Ideen, der Wohltätigkeit in all ihren Facetten, der politischen Veränderung, auch dem privaten Glück außerhalb des Fressens und Gefressenwerdens in einer feindlichen Welt.
Ihre halbe Freiheit soll ganz werden, Hochzeit feiern mit einem unbestimmten Etwas und ein neues, besseres Leben gebären, doch der Bräutigam kommt nicht. Alle Utopisten, alle Weltverbesserer müssen scheitern. Die Welt lässt sich nicht verbessern, auch nicht verderben. Die Welt ist.
Sie tauchen wieder ein ins Leben, ins Leben, wie es immer war und immer sein wird. Sie schlafen ein.

Vielleicht wachen sie eines Tages auf und müssen hören, dass der Bräutigam, an den sie schon lange aufgehört haben zu glauben, jetzt wirklich kommt.
Daran zumindes glaubten die frühen Christen, unter ihnen der Evangelist Matthäus, als er dieses Gleichnis überlieferte. Der Bräutigam, den er vor Augen hatte, das war Christus. Durch seine baldige Wiederkunft sollten sich alle Widrigkeiten des Lebens erledigen. .

Doch wer eingeschlafen ist, ohne noch Hitze und Feuer zu haben für eine bessere Welt, dem wird kein Licht mehr leuchten.
Hitze und Feuer für eine bessere Welt? Hitze und Feuer, das haben doch zu allererst die Leute, die sich wohl in dieser Welt fühlen; der Welt, wie sie ist.
Der Takt beflügelt die Kinder dieser Welt. Ein Leben nach den unausgesprochenen Regeln des Taktes kann zum Rausch werden. Ein Mächtiger zu sein oder einem Führer zu folgen, Teil eines Ganzen zu sein, Teil einer pulsierenden Menge auf einem Konzert, Teil eines Pöbels, Teil der Gläubigen in einem Pfingstlergottesdienst, Teil der jubelnden Menge am Heldenplatz, das ist Feuer. Sein Selbst aufzulösen, das ist schön. Ich beneide euch!
Während der Rest der Welt im Glutofen des Taktes eins wird, wird der Spannungsmensch sich aus dem Feuer nehmen und erkalten.

Nüchtern - ernüchtert - betrachtet, ist „Hitze und Feuer für eine bessere Welt“ nichts als Kälte und Eis für die Welt, wie sie ist.
Das Nein, es leuchtet uns.


31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 23;1-12[39]

Darauf wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger
und sagte: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt.
Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.
Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen.
Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang,
bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben,
und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen.
Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.
Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.
Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.
Der Größte von euch soll euer Diener sein.
Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

[Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihre verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen.
Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht über Land und Meer, um einen einzigen Menschen für euren Glauben zu gewinnen; und wenn er gewonnen ist, dann macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst.
Weh euch, ihr seid blinde Führer! Ihr sagt: Wenn einer beim Tempel schwört, so ist das kein Eid; wer aber beim Gold des Tempels schwört, der ist an seinen Eid gebunden.
Ihr blinden Narren! Was ist wichtiger: das Gold ode der Tempel, der das Gold erst heilig macht?
Auch sagt ihr: Wenn einer beim Altar schwört, so ist das kein Eid; wer aber bei dem Opfer schwört, das auf dem Altar liegt, der ist an seinen Eid gebunden.
Ihr Blinden! Was ist wichtiger: das Opfer oder der Altar, der das Opfer erst heilig macht?
Wer beim Altar schwört, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt.
Und wer beim Tempel schwört, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt.
Und wer beim Himmel schwört, der schwört beim Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.
Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.
Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele.
Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von dem, was ihr in eurer Maßlosigkeit zusammengeraubt habt.
Du blinder Pharisäer! Mach den Becher zuerst innen sauber, dann ist er auch außen rein.
Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.
So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz.
Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten
und sagt dabei: Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, wären wir nicht wie sie am Tod der Propheten schuldig geworden.
Damit bestätigt ihr selbst, dass ihr die Söhne der Prophetenmörder seid.
Macht nur das Maß eurer Väter voll!
Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?
Darum hört: Ich sende Propheten, Weise und Schriftgelehrte zu euch; ihr aber werdet einige von ihnen töten, ja sogar kreuzigen, andere in euren Synagogen auspeitschen und von Stadt zu Stadt verfolgen.
So wird all das unschuldige Blut über euch kommen, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut des Zacharias, Barachias' Sohn, den ihr im Vorhof zwischen dem Tempelgebäude und dem Altar ermordet habt.
Amen, das sage ich euch: Das alles wird über diese Generation kommen.
Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.
Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen.
Und ich sage euch: Von jetzt an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis ihr ruft: Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!] 1)


ad 1: Die in eckingen Klammern gesetzten Sätze sind nicht Teil des heutigen Evangeliums. Hier ist das gesamte Kapitel wiedergegeben, das thematisch eine Einheit bildet. Da diese Sätzte die Aussagen Christi über das institutionelle Establishment verstärken und zuspitzen, sind sie auch hier wiedergegeben.

+ + +

Die Mittlerrolle des Priesters zwischen Gott und dem gläubigen Christen, seine besondere Würde als jemand, der die Sakramente spendet, die Wandlung vollzieht usw., hängt am Amt, nicht an der Person. Dieser Satz gehört zum Einmaleins des Katholischseins.
Auch Christus vertritt im Evangelium des Sonntags diese Ansicht.

Doch zwischen der verbindlichen Auslegung des Gesetzes durch die Tempelaristokratie zur Zeit Christi, oder dem Vollzug der Wandlung als Zeichen der unmittelbaren Anwesenheit Gottes und dem weltlichen Apparat von Tempel oder Kirche gibt es eine Diskrepanz.
Jetzt kann man wohl kaum leugnen, dass diese Diskrepanz von der sogenannten „Basis“ damals wie heute, gespürt wurde und wird. Doch was wünscht die Masse der kirchenläufigen Spießer?
Etwas zum Zuschauen und Anfassen; ein Schauspiel, ein erhebendes Erlebnis; etwas einlullend-Harmloses; etwas Positives; etwas Versöhnliches; etwas, das erhebt, das Leben erleichtert und mit der Welt versöhnlich stimmt. Sie wollen die breiten Gebetsriemen und Quasten, den Schein, die Apotheose des Bestehenden. Sie wollen kein Christentum, sondern eine Rechtfertigung der Welt!
Ihr aber sollt nicht... Keine Zugeständnisse an die Strukturen der Mächtigen, die Welt, das Leben! Keine Hierarchien! Keine übermächtigen Autoritäten, Vaterfiguren, außer dem Gott, der euch nach seinem Bilde schuf, !

Und wie weit weg von diesen Forderungen ist die Realität des Glaubenslebens; damals wie heute!

Die siebenfache Verfluchung des religiösen und geistigen Establishments wurde im Evangelium des Sonntags unterschlagen. Dabei hängt sie ganz essentiell mit dem eben Festgestellten zusammen.
Wer sich mit den Mächten dieser Welt alliiert, verabschiedet sich von der Botschaft Christi, die in ihrer Essenz eine Botschaft des Weltverneinens ist.
So wie die Etablierten die Propheten des Alten Testamentes verfolgt haben, so verfolgen die Mächtigen im weltlichen Apparat von Synagoge und Kirche die wachen und wahren Christen; die Verweigerer und Verneiner.

Dass die Pharisäer und Schriftgelehrten die Grabmäler der Propheten, die von ihren Vätern umgebracht wurden, auch noch für die Rechtfertigung ihrer Macht benutzen, gemahnt an die ständige Gefahr der Vereinnahmung der „Spannungsmenschen“ durch die Sphäre des „Taktes“.
Keine Allianz mit den Mächten dieser Welt!
Das Jerusalem der Pharisäer, das Rom der Kirchenpolitiker: in der Vorstellung Christi soll es untergehen - am Ende der Zeiten. Alles, was groß und mächtig ist in der Welt, endet dann.
Die siebenfache Verfluchung ist die Hoffung auf ein Ende der Welt. Der Welt, wie sie ist.


30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 22;34-40 sowie 31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)/Mk. 12;28b-34

Als die Pharisäer hörten, daß Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen.
Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn:
Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.
Das ist das wichtigste und erste Gebot.
Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

+ + +

Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,
und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Jesus sah, daß er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

+ + +

Was dachten wohl die Bewohner der umliegenden Hochkulturen über dieses kleine barbarische Völkchen im Hochland zwischen Küstenebene und Jordan, das zu so einem eigenwilligen Gott betete?
Ihre Götter, die allesamt die herrschende Ordnung zu rechtfertigen hatten, denen man sich oft auch nur im Sinne eines Tauschhandels andiente, die also sowohl eine Funktion hatten, als auch beschworen und gebannt werden konnten, waren so determiniert in ihrem Handeln, so unfrei, wie die Welt, deren Apotheose sie waren.
Der Gott Israels, der Gott, verbittet sich jeden Manipulationsversuch an seiner Person.
Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.
Do ut des. Ein Opfer darzubringen, um die Gottheit gnädig zu stimmen, setzt den Gedanken voraus, die Gottheit als Vertragspartner, als den Regeln eines weltlichen Gesetzes unterworfen ansehen zu können. Der jüdisch-christliche Gott lässt sich nicht beschwören oder bannen, er lässt sich nicht zwingen.
Er steht eben für sich, ist aus sich heraus wirkend, ewig, autonom und selbstbestimmt in Reinform.

Wenn die Pflanze, die nur lebt, nicht selbstständig handelt, ausgeliefert ist an die Welt und in ihrem ganzen Sein Teil dieser Welt ist, das Dasein ohne Wachsein ist, dann ist unser Gott, der vollkommen unabhängig vom Treiben dieser Welt, „allmächtig“, „allwissend“, „allerbarmend“ ist, sich selbst Gesetz des Denkens und Handelns ist, ihr Gegenteil: das vom Dasein befreite Wachsein. Gott ist abgelöst von den Zwängen dieser Welt.

Dieser Gott ist, wie ich an anderer Stelle bemerkt habe, die vergöttlichte Göttlichkeit im Menschen. Oder, in der Tradition ausgedrückt, die Gott nicht nur unabhängig von der Welt, sondern auch, den Begriff Ewigkeit in diesem Sinne auslegend, als zeitlich vor der Schöpfung (auch nach ihr) dagewesen und als ihre Ursache ansieht: der Mensch ist in seinem Drang und seiner Möglichkeit zur teilweisen Emanzipation von der Gattung, in dem er als Lebewesen immer verhaftet sein wird, ein, wenn auch nur schwaches, Abbild Gottes.
Wie dieser Gott frei ist, so will er auch sein Abbild in uns, unseren, wie ich diesen Teil unseres Menschseins in den Skizzen genannt habe, halben, impotenten Gott, unseren inneren Gott frei von seinem zoologischen Gefängnis sehen. Er will seine Kinder in Freiheit wissen. Gleichzeitig ist es das Kennzeichen seiner Kinder frei-sein-wollen zu müssen.

Wir Menschen sind viel Pflanze und wenig Gott. Wir sind gefesselt an die Gattung, der gleichzeitig Todfeind und Voraussetzung unseres inneren Gottes ist:
Unsere ‚halbe Freiheit‘ bedeutet, dass wir durch einen bewussten Verzicht auf die Teilnahme an politischen und sozialen Prozessen unseren individuellen geistigen Handlungsspielraum ausbauen können. Dadurch wird aber auch unser potenzielles Ausgeliefertsein an die Welt, unsere Verteidigungslosigkeit gegenüber der Geschichte offensichtlich. Wir sind frei im Bewusstsein, im Geiste, bleiben aber gefesselt an die biologischen und sozialen Bedingungen unserer Existenz.
Es ist eine beständige Gefahr für die innere Gottheit des Menschen, dass er vor der übermächtigen Gattung kapituliert und dadurch seinen streng begrenzten, freien, im nietzscheanischen Sinne apollinischen halben Gott in der Ungeschiedenheit und Wärme des Lebens, das gleichzeitig vollständige Verfügung über das seine verlangt, auslöscht.
So drängt uns die radikalste Ausformung des Apollinischen, Gesonderten, der all-freie, persönliche jüdisch-christliche Gott, der Einzige:
Du sollst den Herrn deinen Gott lieben; das ist: du sollst an dir nicht verleugnen, was dich über die Pflanze erhebt. Versuche frei zu sein, selbstbestimmt, autonom. Das wird weh tun und ständig wirst du von der Welt oder deiner inneren Pflanze gedrängt werden, endlich die Hybris deines dich-über-das-Treiben-der-Welt-erheben-Wollens aufzugeben und wieder einzutauchen in die Bewusstlosigkeit pflanzlichen Seins.
Sei frei; mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken, auch wenn es ein ständiger Kampf sein wird, den du niemals gewinnen, den du höchstens nicht verlieren kannst.

So, wie du den Gott in dir lieben sollst, so auch den Gott in den anderen Menschen. Das ist die einzige Form der Begegnung von wirklich Gleichgestellten. Nicht in der Natur des Gattungswesens Mensch, das, als soziales Wesen, nur das mannigfaltige Unten und Oben der durch die Gattung determinierten, instinktsicher erkannten gesellschaftlichen Machtverhältnisse kennt, sondern nur in der apollinischen Abgeschlossenheit, Unangreifbarkeit und Distanz, in der Freiheit und Einsamkeit der wahren Kinder Gottes gibt es Respekt vor dem Anderen, der Abbild Gottes ist, wie man selbst. Weil ich als Mensch die Gottheit potenziell in mir trage, trägt sie auch mein Mitmensch, mein Gegenüber potenziell in sich.
Den Nächsten zu lieben, als sich selbst, das ist die Botschaft des Christentums.


29. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 22;15-21

Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen.
Sie veranlaßten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, daß du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person.
Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?
Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle?
Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin.
Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das?
Sie antworteten: Des Kaisers.
Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

+ + +

Politik und Polizei, leckts mi am Årsch ålle zwei!
Eine Volksweisheit aus Tirol soll das sein. Eine Weisheit ist es allemal.

Die Geschichte des Christentums ist auch eine Geschichte der ständigen inneren Auseinandersetzungen um das Verhältnis zur „weltlichen Macht“.

Ist die Botschaft Christi politisch?
Die Frage, ob es recht sei, dass man dem Kaiser die Steuer bezahle, ist die Frage nach einer politischen Positionierung. Doch so eine Positionierung wird der Radikalität der jüdisch-christlichen Botschaft nicht gerecht.
Wenn sich Christus nun entschieden hätte, zwischen einem eindeutigen Ja zur Herrschaft Roms und einem eindeutigen Nein zur selbigen, wie es jüdische Rebellen zur Zeit Jesu und danach taten, hieße das in jedem der beiden Fälle, weltliche Herrschaft grundsätzlich zu bejahen. Doch genau davon nimmt Christus Abstand.
Christus will weder die Herrschaft des Kaisers, noch eine andere. Christus ist weder Monarchist noch Demokrat, weder Liberaler noch Sozialist, weder Fascho noch Anarcho im politischen Sinne, weder links noch rechts.
Es gibt für Christus weder gute noch schlechte Herrschaft, nur Herrschaft als Gegenpol zu seinem Reich, das nicht von dieser Welt (Joh. 18;36) ist.
Diese Frage der Feinde Jesu sollte auch eine Falle sein, steht im Evangelium des heutigen Sonntags. Zuallererst bedeutet das natürlich, man wollte ihn zu einer unklugen Antwort über die allgemein als ungerecht empfundene Herrschaft der Römer verleiten. In Hinblick auf die oben erwähnten Überlegungen könnte das aber auch bedeuten, dass ein richtg aufgefasstes Christentum, ein Weltverneinendes nämlich, ständig bedroht ist durch die Versuchung, politisch, also in dieser Welt, also mit den Mitteln dieser Welt, etwas im Sinne der Botschaft Christi veränden zu wollen.

Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört bedeutet: Das geht mich alles nichts an!
Politische Abstinenz ist also der Leitbegriff für ein christliches Verhältnis zur Politik.

Die Botschaft Christi ist nicht unpolitisch, sie ist antipolitisch.


28. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 22;1-14

Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis:
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete.
Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen.
Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Mein Mahl ist fertig, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!
Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden,
wieder andere fielen über seine Diener her, mißhandelten sie und brachten sie um.
Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen.
Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren es nicht wert (eingeladen zu werden).
Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.
Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.
Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte.
Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wußte der Mann nichts zu sagen.
Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.
Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.

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Wie schon im , ist im ersten Teil des Gleichnisses von den alttestamentarischen Propheten und ihrer Beziehung zur sie umgebenden Welt die Rede. Wieder rächt sich die Welt an den Außenseitern und Quertreibern, die den gewohnten Lauf der Dinge stören zu wollen die Hybris haben. Die Welt kann auf ein ihr fremdes Prinzp, das jetzt auch noch gefeiert werden soll, ganz gut verzichten. Auf Leute, die sich von den gewachsenen Spielregeln ausschließen schon gar.
Doch auch in diesem Gleichnis siegen die welt- und lebensverneinenden Kräfte, welche die alten Proheten in sich spürten. Die Stadt der Mörder, die Welt, sie wird vernichtet. Wie schon im Evangelium des vorigen Sonntags, geht es hier um den letztendlichen Sieg des Schwachen (und freien, unabhängigen) über das Starke (und an die Regeln der Welt gebundene, unfreie, pflanzenhafte), um eine vorgestellte Begleichung offener Rechnungen zwischen den ständig bedrohten Kräften der „Spannung“ und dem dominierenden Prinzip des „Taktes“ am Ende der Zeiten. Man kommt nicht drum herum: die Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi war für die frühen Christen auch mit dem Wunsch nach Rache verbunden. Vielleicht nicht so sehr mit der Rache an einzelnen Menschen, als an dem Prinzip der Welt, das ein Prinzip der Unfreiheit, des Aufgehens des Individuums in den Strömen des Lebens, in den Determinismen der Geschichte ist. Die Rache für die Verletzungen und Niederlagen im ewigen Kampf des wachen Individuums um sein Recht auf Vereinzelung und Freiheit, in dem es immer schon die schlechteren Karten hatte.

Im zweiten Teil des Gleichnisses geht es darum, dass das Bedürfnis nach Individualität und Freiheit nichts über die jeweilige Würdigkeit und Größe des Menschen aussagt.
Wir Spannungsmenschen, wir Lebens- und Weltverleumder sollten uns hüten, zu glauben, wir wären auf Grund unserer angestrebten Autonomie der Welt gegenüber die tiefschürfenderen, moralischeren oder sonst irgendwie besseren Menschen. Auch unter den Kindern der Welt (Lk. 16;8) gibt es große Menschen. Wir sind nur anders, nicht besser. Wir sind der Tendenz nach frei.
Es sollte unser Ehrgeiz sein, an unseren eigenen Wertmaßstäben gemessen und für würdig befunden zu werden.


27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)/Mt. 21;33-43

Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.
Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen.
Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie.
Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erstemal; mit ihnen machten sie es genauso.
Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.
Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben.
Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.
Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun?
Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.
Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; ihn hat der Herr gemacht, und er ist wunderbar in unseren Augen.1
[Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. (Im Evangelium des Sonntag leider ausgespart)]
Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.


ad 1: der letzte Halbsatz nach dem griechischen Original, wie in der Einheitsübersetzung angemerkt.

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Der Gott der Christen ist der Schöpfer der Welt. Das ist seit der Disziplinierung innerkirchlicher Abweichler und der kontinuierlichen Anbiederung an die Mächtigen in der Spätantike innerhalb der christlichen Welt unhinterfragbar. Manche Gnostiker waren da anderer Meinung. Der Herr des Weinbergs verzichtet aber auch in diesem Gleichnis auf jegliche Kraftmeierei. Gott wohnt nicht in der Welt. Wer ihn in den Äußerungen des Lebens, also in der Natur, den Lebewesen, der Gesellschaft, der Geschichte und allem Anderen, was für sich ist und immer sein wird, ohne Grund und ohne Ziel, sehen will, weiß noch weniger, als wir nihilistischen Bösmenschen mit dem „grünen Aug´“, wo Gott wohnt.
Die Geschichte zwischen den Pächtern und den Knechten des Herrn meint den Konflikt zwischen den Mächtigen, den Königen und Tempelpriestern des Volkes Israel und den Quertreibern und Anarchisten, den Bösmenschen des Alten Testaments, den Propheten Gottes. Unter allgemeiner Zustimmung wurden diese Störenfriede, die Verderber der guten Sitten, diese Majestätsbeleidiger und Feinde jeder Ordnung, diese Lebensverleumder der weltlichen Gerechtigkeit zugeführt. Die Pächter sind die Herren im Weinberg. Wer Taktgefühl besitzt, wer ein guter Bürger ist, applaudiert dem Tod der nihilistischen Propheten.
Immer neue Propheten kommen, revoltieren und werden getötet; kritisieren und werden getötet; spinnen vor sich hin und werden getötet. Propheten verstehen sich besser aufs Sterben als aufs Leben. Das Leben will ihren Tod.
Und schließlich steht da einer auf und behauptet, er wäre Gottes Sohn. So eine Frechheit!
Die starken und edlen Völker des Altertums hatten Götter, die ihrer Kultur, das heißt ihrer Gesellschaftsstruktur, ihrer Werte, ihrem Staat, kurz: der Maschinerie der Herrschaft einen ideologischen Sinn gaben.
Das Volk Israel verehrte einen Gott, der in seinem Wesen so selbstzentriert war, sich nicht vom Spiel des Lebens einschränken lassen zu wollen. Daher brachten auch seine Anhänger (und das waren zu allen Zeiten in Wirklichkeit immer nur ganz Wenige) die unvorstellbare Arroganz auf, sich der Virilität des König- und Heldentums, der Sinnlichkeit der Vielweiberei (bis zur Apotheose des Lebens in der Tempelprostitution) und des Menschenopfers und der Verdinglichung der am lebensuntüchtigsten Menschen, der Sklaven, zu entziehen.
Sie waren Feinde des Lebens, diese Knechte Gottes. Auch wir Christen, so wir Christen sind, sind Feinde des Lebens, Feinde dieser Welt. Und dennoch lässt der Herr die Pächter gewähren? Muss das nicht ein schwacher Gott sein?
Und wirklich: Unser Gott hängt am Kreuz! – dem Holz der Schande.

Dass der Stein, den die Bauleute verworfen haben, weil er zu unbrauchbar für ihren Bau war (und ist), zum Eckstein geworden ist, das war wichtig für die frühen Christen. In der Auferstehung Christi versinnbildlicht sich der ewige Trotz der Propheten gegen die Mächte der Welt - und diesmal hat die Welt verloren.
Ach, wenn sie endlich aufhören würde, diese Welt!


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